Musik in Serie: Mozart in New York

In meinem Blog sind Drama- und Krimiserien hoffnungslos überrepräsentiert, vermutlich, weil mir die meisten Familien- und Comedyserien einfach zu blöd sind. Und definitiv nicht lustig genug – ich kapiere einfach nicht, was beispielsweise an OITNB dermaßen witzig sein soll. Obwohl es ja durchaus Netflix-Serien gibt, die ich richtig gut finde. Noch weniger verstehe ich, warum The Bing Bang Theory ein so durchschlagender Erfolg ist, dass es gefühlt jeden Tag irgendwo im Fernsehen läuft – ich glaube, Pro 7 lässt das als Endlosschleife laufen, weil es sonst einfach nichts gibt, was ähnliche Quoten erreicht. Dabei ist die Geschichte eigentlich nichts anderes als das gnadenlose Durchexerzieren sämtlicher Vorurteile, die es über Nerds und Blondinen gibt – da ist eigentlich nichts neu und auch nichts gut dran, auch wenn ich im Grunde nichts dagegen habe, dass mit Stereotypen und Vorurteilen gespielt wird.

Damit komme ich zu meiner aktuellen Neuentdeckung: Mozart in The Jungle. Diese Amazon-Original-Serie ist im Grunde auch eine Nerdserie, in der sämtliche Vorurteile und Stereotypen durchgespielt werden, die es über professionelle Musiker gibt – es handelt sich um eine Serie über die New Yorker Symphoniker, einem altehrwürdigen Klangkörper, dem ein junges aufstrebendes Genie neues Leben einhauchen will.

Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa Bild: amazon.com

Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa Bild: amazon.com

Rodrigo De Sousa (Gael Garcia Bernal) heißt der junge Wilde, der als Wunderkind schon früh zu Ruhm und Ehre gelangt ist und trotzdem noch eine hippieske Lebensfreude an den Tag legt. Die Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet sein Vorgänger Thomas Pembridge (Malcolm McDowell), ein Stardirigent alter Schule mit entsprechenden Allüren, den Jungen entdeckt hat, der nun den Ast absägt, auf dem Thomas es sich gemütlich machen wollte. Denn auch die New Yorker Symphoniker sind keine staatliche Institution, sondern ein Geschäft, das nur funktioniert, wenn sich immer wieder großzügige Sponsoren finden, die sich in der Rolle eines Förderers der schönen Künste gefallen. Das ist nicht so einfach – und bei aller Verehrung für den großen Maestro stehen alle auf das unkonventionelle junge Genie.

Gleichzeitig versucht die junge Oboistin Hailey Rutledge (Lola Kirke, ihre große Schwester Jemima Kirke spielt die Lebenskünstlerin Jessa in Girls) , den Fuß in die Tür zu einer Karriere in der klassischen Musik zu bekommen – ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen. Haileys Welt kennen wir aus der Serie Girls: Im Moloch New York gestrandete Möchtegern-Künstlerinnen, die sich an falschen Lebensentwürfen, anstrengenden Beziehungen und einem gnadenlosen Alltag abarbeiten, in dem man jeden Monat irgendwie Miete zahlen muss, auch wenn man nur eine Stelle als unbezahlte Praktikantin bekommt.

Nur ist Hailey aber tatsächlich ziemlich begabt und mit Leidenschaft bei der Sache, was auch Rodrigo erkennt – er macht Hailey, die als professionelle Instrumentalistin im Haifischbecken der Symphoniker noch keine Chance hat, zu seiner persönlichen Assistentin – Hailey wird schlecht bezahltes Mädchen für alles, dafür ist sie aber ganz nah dran an ihrem Lebenstraum. Also lernt sie, wie man Mate-Tee richtig zubereitet und steht rund die Uhr zur Verfügung, um ihren Meister auf Zuruf an die eigenartigsten Orte zu kutschieren.

Screenshot Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa: Ouvertüre 1812 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Screenshot Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa: Ouvertüre 1812 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Aber auch für die Veteranen ist es nicht so einfach – das ständige Üben, der stressige Lebensrhythmus eines Berufsmusikers, der genau dann arbeiten muss, wenn die anderen sich amüsieren gehen, all das hinterlässt Spuren – der eine hat inzwischen Kniescheiben aus Titan, die andere spritzt sich einen bedenklichen Medikamentencocktail gegen die chronische Sehnenscheidenentzündigung. Und dann sind da natürlich die ständigen Grabenkämpfe – der Gewerkschaftler besteht auf die Einhaltung der Pinkelpausen, gleichzeitig kämpfen die Musiker gegen eine Schlechterstellung bei der Krankenversicherung, an der die Orchestermanagerin bei den Neuen sparen will. Wo fängt Solidarität an, und wo hört sie auf? Die Frage stellt sich mittlerweile doch in so ziemlich jedem Betrieb für jede Belegschaft – das ist bei einem klassischen Orchester mit Weltruf keineswegs anders.

Genau das ist es auch, was mir gefällt, es geht eben nicht nur um abgedrehte Künstler und ihren verschobenen Blick auf die Welt, sondern um handfeste Probleme, mit denen jeder, der auf Lohnarbeit angewiesen ist, umgehen muss, sogar anerkannte Musikgenies mit Weltruhm. Hier gibt es auch immer wieder die Parallele zu Wolfgang Amadeus, der ja eben auch Geld verdienen musste und seine ganze wunderschöne Musik nicht nur so zum Spaß geschrieben hat. Trotzdem verlangen alle ganz selbstverständlich, dass sich die wahren Künstler mit heroischer Selbstausbeutung ihrer Kunst und damit der Erbauung und dem Vergnügen der anderen zu widmen hätten. Warum ist das eigentlich so?! Das fragen sich auch Hailey und ihr Freund, der eigentlich Tänzer werden will, aber irgendwann die Nase voll davon hat, sich nicht einmal regelmäßig vernünftige Mahlzeiten leisten zu können und ständig Angst vor der nächsten Verletzung zu haben. Man kann auch mit weniger Stress mehr Geld verdienen – aber was wird dann aus der Kunst?

Gleichzeitig wird die Kunst, in dem Fall die klassische Musik, als etwas gefeiert, das Grenzen überwinden und Menschen zusammenbringen kann – meine Lieblingsstelle bisher ist, als Rodrigo seine Musiker zu einer Konzertprobe irgendwo auf einem brachliegenden Grundstück zitiert, wo sie vollkommen überrascht und unvorbereitet vor den zunehmend interessierten Bewohnern der umliegenden Sozialwohnungsblocks die Ouvertüre 1812 von Tschaikowski spielen – die Musiker kennen dieses Stück sehr gut und sind auch ohne Noten und Vorbereitung total bei der Sache – aber, so bemerkt der gewerkschaftliche organisierte Orchesterrat: „Rodrigo, du weißt schon, dass das ein Auftritt war und keine Probe?“

„Ja, das war ein Auftritt und sogar ein ziemlich guter!“ sagt Rodrigo begeistert und räumt ein, dass er zwar ungenehmigt gewesen wäre, aber auch ungefesselt und sonst noch einiges un-. Es entwickelt sich eine spontane Nachbarschaftsparty mit den Musikern und der interessierten Nachbarschaft – aber irgendwelche Spielverderber haben die Bullen gerufen. Die lösen die Party schließlich auf und nehmen die Ruhestörer mit. Den Bullen vom NYPD ist scheißegal, ob das die New Yorker Symphoniker sind oder randalierende Kids. Also muss die ohnehin schon ständig am Nervenzusammenbruch entlangschrammende Orchestermanagerin Gloria ihre Stars aus dem Knast auslösen.

Doch es gibt noch einige andere Höhepunkte, und vor allem in der letzten Folge orchestriert Rodrigo ein versöhnliches Ende, nachdem er sich in den Kopf gesetzt hatte, ausgerechnet seine geniale, aber leider auch völlig durchgeknallte Ex-Frau Anna Maria als Solo-Violinistin zu besetzen, was wie erwartet grandios schief geht: Anna Maria bringt es einfach nicht über sich, vor diesen bourgeoisen Schlappschwänzen, vor diesen reichen, aber total bornierten Untoten zu spielen. Sie bricht nach wenigen Takten ab und lässt Rodrigo nach einer saftigen Publikumsbeschimpfung stehen.

Mozart In The Jungle: Hailey Rutledge (Lola Kirke, mit Oboe) und Cynthia Taylor (Saffron Barrows)

Mozart In The Jungle: Hailey Rutledge (Lola Kirke, mit Oboe) und Cynthia Taylor (Saffron Barrows)

Doch der hatte schon einen Plan B vorbereitet, eigentlich vor allem für Hailey, die von seiner ersten Oboistin Betty übel schikaniert wird, was Rodrigo jetzt wieder gut machen will: Er lässt alle Musiker für das große Eröffnungskonzert für die neue Spielsaison mit einer Limousine abholen – und Bettys Limousine fährt sie gepflegt ins New Yorker nirgendwo, so dass sie ihren Auftritt verpasst. Also muss die zweite Oboe zur ersten aufrücken und Hailey bekommt ihre verdiente Chance, sich mit diesen ungeplanten Einsatz als professionelle Oboistin zu beweisen – der umsichtige Rodrigo hat dafür gesorgt, dass ihre Freundin und Mitbewohnerin Lizzie rechtzeitig mit ihrem Instrument zur Stelle ist. Jetzt fehlt nur noch die Solo-Geige – Rodrigo beschließt, selbst Geige zu spielen, aber für das Solo sei er nicht gut genug – also bekommt die verbitterte erste Geige im Orchester ihre Chance.

