Nichtgedanken sind oft die besseren

Als Mitte der 80er Jahre das Privatfernsehen startete, ging völlig zu recht die Angst um, dass nun eine Spirale der Boulevardisierung und Verflachung des Fernsehens einsetzen würde – eine Befürchtung, von der man mittlerweile sagen kann, dass sie sich als absolut zutreffend erwiesen hat. Zwar waren mir damals derartige Überlegungen ziemlich schnurz – ich hatte damals einfach andere Dinge zu tun, als ständig vor der Glotze zu hängen, aber eine Freundin des Privatfernsehens bin ich bis heute nie geworden.

Ich hasse Werbeunerbrechungen – ich kann einen Film, einen guten zumal, einfach nicht genießen, wenn ich nicht weiß, ob ich im nächsten Augenblick nicht in einen nervigen, penetranten, strunzendoofen Werbespot katapultiert werde, oder ob ich noch ein paar Minuten von dem, was ich eigentlich sehen will, genießen darf. Einer dermaßen nervenzerfetzenden Willkür setze ich mich doch freiwillig nicht aus – lieber verzichte ich auf das Filmangebot, als mich solchen Konditionen zu unterwerfen!

Allerdings lernte ich ein paar Jahre später über meine WG-Mitbewohner, dass die neuen Sender ganz nützlich waren, um nach der Uni ein, zwei Stündchen mit zweifelhaften Serien (21 Jump Street – immerhin: Johnny Depp!, Spenser, Knight Rider oder MacGyver) totzuschlagen, bevor man sich derart erfrischt dem studentischen Abendprogramm widmen konnte. Insofern kenne ich die eigentlichen Blüten des deutschen Privatfernsehens von Tutti Frutti bis hin zu diversen Scripted-Reality-Formaten nur aus dem Feuilleton. Was sicherlich kein Verlust ist.

Höhepunkte wie die frühen Folgen von Alarm für Cobra 11 oder diesen unsäglichen Yo-gi-oh-Scheiß sind mir trotzdem nicht entgangen, weil ich nicht so borniert war, meine Kinder durch ein Seh-Verbot zu einsamen Außenseitern zu stempeln.

Nun aber zu meinem eigentlichen Anliegen: Der von mir bisher kaum wahrgenommene Privatsender Tele 5 produziert seit Ostern dieses Jahres eine Serie, die man getrost zu den Lichtblicken der zeitgenössischen Fernsehgeschichte zählen kann: Nichtgedanken mit Oliver Kalkofe.

Wer dabei an die Nachtgedanken mit Hans-Joachim Kulenkampff  denkt, liegt keineswegs falsch, denn die Nichtgedanken spielen durchaus auf diesen Vorgänger an, mit dem die Zuschauer im Ersten Programm nach all den Schrecken des Tages mit einem guten Gedanken ins Bett geschickt werden sollten. Oliver Kalhofe tut das auch – allerdings verliest er dazu die nicht immer dermaßen brillanten Gedanken anderer. Diese sind durchweg bekannte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, von Heino über Bushido über Carsten Maschmeyer bis hin zu Bettina Wulff.

Indem Oliver Kalkofe in liebevoll arrangiertem Ambiente einige Minuten lang die besten Stellen aus den Büchern der Promis vorliest, kann man sich die Anschaffung dieser Werke sparen und trotzdem auf der Höhe der Diskussion darüber bleiben. Insofern eine ungewöhnlich verdienstvolle Sendung in privatsendertypischen Informationshäppchen, die dem Niveau der vorgetragenen Werke jedoch voll entsprechen.

Und ich deshalb sage hiermit öffentlich: Nicht alles am Privatfernsehen ist schlecht.

Vielen Dank dafür und weiter so!

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