Das Ende ist nah: Dexter

Am Sonntag geht es wieder los: die achte und letzte Staffel von Dexter wird in den USA ausgestrahlt. Das Finale der siebten Staffel war die erfolgreichste Episode, die der Kabel-TV-Anbieter Showtime bisher produziert hat – 2,75 Millionen Zuschauer sahen sich die Erstaustrahlung in den USA an, mit Wiederholungen und der Bereitstellung auf anderen Plattformen kam die siebte Staffel des Serienkillerdramas auf gut sechs Millionen Zuschauer pro Folge. Gar nicht zu reden von den rekordverdächtigen illegalen Downloadzahlen, die Dexter regelmäßig erreicht – aber was will man denn machen, wenn man nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich Jahre warten muss, bis man diese Serie legal in seinem Land ansehen darf?!

Wenn die Serien-Produzenten der Welt nicht in der Lage sind, Geschäftsmodelle anzubieten, die dem Internet-Zeitalter angemessen sind, etwa in dem sie eine Möglichkeit schaffen, die Fans aus aller Welt per Internet zeitnah an ihrem begehrten Produkt teilhaben zu lassen, dann müssen sie sich nicht wundern, dass diese andere Mittel und Wege finden, es sich zu verschaffen. Es ist einfach nicht mehr zeitgemäß, die Leute, die ja vom ersten Tag an die Diskussion über die Fortsetzung ihre geliebte Serie per Internet verfolgen können, noch ewig warten zu lassen, bis sie mitreden können. Nee Leute, so nicht.

Screenshot Dexter

Screenshot Dexter von der Seite sho.com

Aber was macht Dexter so beliebt? Zum einen die paradoxe Umkehrung klassischer Polizei- oder Verbrecher-Serien. Es ist ja nicht so, dass noch niemand auf die Idee gekommen wäre, einen Serienkiller zur Hauptperson zu machen. Allerdings ist der Serienkiller Dexter Morgan ein wirklich netter Typ und dann sieht er auch noch so aus wie Michael C. Hall (den ich als schwulen Bestatter in der wunderbaren Serie Six Feet Under schon großartig fand): Alle mögen ihn und keiner käme auf die Idee, dass er hinter seiner freundlichen Fassade ein so schreckliches Geheimnis verbirgt: Er zieht nachts los und bringt Menschen um. Er kann nicht anders. Und weil er tagsüber als Forensiker für die Polizei von Miami arbeitet, weiß er genau, wie er es anstellen muss, nicht erwischt zu werden. Außerdem hält sich Dexter an strenge Prinzipien – er bringt nur Verbrecher um, die durch die Maschen der Justiz geschlüpft sind. Und da ist er sehr gewissenhaft: Erst wenn er sichere Beweise dafür hat, dass sein potenzielles Opfer tatsächlich selbst ein Mörder ist, schreitet er zur Tat.

Das andere ist der Mix aus mehr oder weniger skurrilen Figuren, mit denen Dexter umgeben ist – angefangen bei seinem toten Vater Harry, der ihm immer wieder erscheint, und mit dem er sich berät, wenn er in Schwierigkeiten ist, über seine Schwester Debra (Jennifer Carpenter), die ebenfalls Polizistin ist, eine sehr gute und ehrgeizige Polizistin sogar, die aber immer wieder an die falschen Typen gerät, bis hin zu seinem väterlichen Freund Angel, Polizist mit Herz und kubanischem Migrationshintergrund und dem Forensiker-Kollegen Vince Masuka, der den ganzen Tag an Sex denkt. Ganz anders als Dexter, der sich dafür nicht die Bohne interessiert, sein Leben ist schließlich so schon anstrengend genug.

Natürlich fällt es Dexter zunehmend schwer, in dieser Umgebung nicht aufzufallen, denn seine Freunde vom Mordderzernat sind schließlich nicht blöd. Allerdings sind sie dermaßen von Dexters freundlicher und gewissenhafter Art eingenommen, dass sie bestimmte Dinge einfach ausblenden. Und so wird es vor allem dann brenzlig, wenn neue Kollegen ins Team kommen oder gar das FBI anrückt. Und deshalb baut sich über verschiedenen Staffeln eine immense Spannung auf, wie Dexter es dieses Mal wieder schafft, der drohenden Enttarnung zu entgehen.

