Zu viel ist zu viel: Die Brücke mit Tunnelblick

Was zweimal funktioniert, kann man auch noch ein drittes Mal ausprobieren – aber ganz ehrlich: in diesem Fall würde ich nicht sagen, dass alle guten Dinge drei sind.
Mit The Tunnel wurde die skandinavische Krimiserie Die Brücke – Transit in den Tod ein weiteres Mal verfilmt, dieses Mal allerdings ist der Euro-Tunnel zwischen England und Frankreich der Ort des Verbrechens. Und weil mir sowohl das Original, als auch die US-Adaption The Bridge America sehr gut gefallen haben, musste ich mir das alles noch einmal reinziehen, dieses Mal halt zweisprachig auf Englisch und Französisch.

Capitaine Elise Wassermann und Detective Karl Roebuck im Tunnel

Capitaine Elise Wassermann und Detective Karl Roebuck im Tunnel – Screenshot von http://tbivision.com/mipcom/2013/09/mipcom-hot-pick-the-tunnel/152022/

Und ja, es ist einerseits wieder alles wohlbekannt und doch wieder ganz eigen. Und ja, ich finde Clémence Poésy als Capitaine Elise Wassermann und Stephen Dillane als Detective Karl Roebuck auch wieder sehr gut und völlig überzeugend. Die Elise Wassermann der Clémence Poésy kommt der Saga Norén aus dem Original noch näher als die Sonja Cross von Diane Kruger, wobei natürlich die Frage ist, ob das wirklich so gut ist. Aber diese ebenso arrogante wie berechtigte Gewissheit, dass es außer ihr selbst niemanden gibt, der den Job ähnlich gut erledigen könnte wie Elise bzw. Saga – das ist immer wieder cool. Und auch, wie irritiert die Mitmenschen jedes Mal wieder sind, wenn jemand nicht kapiert, dass man halt nicht immer und überall die Wahrheit sagen sollte. Mir gefallen auch die speziellen Reibereien zwischen den Franzosen und den Briten, da gibt es ja viel Potenzial und auch sonst ist alles wieder herrlich düster, trostlos und gemein.

Ja, eigentlich gefällt mir überhaupt alles wieder sehr gut – theoretisch, denn bedauerlicherweise kenne ich die Geschichte schon zu gut, um The Tunnel noch genießen zu können – ich weiß ja, was passieren wird, auch wenn einige Details geändert wurden. Es ging mir dann doch nur noch darum zu sehen, wie sie es denn dieses Mal gemacht haben und ja, sie haben es wieder ziemlich gut gemacht. Leider muss ich sagen, denn die Abnutzung ist spürbar. Es ist halt nicht mehr so spannend, eine Krimiserie anzusehen, die eben auch auf Spannung hin konstruiert wurde, wenn man schon weiß, wie es am Ende ausgeht. Und besonders schade ist das, weil sie eigentlich gut gemacht ist – nur eben nicht mehr neu. Insofern wäre es vielleicht ganz gut, wenn man sich für das nächste britisch-französische Serienprojekt einfach mal eine neue Geschichte ausdenken würde.

Wer Die Brücke – Transit in den Tod nicht kennt und/oder The Bridge America noch nicht gesehen hat, ist mit The Tunnel auf jeden Fall auch sehr gut bedient. Denn wie gesagt, die Geschichte ist an sich ist vielschichtig und spannend, da gibt es nichts dran auszusetzen und auch diese Serie ist sehr gut und mit Liebe zum Detail gemacht, auch wenn mir hier die Titelmusik nicht besonders gefallen hat – aber ich fand auch die vom Original nicht so toll. Was die Musik angeht, ist erstaunlicherweise die US-Version mein Favorit, obwohl gerade die US-Serien sonst oft musikalisch nicht mein Fall sind.

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Big Bad Wolves – die dunkle Seite des Rachefilms

In Sachen Rachefilm gibt es natürlich auch noch ganz andere Möglichkeiten als schöne Bilder aus Dänemark und Afrika. Schöne und schreckliche Bilder aus Israel etwa, wo der Rache-Thriller Big Bad Wolves spielt. Dieser Film von Aharon Keshales und Navot Papushado zeigt, wie ein verzweifelter Vater aus dem mutmaßlichen Mörder seiner Tochter heraus bekommen will, wo er den Kopf des Mädchens vergraben hat. Für Juden ist es nämlich auferstehungstechnisch unglaublich wichtig, dass der komplette Körper am jüngsten Tag vorhanden ist. Zwar ist Gidi (Tzahi Grad) nicht besonders religiös, aber das ist nun mal das Einzige, was er für seine ermordete Tochter noch tun kann.

