Der beste Draht zum Verbrechen: The Wire

Es gibt natürlich noch eine weitere große Serie in der Kategorie Verbrechen, die man unbedingt gesehen haben muss: The Wire. Der Titel The Wire spielt auf die Abhörgeräte an, mit denen die Polizei in Baltimore versucht, an Informationen über den Drogenhandel zu gelangen, um die damit verbundene kriminelle Szene zu bekämpfen. The Wire ist einerseits eine klassische Polizei-Serie, die eben Polizisten bei ihrer oft unglaublich langweiligen, langwierigen, immer wieder vergeblichen und deshalb auch frustrierenden Arbeit zeigt. Andererseits gibt es auch den Blick auf die Dealer, die vielen Klein- und Großverbrecher, die in den heruntergekommenen Stadtteilen Baltimores versuchen, über die Runden zu kommen. Für viele der Straßenkinder ist ihre Gang der einzige Halt und es ist schon fast wieder rührend, wie die selbst noch jugendlichen Anführer der Dealergangs dafür sorgen, dass die Kleineren wenigstens einen Schoko-Riegel frühstücken, bevor sie in die Schule müssen.

The Wire von HBO

The Wire von HBO. Werbung für die dritte Staffel. Bild: hbo.com

Ich fand es nicht ganz einfach, reinzukommen – wobei das bei wirklich guten, sehr komplexen Serien ja immer etwas schwierig ist, weil man die ganzen Figuren, deren Geschichte in den folgenden Teilen erzählt wird, erst einmal kennen lernen muss. Da wären unter anderem die Mordermittler Detective James McNulty (Dominic West), ein hartnäckiger und ziemlich hitzköpfiger Polizist, der seine irische Herkunft gern mit ausführlichen Trinkgelagen feiert und sein Partner William Moreland (Wendell Pierce), der im Gegensatz zu McNulty viel Wert auf sein stilvolles Outfit legt. Unterstützt werden sie von Detective Shakima „Kima” Greggs (Sonja Sohn) von der Drogenfahndung und dem findigen Technik-Freak Lester Freamon (Clarke Peters). Chef der Sondereinheit ist Lieutenant Cedric Daniels (Lance Reddick).

Ihre Gegenspieler sind der Drogenboss Avon Barksdale (Wood Harris) und dessen Vize Russel „Stringer” Bell (Idris Elba), sowie Avons junger Neffe D’Angelo (Larry Gilliard, Jr.), der sich als Chef eines Teilgebiets bewähren soll. Natürlich haben die Gangster, die den Westen von Baltimore beherrschen regelmäßig Stress mit den Gangstern im Osten, und dann gibt es noch die bösen Jungs, die auf eigene Rechnung unterwegs sind, etwa Omar Devon Little (Michael K. Williams), der sich auf das Ausrauben von Drogendealern spezialisiert hat und sich auf einen Rachefeldzug begibt, nachdem sein Liebhaber von Barksdales Leuten zu Tode gefoltert wurde. Schwul sein geht im Gangster-Milieu nämlich gar nicht.

Wobei es Kima als Lesbe im Polizeidienst auch nicht gerade leicht hat. Und dann gibt es noch den Kleinkriminellen Reginald „Bubbles” Cousins (Andre Royo), der immer wieder als Informant für die Polizei arbeitet, um seine Sucht zu finanzieren. Und das ist jetzt nur eine kleine Auswahl der wichtigen Figuren. Die Handlung ist entsprechend komplex und vielschichtig – und die Macher der Serie trauen sich auch mal was. Insbesondere ab der Szene, in der McNulty und Moreland bestimmt zehn Minuten lang nichts anderes als „fuck“ bzw. „motherfucker“ sagen, während sie die Flugbahn von Projektilen am Tatort studieren, war ich völlig überzeugt. Die bittere Pointe an der ersten Staffel von The Wire ist, dass die Sondereinheit erstaunlich gute Arbeit leistet, obwohl sie schlecht ausgestattet und wegen politischer Winkelzüge auch immer wieder in ihren Ermittlungen behindert wird. Am Ende landen Barksdale, D’Angelo und einige ihrer Handlanger für lange Zeit im Knast. Trotzdem wird die erfolgreiche Sondereinheit zerschlagen und ihre allzu engagierten Mitglieder auf uninteressante Posten strafversetzt.

