Sharp Objects: Traumafabrik Familie

Nachdem ich wieder ins Serien-Bloggen eingestiegen bin, ist es gar nicht so einfach, unter den vielen Serien, mit denen die Serienfans im vergangenen Jahr überschwemmt wurden, eine besondere Serie für den nächsten Artikel auszusuchen. Klar, es gab die üblichen Highlights, etwa die 4. Staffel von Better Call Saul, die natürlich wieder absolut sehenswert war. Es gab auch eine weitere Staffel von The Handmaid’s Tale, die noch schwerer zu ertragen war als die erste, aber meiner Ansicht nach unbedingt Pflichtprogramm. Denn sie zeigt, was den Menschen in einer Gesellschaft blüht, in der ideologisch motivierte Fundamentalisten das Sagen haben, die an Gott und eben nicht an Freiheit, Gleichheit, Solidarität glauben, ähnlich wie das in The State der Fall ist. In diesem Fall sind es allerdings patriotisch gesinnte weiße Christen in den USA – aber die sind eben auch nicht besser als die Kopfabschneider vom IS.

Meine Wahl fiel auf Sharp Objects, eine achtteilige HBO-Serie, die meines Erachtens zu Unrecht als Füllstoff für das Sommerloch versendet wurde. Auch wenn sie tatsächlich nicht an den hochgelobten Vorgänger Big Little Lies von Regisseur Jean-Marc Vallée herankommt, war sie doch eine der Serien, die ich in der vergangenen Saison bemerkenswert fand. Sharp Objects beruht auf einem Roman von Gillian Flynn.

Sharp Objects: Amma (Eliza Scanlen), Camille (May Adams) und Adora (Patricia Clarkson). Bild: hbo.com

Sharp Objects: Amma (Eliza Scanlen), Camille (May Adams) und Adora (Patricia Clarkson). Bild: hbo.com

Wie Big Little Lies ist Sharp Objects eine Frauenserie – hier geht es allerdings nicht um häuslichen Missbrauch einer eigentlich sehr intelligenten und erfolgreichen Familienmutter durch den liebenden, aber leider auch von Minderwertigkeitskomplexen zerfressenen Familienvater, sondern um etwas noch viel schwerer Fassbares: Es geht darum, was mit den Kindern passiert, wenn die liebende Mutter ihre Mutterrolle viel zu ernst nimmt. Adora Crellin (Patricia Clarkson) ist die Übermutter dieser ganzen beschissenen Kleinstadt Wind Gap. Im Verlauf der Serie stellt sich allerdings heraus, dass Adora auf eine extrem egoistische Weise nur für ihre Kinder da ist.

„It’s always the family“ sagt der Ermittler Detective Willis (Chris Messina), der von Anfang an den richtigen Instinkt hat, jedoch ohne zu ahnen, wie sehr er ins Schwarze trifft. Denn Richard Willis kommt von Außen, „Kansas City“ nennt ihn der örtliche Polizeichef Bill Vickery (Matt Craven), der sich nicht vorstellen kann oder will, dass in seiner kleinen, gut überschaubaren Stadt tatsächlich etwas unglaublich schief läuft.

Wind Gap (was soviel heißt wie Scharte oder Spalt) ist eine Kleinstadt in Missouri, in der jeder jeden kennt, Teenager auf den fast immer leeren Straßen Rollschuh laufen und der einzige größere Arbeitgeber eine Schweinemastfarm ist, die natürlich Übermutter Adora gehört, die in jeder Beziehung die Seele dieses Ortes zu sein scheint. Aus dieser Enge ist ihre Tochter Camille (Amy Adams) einst geflohen.

Camille Preaker ist ebenso Alkoholikerin wie Reporterin (der kürzeste Journalistenwitz: „Gehen zwei Journalisten an einer Kneipe vorbei“) und wird von ihrem Chef nach Hause geschickt, weil der eine gute Story wittert: Vor einiger Zeit ist in Wind Gap ein dreizehnjähriges Mädchen getötet worden, ein zweites wird nun vermisst. Da könnte ein Serienkiller am Werk sein. Frank Curry (Miguel Sandoval) will eine auflagensteigernde Exklusivstory. Behauptet er zumindest. Vielleicht will er auch nur seine Ambitionen als Hobbytherapeut ausleben, er weiß schließlich, dass Camille aus Wind Gap kommt und erhebliche Probleme mit ihrer Herkunft und ihrer Familie hat.

Wie auch immer, Camille fügt sich der Anweisung ihres Chefs und fährt mit ihrem alten Volvo nach Hause. Dafür, dass sie von Schokoriegeln und Schnaps lebt, den sie in eine Evian-Flasche abfüllt, sieht sie noch erstaunlich gut aus. Aber sie war ja zur ihrer Zeit in Wind Gap auch die strahlende Cheerleaderin, auf die jeder Junge in Wind Gap scharf war. Aber Camille hat sich gegen Heirat, Familie und Wind Gap entschieden, stattdessen versucht sie, sich in St. Louis als Journalistin durchzuschlagen. Und ihr Chef meint, dass aus ihr noch was werden könnte, wenn sie denn endlich einmal eine richtig gute Geschichte liefern würde.

Und weil Camille Preaker die Tochter ihrer Mutter ist, werden ihr auch einige Türen geöffnet, die jeder anderen verschlossen geblieben wären. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Natürlich ist ihre Mutter alles andere als begeistert, dass ihre Tochter nun nach Hause kommt, um hier im Müll zu wühlen. Camille soll sie nur ja nicht wieder bloßstellen, so wie einst, als die Tochter noch ein rebellischer Teenager war.

Adora, die, wie ihr Name schon andeutet, von allen bewundert werden will, ist buchstäblich bereit, über Leichen zu gehen, um das Image aufrecht zu erhalten, dass sie über Jahrzehnte sorgfältig aufgebaut hat: Sie ist eine aufopferungsbereite Mutter, sie ist eine Stütze der Gesellschaft, sie kümmert sich um ihre Gemeinde, sie ist einfach perfekt.

Camille ist von Adoras grenzüberschreitender Mutterliebe gezeichnet – ihr Körper ist von Narben übersät, die sie sich selbst beigebracht hat: Camille hat sich selbst Botschaften geschrieben, schmerzhaft in die Haut geritzt, um irgendwie zu überleben. In Rückblenden erfahren wir, dass Camille eine Schwester verloren hat, offenbar fühlt sie sich schuldig, weil sie noch lebt – auch wenn sie für diesen Tod nicht verantwortlich ist. Außerdem gibt es da eine Missbrauchsgeschichte, für die sich der damaligen Star der Footballmannschaft sogar bei Camille entschuldigen will – aber Camille verweigert ihm die Absolution: Er müsse halt genauso damit leben wie sie damit leben musste.

Camille lernt nun auch ihre viel jüngere Halbschwester Amma (Eliza Scanlen) kennen, die zuhause alles tut, um Mamas Liebling zu sein, heimlich aber auf den Spuren ihrer großen Schwester wandelt. Insofern ist Amma schlauer als Camille, sie weiß, was Mama von ihr will und bedient das, während Camille sich daran abgekämpft hat und in Ungnade gefallen ist. Aber genau deshalb wird Camille auch in der Lage sein, ihre kleine Schwester der tödlichen Umarmung ihrer Mutter zu entreißen: Nein, alles in allem ist das keine schöne Geschichte.

Aber genau das macht den Reiz dieser in den Alltag einer verschlafenen Kleinstadt verkleideten Horrorstory aus: Gerade weil es hier nicht um immer noch brutalere Gewalt und immer noch raffiniertere Serienkiller geht, sondern darum, was Menschen überhaupt dazu treibt, anderen – und, das ist hier schon perfide – ausgerechnet denen, die ihnen doch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, Böses anzutun, geht Sharp Objects so unter die Haut.