In den märchenhaft schönen, lichtdurchfluteten Wäldern im Norden Israels findet eine grässliche Serie von Mädchenmorden statt. Ein Verdächtiger ist der Religionslehrer Dror (Rotem Keinan). Es wird nicht verraten, warum er verdächtigt wird, aber das spielt letztlich auch keine Rolle. Der Polizist Miki (Lior Ashkenazi), selbst Vater einer Tochter, will den Verdächtigen außerhalb des offiziellen Protokolls mit der Hilfe einiger professioneller Schläger dazu bringen, die Morde zu gestehen. Ein zufällig anwesender Jugendlicher filmt diesen Vorfall heimlich mit seinem Handy. Bald verbreitet sich das Video von dem brutalen Übergriff im Internet, was einerseits als schrecklicher Fall von Polizeigewalt in den Medien diskutiert wird, weshalb Miki seinen Job verliert. Andererseits wird dadurch aber auch bekannt, dass der Lehrer Dror verdächtigt wird, der gesuchte Mädchenmörder zu sein. Was für viele bedeutet, dass er es dann wahrscheinlich auch gewesen ist. Dror hat ab jetzt ohnehin verloren, ob er es nun gewesen ist oder nicht.

Big Bad Wolves - die isrealische Variante des Rachefilms.

Big Bad Wolves – die isrealische Variante des Rachefilms. Screenshot von http://trailers.apple.com/trailers/magnolia/bigbadwolves/

Für den Vater des letzten Opfers ist die Sache damit klar, er nimmt das Gesetz einfach selbst in die Hand. Gidi kauft ein einsam gelegenes Haus und entführt den Verdächtigen, um ihn dort so lange zu quälen, bis er verrät, wo er den Kopf des Mädchens versteckt hat. Dabei interessiert Gidi nicht die Bohne, dass Dror möglicherweise gar nicht der gesuchte Mädchenmörder ist. Auch der jetzt arbeitslose Miki ist weiterhin hinter dem mutmaßlichen Serienkiller her und landet schließlich ebenfalls in dem abgelegenen Versteck. Einerseits will er auch, dass Dror gesteht, andererseits findet er die Methoden des verzweifelten Vaters doch zu drastisch, so dass er sich schließlich selbst in Ketten wieder findet. Der Folterprozess ist auch für die Zuschauer ziemlich qualvoll – allerdings nicht ohne Witz, denn Gidi muss immer wieder seine besorgte Mutter am Telefon beruhigen und schließlich steht auch noch sein alter Vater vor der Tür.

Alles in allem zeigt sich aber bald sehr deutlich, warum Folter als Mittel der Wahrheitsfindung nicht taugt: Wenn der Schmerz zu überwältigend wird, gesteht der Gefolterte so ziemlich alles – was aber den Folterer nicht weiter bringt. Denn der verzweifelte Dror erfindet schließlich irgendein Versteck, damit der Peiniger aus dem Haus verschwindet und er und Miki eine Gelegenheit zur Flucht bekommen. Während Gidi am angegebenen Ort wie ein Irrer gräbt, um den Kopf zu finden, gelingt es Miki tatsächlich, sich zu befreien. Er lässt allerdings den inzwischen schwer lädierten Dror zurück. Ein verhängnisvoller Fehler, denn der wütende Gidi bringt Dror um, ohne dass diesem noch der Ort zu entlocken ist, wo Mikis Tochter versteckt ist – denn Miki kehrt zu Gidis Haus zurück, nachdem er erfahren hat, dass seine Tochter inzwischen ebenfalls vermisst wird.

Dass Quentin Tarrantino findet, dass es sich um den besten Film des Jahres 2013 handelt, mag auch daran liegen, dass Django Unchained ja schon 2012 heraus gekommen ist, und nur bei uns erst 2013 anlief. Es gab aber im vergangenen Jahr auch nicht so wahnsinnig viele richtig gute Filme, die meisten haben mich enttäuscht, dieses ganze Superhelden- und Fantasyzeug mag ich ohnehin nicht besonders, aber auch Endzeit-Dramen wie World War Z oder Elysium fand ich von der Grundidee zwar spannend, aber nicht besonders überzeugend umgesetzt. Es gibt zunehmend leider die unschöne Tendenz, mit immer neuen Möglichkeiten von optisch wahnsinnig beeindruckenden Specialeffects eine schwache Story übertünchen zu wollen. Heraus kommen jede Menge frustrierend schlechte Filme.

Insofern ist Big Bad Wolves ein gutes Beispiel, wie man es anders macht: Man kann eine nervenzerfetzend spannende Geschichte auch völlig ohne Digitalschnickschnack inszenieren. Big Bad Wolves ist sozusagen eine dunkle, boshafte, aber originelle Variante von In einer besseren Welt. Während In einer besseren Welt die Gewaltfrage völlig humorfrei, aber doch im hellen Tageslicht betrachtet, zieht sich Big Bad Wolves mit einem Augenzwinkern in den düsteren Keller zurück. Keine Frage: Die Welt ist schlecht. Und zwar durch und durch. Aber für den einen oder anderen Witz durchaus tauglich.

