House of Cards: Killerschach als Serie

Wie so viele andere war auch ich sehr auf die zweite Staffel von House of Cards gespannt. Inzwischen habe ich die Hälfte gesehen – obwohl Binge Viewing dank Netflix ja sehr in ist, muss ich sagen, dass ich am vergangenen einfach keine Lust hatte, die ganze Zeit vor der Glotze zu sitzen, obwohl das Wetter eigentlich dazu geeignet gewesen wäre. Aber nach einer langen Arbeitswoche am Schreibtisch muss der nächste Sitzmarathon nun wirklich nicht sein.

Titelbild House of Cards via Wikipedia

Titelbild House of Cards via Wikipedia

Außerdem hat mich der erwartete Sog gar nicht so richtig erwischt – natürlich ist HOC2 auch wieder herrlich fies und gemein, aber irgendwie bin ich nicht so richtig glücklich. Es tritt immer mehr zu Tage, was das Manko dieser Serie ist: Die Figuren entwickeln sich nicht. Deshalb fehlt das entscheidende Etwas, das eine gut gemachte Serie von einer richtig guten Serie unterscheidet. Frank bzw. Francis Underwood ist und bleibt ein abgefeimtes Arschloch, das nun als Vizepräsident mit noch mehr Macht ausgestattet noch perfider agieren kann. Das ist von Anfang an klar und keine Überraschung. Und dass Claire ihren Kinderwunsch den Erfordernissen ihrer neuen Rolle unterordnet ist genauso absehbar – genau wie ihre knallharte Art, andere zu benutzen und abzuservieren – kennt man ja alles aus der ersten Staffel schon.

Insofern ist es, als würde man einem durchaus spannend inszenierten Schachspiel zusehen, in dem die Köpfe der Bauernopfer nur so übers Brett rollen, Türme wanken, Läufer außer Atem kommen und Springer stolpern. Aber auch die raffinierten Spielzüge ändern nichts daran, dass irgendwie das wahre Leben fehlt. Etwas weniger Raffinesse und dafür mehr menschliche Unvollkommenheit hätte den Figuren ganz gut getan. Wobei Francis, Claire und ihre Entourage ja keineswegs perfekte Menschen sind – aber sie bieten keine Überraschungen und man leidet bzw. fiebert entsprechend auch nicht mit. Höchstens ärgert man sich über die Dummheit und Naivität ihrer Gegenspieler, die regelmäßig unter die Räder kommen – und das zum Teil auch ganz wörtlich.

Während man in Breaking Bad dabei sein kann, wie sich der scheinbar leicht vertrottelte Walter White zum knallharten Gangster entwickelt oder miterlebt, wie der Loserjunkie Jesse Pinkmann es tatsächlich schafft, seine Sucht in den Griff zu bekommen und ein zuverlässiger Geschäftspartner im Drogenbusiness zu werden und Skyler White nicht zu vergessen – welche kriminelle Raffinesse sie entwickelt, um an die zur Geldwäsche benötigte Autowaschanlage zu kommen! Das ist ein ganz anderes Kaliber an Drama und Dynamik. Aber ich will nicht undankbar sein und freue mich um so mehr auf die nächste Folge von True Detective.

Klar, den Rest House of Cards werde ich auch noch weggucken, denn schlecht ist die Serie ja nicht. Aber eben auch nicht so dermaßen herausragend, wie zum Teil behauptet wird.

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True Detective – Zwischenstand

In „Who Goes There“ hat True Detektive quasi zum Bergfest noch mal ganz schön zugelegt – was auch gut war, denn dieses ganze Kirchen- und Familienzeug ist mir dann doch etwas auf die Nerven gegangen. Inzwischen hat sich, wie zu erwarten war, der angestrengt optimistische Marty als der eigentliche Problembär entpuppt. Mit seinen blöden Frauengeschichten hat er sich ganz schön ins Abseits manövriert. Und wenn auch nicht alles so schlecht war, wie seine Frau Maggie glauben will, so versteht man sie doch – irgendwie geschieht es dem selbstgerechten Arschloch einfach recht, dass seine Koffer gepackt im leeren Haus stehen. Aber allein der Wutanfall, den er deshalb bekommt, ist sehenswert.

Dafür läuft der chronische Misanthrop Rusty zur Hochform auf, als er sich – zu einem natürlich inoffiziellen – Undercovereinsatz entschließt, um an den dringend tatverdächtigen Methkoch Reggie Ledoux heran zu kommen. Er ist in seiner schrägen Art total gut organisiert und wirkt in seinen Handlungen völlig rational und überzeugend, obwohl er lauter irre Sachen macht: Drogen aus der Asservatenkammer klauen, sich in eine brutale Rockergang einschleusen und dann noch drauf zu setzen, dass der mental völlig marode Marty ihn da wieder rausholt.

Interessant auch, dass er den Bullen bei der Befragung weiterhin etwas anderes erzählt – auch Jahre später will er darüber nicht reden. Mal sehen, was daraus noch wird. Jedenfalls durfte man gespannt sein, wie diese Aktion aus geht – Rust muss dabei nicht nur jede Menge Drogen konsumieren, so dass man im Verlauf der Folge Angst bekommt, dass er irgendwann einfach umkippt, sondern mit den Iron Crusaders als auch ein Drogenversteck in einem Armenviertel ausräumen, was natürlich spannend ist und mit allerlei Geballer einhergeht – eine grandioses Finale für die vierte Folge übriges, in dem ziemlich viel gleichzeitig passiert, was für eine TV-Produktion schon ziemlich großes Kino ist. Aber am Ende geht es gerade noch so gut, Marty ist rechtzeitig zur Stelle.

