Easy Money: Lohnt sich Verbrechen wirklich?

Weil mir Joel Kinnaman als Stephen Holder so gut gefallen hat, habe ich mich umgesehen, was es mit diesem Schauspieler sonst noch für Filme gibt. Dabei bin ich auf Easy Money gestoßen, einen schwedischen Thriller inszeniert von Daniél Espinosa. Im Original heißt der Streifen Snabba Cash. Es handelt sich um die Verfilmung eines schwedischen Bestsellers von Jens Lapidus, der in Deutschland mit dem typisch deutsch-blöden Titel „Spür die Angst“ erschienen ist. Wörtlich übersetzt heißt Snabba Cash einfach „schnelles Geld“, insofern geht Easy Money als Titel schon in Ordnung.

Als „Stockholm Noir“ beworben, repräsentiert Easy Money tatsächlich ein Spitzenprodukt des realistisch-harten skandinavischen Stils. Ob alle Schweden-Krimi-Fans damit glücklich werden, weiß ich nicht – es ist kein klassischer Krimi á la Wallander, wo ein Verbrechen aufzuklären wäre. Dieser Film spielt auf der anderen Seite, dort, wo die Verbrechen begangen werden. Easy Money handelt von den bösen Jungs. Von Jorge Salinas, dem chilenischen Kokain-Dealer, der aus dem Gefängnis ausbricht, um wieder mitzumischen. Von Mrado, dem Geldeintreiber der serbischen Mafia, der gleich bei seinem ersten Auftritt mehrere Typen krankenhausreif schlägt. Und von Johan Westlund, einem BWL-Studenten, der es bis ganz nach oben schaffen will.

Screenshot Snabba Cash: Johan Westlund (Joel Kinnaman)

Screenshot Snabba Cash: Johan Westlund (Joel Kinnaman)

Johan, der sich lieber Jo nennt, wäre gern so wie seine Freunde von der Business-School, die sich darauf vorbereiten, dass Erbe zu verwalten, das ihnen früher oder später in den Schoß fallen wird. Für sie ist das Leben eine einzige Party mit schönen Frauen, Luxusklamotten, Drogen und Alkohol. Jo dagegen fährt nachts Taxi und schreibt für die anderen Hausarbeiten, weil er Geld verdienen muss. Er kommt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und hält diesen Makel vor seinen neuen, reichen Freunden geheim. Deshalb ist das Styling für ihn so wichtig, es ist quasi ein heiliges Ritual der Verwandlung, wenn er Kapuzenjacke und Vollmütze gegen Anzug und Gelfrisur eintauscht. Trotzdem ist er für die anderen nur eine Art Hofnarr, den man zu dekadenten Parties einlädt, weil man ihn vielleicht noch einmal brauchen kann, und, ja, weil er irgendwie unterhaltsam ist. Denn im Gegensatz zu den reichen Fatzkes, zu denen er gehören will, hat er Jahre damit zugebracht, sich Wissen anzulesen. Er ist gebildet, er ist smart und er sieht gut aus. Und er ist fest entschlossen, jede Chance zu nutzen.

Während Jo also nach einem Weg sucht, endlich genug Geld zu verdienen, um mit den anderen mithalten zu können, bereitet Jorge mit Jos Taxi-Chef Abdulkarim einen richtig großen Deal vor: Über Jorges Cousin in Deutschland soll Kokain im großen Stil nach Schweden geschmuggelt werden. Die Gang von Abdulkarim soll für den Vertrieb sorgen. Aber die Serben-Mafia bekommt Wind von der Sache. Ein Bandenkrieg ist vorprogrammiert. Aber das weiß Abdulkarim noch nicht. Seine Sorge ist es, jemanden zu finden, der den Haufen Geld waschen kann, der durch das neue Kokain-Business reinkommen wird. Pragmatisch, wie Abdulkarim nun einmal ist, kommt er auf seinen besten Mann Johan. Der nicht nur gute Umsätze als illegaler Taxifahrer einfährt, sondern sich auch bei dem heiklen Auftrag bewährt hat, Jorge aus den Fängen von Mrado zu retten.

Screenshot Snabba Cash: Johan Westlund (Joel Kinnaman)

Screenshot Snabba Cash: Johan Westlund (Joel Kinnaman)

Und so kommt es zur Schlüssel-Szene des Films, in der Abdulkarim Jo eröffnet, dass er zum einen Erkundigungen über ihn angestellt hat – er weiß, dass Johan aus Robertsfors ist, dass seine Mutter als Arbeitsvermittlerin und sein Vater beim Sägewerk arbeitet und ein Alkoholproblem hat. Und dass Jos ältere Schwester Camilla vor vier Jahren spurlos verschwunden ist. Zum anderen rückt Abdulkarim damit raus, wozu er Jo brauchen könnte: Investments, Buchführung, Geldwäsche.

Jo bittet um ein Glas Wasser. Und während er es trinkt, begreift er, dass das genau die Chance ist, auf die er gewartet hat. In wenigen Augenblicken findet eine bemerkenswerte Metamorphose statt: Johan verwandelt sich vom überforderten Studenten, dem ein Angebot unterbreitet wird, das er nicht ablehnen kann, in einen abgebrühten Business Consultant, der seinen verblüfften Geschäftspartnern erklärt, wie die Sache zu deichseln ist: Es funktioniere bei diesen Geldmengen nur, wenn man eine Bank als Partner hat, weil sonst die Behörden misstrauisch werden. Man muss den Informationsfluss kontrollieren. Und wie kontrolliert man eine Bank? Man kauft sie.