In einer besseren Welt

Für nicht-US-Filme gibt es bekanntlich ziemlich wenige Oscars, nämlich exakt immer nur einen pro Jahr. Insofern finde ich ziemlich spannend, dass das kleine Dänemark immer mal wieder dabei ist, zuletzt 2011 mit In einer besseren Welt, den ich inzwischen endlich auch einmal gesehen habe. Ein wirklich guter Film, keine Frage.

Es geht um Anton (Mikael Persbrandt), der ein echter Gutmensch ist, wie man in Deutschland inzwischen ja durchaus abfällig über Menschen sagt, die noch immer daran glauben, dass man die Welt durch das eigene Handeln besser machen könnte. Anton ist Arzt und arbeitet mehrere Monate im Jahr in einem afrikanischen Flüchtlingscamp in Darfur. Dort wird er immer wieder mit furchtbarsten Dingen konfrontiert, beispielsweise schlitzt einer der lokalen Warlords gern schwangeren Frauen die Bäuche auf, um nachzusehen, ob das Baby das Geschlecht gehabt hätte, auf das er gewettet hat. Anton gibt alles, um diese Frauen zu retten.

In einer besseren Welt

In einer besseren Welt – Screenshot von http://www.2501.eu/

Zu Hause in Dänemark steht seine Ehe mit Marianne (Trine Dyrholm), die ebenfalls Ärztin ist, vor dem Aus. Marianne will die Scheidung. Ihr zehnjähriger Sohn Elias (Markus Rygaard) hat aber noch ganz andere Probleme, er wird von seinen Mitschülern regelmäßig gemobbt. Dann kommt ein neuer in die Schule, Christian (William Jøhnk Nielsen), der mit seinem Vater aus London nach Dänemark zurückgekehrt ist. Christians Mutter ist gerade an Krebs gestorben und er gibt seinem Vater die Schuld daran. Christian ist einer, der sich immer wehrt, schon aus Prinzip. Als er mitbekommt, dass Elias drangsaliert wird, folgt er dem Angreifer, verprügelt ihn mit seiner Fahrradpumpe und droht ihm mit vorgehaltenem Messer noch Schlimmeres an, falls er sich wieder an Elias vergreifen sollte. Natürlich sorgt dieser Vorfall an der der dänischen Schule für große Aufregung. Gegenüber der Polizei bestreiten beide Jungs, dass ein Messer im Spiel gewesen sei. Christian schenkt Elias das Messer als Zeichen seiner Freundschaft.

Elias hat noch einen kleinen Bruder. Als Anton nach Dänemark zurückgekehrt, geht er mit den Jungs auf den Spielplatz. Der kleine Bruder streitet sich mit einem anderen Jungen, Anton greift ein. Daraufhin wird Anton vom Vater des anderen Jungen (Kim Bodnia) angegriffen, der ihm eine runterhaut, weil er seinen Sohn angefasst hat. Anton ist total auf Deeskalationskurs und zieht sich zurück, was die beiden großen Jungs nicht fassen können und als Schwäche empfinden. Anton lässt sich sogar darauf ein, diesen Lars noch einmal zu besuchen und zur Rede zu stellen, was auch wieder nicht gut aus geht, denn Lars kapiert gar nichts und haut Anton sicherheitshalber noch mal eine rein, schon weil er aus Schweden ist und den Namen Lars nicht korrekt ausspricht. Anton schafft es nicht, den Jungs klar zu machen, dass es besser ist, sich nicht provozieren zu lassen und deshalb Lars der moralische Verlierer ist. Vor allem Christian findet, dass Anton diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen kann und beschließt stellvertretend für Anton Rache zu nehmen.

Als Christian und Elias für ein Schulprojekt in Opas Scheune basteln, finden sie eine Reihe Feuerwerkskörper. Christian kommt auf die Idee, daraus eine Bombe zu bauen. Elias hat Skrupel, lässt sich am Ende aber doch darauf ein, weil er Christians Freund beleihen möchte. Als die beiden an einem frühen Sonntagmorgen die Bombe unter Lars Auto zur Explosion bringen wollen, kommen zufällig eine Mutter mit ihrer Tochter vorbei. Elias rennt den beiden in den Weg, um sie vor der Explosion zu warnen, als die Bombe hoch geht.

Unterdessen ist Anton wieder in Afrika, wo ihn der allseits verhasste Big Man, jener sadistische Warlord, auffordert, sein Bein zu retten. Anton als Arzt akzeptiert die Forderung unter der Bedingung, dass alle Bewaffneten und alle Fahrzeuge das Lager verlassen. Bei den Opfern von Big Man stößt Antons Handeln auf Unverständnis. Sie verweigern jegliche Unterstützung für den Sadisten. Allerdings hat auch Antons Duldsamkeit Grenzen. Als der inzwischen genesende Big Man zynische Witze über eine junge Frau macht, die gerade gestorben ist, wirft Anton ihn aus dem Camp und lässt zu, dass die aufgebrachte Menge den verhasste Quälgeist lyncht.