Leider ist auch dieser Bogen irgendwann überspannt – und nachdem in der siebten Staffel nicht nur Dexters Schwester Debra endlich herausgefunden hat, dass ihr Bruder der von ihrem Dezernat seit Jahren gesuchte Massenmörder ist, sondern auch seine Chefin Captain Maria LaGuerta, ist nun das Ende abzusehen. Die überaus spannende Frage bleibt aber: Wie wird Dexter zur Strecke gebracht? Bekommt er seine dunkle Seite in den Griff oder gibt er auf? Oder beides? Anzunehmen ist, dass die Serienmacher von Showtime es für das Finale noch einmal richtig krachen lassen. Nächste Woche wissen wir mehr.

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Nichtgedanken sind oft die besseren

Als Mitte der 80er Jahre das Privatfernsehen startete, ging völlig zu recht die Angst um, dass nun eine Spirale der Boulevardisierung und Verflachung des Fernsehens einsetzen würde – eine Befürchtung, von der man mittlerweile sagen kann, dass sie sich als absolut zutreffend erwiesen hat. Zwar waren mir damals derartige Überlegungen ziemlich schnurz – ich hatte damals einfach andere Dinge zu tun, als ständig vor der Glotze zu hängen, aber eine Freundin des Privatfernsehens bin ich bis heute nie geworden.

Ich hasse Werbeunerbrechungen – ich kann einen Film, einen guten zumal, einfach nicht genießen, wenn ich nicht weiß, ob ich im nächsten Augenblick nicht in einen nervigen, penetranten, strunzendoofen Werbespot katapultiert werde, oder ob ich noch ein paar Minuten von dem, was ich eigentlich sehen will, genießen darf. Einer dermaßen nervenzerfetzenden Willkür setze ich mich doch freiwillig nicht aus – lieber verzichte ich auf das Filmangebot, als mich solchen Konditionen zu unterwerfen!

Allerdings lernte ich ein paar Jahre später über meine WG-Mitbewohner, dass die neuen Sender ganz nützlich waren, um nach der Uni ein, zwei Stündchen mit zweifelhaften Serien (21 Jump Street – immerhin: Johnny Depp!, Spenser, Knight Rider oder MacGyver) totzuschlagen, bevor man sich derart erfrischt dem studentischen Abendprogramm widmen konnte. Insofern kenne ich die eigentlichen Blüten des deutschen Privatfernsehens von Tutti Frutti bis hin zu diversen Scripted-Reality-Formaten nur aus dem Feuilleton. Was sicherlich kein Verlust ist.

Höhepunkte wie die frühen Folgen von Alarm für Cobra 11 oder diesen unsäglichen Yo-gi-oh-Scheiß sind mir trotzdem nicht entgangen, weil ich nicht so borniert war, meine Kinder durch ein Seh-Verbot zu einsamen Außenseitern zu stempeln.

Nun aber zu meinem eigentlichen Anliegen: Der von mir bisher kaum wahrgenommene Privatsender Tele 5 produziert seit Ostern dieses Jahres eine Serie, die man getrost zu den Lichtblicken der zeitgenössischen Fernsehgeschichte zählen kann: Nichtgedanken mit Oliver Kalkofe.

Wer dabei an die Nachtgedanken mit Hans-Joachim Kulenkampff  denkt, liegt keineswegs falsch, denn die Nichtgedanken spielen durchaus auf diesen Vorgänger an, mit dem die Zuschauer im Ersten Programm nach all den Schrecken des Tages mit einem guten Gedanken ins Bett geschickt werden sollten. Oliver Kalhofe tut das auch – allerdings verliest er dazu die nicht immer dermaßen brillanten Gedanken anderer. Diese sind durchweg bekannte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, von Heino über Bushido über Carsten Maschmeyer bis hin zu Bettina Wulff.

Indem Oliver Kalkofe in liebevoll arrangiertem Ambiente einige Minuten lang die besten Stellen aus den Büchern der Promis vorliest, kann man sich die Anschaffung dieser Werke sparen und trotzdem auf der Höhe der Diskussion darüber bleiben. Insofern eine ungewöhnlich verdienstvolle Sendung in privatsendertypischen Informationshäppchen, die dem Niveau der vorgetragenen Werke jedoch voll entsprechen.

