Die Brücke – Transit in den Tod auf amerikanisch

Ich bin ja eine große Freundin der „Ein-Fall-Mehrteiler“ – also Krimi-Serien, bei denen es eine ganze Staffel lang um die Aufklärung eines einzigen Falls geht. Leider haben Fernsehproduzenten nicht oft den Mut, solche Serien zu produzieren. Ein gutes Beispiel war vor einigen Jahren Das Verbrechen, in dem die dänische Kommissarin Sarah Lund so ziemlich alles dafür geben hat, den Mord an einem neunzehnjährigen Mädchen aufzuklären. Es gab noch zwei weitere Staffeln, aber leider kamen diese nicht an den ersten Fall heran. Die Skandinavier sind bekanntlich sehr gut in düsteren Krimis und es muss nicht immer Kommissar Kurt Wallander sein, obwohl ich Henning Mankell als Autor sehr schätze, und ganz ausdrücklich nicht nur als Autor wirklich guter Krimis.

Insofern war ich sehr begeistert, als im vergangenen Jahr Die Brücke im Fernsehen lief, eine dänisch-schwedisch-deutsche Koproduktion, bei der ein dänischer Kommissar und eine schwedische Kommissarin gemeinsam einen Mordfall untersuchen müssen, der mit einer Leiche auf der Öresundbrücke begonnen hat und immer weitere Kreise zieht.

Am Ende ist der geniale Verbrecher, der sich gern Wahrheitsterrorist bezeichnen lässt und mit sorgfältig inszenierten Verbrechen auf soziale Missstände in der Gesellschaft aufmerksam macht, nur auf einem sehr privaten Rachefeldzug gegen einen der beteiligten Ermittler.

Und zwar gegen den auf den ersten Blick „normaleren“ der beiden. Während die kühle Schwedin Saga Norén (Sofia Helin) überkorrekt und im bürgerlichen Sinne irgendwie gestört ist, weil sie sich stets exakt an die Vorschriften hält und immer die Wahrheit sagt, auch wenn sie ihrem Umfeld damit ständig vor den Kopf stößt, ist der joviale Däne Martin Rohde (Kim Bodnia, der Freunden der gnadenlosen Gangstergroteske durch Pusher ein Begriff sein sollte, in dem er quasi den kompletten Soprano-Klan in einer einzigen Figur verkörpert) einer, der auch mal fünf gerade sein lässt und genau weiß, was die Menschen von ihm hören wollen. Martin ist halt ein verständnisvoller Typ und durch seine Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, durchaus ein guter Ermittler. Als Team sind die beiden natürlich unschlagbar, die ausschließlich auf ihren Job fokussierte Saga, die es für Zeitverschwendung hält, während der Arbeit Privatgespräche zu führen, nur weil man mal die Stimme eines geliebten Menschen hören will und nicht begreift, wozu Smalltalk unter Kollegen gut sein soll und der sozial überaus kompetente Martin.

Szenenfoto aus "Die Brücke"

Das schwedisch-dänische Ermittler-Duo Saga Norén und Martin Rohde. Szenenfoto aus „Die Brücke“ Quelle: movie-infos.net

Die Ironie der Geschichte ist, dass Saga sich zwar einiges von Martin abschaut, was ihr den Umgang mit anderen Menschen erleichtert, aber Martin derjenige ist, den seine menschliche Schwäche ins Verderben stürzt – er will es halt immer allen recht machen, vor allem aber sich selbst. „Du gehst immer den Weg des geringsten Widerstands!“ wirft ihm sein heranwachsender Sohn vor, der wieder zu Hause eingezogen ist und seine Nächte am Computer mit Ballerspielen verbringt, noch immer wütend auf seinen Vater, der seine Mutter und damit auch ihn vor Jahren verlassen hat.

Und dann gibt es natürlich noch viele andere Figuren, die in mit ihren Geschichten in diesen Fall verwoben sind, etwa den verdächtigen Sozialarbeiter mit Helfersyndrom, der auf seine Art gegen die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft kämpft, in dem er gestürzten und gestrandete Menschen hilft. Als er eine Mutter mit ihren Kinder nicht nur vor Obdachlosigkeit, sondern auch vor dem gewalttätigen Partner retten will, wird er selbst zum Mörder, aber natürlich hat er nichts mit dem abgefeimten Wahrheitsterroristen zu tun, er ist zwar ein Einzelkämpfer, aber einer ohne krankhaftes Sendungsbewusstsein.

Oder den jungen, karrieregeilen Journalisten, der sich alles, was er an Drogen in die Finger kriegt, reinpfeift, aber immer wieder voll die gute Story liefert – ohne Rücksicht darauf, was mit den Menschen passiert, über die er in seinen Artikeln schreibt. Oder den Einwanderer-Sohn, dessen Bruder unter mysteriösen Umständen gestorben ist, die mutmaßlichen Täter werden aber freigesprochen, weil es Polizisten sind. Wohin mit der Wut auf das System, von dem der eingewanderte Vater noch immer behauptet, es sei trotzdem besser als dort, wo er herkommt?

Oder die Frau des älteren, sehr reichen Mannes, der unbedingt eine Herztransplantation braucht – sie kämpft für ihn wie eine Löwin, angefangen damit, dass sie Martin dazu bringt, den Krankenwagen den Tatort auf der Brücke passieren zu lassen, was zu einem ersten Konflikt mit Saga führt, bis hin ein Spenderherz und das OP-Team der Wahl aufzutreiben – und dann erfährt sie von ihrem Mann auf dem Totenbett, dass er sie nicht mehr liebt und eine andere hatte. Was wiederum dazu führt, das Martin ein weiteres verhängnisvolles Mal nicht widerstehen kann, als die attraktive Witwe ausgerechnet von ihm getröstet werden will.