Gut, dass die Bank vom Papa eines der reichen Freunde von Jo ein Problem hat. Jo kann es lösen. Er stellt den Kontakt her. Er schafft es tatsächlich, den Deal einzufädeln – natürlich sind Jos Geschäftspartner von der Bank über die Herkunft des Geldes im Bilde. Aber Geld ist Geld und die Bank braucht dringend eine kräftige Finanzspritze. Jo bringt die Geldwaschmaschine zum Laufen.

Screenshot Snabba Cash: Johan Westlund (Joel Kinnaman)

Screenshot Snabba Cash: Johan Westlund (Joel Kinnaman) und sein Taxi-Kumpel Mahmoud (Fares Fares)

Aber er kapiert noch immer nicht, was er da eigentlich tut. Vielleicht will er es auch nicht kapieren. Er geht davon aus, dass alles bestens läuft und freut sich schon aufs große Geld. Jo fährt mit nach Deutschland, zu den Lieferanten, die er ebenfalls in Finanzsachen berät. Jo lässt sich als Lockvogel für einen Singvogel benutzen. Als er sieht, wie seine Geschäftspartner mit illoyalen Mitarbeitern umspringen, dämmert ihm, worauf er sich eingelassen hat, aber es ist zu spät. Johan gerät zwischen die Fronten der konkurrierenden Gangs. Während seine Jetset-Freunde weiterhin ihr Jetset-Leben feiern, geht es für ihn bald ums nackte Überleben. Inzwischen hat Johan realisiert, dass er der nützliche Idiot war, der die Geldwäsche organisiert, aber Abdulkarim nicht daran denkt, ihm seinen Anteil auszuzahlen.

Insofern hat er fast schon wieder Glück, dass Mrado ebenfalls aussteigen will. Mrado muss sich nämlich um seine kleine Tochter kümmern, weil die Mutter es nicht auf die Reihe bekommt. Mrado als erfahrener Gangster greift das schwächste Glied in der Kette der Gegner an. Und das ist Jo. Mrado bietet ihm zwei Millionen Cash, wenn Jo ihm verrät, wann und wo die nächste Kokain-Lieferung ankommt. Weil Jo inzwischen weiß, dass Abdulkarim ihn abservieren will, lässt er sich darauf ein. Natürlich geht der Überfall der Serben-Gang auf die Leute von Abdulkarim total schief, weil der Chef der Serben-Mafia Radovan sein eigenes Ding macht und die schwedische Drogenfahndung informiert. Für Johan endet die Sache im Gefängnis, was in der Situation nicht die schlechteste Alternative ist, weil ohnehin allen klar ist, wer das Leck gewesen sein muss.

Im Vergleich mit sehr viel aufwendiger inszenierten Thrillern mit spektakulären Verfolgungsjagden, sadistischen Superbösewichten oder kompliziert konstruierten Plots ist Easy Money ein sehr schlichter, direkter Film. Er handelt vom Handwerk des alternativen Gelderwerbs mit allen negativen Folgen. Und auch wenn keiner der Protagonisten ein netter Kerl ist, so sind sie alle doch nicht einfach nur schlecht. Jorge ist eigentlich ein sentimentaler Familienmensch, der seiner Schwester und ihrem ungeborenen Kind ein besseres Leben ermöglichen möchte und obwohl er weiß, dass er gesucht wird, schon mal Babyklamotten einkauft. Mrado will sich wegen seiner achtjährigen Tochter aus dem Mafia-Business zurückziehen und zurück nach Belgrad gehen.

Screenshot Snabba Cash: Johan Westlund (Joel Kinnaman)

Screenshot Snabba Cash: Johan Westlund (Joel Kinnaman)

Und Johan will einfach dazugehören und geht davon aus dass Verbrechen ein Geschäft ist wie jedes andere auch, nur dass man damit schneller zu Geld kommt. Das mag im Bankensektor vielleicht noch zutreffen, aber beim illegalen Drogenhandel ist es halt nicht so. Irgendwann hält er sein Doppelspiel nicht mehr aus und brüllt seine schöne, reiche Freundin an, warum ihre Eltern ihn verdammt nochmal mögen sollten – er selbst mag sich ganz offensichtlich nicht. Er weiß ja, dass er diesen klugen, jungen Mann nur spielt, in den sich Sophie verliebt hat. Und so geht allmählich alles schief – auch der vermeintlich normale Teil von Jos Leben.

Bleibt zu hoffen, dass der zweite und der dritte Teil der Jens-Lapidus-Trilogie auch in Deutschland zu sehen sein werden, in Schweden sind sie bereits gelaufen. Mir gefallen diese realitätsnahen Schweden-Thriller jedenfalls sehr viel besser als die doch sehr verschwurbelten und langatmigen Stieg-Larsson-Schwarten. (Verblendung, Verdammnis, Vergebung)

Der Trailer von Easy Money auf youtube:

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