Und ich deshalb sage hiermit öffentlich: Nicht alles am Privatfernsehen ist schlecht.

Vielen Dank dafür und weiter so!

The Hour – eine Sternstunde für Nachrichtenjunkies

Eine der Perlen aus der BBC-Produktion ist zweifelsohne die Serie The Hour. Es geht darin um die Erfindung der aktuellen Nachrichtensendung, in der über aktuelle politische Ereignisse berichtet wird. Das ist nicht ganz einfach, weil es 1956 eine Maulkorb-Klausel gibt, die der BBC verbietet, Themen zu behandeln, die voraussichtlich innerhalb von 14 Tagen nach dem geplanten Sende-Termin im Unterhaus zur Sprache kommen werden. Auf diese Weise wird es selbstverständlich fast unmöglich, über aktuelle Politik zu berichten. Trotzdem versucht das Team von The Hour, die Aufpasser in den oberen Etagen auszutricksen, um über die Dinge berichten zu können, die es für wichtig hält.

Das Team besteht vor allem aus Bel Rowley (Romola Garai), der jungen Chefredakteurin, die später erfahren muss, dass sie ausgewählt wurde, weil man glaubte, eine Frau sei leichter zu steuern, ihrem besten Freund Freddy Lyon (Ben Whishaw), der auf eigenwillige Weise immer wieder unglaubliche Storys ausgräbt und dem Moderator Hector Madden (Dominic West, den man aus The Wire kennen sollte), einem gutaussehenden Karrieristen, der der Sendung ein seriöses Gesicht verleihen soll. Unterstützt werden sie von Alexis Storm, einer ehemaligen Kriegsreporterin, die gute Verbindungen in die Krisenregionen der Welt hat und Freddys Assistenten Isaac Wengrow, der immer wieder als Lückenfüller einspringen muss.

Ich habe sehr viel für liebevoll ausgestattete Retro-Serien übrig, insofern ist das 50er-Jahre-Design von The Hour schon Grund genug gewesen, mir diese Serie anzusehen. Dazu kommt die gut gewählte Filmmusik, die genauso cool ist wie das sonstige Design. Auch die Geschichte an sich ist herrlich retro, neben dem Haupterzählstrang um die engagierten Journalisten, die darum kämpfen, eine gute Nachrichtensendung machen zu dürfen, mit den ganz wichtigen News, von denen sie sicher sind, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, sie zu erfahren, sind weitere Elemente eingeflochten, klassischer britischer Krimi, Agentenstory und nicht zu vergessen die gute britische Sozialkritik, Arbeitersohn Freddy verkörpert den Gegensatz vom Leben der Upper Class und der britischen Arbeiterschaft.

Außerdem ist es rührend zu sehen, wie aufwendig das Recherchieren war, als die Nachrichten noch nicht in einem nicht abreißenden Strom per Internet in die Redaktionen geflutet wurden. Freddy zückt immer wieder sein Notizbuch, an Computer ist noch nicht zu denken, auf den Schreibtischen in der Redaktion stehen mechanische Schreibmaschinen und schwarze Telefonapparate, in deren Leitungen es immer wieder verdächtigt klickt – Überwachung war auch damals kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein aktuelles Thema – Echelon, der Bundestrojaner und PRISM ist leider gar nichts Neues.

Und auch das eigentliche Thema ist weiterhin aktuell: Was können die Medien ausrichten? Wie weit sind sie Instrument der Regierenden? Was ist guter Journalismus? Und so setzen Bel und Freddy ihre Karrieren aufs Spiel, um eine Sendung zu produzieren, in der das Handeln der britischen Regierung in der Suezkrise in Frage gestellt wird. Sie zeigen, wie die Regierung die Menschen niederknüppeln lässt, die in London gegen den Krieg, gegen die Bombardierung ägyptischer Städte protestieren, und sie bringen ein Interview mit Lord Elms, einem Vertreter der britischen Regierung, der erklärt, dass er leider zu der Erkenntnis gekommen sei, dass diese Regierung alles tut, um zu vertuschen, dass sie aus Lügnern und Mördern bestünde. Freddy fasst vor laufender Kamera zusammen, dass sich Großbritannien wohl kaum als Demokratie bezeichnen könne, wenn man die Entscheidung der Regierung nicht öffentlich diskutieren und infrage stellen dürfe. Während er spricht, verlieren die Regierungsvertreter die Nerven und lassen im Studio das Licht und die Kameras ausschalten.