Elias ist bei der Explosion schwer verletzt worden. Christian versucht, seinen Freund im Krankenhaus zu besuchen, aber Marianne hindert ihn daran. Sie hat Angst um ihren Sohn und ist wütend. Sie beschimpft Christian als kranken Psychopathen, der ihren Sohn umgebracht habe. Christian glaubt daraufhin, dass Elias gestorben sei und beschließt, sich selbst ebenfalls umzubringen. Er fährt zu dem Silo, zu dem er Elias immer mitgenommen hat. Inzwischen ist Anton wieder in Dänemark angekommen, um seinen Sohn zu sehen. Er erfährt zum einen, dass Elias wieder gesund wird, zum anderen, dass Christian verschwunden ist. Er ahnt, wo der Junge ist, weil er Elias zuvor verboten hat, auf das hohe Silo zu klettern. Er kommt gerade noch rechtzeitig, um Christian daran zu hindern, in den Tod zu springen.

Meiner Ansicht nach hat der Film zu recht viele positive Kritiken bekommen – es handelt sich um ein überzeugend konstruiertes Drama über Gewalt, Freundschaft, Rache und Tod, das in schönen Bildern erzählt wird – die Bilder sind im Grunde immer wieder viel zu schön für die hässlichen Dinge, die passieren. Aber genau das ist es ja, was einen so rat- und fassungslos und den Film für mich so gelungen macht: Dass das Leben und diese Welt trotz der ganzen schrecklichen Dinge, die passieren, immer noch schön sein können. Und dass es für vieles keine befriedigende Erklärung gibt. Menschen treffen falsche Entscheidungen, die verhängnisvolle Entwicklungen auslösen, manchmal aber auch richtige. Menschen tun einander die schrecklichsten Dinge an, aber manchmal retten sie einander auch. Und nicht immer führt eine gute Absicht zum Guten, aber es kommt drauf an, es wenigstens versucht zu haben.

Hellfjord: Verschlafenes Nest als Vorhölle für Stadtpolizisten

Als Freundin schräger Serien aus Skandinavien komme ich natürlich auch an Hellfjord nicht vorbei. Wer so nette, beschauliche Sachen wie den Tatortreiniger bereits für skurril hält, könnte allerdings leicht überfordert sein. Also nichts gegen den Tatortreiniger, ich finde Bjarne Mädel als Schotty auch ganz prima, aber der Tatortreiniger ist ja in der letzten Zeit überall dermaßen gelobt worden, dass ich mir das an dieser Stelle sparen kann. Leider spart der NDR auch hier mal wieder am falschen Ende, aber auch das ist eine andere Geschichte, über die ein anderes Mal lamentiert werden kann.

Polizist Salmander im Dienst. Noch lebt sein Pferd.

Polizist Salmander im Dienst. Noch lebt sein Pferd. Bild via http://www.prosiebenfun.de/serien/hellfjord/

Also zurück Hellfjord. Held der Geschichte der Polizist Salmander (Zahid Ali), „Salamander ohne a“. Während des Norwegischen Staatsfeiertags bekommt sein Polizeipferd einen Schwächeanfall. Streng nach Lehrbuch leitet er das Ableben seines Tieres ein. Das ist gar nicht so einfach – nachdem er das Magazin seiner Dienstpistole verschossen hat, nimmt er einem Musiker sein Blasinstrument weg und erschlägt es, schließlich überfährt er das Tier sicherheitshalber noch mit einem dafür requirierten Privatauto. Natürlich macht die blutige Geschichte riesige Schlagzeilen, so dass eine Entlassung aus dem Dienst die logische Folge ist – allerdings gibt es dummerweise eine dreimonatige Kündigungsfrist. Bis dahin soll Salmander in Hellfjord eingesetzt werden, einem Nest irgendwo kurz vorm Nordpol. Salmander hofft, dass er sich in diesen drei Monaten in Hellfjord bewähren könnte, aber sein Vorgesetzter versichert ihm, dass das nicht passieren wird.

Hellfjord ist tatsächlich ein Hort merkwürdiger Gestalten, die das Seeungeheuer, das in den Gewässern des Fjordes sein Unwesen treiben soll, mit Schafsköpfen füttern und das einzige Dorf in Norwegen, wo jeder raucht. Lensmann Kobba (Stieg Frode Henriksen), der Salmander in Empfang nimmt, sieht allerdings keinen Zusammenhang zwischen diesem Laster und der erhöhten Lungenkrebsrate. Das Durchschnittsalter der Dorfbewohner liegt im fortgeschrittenen Renteneintrittsalter und als einzigen Arbeitgeber gibt es die Fischfabrik Hellfisk, die von einem Schweden geleitet wird, der Bosse Nova heißt.

Natürlich lassen die Alteingesessenen den Neuankömmling Salmander spüren, dass sie seine Anwesenheit für völlig überflüssig halten. Aber ein Arbeiter aus der Fischfabrik tot aufgefunden wird, kann sich Salmander endlich als Ermittler austoben. Im Hals des Toten steckt ein Handy, an dem der Mann erstickt ist…

Weil die Serie mit sieben halbstündigen Folgen sehr übersichtlich ist, wird hier jetzt nicht mehr verraten. Der US-Pay-TV-Sender Showtime hat schon eine Adaption der norwegischen Vorlage angedroht, so dass man sich jetzt besser beeilen sollte, sich das Original anzusehen.