Womit wir zur fünften Folge kommen, in „The Secret Fate“ finden Marty und Rust das Versteck des durchgeknallten Reggie, der natürlich nicht im Traum daran gedacht hat, mit einem dahergelaufenen Gangmitglied Geschäfte zu machen. Auf dem mit Sprengfallen und ähnlichen Fiesheiten verminten Gelände entdeckt Marty ein Verließ mit zwei halbtoten Kindern, woraufhin er dem bereits gefesselt auf dem Boden knienden Reggie den Kopf weg schießt. Reggies sinistrer Kumpan versucht abzuhauen, jagt sich dabei aber selbst in die Luft. Daraufhin inszeniert Rust eine gewaltige Ballerei, damit die beiden Toten zu erklären sind und die beiden rufen endlich Verstärkung und Krankenwagen.

Rust und Marty haben einen Drogenkoch und Mörder zur Strecke gebracht und zwei Kindern das Leben gerettet – keine Frage, jetzt sind sie Helden. Jetzt könnte doch eigentlich alles wieder gut werden – und es sieht auch erst mal so aus: Maggie ist bereit, sich wieder mit Marty zu versöhnen, jedenfalls darf er mit den Kindern Rollschuhlaufen gehen. Und Rust versinkt erstaunlicherweise nicht im Drogenrausch, sondern arbeitet weiter und findet eine Freundin, alles scheint wieder in Ordnung zu sein. Die beiden Vernehmer hören aber schon heraus, dass es das nicht gewesen sein konnte. „What happened?“ fragen sie Marty. Und Marty antwortet lakonisch: „Reality.“

Ja, ist halt nicht so einfach mit der Realität. Vor allem, wenn sie so mysteriös daher kommt, wie in diesem Fall, der immer weitere Kreise zieht – inzwischen bis ins Jahr 2002, in dem ein Mann festgenommen wird, der im Drogenrausch zwei Menschen umgebracht hat und merkwürdige Dinge über einen gelben König erzählt – und dass die Polizei den Mörder von Dora Lang nie geschnappt hätte. Kurze Zeit später wird er tot in seiner Zelle gefunden. Und die Bullen im Jahr 2012 sind offenbar der Ansicht, das Rust für den aktuellen Ritualmord verantwortlich sein könnte. Aber so einfach ist es bestimmt nicht, denn Rust scheint etwas wirklich großem auf der Spur gewesen zu sein…

Jedenfalls ich bin jetzt endgültig überzeugt, dass True Detektive eine wirklich gute Serie ist – und es kann noch besser werden! Inzwischen bekomme ich jedesmal, wenn ich die Titelmusik höre, eine Gänsehaut, obwohl das eigentlich nicht unbedingt meine Musik ist. Aber sie passt einfach perfekt zu der Serie. Schade, dass es in drei Folgen schon wieder vorbei sein wird. Aber ich bin jetzt erstmal wahnsinnig gespannt darauf, wie es weiter geht!

The Sound of Noise – alles ist Musik

Ich bin wirklich keine ausgesprochene Freundin von Musikfilmen. Aber einige wirklich gute gibt es doch. Ich meine dabei ausdrücklich nicht dieses ganze Saturdaynight-Fever-Footlose-Flashdance-Zeug. Das interessierte mich nicht mal als Teenie und die Musik fand ich damals schon richtig scheiße. Aber es gab immerhin Blues Brothers! Oder Leningrad Cowboys Go America. Oder Aprile von Nanni Moretti, der ja kein Musik-Film im eigentliche Sinne ist, auch wenn Nanni Moretti darin beschreibt, dass er wahnsinnig gern einen Musik-Film im Stil der 50er Jahre machen würde, statt diesen Politfilm gegen Berlusconi, den er aber seiner inneren Stimme folgend eigentlich machen muss. Immerhin: Nuria Schoenberg spielt darin mit, die Tochter des Komponisten Arnold Schoenberg und Witwe von Luigi Nono, der neben Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez ein führender Vertreter der Neuen Seriellen Musik war.

Und dann gibt es auch noch das britische Bergarbeiter-Kapellen-Drama Brassed off und die ein wenig zu sozialkitschige Musik-Doku Buena Vista Social Club und schließlich natürlich den besten aller Musikfilme, The Sound of Noise. Damit sind wir schon wieder in Schweden, aber ich kann nichts dafür, dass diese Nordländer so kreativ sind.

The Sound of Noise handelt von sechs fanatischen Musikern, die (auch im richtigen Leben) in erster Linie Schlagzeug, aber zusätzlich so ziemlich alles bespielen – zum Schluss sogar eine ganze Stadt. Es spielt, das ist bei schwedische Filmen offenbar nicht zu vermeiden, auch ein besessener Polizist mit. In diesem Fall fatal: Amadeus Warnebring (Bengt Nilsson) hasst Musik. Seine Mutter war Pianistin, sein Bruder ist ein gefeierter Dirigent, ein furchtbar arroganter Schnösel ganz nebenbei, aber Amadeus hat es überhaupt nicht mit Musik. Was einen auch nicht wundert, wenn man der klassischen Langeweile seines Bruders ausgesetzt ist.

