Hatufim – In der Hand des Feindes

Eine der Serien, die in einschlägigen Kreisen nach Mad Men und Breaking Bad richtig Furore machen, ist die seit 2011 von Showtime produzierte Serie Homeland. Homeland erzählt die Geschichte des mehrfach gebrochenen Irak-Kriegsheimkehrers und Doppelagenten Nicolas Brody (Damian Lewis) und der manisch-depressiven CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) . Das an sich ist schon ein ziemlich gewagtes Setting – Carrie ist genial, aber eben auch krank und deshalb nicht immer wirklich zurechnungsfähig, aber sie ist die einzige, die kapiert, dass der als Nationalheld gefeierte Brody mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Terrorist ist und bleibt ihm entsprechend hartnäckig auf den Fersen. Später, als sich die Dinge plötzlich wenden, ist sie konsequenterweise die einzige, die zu Brody hält, obwohl sie sich selbst dabei nicht wirklich über den Weg traut. Alles in allem ist Homeland schon sehr dick aufgetragen, was ich aber gar nicht so schlimm finde – im Gegenteil, man muss sich halt auch mal was trauen, wenn man ein anspruchsvolles Publikum heutzutage noch überraschen will.

Es geht aber auch ein paar Nummern kleiner. Homeland beruht auf der israelischen Serie Hatufim – In der Hand des Feindes von Gideon Raff. Ich habe irgendwo gelesen, der allein Pilotfilm von Homeland schon so viel gekostet hat wie die komplette erste Staffel von Hatufim – das ist wieder ein wunderbares Beispiel dafür, dass man auch mit einem sehr schmalen Budget eine hervorragende Fernsehserie machen kann. Hatufim ist nämlich keineswegs eine Billigproduktion, nur weil die Serie wenig gekostet hat, sondern ein vielschichtiges und anspruchsvolles Drama, in dem die große Politik samt der speziellen Probleme der israelischen Gesellschaft und die privaten Schwierigkeiten der Hauptpersonen und ihren Familien mit den eigenen Erwartungen und den Ansprüchen der anderen sehr intim miteinander verwoben werden.

Hatufim - In der Hand des Feindes

Hatufim – In der Hand des Feindes – Screenshot von http://www.mako.co.il/tvhatufim/

Es geht um zwei israelische Soldaten, die siebzehn Jahre zuvor bei einer Mission im Libanon von arabischen Truppen entführt und danach gefangen gehalten wurden. Nach langen Verhandlungen kommen sie schließlich frei und dürfen nach Israel zurückkehren. Eigentlich waren sie zu dritt – Nimrod Klein (Yoram Toledano), Uri Zach (Ishai Golan) und Amiel Ben Chorin (Assi Cohen). Aber Nimrod und Uri wissen nicht, was aus Amiel geworden ist. Angeblich ist er in der Gefangenschaft gestorben und seine Überreste werden in einem Sarg nach Israel überführt. Aber bei der Untersuchung der sterblichen Überreste gibt es Ungereimtheiten, die auffällig schnell unter den Tisch gekehrt werden.

Die Heimkehrer werden in Israel erleichtert empfangen – aber nicht alle sind glücklich über ihre Heimkehr. So wurden im Austausch für die Israelis auch einige arabische Terroristen freigelassen – was zu Konflikten mit den Angehörigen ihrer Opfer führt.

Auch die Familien, die seit siebzehn Jahren auf die Heimkehr ihrer geliebten Männer, Söhne und Väter gewartet haben, sind mit der Situation total überfordert. Nimrods Frau Talia (Yael Abecassis) hat all die Jahre auf ihren Mann gewartet und für seine Freilassung gekämpft – der Kampf um und für ihren Mann ist für sie zum Lebensinhalt geworden, der ihr nun abhanden kommt. Sie begreift allmählich, dass sie um etwas gekämpft hat, das es vermutlich gar nicht gegeben hat – sie wusste damals nicht, dass Nimrod sie eigentlich verlassen wollte. Und nun muss sie ihr Leben, das sie sich als gefeierte Nationalheldin und berufstätige alleinerziehende Mutter von zwei Kindern aufgebaut und eingerichtet hat, mit einem Mann teilen, der ihr total fremd geworden ist. Natürlich geht das nicht gut. Aber es ergeht ihr zumindest in der öffentlichen Meinung deutlich besser als ihrer Schicksalsgenossin Nurit (Mili Avital), der ehemaligen Freundin von Uri.

Nurit hatte sich nach einigen Jahren verzweifelter Trauer damit abgefunden, dass sie ihren über alles geliebten Uri für immer verloren hat und ein neues Leben angefangen – ausgerechnet mit Uris Bruder Yaki. Yaki war immer eifersüchtig auf Uri und deshalb in gewisser Weise erleichtert darüber, dass sein Bruder, der immer alles besser konnte und den alle lieber hatten als ihn, plötzlich einfach weg war. Er tröstete Nurit und sie nahm es hin – wenn sie schon nicht mit Uri leben konnte, dann doch wenigstens mit seinem Bruder. Also hat sie ihn geheiratet und ein Kind bekommen. Mit Uris Rückkehr stellt sich diese Entscheidung plötzlich als fatal heraus.