Leider ist es gar nicht so, dass Unterdrückte gegen ihre Unterdrücker aufbegehren. Sonst sähe diese Welt ganz anders aus. Im Gegenteil ist es so, dass sich die Unterdrückten die Strategien ihrer Unterdrücker zueigen machen und gegen Schwächere, oder, in Ermangelung von noch Schwächeren, gegen sich selbst richten. Das ist ja das Credo unserer angeblich so freien und fairen Erfolgsgesellschaft: Jede und jeder kann alles erreichen, wenn sie oder er sich nur genug Mühe gibt. Wenn du es nicht schaffst, dann muss es ja an dir selbst liegen. Die meisten Menschen schaffen aber nicht, was von ihnen erwartet wird und bestrafen sich dann konsequenterweise selbst. Wie Camille Preaker, die sich selbst verletzt. Wäre es nicht so, hätten wir noch sehr viel mehr Terroranschläge. Oder aus dem Ruder laufende Übermütter wie Adora. 

Oder anders herum: Während es eine allgemeine Hysterie gibt, was Gewalt durch Terroristen oder Serienkiller angeht, sterben tatsächlich viel mehr Menschen an Gewalt, die sie in den eigenen vier Wänden erleiden. Durch Menschen, die sie kennen und lieben. Und ausgerechnet dort schaut die Gesellschaft lieber weg als hin – insofern finde ich gut, dass Sharp Objects da eine Ausnahme macht: Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Übertriebene Fürsorge ist mitunter nicht weniger verhängnisvoll als Vernachlässigung.

Weil allgemein die Vorstellung herrscht, dass die Familie alles ausgleichen und auffangen muss, was für die einzelnen Menschen in der Gesellschaft schief läuft, sind die Erwartungen an das, was Familie tatsächlich leisten kann, geradezu absurd: Mütter und Väter sollen Geld verdienen, ein trautes Heim schaffen, sich um ihre Kinder kümmern, wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sein, ihre Eltern nicht vergessen und so weiter und so fort, und wenn es Probleme gibt, die es ja immer gibt, dann soll die eine für den anderen da sein und so weiter. Bei all den Risiken und Nebenwirkungen des modernen Lebens ist das ziemlich anstrengend. Und wenn dann die Kinder nicht wie erwartet geraten, es im Job nicht so läuft oder die mühsam aufgebaute Fassade des bürgerlichen Lebens auf andere Art und Weise Risse bekommt, greifen die Leute mitunter zu erstaunlichen Mitteln, um den Schein zu waren. Koste es, was es wolle.

Für Fans von herkömmlichen Familienserien ist Sharp Objects vermutlich nichts. Aber genau die sollten sich das ansehen. Und alle anderen natürlich auch.

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The State: Willkommen im IS

Vor lauter Streit um Dieselverbot, Kohleausstieg und die Frage, warum es hierzulande keine Gelbwestenbewegung gibt, obwohl das Volk mehr als genug Gründe hätte, wütend auf die Straße zu gehen, hört man derzeit fast gar nichts mehr über den Krieg in Syrien. Vermutlich deshalb, weil die Truppen, die weiterhin zum syrischen Staatschef Basar al-Assad stehen, wieder die Oberhand haben. Was eine peinliche Pleite ist, weil den wollte der freiheitlich-demokratische Westen ja weg haben. Das war schließlich der Grund für all das Elend und die Zerstörung eines zuvor vergleichsweise gut funktionierenden Landes im Nahen Osten. Aber leider stellte sich dort, ähnlich wie auch in Afghanistan, Irak oder Libyen, nach dem Sturz der ach so undemokratischen Machthaber eben nicht Freiheit, Demokratie und Eierkuchen ein, sondern ein Regime wesentlich unangenehmerer Zeitgenossen. Genau jener religiösen Fanatiker nämlich, die zuvor als angebliche Freiheitskämpfer vom Westen großzügig unterstützt wurden.

The State: Ushna (Shavani Cameron)

The State: Ushna (Shavani Cameron)

Damit komme ich zu der Serie, um die es hier heute gehen soll: The State. Gemeint ist der Islamische Staat, kurz IS, der sich in den von Kriegen zerstörten Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ausgebreitet hat. Nun ist es auch den verlogensten Westlern nicht möglich, den Leuten ein Terrorregime islamistischer Fundamentalisten als die bessere Alternative für eine angeblich freiheitsbedürftige Bevölkerung zu verkaufen. Der IS ist ein ärgerlicher Betriebsunfall, auch wenn man den, vor allem nach den Erfahrungen in Afghanistan, durchaus hätte voraussehen können: Die Leute vom IS nehmen gern Geld, Waffen und sonstige Ausrüstung aus dem Westen an, lehnen die aber westliche Lebensweise inklusive Kapitalismus ab. Das ist übrigens der entscheidende Unterschied zu den Saudis, die zwar auch religiöse Fanatiker sind, aber gute Beziehungen zu den Kapitalisten in aller Welt unterhalten, weshalb man sie auch in Ruhe lässt. Obwohl die Assads oder Gaddafis dieser Welt im Vergleich mit den al Sauds fast schon als lupenreine Demokraten durchgehen müssten.

Aber genug davon, eigentlich betreibe ich ja einen Serienblog. Und damit es nicht immer nur um Netflix und Co geht,  habe ich mir den britischen Vierteiler The State angesehen, in der es um vier junge Menschen geht, die sich dem IS in Syrien anschließen. Um die für mich größte Schwäche der Serie gleich vorwegzunehmen: Auf die Frage, was die jeweiligen Protagonisten überhaupt motiviert, sich einer in meinen Augen überaus rückständigen und menschenfeindlichen Bewegung anzuschließen, gehen die Macher von The State gar nicht ein. Wir müssen uns damit zufrieden geben, dass es sich diese jungen Aktivisten im Namen Allahs bereits haben einleuchten lassen, dass sich der Aufbau eines Islamischen Staates lohnt, in dem jeder und jede ein gottgefälliges und damit glückliches Leben führen kann. Und das man dafür kämpfen, und so Allah es will, auch sterben muss. Wobei durchaus gezeigt wird, dass die Propaganda in sozialen Netzwerken eine große Rolle spielt, für die entsprechende Social-Media-Experten des IS gezielt Inhalte produzieren und verbreiten.

The State: Shakira (Ony Uhiara)

The State: Shakira (Ony Uhiara)

Insofern haben alle vier unrealistische Erwartungen an den neuen Staat, dem sie ihr Leben widmen wollen. Sie werden alle enttäuscht, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Da ist die farbige Muslima Shakira (Ony Uhiara), eine Ärztin, die sich mit ihrem neunjährigen Sohn auf den Weg nach Syrien macht. Sie will ihren Brüdern und Schwestern vor Ort einfach helfen, weil sie weiß, dass sie dafür hervorragend qualifiziert ist. Der junge Jalal (Sam Otto) hingegen geht nach Syrien, weil sein älterer Bruder dort im Kampf gestorben sein soll. Er ist ein Hafiz, er kann den gesamten Koran auswendig, was ihm unter den Brüdern in London viel Achtung eingebracht hat. Entsprechend irritiert ist er, als die Brüder vom IS ihn fragen: „Und, was kannst du sonst noch?!“

Jamal wird begleitet von seinem Freund Ziyad (Ryan McKen), der auf ein Abenteuer aus ist. Ihn lockt die Sache mit den 72 Jungfrauen, wenn er als Märtyrer stirbt. Und für verdiente Kämpfer gibt es ja zuvor schon wenigstens eine, zwei oder noch mehr echte Frauen, die sich um ihr leibliches Wohl sorgen. Eine solche will die junge Ushna (Shavanni Cameron) werden, oder besser: Eine Löwin unter Löwen. Ihr ist anfangs am wenigsten klar, worauf sie sich eingelassen hat. Sie weint, weil die IS-Leute ihr aus Sicherheitsgründen das Handy weggenommen haben und sie ihre Eltern nicht anrufen kann. Denen sie offenbar aus guten Gründen nicht gesagt hat, dass sie weggeht. Und schon gar nicht, wohin.

Ushna war noch nie auf eine Gemeinschaftsküche angewiesen, ganz zu schweigen von einer Gemeinschaftstoilette. Damit hat sie wirklich ein Problem: Sie hatte früher ein eigenes Badezimmer, also scheint ihre Familie nicht zu den Verlierern in der britischen Gesellschaft zu gehören. Wobei es ja auch wieder dieses Gemeinschaftsding ist, was für junge Leute attraktiv ist: Es gibt da eine Gruppe, zu der du gehören kannst und die sich um dich kümmert. Die dich und deine Wünsche und Sorgen versteht. Die immer für dich da ist, wenn du nur bereit bist, dein bisheriges Leben hinter dir zu lassen. So funktioniert jede Sekte.

