The Killing: Die US-Version von Kommissarin Lund

Das Seriensehen ist ein harter Job, aber einer muss ihn ja machen. Die Weihnachts-Feiertage habe ich genutzt, um mir endlich die Neuverfilmung von „Das Verbrechen“ (im Original „Forbrydelsen“) anzuschauen. Die Serie um die dänische Kommissarin Sarah Lund ist die Mutter aller Ein-Fall-Mehrteiler. In Deutschland wurde die eigentlich als 22-Teiler konzipierte Serie als Zehnteiler mit jeweils fast zweistündigen Folgen ausgestrahlt.

Es geht um den Mord an der 19-jähringen Schülerin Nanna Birk Larsen, deren blutverschmierte Kleider ausgerechnet am letzten Arbeitstag von Sarah Lund gefunden werden. Zusammen mit ihrem Kollegen Jan Meyer, der Sarahs Nachfolger werden soll, nimmt Sarah die Ermittlungen auf. Auf Lunds Initiative hin wird Nannas Leiche im Kofferraum eines Wagens gefunden, der in einem Gewässer in der Nähe versenkt wurde. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn der Fall ist kompliziert und treibt auch die erfahrene, hartnäckige Sarah Lund an ihre Grenzen. Sie setzt ihre neues Leben in Schweden, ihre Beziehung und ihre Karriere bei der Polizei aufs Spiel, um den Fall zu lösen.

Das Verbrechen: Kommissarin  Lund und ihr Kolleg Ja Meyer. Bild: zdf via arte.tv

Das Verbrechen: Kommissarin Lund und ihr Kollege Jan Meyer. Bild: zdf via arte.tv

Was mir an der Serie gut gefallen hat, war die Komplexität: es geht eben nicht nur um die Polizeiarbeit, obwohl die auch einen breiten Raum einnimmt. Außerdem hat Sarah es mit ihrer Art und ihren Methoden nicht gerade leicht mit Kollegen und Vorgesetzten. Sondern es wird auch gezeigt, wie die Familie des Opfers leidet – der Vater und ein Mitarbeiter seiner Umzugsfirma geraten zeitweise selbst in Verdacht, dann gibt es noch den Politiker, in dessen Wahlkampfwagen die Leiche gefunden wurde und entsprechend allerlei politische Verwicklungen, einen sehr wohlmeinenden Lehrer, verdächtige Mitschüler, einen Polizisten, der unter mysteriösen Umständen stirbt und schließlich stellt sich auch noch heraus, dass Nanna wohl einen älteren Freund gehabt hat – Spuren ohne Ende, aber wie gehört das alles zusammen? Kollege Jan überwindet seine anfängliche Abneigung gegen Sarah und findet heraus, dass Beweise manipuliert wurden wurden. Als die beiden eine neue Spur verfolgen, wird Meyer angeschossen und stirbt später an seinen Verletzungen. Gegen Lund wird nun ermittelt, ihr wird unterstellt, für den Tod ihres Kollegen verantwortlich zu sein. Nach dem sie mit der Hilfe ihres ehemaligen Freundes aus der Psychiatrie entkommen kann, wird im ganzen Land nach ihr gefahndet. Aber sie ist endlich auf der richtigen Spur und die Auflösung ist dann noch einmal richtig gemein.

Weil die Serie so vielschichtig ist, lohnt es sich auf jeden Fall, sich sie mehr als einmal anzusehen – allerdings kostet das Zeit. Insofern fand ich einen guten Kompromiss, mir einfach die US-Version anzuschauen – die Macher von The Killing haben sich relativ eng an die dänische Vorlage gehalten, auch wenn sie ihrer Kommissarin Linden eine größere Auswahl handgestrickter Wollpullover zugestanden haben. Das Seattle, das hier gezeigt wird, wirkt so düster und grau wie Kopenhagen im tiefsten Winter. Es regnet eigentlich immer. Mireille Enos ist als Sarah Linden genauso großartig wie Sofie Gråbøl als Sarah Lund. Sofie Gråbøl hat in The Killing übrigens einen kurzen Gastauftritt in der zweiten Folge der zweiten Staffel. Sie spielt die Staatsanwältin Nielsen, von der Linden einen Gefallen einfordert – natürlich ohne sich zu bedanken, ganz im muffeligen Lund-Stil. Die Handlung der ersten Staffel von Kommissarin Lund wurde in der US-Version über zwei Staffeln gestreckt, die Gesamtdauer ist vergleichbar.

