Die FAZ fordert mehr Familien-Serien. Ich nicht.

Im Feuilleton der FAZ las ich ein Plädoyer für die Familienserie, welches mich sehr nachdenklich stimmte. Denn ganz ehrlich: Ich vermisse im deutschen Fernsehen so einiges, aber Familienserien ganz gewiss nicht.

Wobei ich durchaus zustimmen muss, dass auch ich eine Homogenisierung der Stoffe im erzählenden Fernsehen wahrnehme – es geht tatsächlich fast alles in Richtung Verbrechen – wobei andererseits ja viele der Serien, die im Verbrecher-Milieu spielen, Familienserien sind, und zwar im eigentlichen Sinne. Wenn man genau hinsieht, ist eigentlich die ganze neue Serienwelt voller Familienserien!

Bei den Sopranos geht es doch in allererster Linie um die Familie Soprano und ihr depressiv gestimmtes Familienoberhaupt Tony, der einen einträglichen, aber anstrengenden Job als Mafia-Boss hat. Und halt den ganzen anstrengenden Alltag eines Familienvaters, inklusive pubertierenden Kindern, einer zu recht eifersüchtigen Frau und heimlichen Besuchen bei seiner Psychiaterin, weil er mit allem nicht mehr allein klar kommt.

Auch Breaking Bad ist eine Familienserie, denn für was macht Walter White das denn alles? Doch nur, um seiner Familie ein anständiges Leben zu ermöglichen, nachdem er den Krebstod gestorben sein wird. Das redet Walt sich zumindest über mehrere Staffeln hinweg ein – bis ihm über seine ganzen kriminellen Handlungen und den Einsturz des darauf aufbauenden Lügengebäudes die Familie abhanden kommt. Dexter – Familienserie – zumal Dexters Familie gleichzeitig auch die Polizei ist. Boardwalk Empire – ebenfalls gleich mehrere Familien! Mad Men – dito! Es gibt durchaus viel mehr als Six Feet Under, eine wirklich ganz hervorragende Familien-Serie, die ausnahmsweise tatsächlich keine Verbrechens-Ebene hat, dafür aber in einem Bestatter-Haushalt spielt. Der Tod ist hier allgegenwärtig. Aber das ist auch wieder, was Six Feet Under so besonders macht. Eine absolut seriöse Familienserie, in der es nachvollziehbar um die ganz wichtigen Fragen in Sachen Leben und Tod geht und zwar nicht gezwungen und aufgesetzt, sondern ganz natürlich.

Nein, mir fällt nichts Vergleichbares an deutschen Serien ein, obwohl es auch einige gute deutsche Familienserien gibt – wobei ich da keineswegs an diese Drombuschs denke, wie Tobias Rüther in der FAZ. Und noch weniger an so gruselige Dauerbrenner wie die Lindenstraße oder was es sonst so im deutschen Vorabendprogramm gibt. Der Goldstandard der deutschen Familienserie ist ja wohl Heimat – Eine deutsche Chronik von Edgar Reitz.

Der Elfteiler wurde 1984 ausgestrahlt und war damals ein großer Publikumserfolg – was vermutlich in erster Linie daran lag, dass es damals noch kein Privatfernsehen gab und sich die Leute, wenn es keine billigeren Alternativen gab, wohl oder übel auch mal was Anspruchsvolleres reinzogen haben – wobei es ja um die einfache Landbevölkerung des Hunsrück in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht. Da werden sich die Älteren an „früher“ erinnert haben und die Jüngeren haben darüber geschmunzelt, wie das mit dem technischen Fortschritt früher so war. 1992 gab es dann mit Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend endlich eine Fortsetzung. Die zweite Heimat findet im München der frühen 60er Jahre statt, es ist eine Serie über die künstlerische Avantgarde jener Zeit und jeder der 13 Teile wird aus einer anderen Perspektive erzählt. Mir hat die Fortsetzung fast noch besser gefallen als die erste Heimat, aber leider waren die Einschaltquoten deutlich geringer als in den 80er Jahren. Das hat sich leider negativ auf Heimat 3 – Chronik einer Zeitwende ausgewirkt. Die hatte dann nur noch sechs Teile und bleibt weit hinter dem Niveau der ersten beiden Heimats zurück. Da merkt man ganz deutlich, woran es dem deutschen Fernsehen vor allem mangelt: am Mut, mal was zu wagen und nicht immer das breite Massenpublikum mit Einheitsbrei abzufüttern, was man seit der so genannten Wende gleich im Doppelsinn wörtlich nehmen kann.