Warnebring nimmt den Kampf gegen die Musik-Terroristen auf, die das Land mit einer beispiellosen Serie von spektakulären Überfällen überziehen. Sie brechen etwa in ein Krankenhaus ein, um einen Operationssaal samt Patienten zu bespielen, sie überfallen eine Bank, „bleiben Sie ruhig, das ist ein Gig!“, aber nicht um Geld zu stehlen, sondern es im richtigen Takt durch den Schredder zu jagen, die entsetzten Schreie der Bankangestellten gehören genauso zur Aufführung wie das Klackern der Stempel und das Klimpern der Münzen. Rätselhaft an diesen Überfällen: Es bleibt stets ein Metronom am Tatort zurück. Für Warnebring ist die Sache klar – das sind keine Verbrecher. Schlimmer noch: Es sind Musiker!

Schließlich zerlegen die Überzeugungstäter der konkreten Musik mit Baustellenfahrzeugen den Platz vor dem Konzerthaus in Göteborg, gerade als Amadeus ein Konzert erleiden muss, das sein Bruder dirigiert. Es passiert aber etwas Unerwartetes: Ausgerechnet die Musik-Anarchos erlösen Warnebring von dem, was er so hasst: Alles, was sie einmal bespielt haben, kann oder vielmehr muss Amadeus nicht mehr hören. Und so findet er ihren Plan, ein Elektrizitätswerk zu bespielen, gar nicht mal so schlecht – er setzt sich sogar hin, um eigenhändig eine Partitur für die ganze Stadt zu schreiben, auch wenn er keine Ahnung davon hat: „Ist das Musik?“ fragt er einen der Terror-Musiker. „Das schon, aber es ist unheimlich schlecht!“ Egal, er zwingt die Bande mit vorgehaltener Pistole zum Spielen, um danach endlich für immer seine Ruhe zu haben. Herrlich schräger Film von Ola Simonsson und Johannes Stjärne Nilsson. Ein unbedingtes Muss für alle, die sich Haydns Sinfonie mit dem Paukenschlag auch nicht freiwillig reinziehen würden.

Robocop reloaded – die Zukunft hat längst begonnen

So, jetzt hab ich ihn endlich gesehen, den neuen Robocop und bin erleichtert: Es ist ein durchaus gelungener Film, in dem die Geschichte des Polizisten Alex Murphy und seiner Verwandlung in eine Maschine neu erzählt wird. Das Gemecker in einschlägigen Foren, wie man denn überhaupt wagen könne, Robocop neu zu verfilmen, und dann noch mit so einem dahergelaufenen Schweden, wo doch Peter Weller der einzig wahre Robocop sei, kann man getrost vergessen. Wobei Peter Weller natürlich ein fantastischer Robocop war. Aber Joel Kinnaman ist halt auch ein großartiger Robocop.

Ich muss natürlich zugeben, dass Joel Kinnaman für mich sogar ein entscheidendes Extra an dem Film ist und hoffe sehr, ihn jetzt häufiger in guten Filmen zu sehen. Denn obwohl ich das meiste, was ich bisher von ihm gesehen habe, ziemlich bis sehr gut fand, ist auch ein Joel Kinnaman keine Allzweckwaffe gegen schlechte Filme. The Darkest Hour beispielsweise ist einer der schlechtesten Science-Fiction-Filme, die ich je zu sehen versucht habe – ich habe den nicht bis zum Ende durchgehalten, weil er einfach zu öde war. Der spielt in der Liga von Independece Daysatster, den ich auch einfach zu schlimm fand, um ihn durchzuhalten. Dabei schaue ich mir eigentlich gern auch trashiges Zeugs an, und ruhig auch total schrägen, gewalttätigen Gaga-Trash wie Machete Kills und so weiter. Aber es gibt halt in jedem Genre bessere und schlechtere Filme. Und so hatte ich schon etwas Bedenken, dass es mit der Neuverfilmung von Robocop schief gehen könnte. Ging es aber nicht.

Was stimmt, ist, dass der neue Robocop weitgehend humorfrei ist. Das Original von Paul Verhoeven ist ja quasi schon seine eigene Satire, was eine echte Meisterleistung war und ist – dieser beißende, schwarze und abgründige Humor ist DAS Markenzeichen von Verhoeven-Filmen. Hier haben wir aber einen José-Padilha-Film. Der Brasilianer ist von Haus aus ein Dokumentar-Filmer, und zwar ein kritischer, der sich für Themen wie Gewalt, Drogen, Korruption und so weiter interessiert, weshalb ich sehr gespannt war, wie er einen Stoff wie Robocop angehen würde.