Und ich will hier den Gedanken der Gemeinschaft, des Kollektivs, gar nicht schlecht machen. Im Gegenteil finde ich die Idee total gut, dass man vieles gemeinsam tun und nutzen kann. Das spart Ressourcen, macht Spaß und ist auch sonst in vielerlei Hinsicht sinnvoll: Warum nicht ein Haus, ein Auto, eine Waschmaschine, einen Rasenmäher und so weiter mit anderen teilen? Andererseits brauche ich definitiv meine Privatsphäre: Mein Bett, mein Computer und überhaupt meine persönlichen Dinge, von denen nur ich sagen kann, was ich brauche und was nicht. Die sollen dann auch wirklich privat sein, also nur für mich. Und lasst mich mit Gott in Ruhe. Schon die Tatsache, dass es wahnsinnig viele Götter gibt, von denen einige behaupten, dass sie der einzige seien, sollte einen stutzig machen.

Vermutlich ist das einer der Gründe für die Überzeugungskraft des Islam: Er ist einfach. Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet. Das christliche Glaubensbekenntnis ist sehr viel länger und, ganz wichtig: es beginnt mit „ich glaube…“. Glaube wiederum beinhaltet Zweifel. Aber mit so etwas hält sich ein überzeugter Moslem nicht auf: Es ist einfach so. Das macht unsere komplizierte Welt sehr viel übersichtlicher. Wobei das auch nicht immer angenehm ist, wie Shakira, Ushna, Jalal und Ziyad bald feststellen müssen. Dabei werden sie alle erst einmal mit offenen Armen willkommen geheißen, in der Gemeinschaft des Daesh. Die Frauen von ihren Schwestern, die Männer von ihren Brüdern: Was immer ihr braucht, wir besorgen es für euch.

Allerdings stellt sich bald heraus, dass die Entscheidung darüber, was wer jeweils braucht, von reichlich engstirnigen Fanatiker*innen getroffen wird. Und zu allererst braucht es Gehorsam und Disziplin. Die Männer werden in einer Art Crashkurs auf ihren Einsatz als Märtyrer vorbereitet, die Frauen werden auf ihre künftige Rolle als Ehefrau und Mutter eingeschworen, die verdienten Kämpfern ihr irdisches Leben so angenehm wie möglich machen und natürlich möglichst viele Kinder gebären sollen.

Ushna kann sich damit abfinden, offenbar wurde sie in ihrem konservativen Elternhaus ohnehin auf eine solche Rolle vorbereitet. Nur dass sich ihre Eltern sicherlich eine Zukunft mit einer guten Partie im sicheren Großbritannien für sie vorgestellt haben. Aber Ushna wollte wohl lieber etwas Spannenderes erleben, und sei es ein wildfremder Ehemann, den nicht ihre Eltern, sondern ihre neue Gemeinschaft für sie auswählt. Sie hat auf ihrem Smartphone eine App, mit der sie die Anweisungen ihres neuen Ehemanns übersetzen kann. Der Mann mag sie und ist freundlich zu ihr, er besorgt sogar eine Sklavin, die sich um Ushna und den Haushalt kümmert. Denn das britische Essen, das Ushna kocht, schmeckt ihm nicht.

Shakira hingegen, die es in London als alleinerziehende Mutter geschafft hat, Ärztin zu werden, kann nich fassen, dass ihre Qualifikation jetzt nur noch darin bestehen soll, einen Mann glücklich zu machen. Und dann hat sie auch noch das Pech, dass der Kommandant, der für das örtliche Krankenhaus zuständig ist, Gefallen an ihr findet. Es ist ja nicht so, dass ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten nicht gebraucht würden. Aber sie ist halt eine Frau. Und für jeden Schritt, den sie in der Öffentlichkeit tut, braucht sie die Erlaubnis eines Mannes. Shakira muss sich allerhand einfallen lassen, um gegen den Willen des örtlichen Befehlshabers doch zu praktizieren und das geht nicht lange gut. Aus Verzweiflung schlägt sie einem Leidensgenossen aus dem Krankenhaus einen Deal vor: Der Arzt soll sie heiraten, und ihr dann erlauben, als Ärztin zu arbeiten. Doch leider weiß nicht nur Shakira, dass Dr. Rabia schwul ist. Kurz nach der Hochzeit wird er für ein Selbstmordkommando rekrutiert.

The State: Jalal (Sam Otto) und Ziyad (Ryan McKen)

The State: Jalal (Sam Otto) und Ziyad (Ryan McKen)

Für Jalal und Ziyad läuft es anfangs besser, sie sind schließlich Männer. Und als solche werden sie bald in die Gemeinschaft der potenziellen Märtyrer aufgenommen, mit entsprechenden Vergünstigungen. Aber auch sie stellen bald fest, dass im IS nicht islamische Vernunft und Weitsicht regieren, sondern Misstrauen und Willkür. Insbesondere der sensible Jalal leidet. Er freundet sich mit einem Apotheker an, der später verdächtigt wird, ein CIA-Spion zu sein. Und er erfährt die Wahrheit über seinen Bruder, der offenbar nicht der Held war, den Jalal in ihm sehen wollte. Jalal versucht immerhin noch, im Rahmen seiner Möglichkeiten Gutes zu tun, so kauft er eine jesidische Sklavin mitsamt ihrer kleinen Tochter, um sie vor weiterem Missbrauch durch seine neuen Brüder zu retten. Aber genau das macht ihn selbst verdächtig – der Terrorstaat wendet sich am Ende gegen ihn.

Alles in allem ist The State also nicht die ideale Serie für einen angenehmen Abend. Aber sie ist eine interessante und wichtige Ergänzung zu den ganzen Medienberichten über den IS und dessen Sympathisanten: Letztlich sind das auch nur Menschen. Dabei wird keineswegs um Verständnis für den IS und seine Unterstützer geworben, im Gegenteil: Die Leute da haben definitiv alle einen Knall. Aber wird eben gezeigt, mit welchen Mitteln naive junge Menschen, die in den Gesellschaften, in denen sie aufgewachsen sind, aus welchen Gründen auch immer keinen Platz für sich gefunden haben, angeworben und vereinnahmt werden. Und dann auch gegen ihren Willen gezwungen werden, Dinge zu tun, die sie von sich aus niemals getan hätten. Deren Wut und Frust vom IS gezielt ausgenutzt und eingesetzt wird. Und die einem am Ende dann doch irgendwie leid tun können, wenn sie allmählich kapieren, was für eine brutale, menschenverachtende Bande in ihrem neuen Staat das Sagen hat. Der IS lässt keinen davon kommen – und selbst für diejenigen, denen eine Flucht gelingt, ist das Leben danach nie wieder wie zuvor.

When Heroes Fly: Kaputte Helden im Dschungel

Auch wenn mir Netflix mit unpassenden Serienverschlägen oft auf die Nerven geht, sind ab und zu tatsächlich Serien dabei, die mir dann doch gefallen. Etwa die israelische Serie When Heroes Fly von Keshet International, die auf den ersten Blick wie ein Kriegsepos aussieht, auf das ich überhaupt keine Lust hatte, sich dann aber unerwartet als spannender Thriller herausstellt. Einst waren Aviv, Benda, Dubi und Himmler (der eigentlich Dotan heißt) unzertrennliche Freunde, die zusammen gedient und gefeiert haben – Team Azulay, benannt nach ihrem hochverehrten Kommandeur bei der israelischen Armee.