Und dann gibt es noch das Verbrechen selbst, das Ermittler und Zuschauer darauf stößt, wie selbstverständlich die strukturellen Ungerechtigkeiten zwischen denen da oben und denen da unten auch im angeblich objektiven nordeuropäischen Rechtsstaat gelebt werden: Das Verschwinden einer jungen Prostituierten ein Jahr zuvor wurde längst zu den Akten gelegt, während der Mord an einer bekannten Politikerin natürlich höchste Priorität hat. Erst jetzt, wo beide Fälle vom Mörder miteinander verknüpft werden, interessieren sich die Ermittler für das Schicksal der unbekannten Frau.

Und das alles in dieser unterkühlten, skandinavischen Ästhetik, die den Eindruck entstehen lässt, dass immer Winter ist, die jede Farbe aufsaugt, aber gleichzeitig so gut komponiert ist, dass man glaubt, einen klassischen Schwarzweißfilm zu sehen. Obwohl an den geschmackvollen Interieurs der Wohnungen am oberen Ende der sozialen Skala durchaus zu sehen ist, dass das Leben auch schön bunt sein kann, wenn man nur genug Geld hat.

Als ich hörte, dass die Amis – wie sie es ja immer machen, wenn ihnen eine Geschichte gefällt – die Brücke neu verfilmen, nur eben auf amerikanisch, war ich sehr skeptisch. Das gab es ja immer wieder, auch mit anderen europäischen Serien – aus der britischen Betrüger-Serie Hustle – unehrlich währt am längsten machten die Amis die Serie Leverage (obwohl das kein offizielles Remake ist), aus der israelischen Serie Hatufim wurde die US-Serie Homeland und die schwedische Millenium-Trilogie von Stieg Larsson wurde gleich noch mal als US-Version verfilmt, zumindest der erste Teil. Bei den erwähnten Beispielen finde ich die Originale deutlich besser – auch wenn ich zugeben muss, dass in den USA auch unglaublich gute Serien gemacht werden – aber amerikanische halt. Wie Mad Men oder Breaking Bad, zweifelsohne sehr, sehr gute, sehr amerikanische Fernsehserien.

Gerade nach den Millenium-Filmen, die im original sehr skandinavisch düster verstrickt und mit Michael Nykvist und Noomi Rapace auch fantastisch besetzt sind, fürchtete ich Schlimmes: Das US-Remake war nicht so richtig überzeugend, obwohl mit Daniel Craig und Rooney Mara wirklich gute Hauptdarsteller aufgeboten wurden und auch sonst ein deutlich höheres Budget für den einen oder anderen übertriebenen Gruseleffekt sorgte. Manchmal ist weniger mehr.

Sonya Cross und Marco Ruiz - das Team aus The Bridge - America.

Sonya Cross und Marco Ruiz – das Team aus The Bridge – America. Quelle: blog.fsf.de

Und so konnte ich mich nicht so richtig auf den Serienstart von The Bridge – America freuen. Inzwischen muss ich aber sagen, dass es sich um die beste Neuverfilmung handelt, die ich bisher gesehen habe: Die Handlung wurde an die Grenze zwischen Mexiko und den USA verlegt, an die Brücke zwischen El Paso und Ciudad Júarez. Obwohl die Geschichte alles in allem sehr nah am skandinavischen Original ist, viele Szenen und Dialoge wurden eins zu eins übernommen, was mir gefällt, weil sie eben gut und treffend sind, haben die Macher es doch geschafft, eine ganz neue Qualität einzubringen – schließlich ist die Grenze zwischen den USA und Mexiko sehr viel härter, krasser und undurchlässiger als die zwischen Schweden und Dänemark.

Hier geht es nicht mehr um vermeintliche Luxusprobleme einer an sich sehr wohlhabenden Gesellschaft, die nicht so richtig weiß, wie sie mit Verlierern und Migranten umgehen soll, sondern um den krassen Gegensatz zwischen dem reichsten und mächtigsten Land der Welt und den Verlierern in der sogenannten dritten Welt, die gleich hinter dem gut bewachten Grenzzaun beginnt. Armutsflüchtlinge aus ganz Lateinamerika riskieren zu Tausenden ihr Leben, um diese Grenze zu überwinden und in den USA ein besseres Leben anzufangen. Für die einen sind sie eine Ware mit deren Schmuggel man viel Geld verdienen kann, für die anderen sind sie billige Arbeitskräfte, die sich willig ausbeuten lassen.

Interessant finde ich gerade deshalb, wie universell die Handlung funktioniert – auf der einen Seite die leicht autistische US-Polizistin Sonya, die sich unbewusst, aber ganz klar gegen die Cowboy-Mentalität ihrer Kollegen vom EL Paso PD positioniert, auf der anderen Seite der kompetente Mexikaner Marco, der ziemlich gut Englisch spricht und gern nicht nur ein guter, sondern auch ein ehrlicher Polizist wäre, aber ständig Stress mit seinen Vorgesetzten und dem Kartell hat, weil das Leben und die Polizei in Mexiko halt ganz anders funktionieren.

Am Ende wird Marco Ruiz aber genauso zwischen seinem Anspruch, ein guter Familienvater zu sein und seiner Geschichte als nicht immer ehrlicher Frauenversteher aufgerieben wie sein dänisches Alter Ego Martin Rohde. Und selbst die übermenschlich unermüdliche Sonya Cross schafft es nicht, seinen Sohn zu retten, den der noch immer auf Rache versessene Nebenbuhler für die Sünden des Vaters büßen lässt.

Ja, das ist schon großes Fernsehen.

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