Dabei hat sogar das ZDF gelegentlich mal ziemlich gute Sachen gemacht, Ein Mann will nach oben beispielsweise, damals 1978, nach dem gleichnamigen Roman von Hans Fallada. Oder, noch unerwarteter, mit KDD – Kriminaldauerdienst sogar eine der wenigen wirklich zeitgemäßen neueren deutschen Krimiserien. Und ja, bei KDD geht es auch eher um die Geschichten und die Beziehungen der jeweiligen Serienfiguren als um die Lösung eines Falls. Hier gibt es nämlich kein Gut und kein Böse, die Leute dieser KDD-Einheit sind allesamt zwiespältige Typen und so richtig lieb haben kann man keinen von denen. Aber das macht andererseits auch wieder den Reiz aus: KDD ist ein über die einzelnen Teile hinaus fortschreitendes und sich zuspitzendes Drama in einem schnittigen Erzähltempo, was dem durchschnittlichen ZDF-Serienkucker dann offenbar schon wieder zu hoch gewesen ist. Weshalb die beknackte Quote dafür gesorgt hat, dass nicht mehr als 28 Teile in 3 Staffeln produziert wurden und es statt dessen wieder übersichtliche Kost mit einem Fall pro Folge gibt. Aber, um auf den Anfangsgedanken zurückzukommen – jede Menge Beziehungsdrama! Jede Menge Familie!

Genau wie in dieser anderen Familien-Verbrechens-Serie von der ARD, Im Angesicht des Verbrechens, die vom Erzählstil her wieder deutlich konventioneller ist und im Milieu der Russenmafia in Berlin spielt. Die Dramatik ergibt sich aus der Familiengeschichte: Die Schwester des Protagonisten Marek Gorsky, der Sohn lettisch-jüdischer Einwanderer und Polizist ist, hat den russischen Mafia-Boss Mischa geheiratet. Klar, dass sich aus dieser Konstellation Konflikte ergeben, die sich im Laufe der Handlung verschärfen. Ich muss zugeben, dass ich nach meiner Vorfreude „endlich wieder ein paar Abende richtig gutes Fernsehen!“ schon etwas enttäuscht war, weil ich von Regisseur Dominik Graf mehr erwartet hatte und vieles an der Serie dann doch zu klischeegetrieben fand – andererseits ist Im Angesicht des Verbrechens alles in allem sehr viel besser als das meiste, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinen Zuschauern sonst zumutet.

Insofern möchte ich eigentlich gar nicht, dass es versucht, sich auf die gute alte Familien-Serie zu besinnen. Was dabei heraus kommt, konnte man an Weissensee ja sehen: Eine DDR-Familie, deren Mitglieder nicht nur mit den üblichen Familiendramen zu kämpfen haben – der weniger geliebte Sohn ringt verzweifelt um die Anerkennung seines Vaters, der eine Vernunftehe mit der Mutter seiner Söhne eingegangen ist, aber tief in seinem Herzen noch immer seiner eigentlichen Liebe nachtrauert, die nun aber leider eine kritische Künstlerin und kein Hausmütterchen ist und so weiter und so fort – aber die üblichen Lügen und Intrigen reichen heutzutage natürlich nicht. Und weil wir mit der Nazizeit langsam mal durch sind, muss man jetzt für eine ordentliche Familiengeschichte den Unrechtsstaat DDR bemühen samt der bösen Stasi in ihrer ganzen Perfidie. Das war so zum Kotzen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Nein, dann doch lieber herkömmliche Verbrechen.

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3 Gedanken zu „Die FAZ fordert mehr Familien-Serien. Ich nicht.

  1. Pingback: Real Humans – Wo fängt der Mensch an? | mariestvkritik

  2. TV 2015. Krimi hier, Kochsendung da. Wir töten und kochen alle wunderbar… So beschämend ist das TV Programm. Ich plädiere somit auch zu endlich wieder vernünftigen Familienserien!!! Gemeinsam schauend, das wär wunderbar…

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