Team Azulay: Benda (Moshe Ashkenazi), Himmler (Michael Aloni), Yael (Ninet Tayeb), Aviv (Tomer Kapon) und Dubi (Nadav Netz)

Team Azulay: Benda (Moshe Ashkenazi), Himmler (Michael Aloni), Yael (Ninet Tayeb), Aviv (Tomer Kapon) und Dubi (Nadav Netz)

Die Armee spielt im Leben der Israelis eine große Rolle, die Wehrpflicht beträgt für Männer drei Jahre, für Frauen zwei, danach gibt es für Männer noch den Reservedienst bis sie 51 Jahre als sind, und zwar bis zu 39 Tage im Jahr. Das ist bei den vier Freunden nicht anders, 2006 werden die Reservisten von Team Azulay einberufen und auf eine Mission in den Libanon geschickt. Auf dem Rückzug geraten sie in einen Hinterhalt der Hisbollah, Azulay wird schwer verwundet und befiehlt Aviv, der als einziger den Rückzugsweg kennt, sich mit den anderen zurückzuziehen und ihn zurückzulassen. Aviv befolgt den Befehl und rettet damit den anderen das Leben, aber die Sache lässt ihn nicht mehr los. Insbesondere Himmler wirft ihm vor, nicht alles versucht zu haben, um Azulay zu retten oder zumindest seine Leiche zu bergen. Denn wenn man als Jude nicht möglichst vollständig beerdigt wird, kann man am jüngsten Tag nicht auferstehen. Nach dem Tod von Azulay lebt sich Team Azulay auseinander – die vier haben sich nichts mehr zu sagen.

Bis Benda, der nach Kolumbien ausgewandert ist und mit seiner Freundin Maria ein israelisches Restaurant in Bogotá betreibt, zufällig auf einem Bild in der Zeitung Yael erkennt. Yael, die Schwester von Dubi, die mit Aviv zusammen war und vor vielen Jahren bei einem Autounfall in Kolumbien ums Leben gekommen sein soll. Benda ruft Aviv an, der unter schweren Depressionen leidet und wieder bei seiner Mutter lebt, weil er nach jenem fatalen Einsatz nicht mehr in sein vorheriges Leben zurückgefunden hat. Es kommt, wie es kommen muss: Nach anfänglichem Unwillen lässt sich Aviv überzeugen, dass Yael möglicherweise noch lebt und er sie unbedingt finden muss. Auch Dubi und Himmler beschließen, Aviv zu begleiten. Und so haben die vier schließlich wieder eine gemeinsame Mission, auch wenn jeder von ihnen eigene Gründe hat, daran teilzunehmen.

In Rückblenden wird erzählt, was die vier inzwischen erlebt haben. Der religiöse Dubi ist Lehrer geworden und hat Frau und Kinder. Allerdings ist er sich mit dem Glauben nicht mehr so sicher. Himmler hat von seinem Vater einen Konzern geerbt, den er nun führt. Er hat eigentlich alles, Erfolg und Geld ohne Ende, aber da ist diese Diagnose. Benda hingegen war ganz unten, aber hat sich Maria zuliebe wieder aus dem Drogensumpf herausgearbeitet. Aviv ist noch immer unten, hat jetzt aber vielleicht die Chance, endlich einmal etwas richtig zu machen. Also wird die Reise in den kolumbianischen Dschungel für die Freunde vor allem eine Reise zu sich selbst. Und gleichzeitig ist es die vielleicht letzte Gelegenheit, die Dinge zu bereinigen, die zwischen ihnen stehen. Und es stellt sich heraus, dass da viel mehr ist, als anfangs zu vermuten war.

Natürlich gibt es dann auch noch eine solide Thrillerhandlung drumherum, es geht in Kolumbien nicht ohne skrupellose Drogenkartelle und korrupte Polizisten. Und die israelische Polizei ist auf der Suche nach der Quelle dieser neuen Droge, die immer mehr junge Israelis das Leben kostet. Die Freunde kommen auf ihrer Suche nach Yael ausgerechnet dem Drogenboss in die Quere, dem auch eine hartnäckige israelische Ermittlerin auf der Spur ist, die noch eine sehr persönliche Rechnung mit ihm offen hat. Die eine oder andere Verwicklung wirkt am Ende doch ein bisschen weit hergeholt, aber alles in allem ist die Geschichte spannend und gut erzählt, so dass die zehn Teile der Serie viel zu schnell vorbei sind. Fazit: When Heroes Fly ist eine gewagte, aber durchaus gelungene Mischung aus Actionthriller, Mystery- und Psychodrama. Davon gern mehr.

Deutsche Serie kommt auf den Hund

Netflix produziert weiterhin Serien, und zwar zu viele davon. Überhaupt gibt es inzwischen viel zu viele Serien. Als Serienjunkie fühle ich mich von der schieren Masse des Angebots total überfordert – es ist überhaupt nicht mehr möglich, alles anzusehen, was gerade irgendwie in ist, selbst wenn man den ganzen Tag Zeit dafür hätte. Und wer auf andere Art und Weise Geld verdienen muss, hat sowieso verloren. Trotzdem kann ich es nicht lassen und schaue immer wieder in Serien hinein – aber ich bleibe nur noch dabei, wenn mich die ersten 10, 15 Minuten wirklich überzeugen. Deshalb habe ich vor Jahren bereits den Tatort aufgeben, obwohl ich da jahrzehntelang so etwas wie ein Gewohnheitsfan war. Dieser alte Zopf ist ab, in der Zeit kann man wirklich Besseres kucken.

Dennoch muss ich zugeben, dass es natürlich Serien gibt, die gewisse Vorschusslorbeeren mitbringen, weshalb ich beim Reingucken großzügiger bin als bei solchen, von denen ich noch nie gehört habe. Etwa bei Netflixserien, die von exotischen Ländern außerhalb des anglo-amerikanischen Serienkontin(g)ets produziert werden. So gibt es nach Dark eine weitere deutsche Netflixserie, die bereits seit einiger Zeit auf Netflix zu sehen ist: Dogs of Berlin. Zwar war schon Dark nicht der große Wurf, auf den ich gehofft hatte, aber doch ganz okay: Eine interessante Geschichte mit verschiedenen Zeitebenen, aber einem leider total überambitionierten Soundtrack, der mich zunehmend genervt hat. Ich muss nicht mit viel zu lauten Geräuschen darauf hingewiesen werden, dass jetzt etwas Merkwürdiges passiert. Subtilität ist eine Tugend. Aber nicht die der deutschen Serie. Und Dogs of Berlin ist insofern eine total deutsche Serie, weil, etwas Unsubtileres habe ich selten gesehen. Außer in Amiserien versteht sich. Aber da regt sich keiner drüber auf. Die Amis dürfen das. Die wählen ja auch Typen wie Donald Trump als Präsident.

Dogs of Berlin - die deutsche Serie ist auf den Hund gekommen. Aber ich finde das gar nicht schlimm.

Dogs of Berlin – die deutsche Serie ist auf den Hund gekommen. Aber ich finde das gar nicht schlimm. Bild via Filmstarts.de

Also: Dogs of Berlin. Das ist definitiv etwas ganz anderes. Kann man so nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bringen, wobei, eigentlich wurde total auf Proporz geachtet: Es gibt einen aufrechten schwulen türkischen Ermittler, einen spielsüchtigen deutschen LKA-Typ mit Neonazivergangenheit, eine deutsche Hartz-4-Mutti, die ihren Kindern zerbröselte Kekse mit Kakao als Frühstück improvisiert und ihre Nächte lieber mit zweifelhaften Liebhabern, Computerspielen und einem illegalen Nebenverdienst an der Sexhotline verbringt, als gleich früh morgens in ihr trostloses Loserleben in Marzahn-Hellersdorf durchzustarten. Außerdem gibt eine politisch-korrekte, lesbische Polizeipräsidentin, die mindestens so streng ist wie Mutti Merkel, und schließlich noch einen toten türkischen Nationalspieler, den die deutsche Fußballmannschaft ganz dringend brauchen würde, wenn sie nicht gleich wieder aus der Vorrunde von was auch immer fliegen will. Und alle anderen Figuren sind genauso schon Karikaturen ihrer selbst wie die bereits genannten.