The Killing: Stephen Holder und Sarah Linden

The Killing: Stephen Holder und Sarah Linden – Screenshot von amctv.com

Die eigentliche Überraschung der US-Version ist Detective Stephen Holder. Hier haben die Amis für den skandinavischen Touch extra den schwedischen Schaupieler Joel Kinnaman verpflichtet – der allerdings viel weniger skandinavisch wirkt aus die rotblonde Hauptdarstellerin. Vizekommissar Jan Meyer, gespielt von Søren Malling, ist schon im Original eine durchaus interessante Figur, ständig hin-und-her-gerissen zwischen dem Frust über diese dickköpfige Sarah Lund, die einfach die Zügel nicht aus der Hand gibt, und der zunehmenden Hochachtung vor ihrem Talent. Er selbst ist ja auch nicht der korrekteste aller Bullen, aber halt ein guter Spürhund mit einem gewissen Gerechtigkeits-fimmel. Leider muss er das mit seinem Leben bezahlen.

Für Stephen Holder sieht es am Anfang noch schlechter aus, Linden lässt keinen Zweifel daran, dass sie diesen Typ nicht für voll nimmt. („You dress like Justin Bieber and you eat pork rinds for dinner.“) Holder sieht allerdings auch über die ersten beiden Staffeln hinweg in jeder Folge so aus, als hätte er nachts unter einer Brücke gepennt. Als sein Lieutenant ihn auffordert, endlich mal korrekt gekleidet zum Dienst zu erscheinen, wirken Anzug und Krawatte an diesem Typ so lächerlich, dass man froh ist, als er wieder im gewohnten Kapuzenpulli und der in den Kniekehlen hängenden Jeans auftaucht. Aber so sehr Linden Holder auch schikaniert, er ist nicht klein zu kriegen. Im Gegenteil lässt er Linden an seinen auf der Straße und vom Discovery-Channel erworbenen Weisheiten teilhaben.

Holder darf auch in der dritten Staffel von The Killing gemeinsam mit Sarah Linden ermitteln.

Holder darf auch in der dritten Staffel von The Killing gemeinsam mit Sarah Linden ermitteln. Screenshot von amctv.com

Holder ist ein Straßenkind, ein ehemaliger Junkie, der Zeuginnen zum Reden bringt, in dem er sie an seinem Joint ziehen lässt („Relax Mom, it’s narcscent“ erklärt er Linden später) aber wie sich heraus stellt, genau wie Linden ein hartnäckiger Ermittler mit einem Gespür für Details. Er ist letztlich auch der einzige, der Lindens Kaputtheit erträgt. Anders als die dänische Sarah Lund, die ja immerhin eine besorgte Mutter hat, bei der sie ihren halbwüchsigen Sohn parken kann, wurde Sarah Linden von einer Pflegefamilie an die nächste weitergereicht, was ihre seltsam mangelhafte Sozialkompetenz erklärt. Dieses ganze Familien-Ding fällt ihr schwer – was Holder immer wieder ironisch, aber verständnisvoll kommentiert, schließlich hatte auch er eine kaputte Kindheit. Holder hat auch ein Herz für Jack, den Sohn, um den Sarah Linden zwar wie eine Löwin kämpft, den sie aber gleichzeitig immer wieder wegen ihres Jobs vernachlässigt. Insofern ist es mehr als okay, dass Holder mehr Glück als sein dänischer Kollege Meyer hat. Er muss im Laufe der Ermittlungen zwar auch ziemlich was einstecken, aber er überlebt das Schlamassel, in das er wegen seiner inoffiziellen Ermittlungen mit der vom Dienst suspendierten Linden geraten ist. Das ist auch gut so, denn die dritte Staffel für ohne Detective Holder definitiv keinen Spaß machen.

Fazit: Warum sollte man sich eine neue Serie ausdenken, wenn es doch schon ein sehr gutes Drehbuch gibt, das bereits einmal funktioniert hat? Insofern schreibt The Killing anders als Das Verbrechen kein neues Kapitel in der Serien-Geschichte, bietet aber solide Unterhaltung für Krimi-Freunde, die sowohl den kühlen skandinavischen Blick auf schrecklichste Verbrechen, als auch die amerikanische (Selbst)-Ironie schätzen, mit der dieses Remake angereichert wurde.

Eine kleine Kostprobe typischer Holderismen gibt es auf youtube:

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