So brachial geht heute höchstens noch der bayrische Rundfunk vor, wenn ihm was nicht passt. Andererseits muss man konstatieren, dass die Medien leider nicht so viel ausrichten können, wie ihnen gern unterstellt wird: Die wackeren Journalisten in aller Welt decken Skandale auf über Ausbeutung, Korruption, Umweltkatastrophen, Kriegsverbrechen und so weiter und so fort – aber was ändert die ganze Berichterstattung an der aktuell extrem unbefriedigenden Gesamtsituation?

Inside the NSA

Die US-Spitzelbehörde NSA fristete bisher ein Dasein im Schatten der Überwachungsgiganten CIA, FBI oder der nach 9/11 geschaffenen DHS. Bekannt geworden ist die NSA jetzt vor allem, weil ein 29jähriger Techniker, der als Computerfuzzi für einen Dienstleister der NSA arbeitete, seinen Job nicht mehr ausgehalten hat. Nun kann man sich natürlich fragen, warum einer seinen gut bezahlten Job und das damit verbundene angenehme Leben aufgibt, um den Rest seiner Tage als Staatsfeind von den US-Behörden gejagt zu werden. Julian Assange oder Bradley Mannings sind traurige Beispiele für das, was mit Menschen passiert, die der US-Regierung an Bein pinkeln, in dem sie veröffentlichen, was diese Regierung tut. Es ist ja nicht so, dass diese Leute sich böse Lügengeschichten ausgedacht hätten – das ist überhaupt nicht nötig, denn die Realität ist schlimm genug, wenn nicht schlimmer.

Deshalb hat mich die Dokumentation Inside the NSA so enttäuscht. Zuvor hatte ich The Gatekeepers gesehen – eine Doku, in der ehemalige Chefs des israelischen Geheimdienstes Shin Bet (das ist der für die innere Sicherheit in Israel zuständige Geheimdienst, während der Mossad im Ausland tätig ist) auspacken und erstaunlich offen über das reden, was sie in ihrer Geheimdienstzeit getan und gedacht haben. Ich war total von den Socken, was die israelischen Geheimdienstler vor laufender Kamera so alles erzählen. Insofern hatte ich hohe Erwartungen, was die NSA-Sendung betraf.

Die wurden aber auf ganzer Linie enttäuscht – Inside the NSA ist ein 45minütiger Werbefilm für eben diese Behörde, in dem die Macher immer wieder darauf hinweisen, dass sie jetzt erstmalig noch nie gezeigte Bilder zeigen, die einem dann erstaunlicherweise kein bisschen neu vor kommen, denn irgendwie kennt man sämtliche gezeigten Ereignisse schon aus den Nachrichten der vergangenen Jahre bis zum Erbrechen.

Vielleicht habe ich aber einfach nur zu viele Spionagethriller gesehen – die Bilder von Einsatzzentralen mit allerlei raffinierter Technik und vielen großen Bildschirmen kennt man ja aus zahlreichen Filmen und Fernsehserien. Natürlich kann man schon einige interessante Details erfahren, etwa, dass die Aufklärung über Bedrohungen durch Terroristen von 9/11 kaum eine Rolle gespielt hat, während der Terror jetzt als Bedrohung Nr. 1 gesehen wird.

Seit 2001 wurde die NSA massiv aufgerüstet, sowohl was das Budget, als auch was neue Technik und Personal angeht. Nebenbei wird dafür geworben, was man als mathematisch oder sonstwie begabter junger Mensch doch für tolle Karrierechancen bei der NSA hat. Es werden jede Menge Spezialisten gebraucht, Kryptologen, Analytiker, Computer- und Technik-Experten aller Art aber auch Fremdsprachenspezialisten und Kulturwissenschaftler sind gefragt. Denn letztlich nützt die modernste Technik nichts, wenn man nicht auch die schlausten Köpfe hat, die den ganzen Kram auswerten. Aber das hätte man auch ohne diese Doku gewusst.