Amiels Schwester Yael (Adi Ezroni) dagegen kann sich noch immer nicht damit abfinden, dass ihr Bruder tot sein soll. Sie hat sich nach seiner Entführung um sein Heim für Straßenhunde gekümmert und redet weiterhin mit ihm, als sei er noch am Leben.

Für die Heimkehrer ist es natürlich auch unmöglich, wieder in ihr altes Leben zurückzufinden – sie sind schwer traumarisiert. Sie wurden gefoltert, ständig mit dem Tod bedroht, sie wissen nach all der Zeit gar nicht mehr, wie es ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie haben siebzehn Jahre verpasst – Nimrod lernt endlich seinen Sohn kennen, der erst einige Monate nach seiner Gefangennahme zur Welt kam. Seine Tochter Dana, die damals noch klein war, ist in gewisser Weise die einzige, die ihn ansatzweise versteht. Aber sie ist halt auch gestört.

Weil keiner weiß, was den beiden in den vergangenen siebzehn Jahren wirklich passiert ist, beschließt das israelische Militär, Nimrod und Uri zu beobachten – das ist ein interessanter Unterschied zu Homeland. Für die Israelis ist einfach klar, dass die beiden nach der langen Zeit, die sie in den Händen der Feinde verbracht haben, ein Sicherheitsrisiko sind, deshalb werden der Militärpsychologe Chaim (Gal Zaid) und die schöne Agentin Iris (Sendi Bar) auf die beiden angesetzt.

Bei den Amis muss Carrie dagegen eine illegale Abhöraktion auf die Beine stellen, weil niemand davon ausgeht, dass der Heimkehrer Brody ein Sicherheitsrisiko sein könnte. Die Israelis sind da weniger naiv und sehr pragmatisch. Nimrod und Uri bekommen nur den Wiedersehens-Abend mit ihren Familien, dann müssen sie ins „Zentrum“, das ihnen als Reha-Einrichtung verkauft wird. Dort soll Chaim herausfinden, wie gefährlich die beiden wirklich sind. Und klar, die beiden Heimkehrer verhalten sich auffällig – was sollen sie auch sonst tun. Sie haben in den vergangenen siebzehn Jahren ihre eigene Art der Kommunikation entwickelt, schon um der ständigen Kontrolle durch ihre Bewacher zu entgehen. Auf diese Weise versuchen sie nun, auch ihre neuen Bewacher auszutricksen. Diese setzen natürlich einen Riesenapparat in Bewegung, um herauszufinden, was die beiden zu verbergen haben. Damit gibt es reichlich Stoff für eine spannende Geschichte.

In Hatufim geht es weniger um die große Verschwörungs-Story in der islamistische Superterroristen raffinierte Ränke schmieden, wie sie in Homeland aufgezogen wird – natürlich spielt die Sicherheit der Nation eine große Rolle, wir sind schließlich in Israel. Die Israelis müssen aber keine mysteriöse Bedrohung erfinden, sie ist real, es gibt ständig Terroranschläge und Raketenangriffe. Insofern sind auch die kleinen unerklärlichen Gesten der beiden Heimkehrer geheimnisvoll genug, um die Geheimdienste in Alarmzustand zu versetzen – ob am Ende tatsächlich etwas dahinter steckt, muss sich erst noch zeigen.

Das eigentlich Spannende an Hatufim sind somit die ganz alltäglichen Fragen – wie kommen Nimrod und Uri mit ihrem neuen Leben klar? Ist es überhaupt möglich, nach der langen Gefangenschaft ein normales Leben zu führen? Einfach wird es jedenfalls nicht – und vor allem wollen Nimrod und Uri herausfinden, was tatsächlich mit Amiel passiert ist. Sie kommen mit ihren auf eigene Faust geführten Ermittlungen immer wieder den Geheimdiensten in die Quere – denn bald wird klar: Irgendetwas war faul an der Libanon-Mission, bei der die drei Soldaten in einen Hinterhalt gerieten und entführt wurden. Und der ehemalige Geheimdienstchef, der als einziger Bescheid wusste, ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Die Auflösung ist dann tatsächlich ein Hammer – aber damit habe ich schon mehr genug verraten. Unbedingt selbst ansehen!

Weitere Informationen gibt es auf arte.tv, arte hat die Serie im vergangenen Jahr ausgestrahlt.

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Ein Gedanke zu „Hatufim – In der Hand des Feindes

  1. Hat dies auf Marie's TV-Kritik rebloggt und kommentierte:

    Aus aktuellem Anlass ein Programmtipp:

    Im ZDF wird ab heute die israelische Serie Hatufim – in der Hand des Feindes gezeigt. Es handelt sich dabei um die Vorlage zur US-Serie Homeland. In einer älteren Kritik habe ich bereits erklärt, warum ich das Original deutlich besser als das Remake finde.

    Der Link zur Sendung:
    http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/programdata/d8c1842f-d8bd-4fa5-acf1-ee27a8f657da/20421089?generateCanonicalUrl=true

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