Real Humans – Wo fängt der Mensch an?

Es muss nicht immer Krimi sein: Die Schweden können auch Science Fiction und Gesellschaftskritik. Mit Real Humans hat Lars Lundström eine bemerkenswerte Serie über humaniode Roboter, so genannte Hubots, und ihr Zusammenleben mit echten Menschen geschrieben. Es handelt sich also um eine der wirklich intelligenten Familien-Serien, die es angeblich nicht mehr gibt, um noch mal auf das Lamento in der FAZ zurück zu kommen.

In einer gar nicht so fernen Zukunft lassen sich die Menschen in vielen Lebensbereichen von Hubots unterstützen. Sie pflegen Alte und Kranke, passen auf Kinder auf, helfen im Haushalt, leisten einsamen Menschen Gesellschaft und übernehmen natürlich auch immer mehr Jobs in der Produktion – denn die künstlichen Menschen brauchen weniger Pausen und machen viel weniger Fehler. Natürlich gefällt das nicht allen Menschen, insbesondere denen, die deshalb ihre Jobs verlieren, sind die Hubots ein Dorn im Auge. Dazu kommt, dass nicht alle Menschen es mögen, von Maschinen umgeben zu sein. Diese können schließlich auch gefährlich werden, wenn sie kaputt gehen. Deshalb gibt es eine Anti-Hubot-Bewegung, die sich „Echte Menschen“ (Äkta människor) nennt. Sie wollen mit den künstlichen Menschen nichts zu tun haben.

Real Humans - Screenshot von arte.tv

Real Humans – Echte Menschen. Screenshot von arte.tv

Einige der Hubots wiederum haben damit angefangen, ein unabhängiges Leben führen zu wollen – sie wurden dank einer speziellen Software „befreit“. Sie verstecken sich im Wald und brechen in Häuser ein, weil sie Energie benötigen – sie müssen zwar nicht essen und nicht trinken, aber ihre Akkus müssen regelmäßig aufgeladen werden. Dabei stoßen sie in einem Haus auf Gegenwehr, so dass die Anführerin Niska die beiden Bewohner umbringt, damit sie nicht die Polizei rufen können. Zur der Gruppe der freien Hubots gehört auch Leo, der sich mit den Hubots identifiziert, obwohl er ein Mensch ist. Als er ein Kind war, hat er miterleben müssen, wie seine Mutter Beatrice ertrunken ist. Er selbst hat nur knapp überlebt, weil sein Vater David, ein Arzt, der sich intensiv mit der Entwicklung der Hubots beschäftigt hat, ihm Roboter-Hardware eingepflanzt hat. Leo ist ein Cyborg, ein Mischwesen aus Mensch und Hubot. Er braucht wie die Hubots regelmäßig Strom für seine Computerteile, hat aber einen Körper aus Fleisch und Blut und empfindet aber wie ein Mensch.

Weil David Beatrice nicht retten konnte, entwickelt er den besonders menschenähnlichen Hubot Bea. Bea wirkt wie ein echter Mensch und arbeitet bei einer besonderen Polizeieinheit für Hubot-Kriminalität. Außerdem steckt David hinter der Software, durch die sich die Hubots „befreien“ können, in dem sie mit menschlichen Gefühlen und Autonomiestreben ausgestattet werden. Wobei auch die herkömmlichen Hubots je nach Bedarf mit Gefühlen ausgestattet werden – einige Menschen wählen inzwischen Hubots nicht nur als Sex- sondern auch als Lebenspartner. Die Anwältin Inger Engman findet die Entscheidung einer Freundin, einen Hubot zu lieben, erst befremdlich, unterstützt sie dann aber darin, mit einem Hubot eine Lebenspartnerschaft eingehen zu dürfen. Überhaupt entwickelt sie sich zu einer Verfechterin für Hubot-Rechte, erst recht, als ihr Mann, der eigentlich nur einen neuen Pflegehubot für ihren Vater kaufen wollte, im Sonderngebot auch noch den Haushaltshubot Anita mit nach Hause bringt. Was Familie Engman nicht ahnt: Anita ist eigentlich Mimi, die zu den befreiten Hubots gehört. Aber Mimi wurde von Kriminellen gekidnappt und neu programmiert, deshalb war sie so günstig. Inger ist anfangs total dagegen, Anita im Haus zu behalten, erlaubt es aber unter der Bedienung, dass sie nicht einfach nur ausgenutzt wird. Was natürlich absurd ist, denn genau dazu sind die Hubots ja da.