Nun fehlt allerdings ein Dirigent. Doch zum Glück ist ja Thomas Pembridge in Saal, der von seiner Geliebten, der von seiner Geliebten Cynthia, die Cellistin im Orchester ist, in Kuba aufgespürt und nach Hause geholt wurde. Natürlich fühlt er sich geschmeichelt und in der Lage, das Violin-Konzern Sibelius zu dirigieren. So wird der Abend nach dem verpatzten Auftakt doch noch ein Erfolg und die erste Staffel von Mozart in The Jungle entpuppt sich als modernes Großstadtmärchen mit grandiosem Happy End. Das ist zwar nicht unbedingt realistisch, aber wunderschön und man hat genau wie Lizzie und der Musik-Blogger Bradford Sharpe am Ende des Konzerts Tränen der Rührung in den Augen. Ein paar Minuten heile Welt finde ich total in Ordnung – Mozart in The Jungle ist wirklich eine erfrischende Abwechslung.

Mein Tipp für alle, die nach einer unterhaltsamen Serie suchen, die keineswegs die Augen vor dem hässlichen und anstrengendem Alltag verschließt, aber sowohl ihren Protagonisten als den Zuschauern den einen oder anderen glücklichen Moment gönnt. Vielleicht gehe ich auch mal wieder in ein klassisches Konzert…

eps2.6_succ3ss0r.p1: Epische Dummheit

Für alle, denen die neue Staffel von Mr Robot bisher zu langweilig war, dürfte die neue Folge eps2.6_succ3ss0r.pdie Wende bringen – jetzt ist echt was los. Es handelt sich um die erste Folge, in der Elliot gar nicht auftaucht – aber wir wissen ja, dass er im Knast sitzt und gar nicht irgendwo auftauchen könnte. Was Trenton und Mobley aber offenbar noch nicht wissen, die in einem Ron’s Coffeeshop auf Elliot warten – allein, dass die Handlung an den Ort, an dem wir Elliot kennengelernt haben, zurückgekehrt ist, fand ich schon sehr vielversprechend und tatsächlich löst die neue Folge ihr Versprechen ein, denn sie war wirklich gut, bisher die beste der neuen Staffel.

Anstatt Elliot kommt nun Darlene in den Coffeeshop und verliest Elliots Statement, mit er uns zum Auftakt der Pilotfolge über eben jene Konspiration aufgeklärt hat, der er auf der Spur ist und die er brechen will, jene Konspiration, die größer sei als alles andere, die Verschwörung jener reichen und mächtigen Typen, die heimlich die Welt regieren, das oberste eine Prozent des obersten einen Prozents.

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1: Trenton (Sunita Mani) und Mobley (Azhar Khan)

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1: Trenton (Sunita Mani) und Mobley (Azhar Khan)

Jene ganz großen Jungs existieren wirklich, das wissen wir inzwischen auch, obwohl wir gleichzeitig natürlich auch wissen, dass Elliot ganz schön einen an der Waffel hat: Er ist depressiv und hat Angst vor anderen Menschen, gleichzeitig ist er ein Kontrollfreak, er hat Halluzinationen und redet mit seinem toten Vater. Und dann hat er auch noch ein massives Suchtproblem und lügt sich selbst und seiner gesamten Umwelt immer wieder die Hucke voll.

Aber gleichzeitig weiß Elliot ziemlich viel über diese Welt und hat interessante Schlüsse daraus gezogen: Er will dieses Gesellschaft, unter der er, und so viele andere Menschen mit ihm leiden, nachhaltig verändern. Er ist intelligent genug, zu tun, was die anderen von ihm erwarten, weshalb er ein so guter Lügner ist. Aber weil ihm eigentlich egal ist, was die anderen von ihm denken, kann er sehr ehrlich sein, was seine wahren Gefühle angeht. Genau dieser Gegensatz ist das Reizvolle an dieser Figur – Elliot sagt das eine und teilt uns gleichzeitig seine wahren Gedanken dazu mit.

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1: Trenton (Sunita Mani), Darlene (Carly Chaikin)  und Mobley (Azhar Khan)

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1: Trenton (Sunita Mani), Darlene (Carly Chaikin) und Mobley (Azhar Khan)

Blöd nur, dass der Menschenfreund Elliot dermaßen damit beschäftigt ist, seine eigene bessere Welt zu kreieren, dass er nicht mitkriegt, was andere Menschen vielleicht wirklich brauchen. In der ersten Staffel hat Elliot mit seinem Drang, das Richtige zu wollen und das Falsche zu tun, bereits einige Menschen in Bedrängnis gebracht, schlimmer noch: Er hat Shayla vor ihrem Dealer retten wollen und damit ihren Tod verschuldet. Inzwischen wissen wir, dass er vermutlich auch Tyrell Wellick umgebracht hat, der allerdings selbst ein Mörder und definitiv kein guter Mensch war.

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1: Der harte Kern von fsociety.

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1: Der harte Kern von fsociety.

Und wir wissen auch, dass er hinter dem Hack des Jahrhunderts steckt, der die ganze Welt ins Chaos gestürzt und für die allermeisten Menschen leider überhaupt nichts verbessert hat, im Gegenteil: Die Leute haben zwar keine Schulden mehr, aber Evil Corp existiert weiterhin, dieses Unternehmen ist dermaßen wichtig, dermaßen systemrelevant, dass die US-Regierung alles tut, um es am Leben zu halten, wenn auch nicht alles, was Philip Price verlangt. Statt mit Dollar wird wird jetzt halt mit der neuen E-Corp-Währung E-Coin gezahlt – das war bestimmt das Letzte, was Elliot sich gewünscht hat. Er und seine Freunde von fsociety waren so naiv zu glauben, dass mit dem Geld auch das damit verbundene Übel aus der Welt verschwinden würde, aber sie haben einfach nicht kapiert, was Geld tatsächlich ist: Zugriffsmacht nämlich, auf alle Dinge, die man zum Leben braucht. Und wer diese Macht hat, kann einfach definieren, in welcher Währung jetzt gezahlt werden muss – an der Verteilung der Vermögen hat sich nach Five-Nine ja eigentlich nichts geändert: Den Reichen geht es weiterhin gut, den Habenichtsen geht es weiterhin schlecht – und fsociety hat auch noch dazu beigetragen, dass beispielsweise der Ladenbesitzer an der Ecke jetzt Pleite ist, weil einfach nicht mehr genug Leute genug Geld haben, um die Dinge des täglichen Bedarfs zu kaufen.

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1: Klar hatte Edward Snowden recht. Es ist nur alles noch viel schlimmer.

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1: Klar hatte Edward Snowden recht. Es ist nur alles noch viel schlimmer.

Insofern ist vollkommen nachvollziehbar, dass es Elliot jetzt wirklich schlecht geht und es war streckenweise auch nicht einfach, ihm dabei zuzusehen, wie er im Kampf mit sich selbst und zusätzlichen neuen Feinden immer wieder über die Grenzen des Erträglichen geht. Erstaunlich ist eher die Zähigkeit, mit der sich immer wieder aufrappelt, um den nächsten Schlag einzustecken.

In dieser Folge müssen sich aber Elliots Mitverschwörer mit den Folgen ihrer Tat auseinandersetzen. Das FBI ist auch Mobley, Trenton und Darlene auf der Spur. Vor allem der paranoide Mobley ist längst auf der Suche nach einer Exitstrategie – er traut Darlene und ihrem verrückten Bruder ja spätestens seit er den toten Romero gefunden hat, nicht mehr über den Weg. Mobley will Trenton überreden, aus New York zu verschwinden, aber Trenton will ihre Familie nicht verlassen. Für wen hat sie das alles denn getan?

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1: Angela (Portia Doubleday)

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1: Angela (Portia Doubleday)

Doch die Kerntruppe von fsociety arbeitet zunächst an der weiteren Demontage wichtiger Institutionen: Durch ihren gelungenen FBI-Hack können sie eine Telefonkonferenz mitschneiden, in der die FBI-Chefs mal so richtig vom Leder ziehen: Natürlich werden Millionen US-Bürger anlasslos überwacht. Alles, was Edward Snowden gesagt hat ist wahr, und das hier ist noch schlimmer. Edward Snowden taucht auch kurz auf einem Bildschirm auf, er sagt ausgerechnet, dass er sich nicht um die Freiheit der Rede schere, weil er nichts zu sagen hätte.

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1: Susan Jacobs (Sandrine Holt)

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1: Susan Jacobs (Sandrine Holt)

Nachdem Darlene und ihre Mitstreiter ihre FBI-Enthüllungen in einem neuen Video veröffentlich haben, kehrt Madam Executioner in ihr schickes New Yorker Haus zurück, das fsociety zum ihrem Hauptquartier gemacht hat. Damit nimmt ein weiteres Verhängnis seinen Lauf: Darlene kennt Susan Jacobs (Sandrine Holt) sehr gut, sie will seit ewigen Zeiten den Tod der Chef-Justiziaren von Evil Corp. Als sie vier war, hat sie gesehen, wie Susan Jacobs während des Prozesses um den Tod ihren Vaters gelacht hat – sie hatte ja gut lachen, denn wir wissen, dass die Klage damals niedergeschlagen wurde, weil nicht bewiesen werden konnte, dass E-Corp von der Verstrahlung seiner Mitarbeiter gewusst hat. Damit haben die Familien der an Krebs verstorbenen E-Corp-Leute auch keine Entschädigung bekommen. Klein-Darlene hat das nicht vergessen und lange auf diese Gelegenheit gewartet.

Während die anderen noch diskutieren, wie mit Susan Jacobs, die sie ans Geländer ihres Swimmingpool gefesselt haben, weiter zu verfahren sei und ihre Handys und Computer nach für eine handfeste Erpressung tauglichen Dingen durchsuchen, ist für Darlene längst klar, was passieren wird. Sie schneidet Susans Fesseln durch und erklärt ihr, wer sie ist und warum sie beide jetzt hier sind.