Aber genau das ist dann auch wieder cool, weil es konsequent durchgezogen wird. Katrin Sass als Neonazi-Oma, die ihren Enkeln auf dem Spielplatz beibringt, dass sie sich gegen „diese Kuffnutten“ durchzusetzen hätten und im Zoo doziert, dass gewisse Arten halt verdienen, auszusterben, ist gruselig, bringt aber diese ekelhafte Einstellung genau auf den Punkt. Okay, der Rest der Neonazi-Kameradschaft ist irgendwie viel zu 90er, das Problem derzeit sind ja viel eher die Nazis in den feinen Anzügen der Neoliberalen, die sich in der AfD organisieren, als die tätowierten Prolls, die ein sehr eingeschränktes Weltbild, reichlich kriminelle Energie und einen Faible für mittelalterliche Bestrafungsrituale haben und damit ihren Kollegen von den türkischen Rockergangs ziemlich ähnlich sind. Deshalb kann die Ehefrau von LKA-Ermittler Grimmer dann sogar mit einem von den türkischen Rockern, die auch ihren feinen Laden mit überflüssigen Dingen in Prenzlauer Berg zwecks Schutzgelderpressung heimsuchen, etwas anfangen. Sie glaubt, dass man mit totaler Ehrlichkeit jeden retten kann.

Und das war längst nicht alles, natürlich gibt es noch die Osteuropa-Connection mit Mišel Matičević und einen fiesen arabischen Clanchef samt Clan und dann natürlich noch die abgedrehten Luxusfußballer der Nationalmannschaft, die inzwischen einen eigenen Dienstleister haben, der hinter ihnen her räumt. Oder hinter ihnen her räumen lässt, deshalb gibt es ja eine Figur wie Trinity Sommer (Hannah Herzsprung), eine Mischung aus Modesty Blaise und Jessica Jones, aus der man gelegentlich mehr machen könnte. In dem Zusammenhang ist sie eher unglaubwürdig, aber im Prinzip finde ich, dass es viel zu wenig solcher Superheldinnen gibt.

Der Tenor vieler Kritiken, die ich dazu gelesen habe, ist: Dogs of Berlin sei der schlechtere Abklatsch von 4 Blocks. Da ist etwa dran, gleichzeitig finde ich das aber auch ungerecht, denn der Stoff, aus dem Dogs of Berlin gemacht sein soll, sei deutlich älter als 4 Blocks, las ich zumindest, und das würde einiges erklären. 4 Blocks ist ja tatsächlich eine gute Serie, obgleich ich sagen muss, dass die zweite Staffel gegenüber der ersten deutlich zurück fällt, Vince fehlt einfach.

Dogs of Berlin ist allerdings etwas ganz anderes, diese Serie ist im Grunde bereits ihre eigene Satire, ähnlich wie das bei Homeland oder House of Cards oder Designated Surviver der Fall ist. Diese Serien suhlen sich in Klischees und tragen extrem dick auf, und genau das macht ja auch den Spaß daran aus: Natürlich ist das nur ein Zerrbild unserer Realität, aber eben ein unterhaltsames. Wenn man sich darauf einlässt, einfach mal eine deutsche Krawumm-Serie zu sehen, dann ist Dogs of Berlin keine schlechte Wahl. Eine soziologisch relevante Studie unserer Gesellschaft ist sie nicht. Und ein politisch korrekter oder lieber nicht korrekter, aber intellektuell ernstzunehmender Kommentar zum Zeitgeschehen erst recht nicht. Und auch wenn ich sehr intensiv nachdenke, fallen mir kaum Serien ein, die solche Kriterien bedienen könnten. The Wire vielleicht, um im Genre zu bleiben. Die früheren Tatorte zum Teil. Ansatzweise KDD – Kriminaldauerdienst.

Wie auch immer, die deutschen Kritiker sollten sich mal keinen Kopf machen von wegen „oh Gott, das kann man jetzt mit Netflixabo auf der ganzen Welt sehen, was sollen die Leute nur von uns denken!“ Genau so geht deutsche Serie. Also wenn man es nicht jedem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk recht machen muss, was in der Regel dazu führt, dass noch stereotypere Klischees bedient werden müssen und es noch weniger lustig ist. Bin ich jetzt nicht besonders stolz drauf, aber trifft den Kern der Sache. Natürlich wünsche ich mir, dass es demnächst endlich mal wieder etwas richtig Gutes gibt. Übung macht den Meister. 

Das Institut: Crashkurs Deutsch

Die Deutschen halten sich für eine Bildungsnation und sind auch sonst der Ansicht, dass am deutschen Wesen die Welt genesen könnte und sollte. Auch deshalb exportieren sie deutsche Qualitätsprodukte gern in alle Welt. International beliebt sind vor allem die Bestseller aus deutscher Waffenfabrikation, weniger beliebt sind deutsche Dichtung, deutsches Drama und die komplizierte deutsche Sprache. Damit diese Kulturgüter bei der Außendarstellung unseres schönen Landes nicht zu kurz kommen, gibt es in zahlreichen anderen Ländern der Erde Goethe-Institute, in denen interessierte Ausländer Deutsch lernen können, außerdem soll ganz allgemein deutsche Kultur vermittelt werden. Entsprechend werden dort Veranstaltungen zu deutscher Literatur, Theater, Film, Musik und so weiter angeboten. Doch erstaunlicherweise rennen die Ausländer diesen Instituten nicht an allen Standorten die Türen ein. Insbesondere, wenn sie in ihren jeweiligen Ländern ganz andere Probleme haben, etwa den Kampf um das tägliche Überleben in ihrer eigenen Kultur. Um ein solches Institut, auch wenn es in der Serie nicht ausdrücklich nach Goethe benannt wurde, dreht sich die Satire-Serie Das Institut – Oase des Scheiterns.

insitut

Die Koproduktion von BR, NDR, WDR, BR-Plus und ARD-alpha ist mit Abstand die lustigste Serie, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk im vergangenen Jahr auf die Beine gestellt hat. Was allerdings auch nicht so schwer ist, denn mir fällt auf Anhieb keine weitere Comedyserie aus deutscher ÖR-Produktion ein. Ja, gut, es gibt schon weitere deutsche Comedyserien, die gar nicht so schlecht sind, etwa die maxdome-Produktion jerks. Und bei angestrengtem weiteren Nachdenken fällt mir noch die Serie Blockbustaz ein, die auf ZDFneo lief. Aber die ist nicht annähernd so gut wie Das Institut.

Um so erfreulicher, dass es diese Serie gibt, in der fünf wackere deutsche Angestellte des titelgebenden Instituts gemeinsam mit ihrem einzigen einheimischen Mitarbeiter versuchen, den in einer fiktiven mittelöstlichen islamischen Volksrepublik ansässigen Kisbeken die deutsche Kultur nahezubringen. Dem Institut in der kisbekischen Hauptstadt Kallalabad geht es wie so vielen kulturellen Einrichtungen, die vom deutschen Staat oder genauer: Vom deutschen Steuerzahler finanziert werden (müssen): Angesichts anderer Prioritäten ist die Ausstattung des Instituts mit finanziellen und sonstigen Mitteln prekär, möglicherweise soll die Filiale sogar aufgegeben werden.

Man sollte annehmen, dass die gemeinsamen Anstrengungen, dieses Institut zu erhalten, schon um den eigenen Arbeitsplatz zu sichern, das Team zusammenschweißen würden. Doch unter den Angestellten des Instituts verteidigt jede und jeder eifersüchtig seine Pfründe: Die Institutsleiterin Dr. Eckart (Christina Große) ist eine Bilderbuchkarrieristin, die über Leichen geht (sie hat ja auch die besten Chancen auf eine Weiterbeschäftigung an einem anderen Ort), während ihr Vertreter Gmeiner (Rainer Reiners) eher ein gemütlicher Typ ist, der sich gern als Goethe verkleidet und unfreiwillig komische Kurzvorträge über deutsche Geschichte halten kann.

Ebenso naiv wie um die deutsche Sprache bemüht ist die Deutschlehrerin Jördis (Nadja Bobyleva), die so gern jeden ihrer Schützlinge durch die Prüfung bringen möchte, während der Theaterexperte Titus (Robert Stadlober) damit hadert, mit seinen revolutionären Inszenierungen deutscher Dramatiker an den Arsch der Welt verbannt worden zu sein. Die einzige ostdeutsche im Club ist die Bibliothekarin Margarete (Swetlana Schönfeld), die immer wieder günstige Gesamtausgaben von DDR-Schriftstellern einkauft und sich im Verlauf der Serie als die alltagstauglichste unter den abgehobenen Schöngeistern herausstellt. Egal, ob es um eine dringend nötige Wahlfälschung oder um die Verteidigung des Instituts gegen schwer bewaffnete islamistische Fundamentalisten geht, Margarete überrascht mit entsprechenden (einst in der DDR erworbenen) Kompetenzen.