Das ist ein wichtiger Punkt, um den die zehnteilige Serie immer wieder kreist: Wo fängt das Menschsein an? Wenn die Androiden den Menschen immer ähnlicher werden, darf man sie dann überhaupt noch wie Dinge behandeln? Muss man ihnen nicht vielmehr die gleichen Rechte zugestehen, wenn sie wie Menschen denken und fühlen können? Ist es überhaupt noch zu vertreten, sie zu kaufen, zu verkaufen, umzuprogrammieren oder zu verschrotten? Gehören die Hubots nicht eigentlich sich selbst?

Und schlimmer noch – sind die Hubots den Menschen nicht am Ende überlegen? Schließlich können sie inzwischen fast alles besser als die Menschen selbst. Genau diese Angst treibt auch die Aktivisten von Äkta människor um. Deshalb bekämpfen sie die Hubots. Gar nicht zufällig erinnern die Typen von Äkta människor an einschlägige Ausländer- und Schwulenhasser – diese Leute haben Angst vor den anderen, vor deren Anderssein. Denn irgendwie anders sind die Hubots schon, so menschlich sie sich auch geben wollen.

Im Laufe der Handlung lernt man die Hubots immer besser kennen – sie werden einerseits immer sympathischer, weil sie immer menschlichere Züge entwickeln, andererseits fangen sie aber auch an, sich menschliche Unarten anzueignen. So entpuppt sich der perfekte Liebhaber von Ingers Freundin bald als nerviger Macho.

Mir fällt spontan nicht eine einzige Serie ein, die sich auf ähnlichem Niveau mit einem dermaßen breiten Spektrum an gesellschaftlichen Problemen beschäftigt – Homoehe, illegale Einwanderung, technischer und medizinischer Fortschritt und die damit verbundenen ethischen Fragen, Automatisierung, Konkurrenz um Arbeitsplätze, Menschenrechte und so weiter und so fort. Real Humans könnte auch in Deutschland, den USA oder Japan spielen – aber die Schweden haben auch hier die Nase vorn.

Real Humans ist wirklich eine ganz besondere Serie, der man aufgrund ihres originellen Plots die eine oder andere inhaltliche und handwerkliche Unebenheit verzeihen kann – zumal das schwedische Fernsehen ja deutlich weniger Mittel zur Verfügung hat als deutsche oder irgendwelche US-Sender. Die Schweden beweisen einmal mehr, dass es möglich ist, mit einem überschaubaren Budget richtig gutes Fernsehen zu machen.

Easy Money and More. Much More

Programm-Tipp in Sachen Easy Money: Heute Abend um 21:45 kann man sich den Stockholm-Noir-Streifen auf arte ansehen. Eine ausführliche Kritik dazu hatte ich ja schon vor ein paar Wochen geschrieben. Und für alle, denen Easy Money gefallen hat oder gefallen wird und dann unbedingt wissen müssen, wie es mit Johan, Jorge und Mrado weiter geht, kommt jetzt noch eine gute Nachricht: Der zweite Teil von Snabba Cash ist in wenigen Wochen endlich zumindest in einer US-Version verfügbar. Und zwar unter dem Titel „Easy Money – Hard To Kill“. Hoffentlich lässt der dritte Teil dann nicht genauso lange auf sich warten.

Werbung für Easy Money - Hard To Kill

Werbung für Easy Money – Hard To Kill – Screenshot von http://trailers.apple.com/trailers/independent/easymoneyhardtokill/

Und wer Johan-Westlund-Darsteller Joel Kinnaman bis dahin noch in anderen Rollen sehen will, sei auf das US-Remake der dänischen Sarah-Lund-Serie The Killing oder aber die schwedische Serie GSI Göteborg verwiesen. In the Killing spielt Kinnaman Detective Stephen Holder, der Sarah Linden bei der Aufklärung eines sehr verzwickten Verbrechens unterstützt und in GSI Göteborg den niedlichsten Gangster, den die reichhaltige schwedische Krimiphantasie bisher hervorgebracht hat.

Wobei niedlich natürlich relativ ist, denn bei der Göteburger Spezialeinheit geht es im Kampf gegen das organisierte Verbrechen richtig zur Sache. Und dabei muss der junge Frank Wagner als Informant immer wieder helfen, obwohl er eigentlich viel lieber ein ganz normales Leben als Barbesitzer mit Freundin und Kind führen würde. Statt dessen muss Frank mit den brutalen Typen von Seth Rydells (herrlich gespielt von Jens Hultén) Gang abhängen, sich als Waffen- und Drogendealer betätigen und Leute umbringen, damit er nicht als Spitzel enttarnt wird. Seine Familie kann er immer nur heimlich sehen, um sie nicht in Gefahr zu bringen.

Denn eigentlich ist Frank ein guter Junge, weshalb er sich von seinem Kontaktmann Johan Falk (Jakob Eklund) auch immer wieder überreden lässt, jetzt noch nicht auszusteigen, sondern dieses allerletzte Mal noch mitzumachen, um die ganz bösen Hintermänner zu schnappen. Was natürlich unglaublich gefährlich ist und, das macht die Qualität dieser eigenwilligen Serie aus, auch nicht immer gut geht. Es geht sogar ziemlich viel nicht gut, sowohl für Johan Falk und seine Kollegen von der GSI, als auch für Frank und seine Familie. Frank überlebt seine Einsätze nur, weil er Nerven wie Drahtseile hat und genau weiß, wie die Gangster ticken, mit denen er umgeben ist.