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1

Dann nimmt Darlene ihren Elektroschocker, betäubt Susan und sieht zu, wie sie in ihrem eigenen Schwimmbecken ertrinkt. Sofern sie nicht ohnehin schon tot war – Susan hatte offenbar auch ein Herzproblem, wie die anderen inzwischen herausgefunden haben. Darlene behauptet zwar, nichts davon gewusst zu haben, aber die anderen kapieren natürlich sofort, dass Darlene Susan absichtlich getötet hat. Genau wie ihr Bruder ist Darlene jetzt also eine Mörderin. Ob ihr Vater das tatsächlich gewollt hat?

Darlene sagt Mobley und Trenton, dass sie abhauen sollen – sie und Cisco werden sich darum kümmern, die Leiche wegzuschaffen und Spuren zu verwischen. Genauso machen sie das auch – Mobley und Trenton suchen das Weite, Cisco hilft Darlene, Susans Leiche wegzuschaffen. Dafür nutzen sie das bereits bekannte Tier-Krematorium – Darlene hat ja Zugriff auf Susans E-Coins und ist auch sonst sehr überzeugend.

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1

Aber abgesehen von Darlenes (irgendwie ja auch Elliots) persönlicher Rache ist die Sache, obwohl sie weitgehend nach Plan verlaufen ist, ziemlich schief gegangen. „What we did was colossally fucking stupid and we can’t afford not to realize that anymore“ fasst Mobley die Situation zusammen. Nein, sie können es sich definitiv nicht mehr leisten, nicht zu erkennen, dass sie etwas kolossal verdammt Dummes getan haben. Kommen sie da je wieder raus, oder werden sie jetzt alle wie Romero mit einer Kugel im Kopf enden? Oder wie Elliot im Knast landen? Oder noch schlimmer?

Darlene findet heraus, dass Cisco sie offenbar an die Dark Army ausliefern will – was erstmal nicht so gut für Cisco ausgehen wird.

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1

Screenshot eps2.6_succ3ss0r.p1

Einzig für Angela scheint es derzeit gut zu laufen – sie versucht zumindest, sich am 4. Juli beim Karaoke zu amüsieren und singt „Everybody Wants To Rule The World“, ach ja, Tears for Fears, das waren noch Zeiten. Sie lässt ihr eigentliches Date, jenen netten jungen Schwarzen, zugunsten alter Kerle sitzen – es stellt sich allerdings heraus, dass der nette Typ sich offenbar im Auftrag des FBI an Angela herangemacht hat: Er beschwert sich bei Agent DiPierro, dass Angela eine uneinnehmbare Festung sei und er sich irgendwie traumarisiert fühle. Angela hingegen erklärt einem alten Freund ihres Vaters, der sie zufällig trifft und ihr gleich mit einer Moralpredigt kommt, weil sie nun offenbar zur Gegenseite übergelaufen sei, dass sie im Gegensatz zu ihm jung und erfolgreich wäre und gerade erst anfange. Und dann macht sie weiter und lässt sich von Duck Phillips (Mark Moses) aus Mad Men einladen.

Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es mit Angelas Karriere jetzt einfach so weiter geht. Zum einen ist sie sowohl an Five-Nine als auch am aktuellen FBI-Hack direkt beteiligt, zum anderen nehme ich ihr nicht ab, dass sie tatsächlich einfach nur Karriere machen will.  Aber ein paar Folgen haben wir ja noch.

eps2.5_h4ndshake.sme: Wer macht was?!

In der aktuellen Episode eps2.5_h4ndshake.sme gibt es dieses Mal keine spannenden Hacks, dafür aber einige längst überfällige Antworten – um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Mr Robot rückt endlich damit raus, dass er Tyrell Wellick erschossen hat – weil er keine andere Wahl hatte. Tyrell sei völlig abgedreht, nachdem Mr. Robot die Scripts für den Nine-Five-Hack gestartet hatte, von wegen gottgleich und so weiter. Und als Tyrell sich über den Mord an Sharon ausgelassen hatte, hätte er auch noch über weitere Morde fantasiert – der Mann war verrückt und musste unbedingt gestoppt werden. Elliot erinnert sich jetzt auch daran und korrigiert Mr. Robot hingehend, dass er selbst Tyrell erschossen habe: Es gab einfach keine andere Möglichkeit.

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Joanna Wellick (Stephanie Corneliussen)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Joanna Wellick (Stephanie Corneliussen)

Gut, das hatte ich mir ohnehin schon gedacht. Denn Elliot wusste ja, wo Darlene die Waffe versteckt hatte.

In dieser Folge wird aber eine noch erschütterndere Wahrheit über Elliot ans Tageslicht kommen. Doch die interessanteste Entwicklung gibt es meiner Ansicht nach bei Angela – Angela beweist gegenüber Agent DiPierro jetzt doch eine bewundernswerte Nervenstärke und schafft es, eine einleuchtende Erklärung für ihren Ausflug in den 23. Stock zu finden, die bei entsprechender Überprüfung sogar wasserdicht seit wird: Dieser Agent Dingsbums hat ihr ja nun tatsächlich ein Lunch-Date abringen können. Beim Griechen, gleich um die Ecke.

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek)

Trotzdem ist Dom nicht überzeugt: Sie erklärt Angela, dass sie von ihrer Karriere total fasziniert sei: Eine Woche vor dem Five-Nine-Hack wechselt Angela von Allsafe zu E-Corp und steigt hier erstaunlich schnell in Schlüsselpositionen auf. War sie einfach nur rechten Zeit am rechten Ort? Kaum zu glauben: Ein solches Ausmaß an glücklichen Zufällen ist nun wirklich ziemlich unwahrscheinlich. Keine Frage, Dom ist davon überzeugt, dass Angela in den Five-Nine-Hack verwickelt ist. Und wir wissen ja, dass Dom damit richtig liegt, auch wenn sie vermutlich noch keinen Schimmer hat, auf welche Weise Angela tatsächlich daran beteiligt ist.

Und es stellt sich auch heraus, dass Angela auf jeden Fall noch etwas bei E-Corp vor hat – sie bittet Philip Price, sie in eine andere Abteilung zu versetzen, nämlich eine, in der sie Zugriff auf Akten über aktuelle Schadensfälle hat, die E-Corp krisenmanagementmäßig behandeln muss, Fälle wie den Giftmüllskandal in Washington Township. Aktuell geht es um einen Fall mit kontaminiertem Wasser – wird hier auf den tatsächlichen Trinkwasser-Skandal in Flint angespielt?

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Darlene (Carly Chaikin)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Darlene (Carly Chaikin)

Wie auch immer – Angela bringt sich in Stellung, was etwas verwundert, denn ausgerechnet sie will nun die Washington-Township-Klage fallen lassen: Es sei doch gar nicht gesagt, dass E-Corp noch lange genug existiere, um überhaupt noch Schadensersatz zu zahlen. Angelas Vater ist entsetzt: Was ist mit seiner Tochter los? Hat sie sich nach ihrem jahrelangen Kampf um Gerechtigkeit für ihre früh verstorbene Mutter jetzt von deren Mördern kaufen lassen? Oder hat sie, wie Philip Price vermutet, ebenfalls eine geheime, kleine, dreckige Agenda? Wie jeder Mensch im Universum von Philip-Price eine hat?

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Dom DiPierro (Grace Gummer)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Dom DiPierro (Grace Gummer)

Denn Price hat nun schließlich eine – was dealt er unter dem Tisch eigentlich mit Whiterose aus? Und noch viel interessanter: Worauf ist Whiterose eigentlich aus? Schwer vorstellbar, dass ein antikapitalistischer Hacker und der Sicherheitsminister einer in der kapitalistischen Konkurrenz in der Welt aufstrebenden Volksrepublik China dasselbe Ziel haben könnten. Aber wie wir wissen, handelt es sich um ein und die selbe Person – aber selbst wenn sie, wie Elliot in mehrere alternative Persönlichkeiten aufgespalten ist: Elliot und Mr. Robot unterscheiden sich nur durch die Mittel ihrer Wahl, nicht aber in ihren Zielen. Sie beide wollen die Menschen aus der Knechtschaft der Lohnarbeit, aus Schuldknechtschaft, letztlich also vom Kapitalismus befreien (auch wenn das leider so nie formuliert und ausgeführt wird, aber wenn das nicht das Ziel sein sollte, wäre alles, was Elliot und fsociety angestoßen haben, komplett sinnlos). Was dagegen die Dark Army vor hat und was Philip Price, ist viel weniger klar. Ich wäre schwer enttäuscht, wenn es das naheliegende wäre: Einfach ein gutes Geschäft zu machen. Das will jeder – aber dafür braucht es keine neue Serie, die Predigt hören wir gerade von fuckin‘ Donald Trump.

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Angela (Portia Doubleday)

Aber zurück zu Angela: auf jeden Fall arbeitet sie wie wir jetzt wissen, mit Darlene und ihren Anarcho-Freunden von fsociety zusammen, auch wenn Angela Darlene klar macht, dass sie Angela die ganze Zeit unterschätzt habe. „Ihr dachtet immer, ihr wäret so viel schlauer als ich!“ Aber auch Darlene und ihre schlauen Freunde waren auf Angelas Hilfe angewiesen, um das FBI zu hacken. Angela hat nun bei Darlene etwas gut – aber umgekehrt hat ihr Elliot auch wieder den Arsch gerettet, weil er hinter dem Masterplan für den Hack steht. Hier ist wirklich nicht klar, wer wem was schuldet – aber ich finde, dass das eigentlich auch scheißegal ist – wegen E-Corp sind Angela, Darlene und Elliot in dieser Scheiße gelandet. Und so unterschiedlich sie auch agieren mögen – eigentlich haben sie doch ein gemeinsames Interesse.Und ich hoffe, dass sie sich auch darauf besinnen, wenn es drauf ankommt. Aber das ist jetzt wieder mein persönliches Interesse.