Was auch stimmt, ist, dass dem Film der Superbösewicht Clarence Boddicker samt seiner brutale Gang abhanden gekommen ist – was ich keineswegs als Verlust empfinde. Mir gehen diese dämonischen Superbösewichte ohnehin auf die Nerven, weshalb ich auch kein großer Fan von Psychopathen-Filmen bin – das ist nicht die Art des Bösen, die mich interessiert. Viel spannender als jeden superperversen Totalspychopathen finde ich die „normalen“ Psychopathen, selbstbezogene Chefs, entgleiste Underdogs, die irgendwann einfach den Kanal voll haben und abdrehen, und dann natürlich die ganze Palette des trivialen Bösen wie halt korrupte Bullen oder gierige Aufsteiger, Menschen eben, die kriminelle Dinge tun, weil sie sich irgendeinen Vorteil davon versprechen und nicht weil sie so furchtbar böse sind. Die meisten Verbrechen geschehen ja nicht, weil jemand einfach böse sein will, sondern weil es auf legale Weise halt unheimlich mühsam ist, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. All das wird in Robocop so natürlich nicht thematisiert, da geht es schließlich um die Verbrechensbekämpfung und wie man die möglichst effektiv gestalten kann. Und natürlich gibt es mit dem Waffenhändler Antoine Vallone auch noch einen Verbrecher, und zwar einen, der den engagierten Bullen Alex Murphy aus dem Weg haben will, weil er weiß, dass Murphy und sein Partner Jack Lewis (gespielt von Michael K. Williams, bekannt als Omar Little aus The Wire) ihm auf der Spur sind. Aber der ist halt ein normaler Gangster mit guten Verbindungen und kein durchgeknallter Psychopath.

Und es geht um Kapitalismus – der auch gar nicht infrage gestellt wird. Padilha, der Dokumentarfilmer, zeigt einfach, wie er funktioniert. Da ist der Hightech-Konzern Onmicorp, der weltweit seine Produktions- und Testzentren hat und einen Haufen Geld verdienen will. Onmicorp beliefert das US-Militär mit Drohnen und Robotern, die überall in der Welt für Ordnung und Sicherheit sorgen, ohne dass dabei das Leben von US-Soldaten gefährdet wird. Dass nicht allen Menschen in den besetzten, äh, befreiten, befriedeten Ländern das gefällt, wird gleich am Anfang klar, als ein Kommando von Selbstmordattentätern in Teheran einen Anschlag auf einige dieser Militär-Roboter verübt – nur, um damit ins Fernsehen zu kommen. Um zu zeigen, dass es Widerstand gibt. Und als einer der angegriffen Roboter ein mit einem Messer bewaffnetes Kind erschießt, wird die Liveschaltung in die USA unterbrochen. Denn eigentlich sollte das ja eine Werbesendung für die Omnicorp-Produkte sein. Und keine Kritik daran, zu der dieser Fernsehbeitrag nun zu mutieren droht.

Denn die ganzen schönen Omnicorp-Roboter dürfen in den USA nicht eingesetzt werden, weil man dort ethische Probleme damit hat, wenn Maschinen und nicht Menschen den Abzug betätigen. Auch wenn es die Menschen sind, die ständig Fehler machen. Omnicorp ist versessen darauf, den lukrativen Heimatmarkt endlich mit seinen Produkten ausstatten zu können. Die Vorstandsetage wird ganz wuschig, als sie ausgerechnen lässt, wieviele Millionen der Firma durch dieses unsinnige Gesetz, das bezeichnenderweise Dreyfuss Act heißt, jeden Tag, den es noch gilt, entgehen. Der Dreyfuss Act muss weg, soviel ist klar. Und Omnicorp braucht ein Produkt, das irgendwie menschlich ist, ohne dass der menschliche Faktor stört. Und der wird aus den menschlichen Überresten von Alex Murphy nach und nach heraus optimiert.

Es stellt sich nämlich schnell heraus, dass die vollautomatischen Roboter, die in den Tests gegen Robocop antreten, einfach effektiver sind. Sie denken nicht, sie handeln gemäß ihres Programms. Sie sind im Grunde das, was der klassische Robocop war: „Er hat keinen Namen, er hat ein Programm.“ Aber der neue Robocop wurde ja extra geschaffen, um nicht nur Programm zu sein, sondern eben ein überlegener Mensch dank maschineller Unterstützung. Über den neuen Robocop sagt Konzernchef Raymond Sellars (Michael Keaton): „Wir haben hier einen Roboter, der denkt, er sei Alex Murphy; und das ist, denke ich, legal.“ Denn als guter Geschäftsmann weiß Sellars, dass jedes ethische Problem eigentlich ein juristisches Problem ist.

Wissenschaftler Dr. Dennet Norton (Gary Oldman) hat dann aber viel Mühe damit, die Gedanken und Gefühle von Alex Murphy so zu kontrollieren, dass er die effektive Maschine sein kann, die er sein soll. Als Alex realisiert, dass von ihm eigentlich kaum etwas übrig ist, will er einfach nur sterben – aber Dr. Norton schafft es, die richtigen Emotionen in ihm zu wecken, um überleben zu wollen – für seine Frau Clara und seinen Sohn. Die Alex aber kurze Zeit später schon nicht mehr wahr nimmt, als er bei seiner ersten öffentlichen Präsentation an den beiden, die schon lange sehnsüchtig auf ihn gewartet haben, einfach vorbei stampft. Nach einem unvorhergesehen emotionalen Zusammenbruch musste Dr. Norton den Dopamin-Spiegel seines Schützlings so weit senken, dass er nichts mehr fühlt, damit er wieder handlungsfähig ist.