Die schwedische Polizei, die zwar auf seine Insiderinformationen angewiesen ist und ihn deshalb in die Misere gebracht hat, lässt ihn im Stich. Nur Johan Falk nicht, der ihn als Freund weiterhin unterstützt, nachdem er selbst frustriert den Polizeidienst quittiert hat. Das bittere Fazit ist am Ende, dass sich Verbrechen eher lohnt als diese Art von Verbrechensbekämpfung.

Insofern sind die insgesamt 12 abendfüllenden Filme der GSI-Staffeln eine lohnende Alternative zur deutschen 08/15-Krimi-Kost. Es gibt auch noch drei weitere Johan-Falk-Filme, die sozusagen der Auftakt für GSI Göteborg waren, nämlich Zero Tolerance – Zeugen in Angst von 1999, Executive Protection – Die Bombe tickt von 2001 und The Third Wave – Die Verschwörung von 2003.

In Executive Protection – Die Bombe tickt spielt übrigens Christoph M. Ohrt den zwielichtigen Sicherheitsexperten Nikolaus Lehman, der, wie Johan Falk bald heraus findet, früher mal ein Stasi-Killer war und nun das Geschäftsmodell entwickelt hat, westlichen Unternehmen für ihre Standorte in osteuropäischen Ländern teure Sicherheits-Dienste zu verkaufen. Ich kannte Orth nur aus ziemlich mittelmäßigen deutschen Produktionen wie der Anwalt-Serie Edel und Starck und war angenehm überrascht, wie fies der spielen kann. Es lohnt sich auf jeden Fall eher, sich deutsche Schauspieler in schwedischen Krimis anzusehen, als deutsche Krimis, die in Schweden spielen.

Die FAZ fordert mehr Familien-Serien. Ich nicht.

Im Feuilleton der FAZ las ich ein Plädoyer für die Familienserie, welches mich sehr nachdenklich stimmte. Denn ganz ehrlich: Ich vermisse im deutschen Fernsehen so einiges, aber Familienserien ganz gewiss nicht.

Wobei ich durchaus zustimmen muss, dass auch ich eine Homogenisierung der Stoffe im erzählenden Fernsehen wahrnehme – es geht tatsächlich fast alles in Richtung Verbrechen – wobei andererseits ja viele der Serien, die im Verbrecher-Milieu spielen, Familienserien sind, und zwar im eigentlichen Sinne. Wenn man genau hinsieht, ist eigentlich die ganze neue Serienwelt voller Familienserien!

Bei den Sopranos geht es doch in allererster Linie um die Familie Soprano und ihr depressiv gestimmtes Familienoberhaupt Tony, der einen einträglichen, aber anstrengenden Job als Mafia-Boss hat. Und halt den ganzen anstrengenden Alltag eines Familienvaters, inklusive pubertierenden Kindern, einer zu recht eifersüchtigen Frau und heimlichen Besuchen bei seiner Psychiaterin, weil er mit allem nicht mehr allein klar kommt.

Auch Breaking Bad ist eine Familienserie, denn für was macht Walter White das denn alles? Doch nur, um seiner Familie ein anständiges Leben zu ermöglichen, nachdem er den Krebstod gestorben sein wird. Das redet Walt sich zumindest über mehrere Staffeln hinweg ein – bis ihm über seine ganzen kriminellen Handlungen und den Einsturz des darauf aufbauenden Lügengebäudes die Familie abhanden kommt. Dexter – Familienserie – zumal Dexters Familie gleichzeitig auch die Polizei ist. Boardwalk Empire – ebenfalls gleich mehrere Familien! Mad Men – dito! Es gibt durchaus viel mehr als Six Feet Under, eine wirklich ganz hervorragende Familien-Serie, die ausnahmsweise tatsächlich keine Verbrechens-Ebene hat, dafür aber in einem Bestatter-Haushalt spielt. Der Tod ist hier allgegenwärtig. Aber das ist auch wieder, was Six Feet Under so besonders macht. Eine absolut seriöse Familienserie, in der es nachvollziehbar um die ganz wichtigen Fragen in Sachen Leben und Tod geht und zwar nicht gezwungen und aufgesetzt, sondern ganz natürlich.

Nein, mir fällt nichts Vergleichbares an deutschen Serien ein, obwohl es auch einige gute deutsche Familienserien gibt – wobei ich da keineswegs an diese Drombuschs denke, wie Tobias Rüther in der FAZ. Und noch weniger an so gruselige Dauerbrenner wie die Lindenstraße oder was es sonst so im deutschen Vorabendprogramm gibt. Der Goldstandard der deutschen Familienserie ist ja wohl Heimat – Eine deutsche Chronik von Edgar Reitz.