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Mr. Moss (Don Sparks)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Mr. Moss (Don Sparks)

Ach ja, Joanna Wellick kommt auch wieder vor – erst wird sie nicht zu unrecht als Kapitalistenschwein beschimpft und mit roter Farbe angegriffen, dann setzt ihr neuer Lover sie unter Druck – wenn sie nicht endlich als seine Freundin mit auf seine  Geburtstagsparty heute Abend kommt, ist Schluss. Derek will sich nicht mehr als Toyboy vorführen lassen – und siehe da, Joanna kommt zwar nicht mit auf die Party, sondern überreicht ihm ihren Scheidungsantrag. Weiß sie vielleicht doch, dass Tyrell tot ist? Doch von wem kommen dann die ganzen Aufmerksamkeiten, mit denen irgendjemand weiterhin um ihre Aufmerksamkeit, um ihre Liebe buhlt? Unwahrscheinlich, dass sie von Elliot kommen. Hat vielleicht Whiterose ihre Hand im Spiel?

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek)

Zumindest hat Whiterose einen sehr langen Arm, wie sich heraus stellt, denn Elliots neuer Freund Leon entpuppt sich als sein persönlicher Beschützer, der Elliot im Auftrag von Whiterose Ärger vom Leib hält. Denn – wie immer jetzt dieses Ding mit Ray und seiner Darknet-Plattform abgelaufen ist (ich persönlich halte es für ziemlich ausgeschlossen, dass jemand eine solche Plattform unterhalten kann, ohne zu kapieren, was da eigentlich abgeht, aber wenn Ray behauptet, es Langezeit nicht gewusst zu haben) – Elliot hat echt Stress deswegen. Wie  wir wissen, deshalb sieht er ja auch so ramponiert aus. Interessanterweise sieht er das in den aktuellen kompromittierenden Szenen aber nicht – weshalb ich zu der Annahme neige, dass Elliot auch die Konfrontation mit Ray nur erfunden hat. Aber um sich damit vor was zu schützen?

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Krista (Gloria Reuben)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Krista (Gloria Reuben)

Den Kniff mit seiner Therapeutin finde ich ziemlich gut: Krista sagt Elliot, dass er doch ziemlich genau wisse, wo er jetzt tatsächlich sei – er soll aufhören, so zu tun, als sei er bei seiner Mutter: Diese strikte Tagesordnung, die er am Anfang der neuen Staffel angeblich für sich selbst erfunden habe, diene nur dazu, ihm seinen tatsächlichen Alltag erträglich zu gestalten: Elliot ist im Knast. Vermutlich durch diese Ray-Aktion, von der ich noch immer gespannt bin, wie sie tatsächlich zustande kommen ist: Wo hat Elliot Ray getroffen? Vermutlich im Gefängnis. Aber wie hatten sie da Internetzugang?

Es gibt viele Gründe dafür, dass Elliot im Knast ist – spannend wird sein, wofür er tatsächlich eingefahren ist. Und auch, warum er jetzt bald wieder rauskommt – genau das legt sein Dialog mit Krista ja nahe: Er darf wieder raus, auf Bewährung. Hat er Ray ausgeliefert?

Wie auch immer: Es bleibt spannend!

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek) und Krista (Gloria Reuben)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek) und Krista (Gloria Reuben)

The Get Down ist das bessere Vinyl

Rückwirkend scheinen die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein einziger knallbunter LSD-Trip gewesen zu sein, unterlegt mit einem fantastischen Soundtrack. Mit der Retroserie Vinyl haben Terrence Winter und Martin Scorsese versucht, diese Stimmung einzufangen – was aber nur bedingt gelungen ist, letztlich ist Vinyl dann doch nur eine eher mittelere Mafia-Serie in lustig und mit jeder Menge Stars aus den 70ern geworden – fast ausschließlich weißen Stars, wohlgemerkt.

The Get Down: This boardwalk is my little prairie  Bild via Netflix

The Get Down: This boardwalk is my little prairie Bild via Netflix

Netflix hat jetzt richtig viel  Geld in die Hand genommen (das Budget soll an das der ebenfalls sehr teuren HBO-Serie Game of Thrones herankommen und bei um die 10 Millionen Dollar pro Folge liegen) und einen schwarzen Gegenentwurf dazu verfilmt: Die Retro-Musik-Serie The Get Down erzählt von der Geburtsstunde des Hiphop in der Bronx – lange bevor das Ding diesen Namen bekam. Und auch wenn The Get Down gerade in ersten Teil, der zwar nicht ganz so überdimensioniert ist, wie die Pilotfolge von Vinyl es war, einige Fehler von Vinyl wiederholt – streckenweise gleicht die Inszenierung einem bombastischen Videoclip, der nicht nur ein paar Minuten, sondern gefühlt Stunden dauert – so ist die Geschichte hier doch deutlich besser: Es geht hier nämlich nicht um ein paar abgehalfterte weiße Koksnasen, die ihre Pfründe nicht aufgeben wollen, sondern um ein paar in der gnadenlosen US-Gesellschaft vergleichsweise chancenlose schwarze Jungs, die in der total runtergekommenden Bronx ihren Traum von einem besseren Leben verwirklichen wollen – und zwar mithilfe dieser neuen Musik, die daraus entsteht, dass sie vorhandene Musik nehmen und mittels zwei Plattenspielern neu zusammensetzen – und ihren Frust über die Welt auf dem daraus entstehenden Beat ins rhytmisch Mikrofon rotzen.

The Get Down: Grandmaster Flash erfindet den Hiphop

The Get Down: Grandmaster Flash erfindet den Hiphop
Bild via Netflix

The Get Down zeigt die Ghetto-Version der 70er-Musik-Geschichte, hier, in den von der Politik aufgegebenen Gebieten von New York sieht man kein einziges weißes Geschichte mehr, hier wohnen nur noch Schwarze und Latinos in heruntergekommenen Mietskasernen. Das ist in der für meinen Geschmack etwas zu musicalartigen Inszenierung zwar in erster Linie Kulisse, in der die Protagonisten gemessen an ihren beschissenen Lebensumständen noch erstaunlich viel Spaß haben, wirkt aber trotzdem deutlich realistischer als dieses eigenartige 70er-Jahre Holodeck, in dem Vinyl spielt.

Der verträumte Zeke (Justice Smith)  hat früh seine Eltern verloren und wächst bei seiner Tante und ihrem Freund auf – er ist ein begabter Dichter, der sich in der Schule vor den anderen für genau dieses  Talent schämt, dort dominieren die coolen und harten Jungs, die Graffisprayer, die Gangmitglieder. Und dann ist Zeke auch noch verliebt – in die schöne Mylene Cruz (Herizen F. Guardiola), die ihre Wahnsinnsstimme auf Geheiß ihres strengen Vaters, der Prediger ist (und von Giancarlo Esposito gespielt wird) nur in der Kirche zu Ehre Gottes erklingen lassen soll. Aber auch Mylene hat einen Traum – sie will Sängerin werden, und war nicht im Gospelchor.

The Get Down: Zeke und seine Gang Bild via Netflix

The Get Down: Zeke und seine Gang
Bild via Netflix

Zu diesem Zweck wird sie sich mit ihren Freundinnen in den heißesten Club in der Bronx schmuggeln, um dort den wöchentlichen Tanzwettbewerb zu gewinnen und damit vielleicht die Aufmerksamkeit des derzeit angesagtesten DJs zu gewinnen – der ihr dann ein Vorsingen bei seiner Plattenfirma verschaffen soll. Während Mylene aufgrund ihrer Stimme und ihres Aussehens eine gewisse Chance hat, diesen Plan umzusetzen, sieht es für Zeke ziemlich übel aus. Aber Zeke greift nach dem rettenden Strohhalm – wenn er die überaus seltene Platte mit der bestimmten Version von Mylenes Lieblingssong besorgen kann, wird Mylene gar nicht anders können, als mit ihm zu tanzen und gemeinsam werden sie diesen Tanzwettbewerb ganz bestimmt gewinnen!

The Get Down: Zeke im Glück

The Get Down: Zeke im Glück
Bild via Netflix

Zeke findet diese Platte sogar, doch bevor er sie käuflich erwerben kann, wird der Plattenladen von der örtlichen Gang überfallen, die ein höheres Schutzgeld kassieren will. Und bevor Zeke sich verdrücken kann, kommt noch eine dritte Partei ins Spiel: Shaolin Fantastic (Shameik Moore) – ein offensichtlich von Bruce Lee inspirierter früher Parkour-Künstler, der mit seinen roten Puma-Turnschuhen höchst elegant über die Dächer der Bronx turnt. Er reißt Zeke die Platte aus den Händen und turnt davon – verfolgt von der wütenden Meute und von Zeke, der jetzt auf keinen Fall aufgeben wird – und Zekes Hartnäckigkeit wird am Ende belohnt – nach einer halsbrecherischen Jagd über die Dächer brennender Häuser muss Shaolin die Platte loslassen, um nicht in die Tiefe zu stürzen – und das begehrte Stück fällt Zeke direkt vor die Füße. Jetzt muss sich Zeke nur noch schick machen – sein bester Freund besorgt ihm Ausgehgarderobe seines Musiker-Vaters – und noch irgendwie am Türsteher vorbeikommen.