Der menschliche Faktor wurde also weitgehend elemeniert, Alex wird tatsächlich zu der effektiven Maschine, die er sein soll. Mit der Nebenwirkung, dass er auch völlig emotionslos ehemalige Kollegen abknallt, nachdem er sie eines Verbrechens überführt hat. Das ist eine Panne, die für Omnicorp fatal werden kann – insbesondere, nachdem Alex damit angefangen hat, in seinem eigenen Mordfall zu ermitteln. Er kann gar nicht anders, seine hocheffektiven Programme bringen ihn schnell auf die richtige Spur – er deckt Korruption in den eigenen Reihen auf, bis hinauf zur Polizeipräsidentin. Doch bevor er sie zu einem Geständnis bringen kann, schaltet Omnicorp ihn ab. Die Sache wird politisch zu heikel. Allerdings rebelliert Dr. Norton dagegen, dass Alex dauerhaft still gelegt wird. Norton ermöglicht ihm nicht nur die Flucht aus dem Omnicorp-Labor, in dem er zerstört werden soll, sondern entfernt auch den Transmitter, mit dem der Robocop ferngesteuert wurde. Damit ermöglicht er Alex, tatsächlich wieder autonom handeln zu können.

Die Frage, ob das jetzt gut oder schlecht ist, spielt eigentlich keine Rolle – klar ist, dass Alex so oder so nicht mehr in sein altes Leben zurück kann – er hat keinen Körper in eigentlichen Sinne mehr, ob und wie er und Clara jemals wieder Sex haben werden, wird nicht weiter thematisiert, ist aber eine der vielen interessanten Fragen, die der Film aufwirft. Was soll eine Kampfmaschine einem Gewissen? Wie sich zeigt, ist sie ja viel effizienter, wenn sie keins hat. Genau wie es viel praktischer ist, wenn der Robocop keine Emotionen zeigt – die stören nur und für die Aufklärung von Verbrechen braucht er keine, da reichen flotte Prozessoren und die riesigen Datenbanken, auf die er zugreifen kann. Letztlich entpuppt sich das letzte bisschen Mensch, das noch in ihm steckt, als lästiger Ballast. Und doch ist es eben dieses letzte Bisschen, das ihn dazu bringt, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen. Rational ist es nicht zu erklären – es ist halt einfach menschlich.

Fernsehen ist Steinzeit

Inzwischen ist es schon wieder einen Monat her, da las ich auf moviepilot, dass ausgerechnet die aktuellen qualitativ hochwertigen US-Serien in Deutschland gnadenlos untergehen, wenn sich endlich ein Sender entschließt, sie auszustrahlen. Der Artikel war deshalb launig, aber treffend mit US-Serien in Deutschland – Perlen vor die Säue überschrieben.

Nun ist es ist natürlich ein Unterschied, ob ein Intellektuellen-Sender wie arte auf seinem etablierten Serien-Sendeplatz am Donnerstagabend zuverlässig hochklassige Serien wie Breaking Bad, Borgen, Hatufim, Top of The Lake, The Hour oder Real Humans ausstrahlt, die ein kleines, aber feines Spartenpublikum mit entsprechender Sachkenntnis genießt, schon weil es dabei nicht mit lästiger Werbung behelligt wird, oder ob ein Privatsender wie Sat 1 am Sonntagabend in Konkurrenz zum Tatort versucht, mit einer komplexen Serie wie Homeland ein Publikum zu erreichen, dem weitgehend egal ist, was es sich reinzieht, denn sonst würde es ja die ganzen Werbeunterbrechungen nicht ertragen. Ich gehöre zu den Menschen, die bei einer Werbeunterbrechung einen Nervenzusammenbruch bekommen, sofern sie eine Sendung wirklich sehen wollen – deshalb meide ich Privatsender. Mir würde gar nicht auffallen, wenn die von heute auf morgen ihren Betrieb einstellen würden – außer, dass die lästigen Pseudo-Skandal-Nachrichten über das Dschungelcamp oder DSDS endlich aus Google News verschwänden, was auch kein Verlust wäre.

Schon deshalb warte ich nicht, bis ich Homeland oder was auch immer in Deutschland endlich einmal häppchenweise im Privatfernsehen ansehen darf, sondern besorge mir meinen Stoff anders. Und zwar am Stück und werbefrei. Das ist auch der Punkt, warum das mit den hochkarätigen Serien in Deutschland so nicht funktioniert. Ich kenne eine ganze Menge Leute, die Serien kucken – und zwar die guten. Aber von denen kuckt keiner SAT 1. Nun mag ja sein, dass ich mich durch meine Ausbildung, meinen Job und meine sonstigen Interessen unter Menschen bewege, die nicht unbedingt das deutsche Durchschnittspulblikum repräsentieren. Ich kenne bis auf wenige Ausnahmen eigentlich nur Menschen mit Hochschulabschluss, die in typischen Akademikerberufen tätigt sind. Das heißt nicht, dass alle auch überdurchschnittlich viel Geld hätten – heute muss man ja oft schon einen guten Uniabschluss haben, um irgendeinen Affenjob in irgendeiner Multimedia-Klitsche machen zu dürfen. Aber es sind natürlich Leute, die überdurchschnittlich gut informiert sind, sowohl was die aktuellen Dinge angeht, die gerade in sind, als auch, was die technischen Möglichkeiten angeht. Und das, obwohl ich mich in meinem Bekanntenkreis jetzt in dem Alterssegment zwischen 35 und 60 bewege – ich war ziemlich betroffen über den Tod von Philip Seymour Hoffman, weil das mein Jahrgang ist.