Der Elfteiler wurde 1984 ausgestrahlt und war damals ein großer Publikumserfolg – was vermutlich in erster Linie daran lag, dass es damals noch kein Privatfernsehen gab und sich die Leute, wenn es keine billigeren Alternativen gab, wohl oder übel auch mal was Anspruchsvolleres reinzogen haben – wobei es ja um die einfache Landbevölkerung des Hunsrück in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht. Da werden sich die Älteren an „früher“ erinnert haben und die Jüngeren haben darüber geschmunzelt, wie das mit dem technischen Fortschritt früher so war. 1992 gab es dann mit Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend endlich eine Fortsetzung. Die zweite Heimat findet im München der frühen 60er Jahre statt, es ist eine Serie über die künstlerische Avantgarde jener Zeit und jeder der 13 Teile wird aus einer anderen Perspektive erzählt. Mir hat die Fortsetzung fast noch besser gefallen als die erste Heimat, aber leider waren die Einschaltquoten deutlich geringer als in den 80er Jahren. Das hat sich leider negativ auf Heimat 3 – Chronik einer Zeitwende ausgewirkt. Die hatte dann nur noch sechs Teile und bleibt weit hinter dem Niveau der ersten beiden Heimats zurück. Da merkt man ganz deutlich, woran es dem deutschen Fernsehen vor allem mangelt: am Mut, mal was zu wagen und nicht immer das breite Massenpublikum mit Einheitsbrei abzufüttern, was man seit der so genannten Wende gleich im Doppelsinn wörtlich nehmen kann.

Dabei hat sogar das ZDF gelegentlich mal ziemlich gute Sachen gemacht, Ein Mann will nach oben beispielsweise, damals 1978, nach dem gleichnamigen Roman von Hans Fallada. Oder, noch unerwarteter, mit KDD – Kriminaldauerdienst sogar eine der wenigen wirklich zeitgemäßen neueren deutschen Krimiserien. Und ja, bei KDD geht es auch eher um die Geschichten und die Beziehungen der jeweiligen Serienfiguren als um die Lösung eines Falls. Hier gibt es nämlich kein Gut und kein Böse, die Leute dieser KDD-Einheit sind allesamt zwiespältige Typen und so richtig lieb haben kann man keinen von denen. Aber das macht andererseits auch wieder den Reiz aus: KDD ist ein über die einzelnen Teile hinaus fortschreitendes und sich zuspitzendes Drama in einem schnittigen Erzähltempo, was dem durchschnittlichen ZDF-Serienkucker dann offenbar schon wieder zu hoch gewesen ist. Weshalb die beknackte Quote dafür gesorgt hat, dass nicht mehr als 28 Teile in 3 Staffeln produziert wurden und es statt dessen wieder übersichtliche Kost mit einem Fall pro Folge gibt. Aber, um auf den Anfangsgedanken zurückzukommen – jede Menge Beziehungsdrama! Jede Menge Familie!

Genau wie in dieser anderen Familien-Verbrechens-Serie von der ARD, Im Angesicht des Verbrechens, die vom Erzählstil her wieder deutlich konventioneller ist und im Milieu der Russenmafia in Berlin spielt. Die Dramatik ergibt sich aus der Familiengeschichte: Die Schwester des Protagonisten Marek Gorsky, der Sohn lettisch-jüdischer Einwanderer und Polizist ist, hat den russischen Mafia-Boss Mischa geheiratet. Klar, dass sich aus dieser Konstellation Konflikte ergeben, die sich im Laufe der Handlung verschärfen. Ich muss zugeben, dass ich nach meiner Vorfreude „endlich wieder ein paar Abende richtig gutes Fernsehen!“ schon etwas enttäuscht war, weil ich von Regisseur Dominik Graf mehr erwartet hatte und vieles an der Serie dann doch zu klischeegetrieben fand – andererseits ist Im Angesicht des Verbrechens alles in allem sehr viel besser als das meiste, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinen Zuschauern sonst zumutet.

Insofern möchte ich eigentlich gar nicht, dass es versucht, sich auf die gute alte Familien-Serie zu besinnen. Was dabei heraus kommt, konnte man an Weissensee ja sehen: Eine DDR-Familie, deren Mitglieder nicht nur mit den üblichen Familiendramen zu kämpfen haben – der weniger geliebte Sohn ringt verzweifelt um die Anerkennung seines Vaters, der eine Vernunftehe mit der Mutter seiner Söhne eingegangen ist, aber tief in seinem Herzen noch immer seiner eigentlichen Liebe nachtrauert, die nun aber leider eine kritische Künstlerin und kein Hausmütterchen ist und so weiter und so fort – aber die üblichen Lügen und Intrigen reichen heutzutage natürlich nicht. Und weil wir mit der Nazizeit langsam mal durch sind, muss man jetzt für eine ordentliche Familiengeschichte den Unrechtsstaat DDR bemühen samt der bösen Stasi in ihrer ganzen Perfidie. Das war so zum Kotzen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Nein, dann doch lieber herkömmliche Verbrechen.