Das Institut: Die komplette Belegschaft

Das Institut: Dr. Eckart (Christina Große), Gmeiner (Rainer Reiners), Haschim (Omar El-Saeidi), Jördis (Nadja Bobyleva), Titus (Robert Stadlober) und Margarete (Swetlana Schönfeld)

Haschim (Omar El-Saeidi), der einzige Kisbeke im Team, liebt seine Arbeit im Institut, obwohl er mehr oder weniger Mädchen für alles ist, weshalb die Praktikantin Swantje (Antonia Bill) ihm immer wieder zuredet, er solle sich nicht alles gefallen lassen. Bezeichnenderweise ist Swantje die einzige unter den Deutschen, die sich ernsthaft für die kisbekische Kultur interessiert. So aufgeschlossen und weltgewandt sich die anderen auch geben, sie interessieren sich nur für ihre eigene Kultur, die sie für die überlegene halten und sind entsprechend unsensibel unterwegs, was immer wieder zu komplizierten Situationen führt.

Aber es gibt ja nun auch eine Menge Herausforderungen, die zu bewältigen sind, ob es nun um die Gestaltung eines Tags der offenen Tür geht, für den leider nur belgische Dekofähnchen aufzutreiben sind, oder die bessere Blutspendebilanz des niederländischen Instituts, um eine Aufführung des deutschen Toleranz-Stücks schlechthin, Nathan der Weise, mit kisbekischen Laiendarstellern und Hakenkreuz-Umhang („Ich will verstören!“ bekräftigt Titus), ein Fußballturnier im Mienenfeld oder um das Ansinnen lokaler Warlords, einen Crashkurs in deutscher Kultur zu bekommen, weil man ja den Feind kennen muss, um ihn zu besiegen, die wackeren Institutsmitarbeiter*innen (wie ist mittlerweile eigentlich die korrekte Schreibweise, wenn man alle und jede*n einbeziehen möchte?) haben es nicht leicht. Und auch wenn sie irgendwie selbst schuld an ihrer Lage sind, so kann man doch den einen oder die andere mit der Zeit lieb gewinnen: Sie meinen es ja meistens gut. Bis auf Dr. Eckart, aber jede Serie braucht ihre Buhfrau.

Und was mir sonst noch gefällt: Die Serie wurde hauptsächlich in einem ehemaligen Gefängnis in Berlin Moabit gedreht, was das gesamte Ambiente etwas klaustrophobisch wirken lässt. Wobei das die Situation in einem von islamischen Warlords beherrschten Mittelostland vermutlich gut einfängt. Hoffentlich gibt es noch eine weitere Staffel. Oder besser noch mehrere.

Babylon Berlin: Geld allein genügt nicht

Laut Bambi ist Babylon Berlin die deutsche Serie des Jahres. Das geht irgendwie in Ordnung, denn eine bessere deutsche Serie fällt mir derzeit leider auch nicht ein. Vor allem keine, die zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Es ist ja nicht so, dass es gar nichts Neues aus deutscher Produktion zu sehen gäbe, erfrischend unkorrekt, geistreich und dabei total lustig fand ich in diesem Jahr beispielsweise Das Institut – Oase des Scheiterns. Diese Serie beweist, dass man mit vergleichsweise wenig Aufwand richtig gute Unterhaltung machen kann. Und damit komme ich auch gleich zu meinem größten Kritikpunkt an der ausgezeichneten deutschen Megaserie. Im Fußball würde man es so formulieren: „Geld schießt keine Tore“. Um endlich mal eine Serie zu produzieren, die im internationalen Seriengeschäft mithalten kann, haben die Macher richtig viel Kohle in die Hand genommen, die ersten zwei Staffeln mit 16 Folgen à 45 Minuten, die in acht Doppelfolgen ausgestrahlt wurden, sollen 40 Millionen Euro gekostet haben. Damit ist Babylon Berlin ist die bisher teuerste nicht englischsprachige Serie überhaupt.

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Und das sieht man auch, großartige Kulissen und Kostüme, optisch ist alles vom Feinsten. Babylon Berlin sei „ein opulentes Meisterwerk mit Suchtpotenzial“ las ich als Begründung für die Bambi-Auszeichnung, und ja, opulent ist die Serie zweifellos, und wenn man sich drauf einlässt, kann sie einen gewissen Sog entwickeln.

Das liegt unter anderem an den tollen Darstellern, insbesondere  Volker Bruch als Gereon Rath und Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter. Und dann sind mit Peter Kurt, Matthias Brand, Lars Eidinger, Misel Maticevic, Leonie Benesch, Fritzi Haberlandt, Hanna Herzsprung, Marie Gruber, Benno Führmann und so weiter eine Menge Schauspieler aus der ersten Riege des deutschen Fernsehens vertreten, die ihre Sache allesamt so gut machen, wie es man von entsprechend ausgebildeten Profis erwarten kann. Und dann ist da noch Severija Janusauskaite, die mich als mysteriöse russische Gräfin Sorokina bzw. als androgyner Nachtclubsänger Nikoros begeistert hat.

Babylon Berlin: Die Sorokina (

Die Sorokina in Aktion (Severija Janusauskaite)

In Potsdam Babelsberg wurde für die Serie ein kompletter 20er-Jahre-Kiez aus Berlin nachgebaut, je nach Bedarf mit schäbigen oder prunkvollen Gründerzeitfassaden und damals modernen Gebäuden, zusätzlich gibt es beeindruckende  Computeranimationen, in denen der Alexanderplatz mitsamt den bestehenden Bauten in die späten 20er zurückversetzt wurde, auch wenn die beiden markanten Gebäude, das Alexanderhaus und das Berolinahaus von Peter Behrens, die dem Platz heute noch dieses 20er-Jahre-Flair verleihen, im Jahr 1929 noch gar nicht fertig gestellt waren – egal. Das rote Rathaus kann sich gut als Rote Burg verkleiden, wie das Polizeipräsidium bezeichnet wurde, das sich ungefähr dort befand, wo heute das Einkaufszentrum Alexa ist. Auch die Fahrzeuge, die Kleidung, die zahlreichen Statisten, das ist alles glaubwürdig und mit viel Liebe zum Detail ausgestaltet. Und selbst dort, wo die Serienmacher keine historischen Vorlagen benutzen, sondern sich einfach von den Möglichkeiten der damaligen Zeit inspirieren lassen, etwa beim extrem coolen Interieur des Moka Efti, das tatsächlich ein eher plüschiges Café mit orientalisch-inspirierter Pracht war, in der Serie aber ein ultramoderner Art-Deko-Tempel mit klaren Linien und viel Neolicht ist, oder bei dem Tanzschuppen, in dem die Sorokina als Nikoros auftritt, wird der Geist der damaligen Zeit gut eingefangen und in die heutigen Sehgewohnheiten übersetzt.

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So hätte der Alexanderplatz in den 20er Jahren aussehen können

Was mich nervt, ist, dass die eigentlich ziemlich gute Handlung des Romans Der nasse Fisch von Volker Kutscher, auf dem die Serie beruht, weitgehend umgeschrieben wurde. Das ist zum Teil der Seriendynamik geschuldet, wofür ich als Serienjunkie nun wirklich Verständnis habe. Allerdings wird die Geschichte dadurch zumindest teilweise schwach, weil gleichzeitig viele Nebenhandlungen ausgebaut wurden, wodurch der eigentliche Fall, den Gereon Rath aufklären soll, in den Hintergrund rückt. Oder waren das gleich mehrere Fälle? Da geht es Babylon Berlin dann wie einem Münsteraner Tatort, in dem der eigentliche Fall ja auch nur dazu dient, Thiel und Dr. Boerne eine Grundlage für ihren mehr oder weniger lustigen Kleinkrieg zu liefern.