In der Zweiten Staffel geht es mehr um Schmuggel, Menschenhandel und die Nachschubprobleme des Drogenkartells. McNulty, der nach seiner Strafversetzung auf einem Polizeiboot im Hafen arbeiten muss, (was genau der Job ist, den er ausdrücklich abgelehnt hatte) rächt sich an seinem ehemaligen Vorgesetzten von der Mordkommission, in dem er dem Department mit viel Raffinesse die Zuständigkeit für 13 Frauenleichen nachweist, die in einem Container im Hafen gefunden werden. 13 ungeklärte Morde zusätzlich sind natürlich miserabel für die Statistik. Bei den Ermittlungen stellt sich heraus, dass die Führer der Gewerkschaft der Hafenarbeiter mit den Kriminellen zusammenarbeiten, um Prostituierte und Drogen ins Land zu schmuggeln. Im Laufe der Staffel wird der Sonderkommission neues Leben eingehaucht, die Polizeichefs sehen ein, dass sie die Truppe brauchen. Nach und nach werden sämtliche Mitglieder wieder angefordert – bis auf die einfach zu eifrige Nervensäge McNulty.

In der dritten Staffel steht dann wieder um den Kampf gegen die Drogen und die Politik im Fokus. Der vor dem Ruhestand stehende Major Howard Colvin versucht ein ungewöhnliches Experiment: Er richtet in einem Areal mit leerstehenden Häusern eine inoffizielle Zone ein, in der Drogenhandel geduldet wird. Auf diese Weise will er sowohl die Kriminellen, als auch die Junkies in den anderen Teilen der Stadt von der Straße holen. Das Konzept geht auf: Die Kriminalitätsrate in den anderen Gegenden sinkt, die Polizei kann sich auf wichtige Aufgaben konzentrieren und muss nicht mehr an jeder Ecke hinter Kleindealern herjagen. Allerdings hat dieses Konzept nicht nur Freunde. Als heraus kommt, dass Colvin den Drogenhandel in seinem Bezirk quasi legalisiert hat, spielt keine Rolle mehr, dass er eigentlich erfolgreich damit war: Er wird degradiert und ist weg vom Fenster.

In der vierten Staffel geht es um das Schulsystem in Baltimore. Detective Roland „Prez“ Pryzbylewski verlässt den Polizei-Dienst um künftig als Lehrer zu arbeiten. Der neue Job fällt ihm nicht leicht, aber er ist entschlossen, den Kids zu helfen. Einige der besonders schwierigen Schüler werden im Rahmen eines Modellversuchs der Universität dazu bewegt, es doch noch mal mit Schule zu versuchen und möglicherweise auch einen Abschluss zu schaffen. Auch Major Colvin engagiert sich für dieses Projekt. Auch in der Politik wird die Karte „Bildung als Kriminalitätsbekämpfung“ gespielt, der Kandidat der Demokraten schafft es damit, sich gegen den bisherigen Bürgermeister aus dem republikanischen Lager durchzusetzen. Seine Wahlversprechen können allerdings wegen einer Budgetkrise im Schulbereich nicht umgesetzt werden.

In der fünften und letzten Staffel wird die Rolle der Medien beleuchtet, ein Handlungsstrang zeigt den Redaktionsalltag bei der Baltimore Sun. Die Journalisten beschreiben die Polizeiarbeit der Stadt aus ihrer Sicht. McNulty erfindet aus Verzweiflung einen Serien-Killer-Fall, um die Sondereinheit zu reaktivieren, die inzwischen eingespart wurde. Das klappt zwar erstmal, weil sich die Medien darauf stürzen, kann aber natürlich nicht gut für McNulty aus gehen. Die Sache kostet ihn seine Polizei-Karriere. Auf der Seite des Verbrechens konzentriert sich die Handlung auf den neuen starken Mann in Baltimore, Marlo Stanfield. Der Nachfolger von Avon Barksdale hat sich durch zahlreiche Morde den Weg an die Spitze erkämpft. Allerdings ist Omar ihm auf den Fersen. Der Polizei gelingt es aber, Standfield und einen Großteil seiner Leute festzunehmen. Währenddessen wird der Reporter Scott Templeton für seine gut geschriebenen, aber leider frei erfunden Reportagen über den Kampf gegen das Verbrechen als Kandidat für den Pulitzer-Preis gehandelt.

Alles in allem also eine sehr realistische Geschichte, in der die hässlichen Zustände zeigt werden, wie sie nun einmal sind: Das Leben ist hart und ungerecht, und am Ende profitieren die, die nichts riskiert haben, während die anderen, die angetreten sind, um wirklich etwas zu verändern, scheitern und untergehen. Die Serie wird also nicht ohne Grund als vermutlich beste Fernsehserie aller Zeiten gehandelt, obwohl sie wegen ihrer komplexen Handlung, der man nur folgen kann, wenn man sich zumindest halbwegs ernsthaft darauf einlässt, bei ihrer Ausstrahlung kein allzugroßer Publikumserfolg war.

Und zum Schluss noch ein Werbe-Video der Briten für diese Serie:

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