The Hour – eine Sternstunde für Nachrichtenjunkies

Eine der Perlen aus der BBC-Produktion ist zweifelsohne die Serie The Hour. Es geht darin um die Erfindung der aktuellen Nachrichtensendung, in der über aktuelle politische Ereignisse berichtet wird. Das ist nicht ganz einfach, weil es 1956 eine Maulkorb-Klausel gibt, die der BBC verbietet, Themen zu behandeln, die voraussichtlich innerhalb von 14 Tagen nach dem geplanten Sende-Termin im Unterhaus zur Sprache kommen werden. Auf diese Weise wird es selbstverständlich fast unmöglich, über aktuelle Politik zu berichten. Trotzdem versucht das Team von The Hour, die Aufpasser in den oberen Etagen auszutricksen, um über die Dinge berichten zu können, die es für wichtig hält.

Das Team besteht vor allem aus Bel Rowley (Romola Garai), der jungen Chefredakteurin, die später erfahren muss, dass sie ausgewählt wurde, weil man glaubte, eine Frau sei leichter zu steuern, ihrem besten Freund Freddy Lyon (Ben Whishaw), der auf eigenwillige Weise immer wieder unglaubliche Storys ausgräbt und dem Moderator Hector Madden (Dominic West, den man aus The Wire kennen sollte), einem gutaussehenden Karrieristen, der der Sendung ein seriöses Gesicht verleihen soll. Unterstützt werden sie von Alexis Storm, einer ehemaligen Kriegsreporterin, die gute Verbindungen in die Krisenregionen der Welt hat und Freddys Assistenten Isaac Wengrow, der immer wieder als Lückenfüller einspringen muss.

Ich habe sehr viel für liebevoll ausgestattete Retro-Serien übrig, insofern ist das 50er-Jahre-Design von The Hour schon Grund genug gewesen, mir diese Serie anzusehen. Dazu kommt die gut gewählte Filmmusik, die genauso cool ist wie das sonstige Design. Auch die Geschichte an sich ist herrlich retro, neben dem Haupterzählstrang um die engagierten Journalisten, die darum kämpfen, eine gute Nachrichtensendung machen zu dürfen, mit den ganz wichtigen News, von denen sie sicher sind, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, sie zu erfahren, sind weitere Elemente eingeflochten, klassischer britischer Krimi, Agentenstory und nicht zu vergessen die gute britische Sozialkritik, Arbeitersohn Freddy verkörpert den Gegensatz vom Leben der Upper Class und der britischen Arbeiterschaft.

Außerdem ist es rührend zu sehen, wie aufwendig das Recherchieren war, als die Nachrichten noch nicht in einem nicht abreißenden Strom per Internet in die Redaktionen geflutet wurden. Freddy zückt immer wieder sein Notizbuch, an Computer ist noch nicht zu denken, auf den Schreibtischen in der Redaktion stehen mechanische Schreibmaschinen und schwarze Telefonapparate, in deren Leitungen es immer wieder verdächtigt klickt – Überwachung war auch damals kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein aktuelles Thema – Echelon, der Bundestrojaner und PRISM ist leider gar nichts Neues.

Und auch das eigentliche Thema ist weiterhin aktuell: Was können die Medien ausrichten? Wie weit sind sie Instrument der Regierenden? Was ist guter Journalismus? Und so setzen Bel und Freddy ihre Karrieren aufs Spiel, um eine Sendung zu produzieren, in der das Handeln der britischen Regierung in der Suezkrise in Frage gestellt wird. Sie zeigen, wie die Regierung die Menschen niederknüppeln lässt, die in London gegen den Krieg, gegen die Bombardierung ägyptischer Städte protestieren, und sie bringen ein Interview mit Lord Elms, einem Vertreter der britischen Regierung, der erklärt, dass er leider zu der Erkenntnis gekommen sei, dass diese Regierung alles tut, um zu vertuschen, dass sie aus Lügnern und Mördern bestünde. Freddy fasst vor laufender Kamera zusammen, dass sich Großbritannien wohl kaum als Demokratie bezeichnen könne, wenn man die Entscheidung der Regierung nicht öffentlich diskutieren und infrage stellen dürfe. Während er spricht, verlieren die Regierungsvertreter die Nerven und lassen im Studio das Licht und die Kameras ausschalten.

So brachial geht heute höchstens noch der bayrische Rundfunk vor, wenn ihm was nicht passt. Andererseits muss man konstatieren, dass die Medien leider nicht so viel ausrichten können, wie ihnen gern unterstellt wird: Die wackeren Journalisten in aller Welt decken Skandale auf über Ausbeutung, Korruption, Umweltkatastrophen, Kriegsverbrechen und so weiter und so fort – aber was ändert die ganze Berichterstattung an der aktuell extrem unbefriedigenden Gesamtsituation?

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