Sehr viel mehr über die herrschenden Zustände in den USA erfährt man aus dem dokumentarischen Film Kapitalismus eine Liebesgeschichte von Michael Moore. Es ist kein kapitalismuskritischer Film im eigentlichen Sinne. Moore dokumentiert lediglich die Auswirkungen des Kapitalismus auf das Leben der Menschen, insbesondere, wenn die Krise kommt. Da gibt es beklemmende, haarsträubende, empörende Fakten ohne Ende – Michael Moore IST ein Empörter, der die Auswüchse des Systems anprangert, ohne Werbung für eventuelle Alternativen zu machen. Vermutlich, weil er nicht daran zu glauben wagt, dass es eine Alternative geben könnte. Aber das ist eine andere Frage, die ein anderes Mal diskutiert werden soll.

Heute mal Musik

Heute mal was über Musik. Konkreter: Meine Alltime-Favorits:

The Doors. Die beste Band der Rockgeschichte, ganz klar und immer wieder. Ja, es gibt auch ein paar ganz anständige Songs von den Beatles oder von den Stones. Aber von den Doors ist jeder Song gut. Und nicht nur wegen der sexy Stimme von Jim Morrison. Ray Manzareks Orgel – der mit der linken Hand den fehlenden Bassisten ersetzte – die Gitarre von Robby Krieger und nicht zuletzt die Schlagzeugkünste von John Densmore – die Jungs haben einfach tolle Musik gemacht. Schade, dass die Doors heute in erster Linie dafür bekannt sind, dass ihr Sänger sich im zarten Alter von 27 Jahren zu Tode gesoffen hat. Wo wir schon beim 27er-Club sind – ja, ich höre gelegentlich auch Amy Winehouse oder Nirvana. Mit Jimi Hendrix und Janis Joplin konnte ich dagegen nie so richtig was anfangen.

Aber ich habe nicht nur alten Kram gehört. Sondern auch durchaus zeitgenössische, also 80er-Jahren Musik. The Cure. The Smith. The Sisters of Mercy. Also The Trees. Depeche Mode. Some Great Reward war einfach der Kracher, das ganze Album. Black Celebration war auch noch ziemlich gut, auch Musik for the Masses. Aber dann… ja, die machen immer noch mal wieder ein Album und erstaunlicherweise klingt es jedes Mal wieder wie ein Depeche-Mode-Album. Aber mit denen ist es inzwischen genau so, wie ich vor einiger Zeit über die Red Rot Chili Peppers las: Sie sind noch immer gut, aber inzwischen hören sie sich an wie eine ambitionierte Red-Hot-Chili-Coverband. Das gilt leider auch für Depeche Mode.

Insofern ist es gar nicht schlecht, dass es manche Bands nicht mehr gibt, etwa Noir Désir, die ich auch ganz großartig finde. Eine andere großartige Band, die es allerdings noch gibt und die erstaunlicherweise total verlässlich immer wieder gute Alben herausbringt, sind die Aeronauten. In dem Zusammenhang kann natürlich das Soloprojekt Guz des Aeronauten-Sängers Olifr nicht unerwähnt bleiben. Aber das ist für einen ersten Artikel schon ganz schön viel Stoff.

Criminal Justice: Die Briten sind einfach besser

Es gibt diese Tage, an denen man aus einer Laune heraus etwas tut, das man hinterher vielleicht den Rest seines Lebens bereut – selbst wenn man eigentlich gar nichts dermaßen Furchtbares getan hat, sondern nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Aus diesem Stoff lässt sich eine verzwickte Justiz-Serie stricken, wie Peter Moffat für die BBC getan hat. Die erste Staffel von Criminal Justice ist ein verstörender Alptraum – sowohl für den Protagonisten Ben Coulter als auch für mitfühlende Zuschauer.

Der jungen Ben nimmt eines Abends aus einer Laune heraus das Taxi seines Vaters und macht damit eine Spritztour durch London. Irgendwann steigt ein Mädchen ein, das auch nicht aussteigen will, als Ben ihr sagt, dass er gar kein Taxifahrer sei. Sie ist schön, sie wirkt geheimnisvoll und sie will ans Meer. Ben muss nicht lange überlegen – sie fahren ans Meer, essen ein Eis,  sie überredet ihn, aus dem schönen Abend einen wunderschönen Abend zu machen und mit ihr gemeinsam einen Trip einzuwerfen. Was er eigentlich nicht will, aber heute ist alles egal. Sie nimmt ihn mit nach Hause, was er dann doch will, sie trinken, spielen überdrehte Spielchen und haben Sex. Am Ende wacht Ben mit schwerem Schädel am Küchentisch auf. Ihm fehlen einige Meter Film. Er geht nach oben ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen und zu verabschieden, dann der Schock: Das Mädchen liegt tot im Bett. Erstochen.