Wobei das ja nicht immer schlecht sein muss und im Grunde finde ich sogar gut, dass einige der Nebenfiguren aus dem Roman in der Serie eine eigene Geschichte bekommen. Aber eine komplexe Serienhandlung ist keine Nummernrevue, in der man nach 90 Minuten wieder abschalten kann, und die Autoren machen es dem Publikum nicht gerade leicht, über mehrere solcher langen Teile hinweg dabei zu bleiben. Es gibt zwar einen großen, sämtliche Teile übergreifenden Handlungsbogen, aber angesichts der vielen Nebenhandlungen verliert die Serie immer wieder den Faden, was angesichts des veranstalteten Aufwands besonders schade ist.

Da ist beispielsweise Charlottes Freundin Greta Overbeck (Leonie Benesch), die in der Serie mittellos aus Usedom nach Berlin kommt und dort eine Anstellung als Hausmädchen beim Regierungsrat August Benda (Matthias Brand) findet, dem Chef der Politischen Polizei. Auch diese Figur wurde eigens für die Serie aufgebaut, sie ist vom Juristen Bernhard Weiß inspiriert, der in der Weimarer Republik Polizeivizepräsident in Berlin war. Der aus einer liberalen jüdischen Familie stammende Weiß war einer der wenigen republikanisch gesinnten höheren Beamten im Polizeiapparat. Weiß ging konsequent gegen Übergriffe der NSDAP vor und war deshalb immer wieder Diffamierungskampagnen ausgesetzt, 1933 wurde er aus dem Amt gejagt und floh über Prag nach London. Das ist eigentlich schlimm genug, doch in der Serie wird ihm ein noch grausameres Schicksal zuteil, an dem auch Greta beteiligt ist, die sich in ihrer Naivität von einem falschen Freund ausnutzen lässt.

Babylon Berlin: Das Moka Efti als Art-Deko-Tempel

Babylon Berlin: Das Moka Efti als Art-Deko-Tempel

In den Hintergrund rückt dafür der „Buddha“, wie der damalige Chef der Berliner Kriminalpolizei Ernst Gennat genannt wurde. Im Buch ist der Begründer der modernen Mordermittlung in Deutschland eine zentrale Figur, die Gereon Rath zu recht bewundert und fürchtet, in der Serie taucht Gennat erst in der zweiten Staffel auf, und da eher am Rande. Keine Ahnung, was die Serienmacher dazu bewogen hat, ausgerechnet diese interessante historische Figur in den Hintergrund zu rücken, denn Gennat liefert doch wirklich jede Menge Stoff für seriöse Krimihandlungen. Er entwickelte in den 20er Jahren die zentrale Mordinspektion und führte fortschrittliche Ermittlungstechniken wie eine systematische Spurensicherung am Tatort ein. Außerdem erfand er das Profiling schon Jahrzehnte bevor dieser Begriff überhaupt aufkam: Er baute ein Archiv auf, in dem sämtliche Fälle der Mordinspektion unter bestimmten Kriterien erfasst wurden. Auf diese Weise war es den Kriminalbeamten möglich, für jeden neuen Fall schnell vergleichbare Mordfälle und damit potenzielle Täter zu finden, wodurch die Aufklärungsrate für Mordfälle deutlich stieg. Unter Gennat lag die Aufklärungsquote bei knapp 95 Prozent, mehr schaffen auch die heutigen Kriminalisten mit modernster Technik nicht.

Auch die Figur der Charlotte Ritter wurde stark verändert, im Buch ist sie eine höhere Bürgertochter, die Jura studiert und, um Geld zu verdienen, als Stenotypistin bei der Polizei arbeitet. Denn in jenen Zeiten war noch undenkbar, dass eine Frau Kriminaloberrat werden könnte. Aber die für ihre Zeit moderne und emanzipierte Charlotte hat sich in den Kopf gesetzt, dass sich genau dieser Umstand ändern muss. Das ist in der Serie zwar auch so, hier stammt sie aber aus der Proletarierschicht, weshalb sie mit noch viel fragwürdigeren Jobs Geld verdienen muss, um über die Runden zu kommen. Wobei ich das für die Serie nicht schlecht finde, das gibt dieser Figur einen noch ganz anderen Dreh: Diese Charlotte ist eine typische Berliner Pflanze, die sich mit totalem Einsatz und viel Chuzpe aus ihrer deprimierenden Hinterhof-Herkunft erst in die Liga der gebildeten Bürgertöchter hoch kämpfen muss.

Babylon Berlin: Charlottes Zuhause. Eine typische Arbeiterwohnung jener Zeit

Babylon Berlin: Charlottes Zuhause. Eine typische Arbeiterwohnung jener Zeit

Auf diese Weise können die Serienmacher auch die dreckige, dunkle Kehrseite der aufstrebenden Metropole Berlin zeigen, denn die Mehrheit der Bewohner der deutschen Reichshauptstadt lebte in engen, überfüllten Arbeiterwohnungen und nicht wie Gereon Rath in möblierten Zimmern im Vorderhaus oder gar wie Regierungsrat Benda einer großzügigen Villa. Aber damit ist die Solidarität mit der Arbeiterklasse auch schon wieder erschöpft: Zwar wird den Umtrieben der aufstrebenden Nazis in der Serie eine Menge Raum gegeben, im Polizeiapparat gibt es viele Rechte, die mehr oder weniger offen mit den Nazis sympathisieren, die illegalen Aktivitäten der schwarzen Reichswehr und die Kumpanei mit den Rüstungskonzernen, die aus eigenen Motiven an der heimlichen Aufrüstung Deutschlands interessiert sind, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Auseinandersetzungen mit den eher links organisierten Arbeitern kommen auch vor, vor allem die Unruhen vom 1. Mai 1929, der als Blutmai in die Geschichte eingegangen ist. 

Hier zeigen die Serienmacher zwar, was die spätere Auswertung der historischen Ereignisse zweifelsfrei ergeben hat, nämlich, dass die schwer bewaffnete Polizei unbewaffnete Arbeiter zusammengeschossen hatte, die entgegen des von Polizeipräsident Karl Zörgiebel verhängten Demonstrationsverbots den Aufrufen der KPD gefolgt und auf die Straße gegangen waren. Die Polizei beschoss auch Wohngebäude, an denen rote Fahnen aufgehängt worden waren. Es wurden 33 Zivilisten getötet und 198 verletzt, während kein einziger Polizist verwundet wurde – der einzige Polizist, der als angebliches Opfer der linken Gewalt präsentiert wurde, hatte sich die Schussverletzung versehentlich selbst beigebracht. Natürlich wurden diese Unruhen damals benutzt, um Stimmung gegen die Kommunisten zu machen, auch die SPD rechtfertigte die Polizeigewalt („Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“, immer wieder aktuell).

Das kommt alles so ähnlich auch in der Serie vor, allerdings wird aus dem mit den Sozialisten sympathierenden Arzt, der die Polizeikugeln aus unbeteiligten Opfern holt, ein wirklich unsympathisches Flintenweib, das ihrerseits später mit Morddrohungen um sich schmeißt. Musste das wirklich sein? Man hat doch damals schon so lange auf den Kommunisten rumgehackt, bis endlich mehr Leute die Nationalsozialisten gewählt haben. Kann man nicht endlich auch mal zugeben, dass die Kritik der Kommunisten an den für die Arbeiter ja nun wirklich nicht rosigen Verhältnissen durchaus begründet war? Immerhin hat sich wenige Jahre später brutalstmöglich herausgestellt, dass die Nazis eben nicht die bessere Alternative waren. Auch wenn es heute erschreckend viele Menschen gibt, die das schon wieder vergessen haben.

Babylon Berlin: Szene vom Blutmai 1929

Babylon Berlin: Szene vom Blutmai 1929

Es ist auch bezeichnend, dass die sonst so aufgeweckte Charlotte erstaunlich unpolitisch ist, wo sie doch schon aufgrund ihrer Herkunft durchaus mit der KPD sympathisieren könnte. Das wäre auch ein guter Ausgleich dafür, dass Gereon Rath trotz seiner Vorbehalte gegenüber den Nazis ein guter deutscher Beamter ist, der zwar heimlich Negermusik hört und wegen seiner Kriegstraumata morphinsüchtig ist, aber keineswegs revolutionäre Anwandlungen hat. Aber nein, so politisch die Serie sonst auch daher kommen will, immerhin darf die Witwe von Gereons im Krieg gefallenen Bruder bei einer Veranstaltung des Rüstungsfabrikanten Alfred Nyssen feststellen, dass der ja genau mit den Waffen, die ihren Mann getötet haben, ein gutes Geschäft gemacht hat, so flach bleibt sie in dieser Hinsicht ausgerechnet bei den beiden Hauptcharakteren. Da hilft auch die überstrapazierte Spannung nicht, wenn die beiden jeweils in scheinbar ausweglose Situationen geraten. Statt im Wasser versinkender Oldtimer und explodierender Güterwaggons wären mir intelligente Dialoge lieber. Nun ja, bevor meine Wunschliste, was ich gern einmal in einer deutschen Serie sehen würde, noch länger wird, mache ich Schluss.