Im Les Inferno geht es derweil hoch her – es ist die Hochzeit der Disco-Tanzhits und hier wird im sexy Glitzerkleid und schniekem weißen Dreiteiler samt schräg am Kopf festgetackertem Hut eine heiße Sohle aufs Parkett gelegt. Mylene hat längst die Aufmerksamkeit von Supertänzer Cadillac (Yahya Abdul-Mateen II) erregt, der aber ganz andere Sachen von ihr will, als sie sich vorgestellt hat. Nein, so eine ist sie nicht.

The Get Down: Mylene (Herizen F. Guardiola) und ihre Freundinnen

The Get Down: Mylene (Herizen F. Guardiola) und ihre Freundinnen

Draußen vor der Tür hat Shaolin Zeke entdeckt – und fordert jetzt seine Schallplatte zurück. Schließlich hat er sie zuerst geklaut und er braucht sie für einen Get Down später am Abend. Aber Zeke gibt das gute Stück nicht her, selbst, als Shaolin ihm mit allerlei Kung-Fu-Firlefanz furchtbare Prügel androht. Zeke erklärt, dass er verliebt sei und diese Platte seine einzige Chance ist. Wenn Shaolin sie ihm wegnehmen wolle, könne er ihn auch gleich umbringen. Und weil die Sache ohnehin aussichtlos ist, rappt Zeke noch eine eindrucksvolle Beschimpfung zusammen.

Shaolin ist beeindruckt: So einen furchtlosen Meister der Worte hat er gesucht, um sich als DJ einen Namen zu machen. Er bietet Zeke an, ihn in den Club zu bringen – Shaolin ist dort gern gesehen, weil er die komplette Mannschaft mit Koks versorgt. Doch obwohl Zeke es ins Les Inferno schafft, der DJ die Platte auflegt und Mylene freudig überrascht ist, Zeke zu sehen, endet der Abend erstmal in einem überaus blutigen Desaster, denn nicht vergessen, wir sind in der Bronx, und die war in den 70er Kriegsgebiet.

The Get Down: Shaolin Fantastic (Shameik Moore) auf der Flucht

The Get Down: Shaolin Fantastic (Shameik Moore) auf der Flucht
Bild via Netflix

Natürlich gibt es in The Get Down auch ein bisschen Politik: Das New York der 70er Jahre ist eine hoffnungslose Stadt, pleite und fest in der Hand korrupter Eliten. Nachdem die Stadt 1975 offiziell bankrott war, wurde dort genau das gemacht, was die Politik in Zeiten der Krise immer macht: Staatsbedienstete rausschmeißen, also nicht die Politiker natürlich, die für die Misere zuständig sind, sondern Lehrer, Sozialarbeiter, Polizisten, Krankenpfleger oder Feuerwehrleute, Sozialausgaben kürzen, privatisieren, also staatliche Aufgaben wie die Wasserversorgung oder die Müllabfuhr an private Halsabschneider deligieren. Und natürlich wird dadurch alles immer nur noch schlimmer: Je mehr Menschen ihre Jobs und damit ihre Existenzgrundlage verlieren, desto stärker werden die Spannungen in der Gesellschaft – nur Gewalt und Verbrechen nehmen einen rasanten Aufschwung, während alles, was bisher noch funktioniert hat, vor die Wand gefahren wird.

The Get Down: Politiker und ihre Visionen Bild via Netflix

The Get Down: Politiker und ihre Visionen
Bild via Netflix

Immer wieder werden in die Handlung originale Fernsehbeiträge aus jener Zeit in die Handlung montiert, Bilder, die brennende Häuser, vergebliche Feuerwehreinsätze, verwahsloste und total vermüllte Straßen oder auch wütende Proteste aufgebrachter Bürger zeigen. Überhaupt fackelt in fast jeder Außenszene von The Get Down irgendwo im Hintergrund ein Haus ab – die Hauseigentümer brennen ihre Häuser lieber nieder, statt sie instandzusetzen. Stattdessen wollen sie neue Hochhäuser bauen, mit denen sie eine bessere Rendite erzielen können. Und weil die Stadt aus Budgetgründen eine Feuerwache nach der anderen geschlossen hat, werden diese Feuer nicht mehr gelöscht, sondern fressen sich Block um Block ganze Straßenzüge entlang.

Kein Wunder, dass die Stimmung in der Stadt einer Party auf dem Vulkan gleicht – Zeke und seine Freunde haben nichts zu verlieren und befinden sich genau deshalb im permanenten Kampf ums Überleben – genau daraus schöpfen sie aber die Energie, von der diese Serie lebt.

The Get Down: Sonntagsessen bei Familie Cruz Bild via Netflix

The Get Down: Sonntagsessen bei Familie Cruz
Bild via Netflix

Unheimliche Begegnungen der dritten Art

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes

Die ersten 20 Minuten der neuen Folge von Mr. Robot sind ein einziger langer WTF-Moment – wobei ich mir den gleich im Anschluss noch einmal ansehen musste: Schrecklichstes End-80er-Anfang-90er-Fernsehen, in exakt dem Format und der Auslösung, in der wir damals eben auch fern sehen mussten. Aber wir waren ja nichts anderes gewöhnt. Elliot ist in einer Anfang-90er-Sitcom gelandet und sitzt neben seiner entsprechend gestylten Schwester Darlene, die auf einem historischen Gameboy-Modell von Nintendo spielt – auf dem Display sieht Elliot allerdings jene schreckliche Szenen, in denen er von Rays Leuten zusammengeschlagen wird. „Schau immer schön nach vorn, auf die Straße vor dir!“ sagt sein Vater, der am Steuer sitzt, daneben Elliots Mutter, wie immer rauchend.

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: Familienausflug der Aldersons

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: Familienausflug der Aldersons

Die Aldersons sind auf einem Familienausflug und unterhalten sich, wie man das ein einer Sitcom so tut, sie machen Witze über Elliot und über sich gegenseitig, und das Publikum lacht vergnügt. Nur Elliot ist mit der Situation nicht so richtig zufrieden, er will wissen, was hier vorgeht, aber nun ja, alle wissen, dass Elliot nicht ganz dicht ist und behandeln ihn entsprechend. Wobei die Witze immer fieser werden und Mutter Alderson die schnippische Darlene schließlich wiederholt  k.o. schlägt.

Als sie zum Tanken anhalten und Elliot im Tankstellenshop ALF begegnet, wundert man sich sowieso über nichts mehr – Elliots Eltern nehmen nur schnell noch die Gelegenheit war, ein paar Säcke voll Naschwerk und Zigaretten zu klauen – nachdem sie Angela, die auf gutem Weg zur Tankstellen-Chefin ist, mit Pfefferspray aus dem Verkehr gezogen haben. Ach ja, sie haben auch noch Tyrell Wellick im Kofferraum, im alternativen-Sitcom-Vorspann zu Mr. Robot als „Special Guest Star: Man in The Trunk“ angekündigt. Und der tote Gideon hat einen skurrilen Gastauftritt als Cop – aber er wird leider gleich wieder von ALF überfahren.

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: Außerirdische unter sich

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: Außerirdische unter sich

Am Ende stellt sich natürlich heraus, dass Elliots Hirn sich das alles zusammenfantasiert, um dem Schmerz zu entgehen, der, nachdem er im Krankenhaus zu sich kommt, über ihn herfällt. Dieses Mal sieht Elliot wirklich ramponiert aus – Rays Schläger sind offenbar gut darin, ihren Opfern Schmerz zuzufügen. Ray macht Elliot in einem langen Monolog über seinen kranken Hund noch einmal ausdrücklich klar, wer hier der Boss ist – die Folge heißt schließlich nicht zufällig eps2.4_m4ster-s1ave.aes.

Derweil versuchen Darlene, Mobley und Trenton Angela binnen 24 Stunden das Hacken beizubringen – denn mit einfach ein Gerät in den 23. Stock zu stellen, wie Darlene Angela den Job schmackhaft machen wollte, ist es natürlich nicht getan. Schließlich muss die Femtozelle erst mal aktiviert und sowohl mit dem Netzwerk im Gebäude als auch mit dem WLAN verbunden werden, mit dem Darlene auf den Datenverkehr innerhalb der Mobilfunkzelle zugreifen will.

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: Gideon als Cop

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: Gideon als Cop

Angela ist zwar motiviert und gibt sie wirklich Mühe, aber sie hat von dem, was sie da tun soll, nicht allzu viel Ahnung. Aber weil nach dem Attentat auf die FBI-Delegation in China Alarmstimmung herrscht, soll das FBI-Büro in E-Corp-Gebäude wieder aufgelöst werden. Darlene und ihre Leute müssen also sofort handeln, sonst ist die Chance, gerade noch rechtzeitig ins FBI-Netzwerk einzudringen, für immer verspielt. Das Mobilfunkgerät, mit dem die Femtozelle aufgespannt werden soll, liefert ausgerechnet Darlenes Ex-Freund Cisco über seine chinesischen Dark-Army-Kontakte. Die haben ihm bei der Gelegenheit allerdings noch einmal nachdrücklich klar gemacht, dass er zu viele Fragen stellt und sich bitte schön dran erinnern soll, wem seine Loyalität gelten sollte – Cisco wird zwar nicht so misshandelt wie Elliot, aber gemein sind die Chinesen auch.

