Real Humans – Wo fängt der Mensch an?

Es muss nicht immer Krimi sein: Die Schweden können auch Science Fiction und Gesellschaftskritik. Mit Real Humans hat Lars Lundström eine bemerkenswerte Serie über humaniode Roboter, so genannte Hubots, und ihr Zusammenleben mit echten Menschen geschrieben. Es handelt sich also um eine der wirklich intelligenten Familien-Serien, die es angeblich nicht mehr gibt, um noch mal auf das Lamento in der FAZ zurück zu kommen.

In einer gar nicht so fernen Zukunft lassen sich die Menschen in vielen Lebensbereichen von Hubots unterstützen. Sie pflegen Alte und Kranke, passen auf Kinder auf, helfen im Haushalt, leisten einsamen Menschen Gesellschaft und übernehmen natürlich auch immer mehr Jobs in der Produktion – denn die künstlichen Menschen brauchen weniger Pausen und machen viel weniger Fehler. Natürlich gefällt das nicht allen Menschen, insbesondere denen, die deshalb ihre Jobs verlieren, sind die Hubots ein Dorn im Auge. Dazu kommt, dass nicht alle Menschen es mögen, von Maschinen umgeben zu sein. Diese können schließlich auch gefährlich werden, wenn sie kaputt gehen. Deshalb gibt es eine Anti-Hubot-Bewegung, die sich „Echte Menschen“ (Äkta människor) nennt. Sie wollen mit den künstlichen Menschen nichts zu tun haben.

Real Humans - Screenshot von arte.tv

Real Humans – Echte Menschen. Screenshot von arte.tv

Einige der Hubots wiederum haben damit angefangen, ein unabhängiges Leben führen zu wollen – sie wurden dank einer speziellen Software „befreit“. Sie verstecken sich im Wald und brechen in Häuser ein, weil sie Energie benötigen – sie müssen zwar nicht essen und nicht trinken, aber ihre Akkus müssen regelmäßig aufgeladen werden. Dabei stoßen sie in einem Haus auf Gegenwehr, so dass die Anführerin Niska die beiden Bewohner umbringt, damit sie nicht die Polizei rufen können. Zur der Gruppe der freien Hubots gehört auch Leo, der sich mit den Hubots identifiziert, obwohl er ein Mensch ist. Als er ein Kind war, hat er miterleben müssen, wie seine Mutter Beatrice ertrunken ist. Er selbst hat nur knapp überlebt, weil sein Vater David, ein Arzt, der sich intensiv mit der Entwicklung der Hubots beschäftigt hat, ihm Roboter-Hardware eingepflanzt hat. Leo ist ein Cyborg, ein Mischwesen aus Mensch und Hubot. Er braucht wie die Hubots regelmäßig Strom für seine Computerteile, hat aber einen Körper aus Fleisch und Blut und empfindet aber wie ein Mensch.

Weil David Beatrice nicht retten konnte, entwickelt er den besonders menschenähnlichen Hubot Bea. Bea wirkt wie ein echter Mensch und arbeitet bei einer besonderen Polizeieinheit für Hubot-Kriminalität. Außerdem steckt David hinter der Software, durch die sich die Hubots „befreien“ können, in dem sie mit menschlichen Gefühlen und Autonomiestreben ausgestattet werden. Wobei auch die herkömmlichen Hubots je nach Bedarf mit Gefühlen ausgestattet werden – einige Menschen wählen inzwischen Hubots nicht nur als Sex- sondern auch als Lebenspartner. Die Anwältin Inger Engman findet die Entscheidung einer Freundin, einen Hubot zu lieben, erst befremdlich, unterstützt sie dann aber darin, mit einem Hubot eine Lebenspartnerschaft eingehen zu dürfen. Überhaupt entwickelt sie sich zu einer Verfechterin für Hubot-Rechte, erst recht, als ihr Mann, der eigentlich nur einen neuen Pflegehubot für ihren Vater kaufen wollte, im Sonderngebot auch noch den Haushaltshubot Anita mit nach Hause bringt. Was Familie Engman nicht ahnt: Anita ist eigentlich Mimi, die zu den befreiten Hubots gehört. Aber Mimi wurde von Kriminellen gekidnappt und neu programmiert, deshalb war sie so günstig. Inger ist anfangs total dagegen, Anita im Haus zu behalten, erlaubt es aber unter der Bedienung, dass sie nicht einfach nur ausgenutzt wird. Was natürlich absurd ist, denn genau dazu sind die Hubots ja da.

Das ist ein wichtiger Punkt, um den die zehnteilige Serie immer wieder kreist: Wo fängt das Menschsein an? Wenn die Androiden den Menschen immer ähnlicher werden, darf man sie dann überhaupt noch wie Dinge behandeln? Muss man ihnen nicht vielmehr die gleichen Rechte zugestehen, wenn sie wie Menschen denken und fühlen können? Ist es überhaupt noch zu vertreten, sie zu kaufen, zu verkaufen, umzuprogrammieren oder zu verschrotten? Gehören die Hubots nicht eigentlich sich selbst?

Und schlimmer noch – sind die Hubots den Menschen nicht am Ende überlegen? Schließlich können sie inzwischen fast alles besser als die Menschen selbst. Genau diese Angst treibt auch die Aktivisten von Äkta människor um. Deshalb bekämpfen sie die Hubots. Gar nicht zufällig erinnern die Typen von Äkta människor an einschlägige Ausländer- und Schwulenhasser – diese Leute haben Angst vor den anderen, vor deren Anderssein. Denn irgendwie anders sind die Hubots schon, so menschlich sie sich auch geben wollen.

Im Laufe der Handlung lernt man die Hubots immer besser kennen – sie werden einerseits immer sympathischer, weil sie immer menschlichere Züge entwickeln, andererseits fangen sie aber auch an, sich menschliche Unarten anzueignen. So entpuppt sich der perfekte Liebhaber von Ingers Freundin bald als nerviger Macho.

Mir fällt spontan nicht eine einzige Serie ein, die sich auf ähnlichem Niveau mit einem dermaßen breiten Spektrum an gesellschaftlichen Problemen beschäftigt – Homoehe, illegale Einwanderung, technischer und medizinischer Fortschritt und die damit verbundenen ethischen Fragen, Automatisierung, Konkurrenz um Arbeitsplätze, Menschenrechte und so weiter und so fort. Real Humans könnte auch in Deutschland, den USA oder Japan spielen – aber die Schweden haben auch hier die Nase vorn.

Real Humans ist wirklich eine ganz besondere Serie, der man aufgrund ihres originellen Plots die eine oder andere inhaltliche und handwerkliche Unebenheit verzeihen kann – zumal das schwedische Fernsehen ja deutlich weniger Mittel zur Verfügung hat als deutsche oder irgendwelche US-Sender. Die Schweden beweisen einmal mehr, dass es möglich ist, mit einem überschaubaren Budget richtig gutes Fernsehen zu machen.

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