Mein Fazit zu Berlin Babylon: Teurer, aber nicht besonders gut gelungener Versuch, aus einem akribisch recherchierten historischen Kriminalroman eine deutsche Erfolgsserie zu machen. Lohnt sich wegen der tollen Ausstattung und Darsteller aber trotzdem.

Sex, Drugs and Techno

Amazon hat inzwischen eine zweite deutsche Eigenproduktion im Angebot: Beat. Und Beat ist zum Glück nicht so schlecht wie You are Wanted, aber das heißt nicht sehr viel, denn der erste Serienversuch von Matthias Schweighöfer war wirklich nicht gut. Beat gefällt mir schon deutlich besser: Allein dass der Protagonist Robert Schlag (Jannis Niewöhner), der von allen nur Beat genannt wird, seit mindestens zehn Jahren täglich gegen das Betäubungsmittelgesetz verstößt, gibt der Serie den entscheidenden Kick, den Beat sich damit selbst verpasst: Er bringt die Welt in die Ordnung, in der er sie erträgt. Und der Tag ist voller Arschlöcher.

Amazons neue Serie: Beat mit Jannis Niewöhner Bild: Amazon

Amazons neue Serie: Beat mit Jannis Niewöhner Bild: Amazon

Damit Beat nicht allzu vielen Arschlöchern begegnen muss, macht er die Nacht zum Tag. Er feiert seine Nächte im coolsten Club Berlins durch und versorgt seine Gemeinde der Techno- und Tanzwütigen mit allem, was sie zum Feiern brauchen. Den Club hat er vor Jahren zusammen mit seinem besten Freund Paul (Hanno Koffler) gegründet. Im Gegensatz zu Beat hat Paul inzwischen aber Frau und Kind, er sorgt sich um seine bürgerliche Existenz, was Beat irgendwie als Verrat empfindet, auch wenn er seinen Freunden natürlich immer ein guter Freund ist. Richtig sauer wird Beat, als er erfährt, dass Paul aus finanziellen Gründen einen weiteren Geschäftspartner am Club beteiligt hat. Es handelt sich ausgerechnet um Philipp Vossberg (Alexander Fehling), der ein hohes Tier in einem internationalen Konzern ist, der mit zweifelhaften Geschäften Milliarden umsetzt.

Dass Vossberg der Kopf eines kriminellen Netzwerks von Waffen-, Drogen- und Menschenhändlern ist, vermutet auch der europäische Geheimdienst ESI. Deshalb wird die ESI-Agentin Emilia (Karoline Herfurth) auf Beat angesetzt: Sie soll den in der Berliner Subkultur gut vernetzten Beat dazu bringen, als Informant für ESI zu arbeiten und Vossberg und dessen Umfeld ausspähen. Dazu hat Beat allerdings wenig Lust, auch wenn er Vossberg nicht leiden kann. Aber Emilia und ihr Vorgesetzter Richard Diemer (Christian Berkel) verfügen als Geheimdienstler über allerhand Möglichkeiten, die auch den eigenwilligen Beat nicht unbeeindruckt lassen, so dass er schließlich, wenn auch widerwillig, mitmacht. Leider rutscht die Geschichte damit dann komplett in eine ziemlich krude Krimihandlung ab, was ich schade finde, denn es wäre ja theoretisch durchaus denkbar, ausnahmsweise mal eine Serie zu machen, die keine Krimiserie ist.

Beat (Jannis Niewöhner) in seinem Element Bild: Amazon

Beat (Jannis Niewöhner) in seinem Element Bild: Amazon

Warum nicht mal einfach eine Serie über schräge Vögel in der Berliner Clubszene? Da gäbe es doch Stoff genug, und man muss es ja nicht so bombastisch aufziehen wie es HBO mit The Get Down versucht hat. Es zeigt sich immer wieder, dass weniger mehr sein kann. Und melancholische Bilder von Zerfall und Niedergang gibt das Berliner Umland auch ohne die schrecklichen Dinge her, die sich die Serienmacher extra ausgedacht haben.

Klar gibt es viel Böses in der Welt, aber der Alltag ist doch auch so schon beschwerlich genug. Insbesondere, wenn man als Mensch, der nicht scharf auf eine bürgerliche Karriere mit anstrengendem Arbeitstag und Familienleben ist, damit klar kommen muss, dass man sich heutzutage in Berlin längst nicht mehr so gut durchschlauchen kann wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Das wäre meiner Ansicht nach ein geradezu unerschöpfliches Thema, das eine ganze Reihe Serien füllen könnte, wenn man nur kreative Menschen mit Tiefgang und Humor einfach mal machen lassen würde. Oder meinetwegen auch ohne Tiefgang aber mit Humor, wie das Team hinter Gutes Wedding Schlechtes Wedding.

Diemer (Christian Berkel) und Emilia (Karoline Herfurth) wollen Beat als Informant anwerben. Bild: Amazon

Diemer (Christian Berkel) und Emilia (Karoline Herfurth) wollen Beat als Informant anwerben. Bild: Amazon

Nun ist Beat nach einem vielversprechenden Auftakt aber leider doch wieder nur eine Krimiserie geworden, deren Handlung es so ähnlich schon mal in einem NDR-Tatort mit Cenk Batu (Mehmet Kurtuluş) gegeben hat, damals allerdings ohne Techno und Drogen. Und ohne RAF-Bezug. An sich finde ich es auch keine schlechte Idee, die letzten der RAF zugeschriebenen Morde, die allesamt nicht aufgeklärt wurden, für eine Serie aufzugreifen. Oder die Frage nach dem Verbleib der mutmaßlichen RAF-Mitglieder zu stellen, die nicht gefasst werden konnten. Aber in Beat wirkt das ziemlich an den Haaren herbeigezogen und das nervt. Nicht alle Eltern, die plötzlich verschwinden, müssen Terroristen sein. Ein Verkehrsunfall ist viel realistischer, das passiert gar nicht so selten.

Und nicht alle, die eine schwere Kindheit hatten, müssen als Psychopathen enden. Hier nervt die Serie mit einem weiteren, schon viel zu oft bemühten, Klischee, zumal die Figur des unheimlichen Jasper Hoff (intensiv und verstörend gespielt von Kostja Ullmann), nachdem sie mühevoll aufgebaut wurde, plötzlich fallengelassen wird. Vielleicht sollte man auch hierzulande mal versuchen, nicht einfach einen Drehbuchautor vor sich hinschreiben zu lassen, sondern ein Team von Autoren auf eine Serie anzusetzen, die gegenseitig auf sich aufpassen, dass sie sich nicht in immer weiteren Einfällen verheddern, sondern statt dessen vielschichtige und trotzdem plausible Charaktere entwickeln und für diese dann spannende und komplexe Handlungsbögen konstruieren, in denen nicht immer willkürlich neue Fässer aufgemacht, sondern auch mal etwas genauer analysiert und nachvollziehbar motiviert und, ja, der eine oder andere Handlungsstrang vernünftig zu Ende gebracht wird.

Der Serienspychopath Jasper (Kostja Ullmann) Bild: Amazon

Der Serienspychopath Jasper (Kostja Ullmann) Bild: Amazon

Alles in allem ist Beat aber trotzdem nicht schlecht, allein die Besetzung ist top, Jannis Niewöhner überzeugt als idealistischer Realitätsverweigerer, der immer mehr Drogen braucht, um die Grausamkeit des Alltags und der Welt zu ertragen. Bleibt zu hoffen, dass eine nächste deutsche Serie für den internationalen Markt noch besser wird.