Fernsehen ist Steinzeit

Inzwischen ist es schon wieder einen Monat her, da las ich auf moviepilot, dass ausgerechnet die aktuellen qualitativ hochwertigen US-Serien in Deutschland gnadenlos untergehen, wenn sich endlich ein Sender entschließt, sie auszustrahlen. Der Artikel war deshalb launig, aber treffend mit US-Serien in Deutschland – Perlen vor die Säue überschrieben.

Nun ist es ist natürlich ein Unterschied, ob ein Intellektuellen-Sender wie arte auf seinem etablierten Serien-Sendeplatz am Donnerstagabend zuverlässig hochklassige Serien wie Breaking Bad, Borgen, Hatufim, Top of The Lake, The Hour oder Real Humans ausstrahlt, die ein kleines, aber feines Spartenpublikum mit entsprechender Sachkenntnis genießt, schon weil es dabei nicht mit lästiger Werbung behelligt wird, oder ob ein Privatsender wie Sat 1 am Sonntagabend in Konkurrenz zum Tatort versucht, mit einer komplexen Serie wie Homeland ein Publikum zu erreichen, dem weitgehend egal ist, was es sich reinzieht, denn sonst würde es ja die ganzen Werbeunterbrechungen nicht ertragen. Ich gehöre zu den Menschen, die bei einer Werbeunterbrechung einen Nervenzusammenbruch bekommen, sofern sie eine Sendung wirklich sehen wollen – deshalb meide ich Privatsender. Mir würde gar nicht auffallen, wenn die von heute auf morgen ihren Betrieb einstellen würden – außer, dass die lästigen Pseudo-Skandal-Nachrichten über das Dschungelcamp oder DSDS endlich aus Google News verschwänden, was auch kein Verlust wäre.

Schon deshalb warte ich nicht, bis ich Homeland oder was auch immer in Deutschland endlich einmal häppchenweise im Privatfernsehen ansehen darf, sondern besorge mir meinen Stoff anders. Und zwar am Stück und werbefrei. Das ist auch der Punkt, warum das mit den hochkarätigen Serien in Deutschland so nicht funktioniert. Ich kenne eine ganze Menge Leute, die Serien kucken – und zwar die guten. Aber von denen kuckt keiner SAT 1. Nun mag ja sein, dass ich mich durch meine Ausbildung, meinen Job und meine sonstigen Interessen unter Menschen bewege, die nicht unbedingt das deutsche Durchschnittspulblikum repräsentieren. Ich kenne bis auf wenige Ausnahmen eigentlich nur Menschen mit Hochschulabschluss, die in typischen Akademikerberufen tätigt sind. Das heißt nicht, dass alle auch überdurchschnittlich viel Geld hätten – heute muss man ja oft schon einen guten Uniabschluss haben, um irgendeinen Affenjob in irgendeiner Multimedia-Klitsche machen zu dürfen. Aber es sind natürlich Leute, die überdurchschnittlich gut informiert sind, sowohl was die aktuellen Dinge angeht, die gerade in sind, als auch, was die technischen Möglichkeiten angeht. Und das, obwohl ich mich in meinem Bekanntenkreis jetzt in dem Alterssegment zwischen 35 und 60 bewege – ich war ziemlich betroffen über den Tod von Philip Seymour Hoffman, weil das mein Jahrgang ist.

Die meisten sehen nicht mal mehr klassisch fern – das sind ja alles Menschen, die ihren Zeitplan nach ihren Bedürfnissen gestalten, und nicht nach dem aktuellen Fernsehprogramm. Das ist der nächste Punkt. Das Fernsehprogramm in Deutschland ist halt nur gut, wenn man sich mit zusätzlichen Angeboten versorgt, die halt extra kosten. Aber auch hier kenne ich eine ganze Menge Menschen, die dann doch lieber ein paar Fernsehkanäle extra buchen, Angebote wie Entertain nutzen, bestimmte Sachen bei iTunes kaufen, ein Lovefilm oder Watchever-Abo haben und was es inzwischen an Möglichkeiten mehr gibt – niemand ist mehr darauf angewiesen, eine Serie oder einen Film dann anzusehen, wenn sie oder er gnädigerweise von einem deutschen Sender ausgestrahlt wird.

Und wie ich immer wieder feststelle, gibt es auch erstaunlich viele Sachen auf youtube, wenn man sich einfach nur einen Eindruck verschaffen will, ob sich eine weitere Investition lohnt – gerade Dokumentationen gibt es oft in voller Länge oder Originalfassungen weniger bekannter ausländischer Serien – das ganze Zeug, was man hier halt eh nicht verkaufen kann.

Ein anderer Aspekt, der aber in die gleiche Richtung geht, ist die Tatsache, dass man heute, wo man eh das ganze Leben um seinen Job herum planen muss, seine Serie halt ansehen will, wenn man gerade mal Zeit dafür hat. Und wenn es am Wochenende regnet, kann man sich auch mal fünf, sechs oder mehr Teile der aktuellen Lieblingsserie reinziehen, statt von Woche zu Woche auf das nächste Häppchen zu fiebern, das am Ende genau dann gesendet wird, wenn man gerade nicht kann. Diese Zeiten sind vorbei. Die Zukunft gehört Streaming-Diensten wie Netflix, wo man eine Serie einfach am Stück wegglotzen kann, wenn einem danach ist.

Und Netflix hat noch einen anderen großen Vorteil: Weil dieser Dienst weder von Rundfunkgebühren, noch von Werbeeinnahmen, sondern von seinen Abonnenten lebt, gibt Netflix sich große Mühe, diese entsprechend zufriedenzustellen – inzwischen produziert Netflix selbst hochkarätige Serien wie House of Cards, von dem in den nächsten Tagen endlich die zweite Staffel heraus kommt.

Und noch viel besser: Netflix rettet auch alle The-Killing-Fans, die das doch irgendwie unbefriedigende Ende der dritten Staffel zu recht nicht verkraftet haben und entsprechend sauer darüber waren, dass AMC keine vierte Staffel produzieren will. Dank Netflix wird es zumindest eine kurze vierte Staffel geben, um die Geschichte vernünftig zu Ende zu erzählen. Schade, dass es noch keine entsprechenden Rettungspläne für die BBC-Serie The Hour gibt – da wird die dritte Staffel von den Fans ja auch bitter vermisst. Aber was nicht ist, kann vielleicht noch werden.

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