Die meisten sehen nicht mal mehr klassisch fern – das sind ja alles Menschen, die ihren Zeitplan nach ihren Bedürfnissen gestalten, und nicht nach dem aktuellen Fernsehprogramm. Das ist der nächste Punkt. Das Fernsehprogramm in Deutschland ist halt nur gut, wenn man sich mit zusätzlichen Angeboten versorgt, die halt extra kosten. Aber auch hier kenne ich eine ganze Menge Menschen, die dann doch lieber ein paar Fernsehkanäle extra buchen, Angebote wie Entertain nutzen, bestimmte Sachen bei iTunes kaufen, ein Lovefilm oder Watchever-Abo haben und was es inzwischen an Möglichkeiten mehr gibt – niemand ist mehr darauf angewiesen, eine Serie oder einen Film dann anzusehen, wenn sie oder er gnädigerweise von einem deutschen Sender ausgestrahlt wird.

Und wie ich immer wieder feststelle, gibt es auch erstaunlich viele Sachen auf youtube, wenn man sich einfach nur einen Eindruck verschaffen will, ob sich eine weitere Investition lohnt – gerade Dokumentationen gibt es oft in voller Länge oder Originalfassungen weniger bekannter ausländischer Serien – das ganze Zeug, was man hier halt eh nicht verkaufen kann.

Ein anderer Aspekt, der aber in die gleiche Richtung geht, ist die Tatsache, dass man heute, wo man eh das ganze Leben um seinen Job herum planen muss, seine Serie halt ansehen will, wenn man gerade mal Zeit dafür hat. Und wenn es am Wochenende regnet, kann man sich auch mal fünf, sechs oder mehr Teile der aktuellen Lieblingsserie reinziehen, statt von Woche zu Woche auf das nächste Häppchen zu fiebern, das am Ende genau dann gesendet wird, wenn man gerade nicht kann. Diese Zeiten sind vorbei. Die Zukunft gehört Streaming-Diensten wie Netflix, wo man eine Serie einfach am Stück wegglotzen kann, wenn einem danach ist.

Und Netflix hat noch einen anderen großen Vorteil: Weil dieser Dienst weder von Rundfunkgebühren, noch von Werbeeinnahmen, sondern von seinen Abonnenten lebt, gibt Netflix sich große Mühe, diese entsprechend zufriedenzustellen – inzwischen produziert Netflix selbst hochkarätige Serien wie House of Cards, von dem in den nächsten Tagen endlich die zweite Staffel heraus kommt.

Und noch viel besser: Netflix rettet auch alle The-Killing-Fans, die das doch irgendwie unbefriedigende Ende der dritten Staffel zu recht nicht verkraftet haben und entsprechend sauer darüber waren, dass AMC keine vierte Staffel produzieren will. Dank Netflix wird es zumindest eine kurze vierte Staffel geben, um die Geschichte vernünftig zu Ende zu erzählen. Schade, dass es noch keine entsprechenden Rettungspläne für die BBC-Serie The Hour gibt – da wird die dritte Staffel von den Fans ja auch bitter vermisst. Aber was nicht ist, kann vielleicht noch werden.

Geht doch – Team Dortmund gewinnt dank Psycho

War doch gar nicht so schlimm! Seit dem Eskimo habe ich es nicht mehr geschafft, mir einen kompletten Tatort reinzuziehen – inzwischen bin ich soweit, dass ich nach einer Viertel-, spätestens nach einer halben Stunde einfach um- oder gar ausschalten kann, wenn ich es nicht mehr ertrage. Nachdem ich mir jahrzehntelang Sonntagabends schon aus Tradition eigentlich immer den Tatort (oder Polizeiruf) angesehen habe, heißt das schon etwas. Aber wenn es einfach zu schlecht wird, muss man auch mal zu radikalen Maßnahmen greifen. Und der Tatort wird immer schlechter, zumindest im Durchschnitt. Natürlich kann aber auch sein, dass ich inzwischen einfach so viele gute und schlechte Krimis gesehen habe, dass ich nach einer Viertelstunde entscheiden kann, ob es sich lohnt, noch über eine Stunde Lebenszeit zu investieren oder ob ich mir lieber was Vernünftiges ansehe. Im Zeitalter von Internet und Terabyte-Festplatten ist niemand mehr gezwungen, sich das aktuelle Fernsehprogramm antun zu müssen.

Aber wie gesagt, den Tatort gestern fand ich gar nicht so schlecht, obwohl auch der deutliche Längen hatte – irgendwann ist es einfach nicht mehr spannend, noch eine Minute und noch eine Minute und noch eine Minute dabei zuzusehen, wie Polizisten hektisch in zugegebenermaßen sehr dekorativ verschrammelten Kellergewölben herumstolpern oder auf einem Hochhausdach am Rand des Abgrunds stehen. Das ist irgendwann halt nur noch nervig. War doch klar, dass das zuletzt verschwundene Mädchen noch irgendwo zu finden sein muss. Und klar war auch, dass Faber nicht springt – wie sollte es denn sonst mit dem Dortmunder Tatort weitergehen?!