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: So installiert man eine Femtozelle

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: So installiert man eine Femtozelle

Angela erkennt in Cisco natürlich den Typ wieder, der ihr diesen ganzen Ärger überhaupt eingebrockt hat. Aber sie bleibt dabei und sie schlägt sich ziemlich gut, auch wenn bei ihrer riskanten Operation nicht alles glatt geht. Angela ist zwar nicht so cool und nervenstark wie Darlene und ihre Hackerfeunde, aber sie ist fokussiert genug, um auch bei unerwarteten Schwierigkeiten durchzuhalten. Am Ende funktionieren sowohl die Femtozelle als auch das Netzwerk der Hacker – die Frage ist nur, was wird, wenn das alles rauskommt, spätestens, wenn das Büro geräumt wird, werden die Geräte schließlich auffallen. Angela ist von mehreren Leuten gesehen worden, vermutlich wird ihr nicht viel nützen, dass Darlene sie daran erinnert hat, ihre Fingerabdrücke überall abzuwischen.

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: Agent DiPierro wollte Angela nicht stören.

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: Agent DiPierro wollte Angela nicht stören.

Agent DiPierro will  ohnehin mit Angela sprechen – schließlich war sie bis kurz vor dem Five-Nine-Hack bei Allsafe beschäftigt. Dom ist wie wir bereits wissen, ziemlich auf Zack, sie ist auch die einzige, die durchschaut, dass der angebliche Terror-Anschlag in China nur dazu dienen sollte, die derzeit auf den Five-Nine-Fall angesetzten Ermittler auszuschalten oder wenigstens für einige Zeit von den Ermittlungen abzuziehen.

Damit ist die Folge auch schon fast wieder vorbei – Elliot wird allerdings noch aus dem Krankenhaus entführt und in einen Kellerraum gesperrt. Der Ärmste ist jetzt sprichwörtlich am Boden, wo er sich vor Schmerz weinend zusammenkrümmt. Jetzt ist es ganz gut, dass er wenigsten noch Mr. Robot hat, auch wenn der ihn nicht vor den Schlägen beschützen konnte. Elliot ist Mr. Robot plötzlich überaus dankbar, dass er noch für ihn da ist.

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: Ist Angela schon aufgeflogen?

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: Ist Angela schon aufgeflogen?

Und er erinnert sich daran, wie sein Vater ihm von seiner Krankheit erzählt hat, und dass er seinen Job verloren hat, aber nun einen Computerladen eröffnen werde. Der kleine Elliot ist erst traurig, fängt dann aber an, sich über die neuen Möglichkeiten zu freuen – für ein Kind wie ihn ist ein Computerladen wesentlich attraktiver als einer mit Süßigkeiten. Ob er auch dort arbeiten dürfe? Bestimmt. Aber nun soll er sich erstmal einen Namen für das neue Geschäft ausdenken. Und Schnitt.

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: Der kleine Elliot findet die Idee mit dem Computerladen super

Screenshot Mr Robot eps2.4_m4ster-s1ave.aes: Der kleine Elliot findet die Idee mit dem Computerladen super

Tyrant: Die dritte Staffel läuft. Und lohnt sich

Derzeit wird auch die dritte Staffel von Tyrant ausgestrahlt – genau wie bei Mr. Robot gab es am vergangenen Mittwoch in den USA die fünfte Folge, und ich warte, wenn auch nicht ganz so hibbelig wie bei Mr. Robot, doch jedes Mal gespannt auf die Fortsetzung. In der zweiten Staffel von Tyrant wird die Sache nämlich interessanter. Es kommt soweit, dass Barry Al-Fayeed (Adam Rayner) sich an einem Staatsstreich gegen seinen Bruder Jamal (Aschraf Barhom) beteiligt und am Ende der ersten Staffel im Gefängnis landet, wo er auf das Urteil wartet. Klare Sache, wie das ausgehen muss: Auf Hochverrat steht nun mal die Todesstrafe und es wird dann am Anfang der zweiten Staffel auch jemand aufgehängt.

Aber auch ein Fiesling wie Jamal kann seinen eigenen Bruder nicht einfach so umbringen, auch wenn es in der Bibel da schon andere Beispiele geben hat, nicht umsonst heißt die erste Folge der zweiten Staffel Mark of Cain. Aber wir wissen ja bereits, dass Jamal eigentlich ein Schwächling ist. Er hat Barrys Hinrichtung nur vorgetäuscht und seinen Bruder statt dessen in der Wüste ausgesetzt – soll Allah über sein Schicksal entscheiden. Barrys Familie weiß davon nichts, schockiert kehrten Molly (Jennifer Finnigan)  und ihre Kinder in die USA zurück und versuchen, nach dieser Katastrophe irgendwie weiter zu leben.

Tyrant: Bassam (Adam Rayner) wartet auf sein Todesurteil

Tyrant: Bassam (Adam Rayner) wartet auf sein Todesurteil

In Abuddin versuchen die Al-Fayeeds derweil einen großen Deal mit den Chinesen einzufädeln, gleichzeitig haben sie aber Stress mit den fanatischen Kämpfern des Kalifats, das inzwischen Teile des Landes unter seine Kontrolle gebracht hat. Barry hat seinen Wüstentrip mit Überlebenswillen und Glück überlebt – er wurde von zwei Beduinen-Jungs gefunden, die den an seiner Kleidung als Sträfling zu erkennenden Fremden gern gegen Belohnung ausgeliefert hätten, doch ihr Vater ist ein Beduine alter Schule: Erstens haben Beduinen etwas gegen Staaten und Regierungen an sich, die sie an ihrer alten Lebensweise hindern, und sie dazu zwingen, Grenzen anzuerkennen, die in ihren Augen keinen Sinn ergeben. Und zweitens ist die Gastfreundschaft heilig – wenn Allah diesen Fremden zu ihnen geschickt hat, dann hat er das getan, weil ihm das so gefallen hat, und natürlich müssen sie sich um ihn kümmern.

Tyrant - Despoten leben gefährlich. Irgendwer hat was dagegen, dass Abbudin Geschäfte mit China macht.

Tyrant – Despoten leben gefährlich. Irgendwer hat was dagegen, dass Abuddin Geschäfte mit China macht.

Dem Alten ist klar, dass Khalil – so nennt sich Barry jetzt – etwas zu verbergen hat – aber er ist trotzdem bereit, Khalil dabei zu helfen, nach Beirut zu gelangen. Dort will er nämlich hin. Und von da aus nach Hause in die USA. Aber natürlich kommt alles anders, denn die schöne, junge Zweitfrau (Melia Kreiling als Dalidah Al-Yazbek) des alten Beduinen wird auserwählt, um in Deutschland zur Solar-Ingenieurin ausgebildet zu werden und ihre Heimat damit voranzubringen. Aber gleich nach ihrer Abreise mit der deutschen Delegation wird sie von Anhängern des Kalifats entführt. Wie man sich denken kann, geschehen allerlei spannende und dramatische Dinge und am Ende können sich Dalidah und Khalil gegenseitig immer mal das Leben retten – Khalil entscheidet schließlich, nicht nach Beirut abzuhauen, sondern zu bleiben und gegen das Kalifat zu kämpfen.

Ironischerweise wird Bassam aka Khalil im Lauf der zweiten Staffel also vom Hochverräter zum Kriegsheld der Verteidigung Abuddins gegen die Irren vom IS promoviert, was eine nette Idee ist – er wird zum Volksheld, weil niemand weiß, dass er eigentlich ein Al-Fayeed ist. Das ist natürlich alles ganz schön überkonstruiert, aber in Homeland ist das ja auch nicht besser – und ich finde es in Tyrant sogar unterhaltsamer. Was gewiss auch daran liegt, dass die Bewohner von Abuddin ihre Regierung zu recht kritisieren dürfen, ob sie nun mehr Freiheit und Demokratie oder mehr Islam wünschen: Dieser durch Erbfolge ins Amt gelangte Präsident Jamal Al-Fayeed muss einfach weg – obwohl er der einzige Garant für Stabilität und somit das Funktionieren des Staates ist. Wie bescheuert das alles ist, kann man in allen Ländern sehen, die durch den Arabischen Frühling in Unsicherheit und Bürgerkrieg gestürzt wurden. Aber in Tyrant wird es noch einmal fernsehtauglich aufbereitet, auch wenn das zum Teil dann doch ziemlich trashig geraten ist. Aber immerhin Hochglanztrash, der Spaß macht.

Tyrant: Melia Kreiling als Daliyah

Tyrant: Melia Kreiling als Daliyah

So taucht mit Rami Said (Keon Alexander) ein früher verleugneter Sohn des alten Al-Fayeed und somit ein Halbbruder von Jamal und Bassam auf, der in Diensten der UN eine beeindruckende Militärkarriere hingelegt hat – genau so einen Typ kann Abuddin brauchen, nachdem sich General Tariq mit seiner Strategie von Härte und Angst beim Volk total unbeliebt und international untragbar gemacht hat. Deshalb kann sich die Witwe Amira Al-Fayeed auch plötzlich an den Nachkommen ihres verstorbenen Mannes erinnern, der ihr früher gewiss viel weniger willkommen war.

Molly und ihre Kinder indes sind wegen einer Erbschaftsauseinandersetzung wieder nach Abuddin zurückgekehrt – Barry gilt weiterhin als tot und sein Sohn Samy (Noah Silver) kann das Erbe seines Vater nur unter bestimmten Bedingungen antreten. Und natürlich macht Samy vor Ort erstmal sein eigenes Ding – viel mehr als die Millionen, der er möglicherweise erben kann, interessiert ihn, was aus seinem Freund und Liebhaber Abdul geworden ist. Der ist in die Hände das Kalifats geraten und Samy will ihn retten – und ja, notfalls auch mit dem Geld seines Vaters, also bietet er an, den Widerstand zu finanzieren, wenn er ein Treffen mit dem Anführer der „Roten Hand“ vermittelt bekommen kann, jenem geheimnisvollen Anführer, der das Kalifat zurückdrängen will. Am Ende kann Samy seinen Freund nicht retten, trifft aber auf Kahlil – der niemand anders als sein totgesagter Vater ist. Zum Glück überleben die beiden die Kämpfe in Maan, bei denen es ziemlich zur Sache geht – aber der verwöhnte amerikanische Jungmann Samy begegnet der Realität der jungen Menschen in anderen Ländern, die es weniger gut getroffen haben als er. Und er bekommt eine ziemlich heftige Lektion. Er muss nicht nur den Tod von Abdul verkraften, der vom Kalifat mit anderen ihrer Ansicht nach Perversen umgebracht wird, er erlebt (genau wie sein Vater), was es heißt, nicht nur für Ideale, sondern ums bloße Überleben zu kämpfen.