Ben macht in seiner Panik so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann: Haut ab, vergisst seine Jacke, fährt zurück, realisiert, dass alles ziemlich schlecht für ihn aussieht,versucht Spuren zu verwischen, steckt das Küchenmesser ein und fährt panisch wieder los. Natürlich kommt er nicht weit, er fährt das Taxi seines Vaters zu Schrott, wird deshalb eher zufällig von der Polizei gestellt – mit der Mordwaffe in der Jacke.

Damit geht es dann aber erst richtig los: Für die Polizei ist die Sache klar, diesen Fall könnte auch der letzte Anfänger lösen. Ärgerlich ist nur, dass der Junge nicht gestehen will. Ben lässt sonst aber alles über sich ergehen, bekommt einen Rechtsbeistand, der ihm rät, nichts zu sagen und so sagt er nichts. Warum auch – er kann doch kein Verbrechen zugeben, von dem er annimmt, es nicht begangen zu haben. Auch wenn alles gegen ihn spricht. Das Problem ist, dass er selbst nicht weiß, was in jener Nacht passiert ist.

Das macht den Fall natürlich nicht leichter, auch nicht für die wenigen Menschen, die zumindest einen leisen Zweifel daran haben, dass Ben Coulter ein Mörder ist. Selbst Ben ist nicht immer hundertprozentig sicher, dass er es nicht war. Weil die Lage so hoffnungslos ist, rät sein Anwalt, sich schuldig zu bekennen und auf Totschlag zu plädieren. Wenn auf diese Weise ein langwieriges Verfahren vermieden würde, käme er mit wenigen Jahren Gefängnis davon. Für einen Mord dagegen bekäme er lebenslänglich.

Darauf will Ben sich nicht einlassen: Er besteht darauf, nicht schuldig zu sein. Daraufhin wird er durch die Mühlen des britischen Justizwesens gemahlen, von dem seine Eltern sicher sind, dass es das beste und fairste der Welt sei. Allerdings wird diese Gewissheit noch ins Wanken geraten, während Ben lernen muss, wie man im Knast überlebt. Hier hat er es nämlich mit richtigen Verbrechern zu tun, die im Kampf aller gegen alle nichts zu verschenken haben. Ben gerät zwischen die Fronten von Machtkämpfen unter den Insassen und jeder versucht auf seine Weise, den unerfahrenen Jungen auszunutzen. Währenddessen müssen sich Bens Verteidiger sehr ins Zeug legen, um ihrem Mandanten zu helfen – was auch nach hinten losgehen kann.

Alles in allem ein überaus spannendes Justizdrama, fantastisch besetzt mit Ben Whishaw in der Hauptrolle und dem immer wieder grandiosen Pete Postlethwaite als Bens Zellengenosse Hooch. Ich frage mich, warum das deutsche Fernsehen so etwas einfach nicht hinkriegt. Zum Thema Justizserie im deutschen Fernsehen fallen mir nur so putzige Sachen wie Liebling Kreuzberg, Edel & Stark oder der Staatsanwalt ein, die streckenweise gar nicht mal so übel sind, aber doch irgendwie sehr seicht vor sich hin plätschern. Selbst die vergleichsweise ambitionierte  zdf-Serie Verbrechen nach Ferdinand von Schirach kann man nicht mit Criminal Justice, North Square, Silk oder Injustice vergleichen –  und das sind jetzt nur britische Konkurrenten. Und das, obwohl der von mir sehr geschätzte Josef Bierbichler den abgebrühten Strafverteidiger von Schirach spielt. Aber der allein kann das deutsche Justizdrama nicht retten.

Breaking Bad: Gut, dass alles immer noch schlimmer werden kann

Die beste Serie derzeit ist selbstverständlich Breaking Bad von Vince Gilligan. Sie handelt von der Verwandlung eines besorgten Familienvaters, der sich bislang als unterbezahlter Chemielehrer durchgeschlagen hat, in einen knallharten und skrupellosen Drogenboss.