Es gab ja genügend Nebenkriegsschauplätze, mit denen man auch Sendeminuten füllen konnte, was im Falle des erpresserischen Dealer-Callboys sogar recht unterhaltsam war. Und ja, junge Polizistinnen können auch schwanger werden und absolut nachvollziehbar entscheiden, dass dieser Job mit einem Kind schwer vereinbar ist, wenn man nicht gerade Charlotte Lindholm ist – und diese Ermittlerin beziehungsweise ihre Drehbuchschreiber haben ganz schön nachgelassen, seit sie es mit einer Alleinerziehenden zu tun haben. Voller Einsatz und zwischendurch Windeln wechseln ist halt nicht so richtig glaubwürdig. Wobei man der Lindholm ja die Superermittlerin eher abnimmt als die Supermutter, aber egal, in dem Dortmunder Fall will Nora ja nicht Supermutter werden und Daniel sollte mal lieber damit klar kommen, falls er nicht unbedingt Hausmann werden will. Denn Nora ist jobmäßig ja wohl eindeutig besser auf Zack als ihr Lover und Kollege.

Insofern hat Dror Zahavi solide Krimikost geliefert – der durchgeknallte Psycho-Kommissar Faber und sein Team ist momentan ja das Interessanteste, das die inzwischen doch recht unübersichtliche Palette der aktuellen Tatortermittler zu bieten hat. Ob sich Zahavi im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen ein bisschen mehr trauen darf als die anderen, weil er Israeli ist? Fällt mir nur gerade auf, weil ich zuletzt ja über Hatufim und Big Bad Wolves geschrieben habe. War Zufall, ehrlich.

Aber ein so bisschen mehr israelisches Psychodrama schadet dem Tatort jedenfalls nicht.

Hatufim – In der Hand des Feindes

Eine der Serien, die in einschlägigen Kreisen nach Mad Men und Breaking Bad richtig Furore machen, ist die seit 2011 von Showtime produzierte Serie Homeland. Homeland erzählt die Geschichte des mehrfach gebrochenen Irak-Kriegsheimkehrers und Doppelagenten Nicolas Brody (Damian Lewis) und der manisch-depressiven CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) . Das an sich ist schon ein ziemlich gewagtes Setting – Carrie ist genial, aber eben auch krank und deshalb nicht immer wirklich zurechnungsfähig, aber sie ist die einzige, die kapiert, dass der als Nationalheld gefeierte Brody mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Terrorist ist und bleibt ihm entsprechend hartnäckig auf den Fersen. Später, als sich die Dinge plötzlich wenden, ist sie konsequenterweise die einzige, die zu Brody hält, obwohl sie sich selbst dabei nicht wirklich über den Weg traut. Alles in allem ist Homeland schon sehr dick aufgetragen, was ich aber gar nicht so schlimm finde – im Gegenteil, man muss sich halt auch mal was trauen, wenn man ein anspruchsvolles Publikum heutzutage noch überraschen will.

Es geht aber auch ein paar Nummern kleiner. Homeland beruht auf der israelischen Serie Hatufim – In der Hand des Feindes von Gideon Raff. Ich habe irgendwo gelesen, der allein Pilotfilm von Homeland schon so viel gekostet hat wie die komplette erste Staffel von Hatufim – das ist wieder ein wunderbares Beispiel dafür, dass man auch mit einem sehr schmalen Budget eine hervorragende Fernsehserie machen kann. Hatufim ist nämlich keineswegs eine Billigproduktion, nur weil die Serie wenig gekostet hat, sondern ein vielschichtiges und anspruchsvolles Drama, in dem die große Politik samt der speziellen Probleme der israelischen Gesellschaft und die privaten Schwierigkeiten der Hauptpersonen und ihren Familien mit den eigenen Erwartungen und den Ansprüchen der anderen sehr intim miteinander verwoben werden.

Hatufim - In der Hand des Feindes

Hatufim – In der Hand des Feindes – Screenshot von http://www.mako.co.il/tvhatufim/

Es geht um zwei israelische Soldaten, die siebzehn Jahre zuvor bei einer Mission im Libanon von arabischen Truppen entführt und danach gefangen gehalten wurden. Nach langen Verhandlungen kommen sie schließlich frei und dürfen nach Israel zurückkehren. Eigentlich waren sie zu dritt – Nimrod Klein (Yoram Toledano), Uri Zach (Ishai Golan) und Amiel Ben Chorin (Assi Cohen). Aber Nimrod und Uri wissen nicht, was aus Amiel geworden ist. Angeblich ist er in der Gefangenschaft gestorben und seine Überreste werden in einem Sarg nach Israel überführt. Aber bei der Untersuchung der sterblichen Überreste gibt es Ungereimtheiten, die auffällig schnell unter den Tisch gekehrt werden.

Die Heimkehrer werden in Israel erleichtert empfangen – aber nicht alle sind glücklich über ihre Heimkehr. So wurden im Austausch für die Israelis auch einige arabische Terroristen freigelassen – was zu Konflikten mit den Angehörigen ihrer Opfer führt.

Auch die Familien, die seit siebzehn Jahren auf die Heimkehr ihrer geliebten Männer, Söhne und Väter gewartet haben, sind mit der Situation total überfordert. Nimrods Frau Talia (Yael Abecassis) hat all die Jahre auf ihren Mann gewartet und für seine Freilassung gekämpft – der Kampf um und für ihren Mann ist für sie zum Lebensinhalt geworden, der ihr nun abhanden kommt. Sie begreift allmählich, dass sie um etwas gekämpft hat, das es vermutlich gar nicht gegeben hat – sie wusste damals nicht, dass Nimrod sie eigentlich verlassen wollte. Und nun muss sie ihr Leben, das sie sich als gefeierte Nationalheldin und berufstätige alleinerziehende Mutter von zwei Kindern aufgebaut und eingerichtet hat, mit einem Mann teilen, der ihr total fremd geworden ist. Natürlich geht das nicht gut. Aber es ergeht ihr zumindest in der öffentlichen Meinung deutlich besser als ihrer Schicksalsgenossin Nurit (Mili Avital), der ehemaligen Freundin von Uri.