Tyrant: Leila (Moran Atias), Jamal (Ashram Barhom) und Rami (Keon Alexander)

Tyrant: Leila (Moran Atias), Jamal (Ashram Barhom) und Rami (Keon Alexander)

Derweil verstrickt sich Jamal einmal mehr in dämliche Aktionen, die nach hinten los gehen: Mit einem von ihm höchstselbst beauftragten Attentat tötet er versehentlich seine Mutter Amira, statt den verhassten Rami, der ihm zunehmend Konkurrenz macht. Nur zu klar, dass Jamal Rami die ganze Sache in die Schuhe schieben will. Dabei hätte er sich eigentlich ganz andere Sorgen: Bassam kann tatsächlich einen entscheidenen Schlag gegen das Kalifat landen – Molly weiß inzwischen, dass ihr Mann noch lebt und ihr Sohn bei ihm ist und sie bringt Jamals Frau Leila (Moran Atias) dazu, dafür zu sorgen, dass ihnen militärische Unterstützung gewährt wird.

Leila muss dafür ziemlich heftige Kröten schlucken – die arabische Liga verlangt für ihre Unterstützung, dass Leila als Zeugin für die Kriegsverbrechen auftritt, die ihrem Mann zugeschrieben werden. Wir und Leila wissen, dass eigentlich General Tariq dafür verantwortlich war, aber so geht halt Politik. Und Leila als gute orientalische Mutter tut natürlich alles, um ihren Sohn den Weg frei zu machen – sie willigt in alles ein, wenn nur ihr Ahmed (Cameron Gharaee) eine n Platz am Tisch bekommt. Ahmed erleidet sein eigenes Drama, seine Frau Nusrat (Sibylla Deen), die ihn immer wieder abgewiesen hat, obwohl sie ihn so liebt, ist endlich schwanger – aber eben auch traumarisiert davon, dass ihr Schwiegervater Jamal am Tag ihrer Hochzeit höchst persönlich untersucht hat, ob sie wirklich noch Jungfrau ist. Was Ahmed noch nicht weiß – er wundert sich nur, was mit Nusrat los ist.

Tyrant:  Rami (Keon Alexander)

Tyrant: Rami (Keon Alexander)

Natürlich gibt es noch weitere höchst tragische Verwicklungen, die dazu führen, dass genau zu dem Zeitpunkt, an dem Leila gegen ihren Mann aussagt, um die Arabische Liga zu befriedigen, Jamal nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Denn genau das, was man ihm vorwirft, hat er ja nicht getan. Aber dafür so viele andere miese Dinge. Insofern ist nur konsequent, dass die empörte Nusrat Jamal vor laufender Kamera niederschießt – sie kann nicht damit leben, dass dieses Arschloch wieder davon kommt.

Blöd nur, dass in der dritten Staffel schnell klar wird, dass sie diejenige ist, die auch dafür Verantwortung übernehmen muss. Natürlich darf niemand ungestraft einen Präsidenten niederschießen, schon gar nicht dessen Schwiegertochter. Jetzt geht es drunter und drüber – man weiß nicht, ob Jamal die Sache überlebt oder nicht, klar ist aber, dass Abuddin eine starke Regierung braucht, damit das Land nicht im Chaos versinkt. Und Bassam – so nennt sich Barry jetzt wieder ganz bewusst – übernimmt als Bruder des Präsidenten das Ruder, obwohl es zahlreiche Strömungen im Land gibt, die der Herrschaft der Al-Fayeeds ein Ende bereiten wollen und dem amerikanischen Fremdling prinzipiell aus tiefstem Herzen misstrauen. Bassam hat nun genau den Job, den er nie haben wollte – aber er versucht, ihn so gut wie eben möglich zu machen.

Tyrant:  Samy (Noah Silver) und Halima (Oliva Popica)

Tyrant: Samy (Noah Silver) und Halima (Oliva Popica)

Das ist der Punkt, der mir persönlich gut gefällt: Tyrant ist, bei allen blöden Klischees, die hier bemüht werden, eine Serie, die reflektiert, was man denn selbst tun würde, wenn man das Ruder in die Hand bekäme: Durch Zufall ist man in einer Position, in der man das Leben der Menschen eines ganzen Staates zum Guten oder Schlechten nachhaltig beeinflussen kann. Einerseits gibt es vielversprechende Möglichkeiten, wirklich irgendwas besser zu machen, gleichzeitig gibt es diese vielen Sachzwänge der Politik, und zwar sowohl im regionalen, nationalen als auch internationalen Rahmen, aus denen man einfach nicht rauskommt. Und man muss mit allen fiesen Partei verhandeln – mit den Islamisten, den demokratisch gesinnten Oppositionellen, die einen Neuanfang wünschen, mit der Arabischen Liga und natürlich mit dem Amis. Und alle haben ganz eigene Interessen – insbesondere die Oppositionellen sind sich keineswegs einig, was sie eigentlich wollen.

Das ist die Stärke und die Schwäche dieser Serie: Ja, alle Seiten werden nicht in ihrer ganzen Komplexität gewürdigt – aber immerhin, es kommen sehr viele verschiedene Interessen vor. Das hat man nicht allzu oft. Und sogar die Vertreter des Kalifats dürfen ab und zu einen Punkt machen – so ist es ja auch in der Realität. Natürlich ist es zynisch, Schulen und Krankenhäuser als Tarnung für militärische Ziele zu benutzen. Nichtsdestotrotz haben die Verfechter von Freiheit und Demokratie keine Skrupel, eben diese Krankenhäuser und Schulen zu zerstören, wenn es darum geht, ihre Interessen wahrzunehmen. In dem Punkt finde ich Tyrant sehr viel besser als die Kritik darüber: Hier wird wenigstens im Ansatz erklärt, warum im Nahen und Mittleren Osten, warum im Maghreb genau das passiert, was passiert: Die Leute wollen einfach ein gerechteres, ein besseres System, ein System, das einfach mal für sie da ist. Aber weder die Islamisten, noch die zynischen Vertreter des freien globalen Marktes sind in der Lage, das Leben der Menschen tatsächlich und nachhaltig zu verbessern – denn sie dienen eben ihrem Scheißsystem und nicht den Menschen, die darauf hoffen, dass sich ihre beschissene Situation endlich mal verbessert.

Barry aka Khalil (Adam Rayner)

Barry aka Khalil (Adam Rayner)

Nein, Tyrant ist natürlich nicht kapitalistisch-kritisch, wie es hier jetzt vielleicht anklingt. Das ist es definitiv nicht, genau dieses Element kommt hier eher als Folklore, denn als Erklärung vor, was ich dann auch wieder kritikwürdig finde.

Aber: Der Aufhänger zu den folgenschweren Ereignissen ist ja eben jener Familienvater, der sich selbst auf einem zentralen Platz öffentlich verbrennt, weil er keine Aussicht auf einen angemessenen Job und damit auch ein Leben für sich und seine Familie hat. Genau so hat der arabsiche Frühung angefangen – eben mit jenem Gemüsehändler mit Universitätsabschluss, der sich in Tunesien selbst verbrannt hat, weil er die Bestechungsgelder an die Behörden nicht mehr zahlen konnte, um seinen Gemüsestand weiterhin zu betreiben. Interessanterweise ist Tunesien, zumindest meinen Recherchen zufolge, das einzige Land, in dem diese „Revolution“, die aus dieser Verzweiflungstat erwuchs, irgendwas halbwegs Gutes getan hat. Es geht den Tunesiern zwar nicht gut, aber immerhin ist ihr Land nicht in Chaos und Bürgerkrieg oder unter neuer Militärherrschaft versunken.

Tyrant: Molly (Jennifer Finnegan) und Bassam Al-Fayeed (Adam Rayner)

Tyrant: Molly (Jennifer Finnegan) und Bassam Al-Fayeed (Adam Rayner)

Und ich erspare mir und allen nun eine Analyse der einzelnen Länder und dem, was seit dem arabischen Frühling alles schlechter geworden ist – aber das fiktive Abuddin ist ein ziemlich gutes Beispiel dafür, was um warum alles ziemlich schief läuft – ohne Patentrezepte anzubieten, warum das so ist. Man muss sich das halt ansehen – und kann sich dann entweder mehr oder weniger gut unterhalten lassen oder mal selbst drüber nachdenken. Und was diesen Aspekt angeht, muss ich Tyrant in meinem persönlichen Serien-Ranking doch deutlich höher bewerten, als die einschlägigen Kritiken nahelegen. Die sechste Folge der dritten Staffel läuft nachher in den USA.

Tallulah: Die Lebenslügen der anderen

Netflix meinte vor einigen Tagen, dass mir der Film Tallulah gefallen könnte – und hatte damit tatsächlich recht. Aber jetzt, da auch Netflix-Kunden der ersten Stunde mehr bezahlen müssen, kann ich schließlich erwarten, dass neuen Content für mich gibt – und den gibt es, etwa Stranger Things, Marcella, die zweiten Staffeln von Marco Polo und von Manhattan. Praktisch, dass jetzt auch das Wetter wieder schlechter wird, damit ich wieder mehr netflixen kann.