Walter White (genial verkörpert von Bryan Cranston) wird 50 und leidet daran, dass er eine fatale Fehlentscheidung getroffen hat: Er hat  vor vielen Jahren für ein paar Tausend Dollar seine Anteile an einem gemeinsam mit zwei Studienfreunden gegründeten Unternehmen verkauft. Er brauchte das Geld, weil er eine Familie gründen wollte. Später waren seine Freunde mit der Firma sehr erfolgreich und scheffelten Millionen, während Walter nach seinem Lehrerjob noch Autos waschen muss, um seine Familie durchzubringen. Doch weil es ja immer noch schlimmer kommen kann, wird seine Frau Skyler (Anna Gunn) noch einmal schwanger. Kurz danach fällt Walt bei der Arbeit um: Lungenkrebs. Als nicht gerade Gutverdiener ist Walter wie viele US-Bürger schlecht versichert – er wird sich die Behandlung nicht leisten können.

Ausgerechnet sein Schwager Hank (Dean Norris), der für die Anti-Drogenbehörde DEA arbeitet, bringt ihn auf die Idee, dass sich mit Crystal Meth ein Haufen Geld verdienen lässt. Als Walter dann auch noch ein ehemaliger, eigentlich mäßig begabter Schüler über den Weg läuft, der sich seinen Drogenkonsum mit dem Verticken von selbstgekochten Stoff verdient, kommt es, wie es kommen muss: Walter sorgt dafür, dass die Szene einen Stoff in nie gekannter Qualität bekommt, Jesse (Aaron Paul) soll den Vertrieb regeln. Natürlich kann das nicht gut gehen, weil sowohl die lokalen Dealer als auch das mexikanische Drogenkartell die neue Konkurrenz keineswegs willkommen heißen, sondern mit aller Gewalt bekämpfen.

Walt begreift, dass er größer denken muss und baut sich selbst zur einer mythischen Überfigur auf: Als Heisenberg mit schwarzem Hut und Sonnenbrille erledigt er selbst die brutalsten mexikanischen Lokalmatadore in seinem Revier. Nicht nur das Kartell, auch die DEA wird aufmerksam: Wer ist dieser Heisenberg, der die Szene mit dem geilstem blauen Zeug aller Zeiten in Aufruhr versetzt?!

Natürlich sorgt Walters Doppelleben für allerlei Komplikationen im Familienalltag. Nicht nur, dass er sich ständig neue Ausreden für seine Abwesenheiten ausdenken muss, wenn er mit Jesse tagelang in der Wüste Meth kocht. Wie soll er seiner Frau erzählen, woher plötzlich das ganze Geld kommt? Walt verstrickt sich immer tiefer in sein selbstgeschaffenes Lügengespinst und weil Skyler White ja nicht blöd ist, kriegt sie die schreckliche Wahrheit schließlich heraus. Und so wird alles schlimmer und schlimmer, weil jede Lösung eines Problems immer noch viel größere Probleme nach sich zieht. Wunderbar durchexerziert mit immer neuen bitteren Höhepunkten notwendiger, aber absehbar fataler Entscheidungen.

Alles in allem nicht nur mutiges, großartiges Fernsehen, sondern ganz großes Kino: Aus Budgetgründen spielt Breaking Bad nicht im teuren Kalifornien, sondern im sehr viel günstigeren New Mexico, wo es eigentlich nichts außer einer grandiosen Wüstenlandschaft gibt. Auf diese Weise wird aus der ohnehin sehr vielschichtigen Serie – einerseits ein beklemmendes bürgerliches Beziehungsdrama, in dem die jeweiligen Hauptfiguren über verschiedenste Abhängigkeiten mit einander verstrickt sind, changiert die Handlung andererseits zwischen Thriller, Gangsterepos und rabenschwarzer Drogenfilmsatire – auch noch ein klassischer Western. Allein wie Licht und Schatten wechseln, wenn sich die Protagonisten in der Wüste neuen Herausforderungen stellen müssen, rechtfertigt, sich diese Szenen mehr als einmal anzusehen.

Ich bin unglaublich gespannt auf die sechste und leider letzte Staffel. Okay Klugscheißer werden jetzt mokieren, dass es sich um die zweite Hälfte der fünften Staffel handelt: Meinetwegen auch das. Schlimm ist so oder so, dass das Ende nah ist.