Nurit hatte sich nach einigen Jahren verzweifelter Trauer damit abgefunden, dass sie ihren über alles geliebten Uri für immer verloren hat und ein neues Leben angefangen – ausgerechnet mit Uris Bruder Yaki. Yaki war immer eifersüchtig auf Uri und deshalb in gewisser Weise erleichtert darüber, dass sein Bruder, der immer alles besser konnte und den alle lieber hatten als ihn, plötzlich einfach weg war. Er tröstete Nurit und sie nahm es hin – wenn sie schon nicht mit Uri leben konnte, dann doch wenigstens mit seinem Bruder. Also hat sie ihn geheiratet und ein Kind bekommen. Mit Uris Rückkehr stellt sich diese Entscheidung plötzlich als fatal heraus.

Amiels Schwester Yael (Adi Ezroni) dagegen kann sich noch immer nicht damit abfinden, dass ihr Bruder tot sein soll. Sie hat sich nach seiner Entführung um sein Heim für Straßenhunde gekümmert und redet weiterhin mit ihm, als sei er noch am Leben.

Für die Heimkehrer ist es natürlich auch unmöglich, wieder in ihr altes Leben zurückzufinden – sie sind schwer traumarisiert. Sie wurden gefoltert, ständig mit dem Tod bedroht, sie wissen nach all der Zeit gar nicht mehr, wie es ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie haben siebzehn Jahre verpasst – Nimrod lernt endlich seinen Sohn kennen, der erst einige Monate nach seiner Gefangennahme zur Welt kam. Seine Tochter Dana, die damals noch klein war, ist in gewisser Weise die einzige, die ihn ansatzweise versteht. Aber sie ist halt auch gestört.

Weil keiner weiß, was den beiden in den vergangenen siebzehn Jahren wirklich passiert ist, beschließt das israelische Militär, Nimrod und Uri zu beobachten – das ist ein interessanter Unterschied zu Homeland. Für die Israelis ist einfach klar, dass die beiden nach der langen Zeit, die sie in den Händen der Feinde verbracht haben, ein Sicherheitsrisiko sind, deshalb werden der Militärpsychologe Chaim (Gal Zaid) und die schöne Agentin Iris (Sendi Bar) auf die beiden angesetzt.

Bei den Amis muss Carrie dagegen eine illegale Abhöraktion auf die Beine stellen, weil niemand davon ausgeht, dass der Heimkehrer Brody ein Sicherheitsrisiko sein könnte. Die Israelis sind da weniger naiv und sehr pragmatisch. Nimrod und Uri bekommen nur den Wiedersehens-Abend mit ihren Familien, dann müssen sie ins „Zentrum“, das ihnen als Reha-Einrichtung verkauft wird. Dort soll Chaim herausfinden, wie gefährlich die beiden wirklich sind. Und klar, die beiden Heimkehrer verhalten sich auffällig – was sollen sie auch sonst tun. Sie haben in den vergangenen siebzehn Jahren ihre eigene Art der Kommunikation entwickelt, schon um der ständigen Kontrolle durch ihre Bewacher zu entgehen. Auf diese Weise versuchen sie nun, auch ihre neuen Bewacher auszutricksen. Diese setzen natürlich einen Riesenapparat in Bewegung, um herauszufinden, was die beiden zu verbergen haben. Damit gibt es reichlich Stoff für eine spannende Geschichte.

In Hatufim geht es weniger um die große Verschwörungs-Story in der islamistische Superterroristen raffinierte Ränke schmieden, wie sie in Homeland aufgezogen wird – natürlich spielt die Sicherheit der Nation eine große Rolle, wir sind schließlich in Israel. Die Israelis müssen aber keine mysteriöse Bedrohung erfinden, sie ist real, es gibt ständig Terroranschläge und Raketenangriffe. Insofern sind auch die kleinen unerklärlichen Gesten der beiden Heimkehrer geheimnisvoll genug, um die Geheimdienste in Alarmzustand zu versetzen – ob am Ende tatsächlich etwas dahinter steckt, muss sich erst noch zeigen.

Das eigentlich Spannende an Hatufim sind somit die ganz alltäglichen Fragen – wie kommen Nimrod und Uri mit ihrem neuen Leben klar? Ist es überhaupt möglich, nach der langen Gefangenschaft ein normales Leben zu führen? Einfach wird es jedenfalls nicht – und vor allem wollen Nimrod und Uri herausfinden, was tatsächlich mit Amiel passiert ist. Sie kommen mit ihren auf eigene Faust geführten Ermittlungen immer wieder den Geheimdiensten in die Quere – denn bald wird klar: Irgendetwas war faul an der Libanon-Mission, bei der die drei Soldaten in einen Hinterhalt gerieten und entführt wurden. Und der ehemalige Geheimdienstchef, der als einziger Bescheid wusste, ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Die Auflösung ist dann tatsächlich ein Hammer – aber damit habe ich schon mehr genug verraten. Unbedingt selbst ansehen!

Weitere Informationen gibt es auf arte.tv, arte hat die Serie im vergangenen Jahr ausgestrahlt.