Tallulah ist das Regiedebüt der Drehbuchautorin Sian Heder, die unter anderem an den Serien Men of a Certain Age und Orange is the New Black beteiligt war. Nun bin ich zwar kein Fan von Orange is the New Black, aber die Titelrolle der Tallulah spielt Ellen Page, was mich neugierig machte. Ellen Page hatte ihr Schauspiel-Debut in der von mir sehr geschätzten kanadischen Serie Regenesis und spielte unter anderem in dem Independent-Thriller The East mit.

Tallulah (Elle Page) und die kleine Madison

Tallulah (Elle Page) und die kleine Madison

Tallulah ist eine Herumtreiberin, die in ihrem Van lebt und mit ihrem Freund Nico (Evan Jonigkeit) durch die Vereinigten Staaten streift. Sie kommt offensichtlich aus chaotischen Verhältnissen und tut den ganzen Tag, was ihr gerade so einfällt. Eines Tages streitet sie sich mit ihrem Freund, weil er anfängt, merkwürdige Ideen zu haben – er hat ihre verrückten Einfälle satt und überhaupt dieses ganze Vagabundieren. Er will solide werden und irgendwas Sinnvolles mit seinem Leben anfangen.

Das ist so ziemlich das letzte, was Tallulah interessiert – sie verlässt ihn, was sie aber schon wenig später bereut. Um ihren Freund wiederzufinden, fährt sie nach New York, weil sie weiß, dass dort Nicos Mutter wohnt. Sie schafft es auch, bis zu dieser Mutter vorzudringen – Margo (Allison Janney) ist aber wenig begeistert über diesen Besuch, weil sie ahnt, dass es Tallulah in erster Linie um Geld geht – und hat sie tatsächlich keine Ahnung, wo Nico ist.

Margos Sohn ist vor zwei Jahren mit eben dieser Tallulah abgehauen und hat sich seit dem nicht mehr bei ihr gemeldet. Außerdem will sich ihr Mann gerade von ihr scheiden lassen – er lebt jetzt mit einem anderen Mann zusammen. Problematisch ist daran vor allem, dass die Wohnung, in der Margo wohnt, eigentlich eine Dienstwohnung der Universität ist – sie darf hier eigentlich gar nicht mehr hier sein. Margo ist keine Professorin wie ihr Ex, aber auch Akademikerin – sie schreibt Bücher über die Institution der Ehe. Ausgerechnet.

Aber Tallulah gibt so schnell nicht auf. Sie parkt ihren Van in der Nähe und klaut sich in den umliegenden Hotels ihr Frühstück zusammen. Dabei wird sie von Carolyn (Tammy Blanchard) überrascht, die sie für eine Hotelangestellte hält. Carolyn hat einen Babysitter bestellt – sie will ausgehen und irgendwer muss auf ihre kleine Tochter Madison aufpassen, die nackt mit einer Bierflasche in den kleinen Händen durch das Hotelzimmer stolpert.

Tallulah versucht, das Missverständnis aufzuklären – einerseits lässt sie sich gern ins Zimmer bitten, denn Carolyn scheint Geld zu haben und offensichtlich auch einen in der Krone, weshalb sie ein willkommenes Opfer für die routinierte Trickdiebin darstellt. Andererseits ist sie ganz offensichtlich als Mutter überfordert oder zumindest extrem nachlässig – was selbst eine verantwortungslose Spontifrau wie Tallulah bedenklich findet. Tallulah erklärt zwar, dass sie keine Ahnung von kleinen Kindern habe und keineswegs die bestellte Babysitterin sei, doch Carolyn ist dermaßen erpicht auf ihr Date, für das sie sich aufgedonnert hat, dass ihr völlig egal ist, was Tallulah sagt. Sie lässt die fremde Frau mit ihrer Tochter allein und verschwindet.

Tallulah nimmt daraufhin erst einmal ein Bad und lässt es sich auch ansonsten gut gehen – wann hat sie schon mal eine solche Gelegenheit. Und sie bekommt Mitleid mit dem armen Kind, was offenbar immer wieder sich selbst überlassen wird. Vielleicht sieht Tallulah sich selbst in dem kleinen Mädchen – jedenfalls beschließt sie spontan, das Kind mitzunehmen, um es vor seiner unfähigen Mutter zu retten, als diese deprimiert und vollgedröhnt zurückkehrt – total unfähig, sich um ihre verzweifelt weinende Tochter zu kümmern.

Beim nächsten Versuch, mit Margo zu reden, gibt sie das Kind als ihr eigenes aus und behauptet, Nico sei der Vater. Natürlich ist Margo weiterhin misstrauisch, aber dann gewinnen ihre Oma-Instinkte die Überhand – sie lässt sich tatsächlich darauf ein und Tallulah samt Kind in ihre Wohnung. Was eine extreme Herausforderung für Margo ist, die viel von Ordnung und Regeln hält – und von Familie.

Tallulah nutzt das einerseits unverschämt aus – andererseits ist sie gerade dabei, zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Verantwortung zu übernehmen, nämlich für dieses arme kleine Kind, das ihr da in den Schoß gefallen ist. Sie gibt sich wirklich Mühe, auch wenn schnell offensichtlich wird, dass sie mit der Situation nicht weniger überfordert ist, als die echte Mutter – die inzwischen realisiert hat, dass ihre kleine Tochter vermutlich entführt wurde und aus Angst vor ihrem Mann, den sie hemmungslos betrügt, jetzt total durchdreht.

Carolyn ist einerseits klar, dass sie es nicht anders verdient hat – sie hat ihr Kind ja nun wirklich sträflich vernachlässigt, was die auf den Entführungsfall angesetzten Ermittler Detective Richards (David Zayas) und Detective Kinnie (Uzo Aduba) in ihrer traurigen Routine schnell kapieren: Carolyn ist eine schlechte Mutter, und sie hat jetzt in erster Linie Angst, dass ihr Mann ihr den Geldhahn zudreht, nachdem sie ihr einziges Kind verschlampt hat. Die hysterische Sorge um ihre Tochter ist eine ekelhafte Mischung aus Zukunftsangst und Selbstmitleid. Trotzdem müssen sie dieses Kind nun finden. Es gibt viel Elend in der Welt und das ist aus ihrer Perspektive die Luxusvariante davon.

Aber Carolyn entdeckt nun doch ein paar Muttergefühle in sich – sie hat sich zwar immer wieder gewünscht, dass Madison einfach aus ihrem Leben verschwinden würde, aber nun vermisst sie ihre Tochter tatsächlich und will sie unbedingt wieder finden.

Für Tallulah wird es eng, die Medien berichten über den Fall, es gelingt ihr zwar, die gutgläubige Margo auszutricksen, aber Margos Ex ist weniger leichtgläubig. Stephen (John Benjamin Hickey, Dr. Winter aus Manhattan) mag zwar gegenüber seiner Frau ein Arschloch sein, aber blöd ist er nicht. Er durchschaut Tallulah sogar, ohne die Zeitung gelesen zu haben.

Tallulah sei ein Film über das Muttersein, habe ich irgendwo gelesen – und es kommt natürlich auch irgendwie vor. Was ich viel wichtiger finde, ist, dass es ein Film über Erwartungen ist, die Menschen an das Leben haben – und dass alle irgendwie falsch damit liegen: Weder das totale Spontitum, das Tallulahs wirrer, aber vitaler Lebensinhalt ist, noch das ordentliche Familien- und Lebensmodell von Margo, noch der selbstmitleidige Egotrip von Carolyn und letztlich auch die Schwulenidylle ihres Ex Stephen sind Modelle, die für das wahre Leben taugen. Und so stehen sich alle selbst im Weg, statt naheliegende Dinge zu tun.

Was ja auch nicht so einfach ist. Irgendwann zieht  Margo endlich diese roten Highheels an, die sie zu eben diesem Zweck gekauft hat und bittet den freundlichen, gut aussehenden Concierge auf ein Glas Wein in ihr Appartement. Sie doziert eine Weile über die Weine, die sie so im Regal hat, bis ihr der Mann gesteht, dass er eigentlich Biertrinker sei. Aber darum gehe es wohl weniger – er küsst sie, was eigentlich zu erwarten war, doch Margo bekommt dann doch wieder Angst vor ihrer eigenen Courage und schickt den Ärmsten weg, anstatt ihn flachzulegen, was ihr eigentlicher Plan gewesen ist.

Genau das mag ich an diesem Film – die Menschen sind alle so menschlich. Voller Ängste, voll mit Komplexen und diese ganzen vermeintlichen Freiheiten, mit denen sie kokettieren, sind offensichtlich Selbstbetrug. Das ist ein wirklich starker Plot – einer der stärksten, die ich in den letzten Jahren gesehen habe – und er kommt ganz unspektakulär daher. Das ist genau die Art Film, von es viel mehr geben müsse, gerade in diesen Zeiten: Kein absurd teuer produziertes Überwältigungskino, sondern eine Analyse, wie Menschen ticken. Wie unsere Gesellschaft funktioniert. Dabei ist Tallulah kein gesellschaftskritischer Film im eigentlichen Sinne – genau das ist auch das gute daran. Es ist einfach ein erstaunlich ehrlicher Film über unsere Gesellschaft, der mit Tallulah eine sehr ambivalente Heldin hat. Tallulah kann ihre individuelle Freiheit nur auf Kosten anderer ausleben, die sie beklaut und ausnutzt. Aber sie bringt andere Menschen dazu, Dinge richtig oder wenigstens richtiger zu machen. Sie durchschaut die Lebenslügen der andern, scheitert aber an ihrer eigenen.

Es lohnt sich auf jeden Fall, diesen Film anzusehen.