The Sound of Noise – alles ist Musik

Ich bin wirklich keine ausgesprochene Freundin von Musikfilmen. Aber einige wirklich gute gibt es doch. Ich meine dabei ausdrücklich nicht dieses ganze Saturdaynight-Fever-Footlose-Flashdance-Zeug. Das interessierte mich nicht mal als Teenie und die Musik fand ich damals schon richtig scheiße. Aber es gab immerhin Blues Brothers! Oder Leningrad Cowboys Go America. Oder Aprile von Nanni Moretti, der ja kein Musik-Film im eigentliche Sinne ist, auch wenn Nanni Moretti darin beschreibt, dass er wahnsinnig gern einen Musik-Film im Stil der 50er Jahre machen würde, statt diesen Politfilm gegen Berlusconi, den er aber seiner inneren Stimme folgend eigentlich machen muss. Immerhin: Nuria Schoenberg spielt darin mit, die Tochter des Komponisten Arnold Schoenberg und Witwe von Luigi Nono, der neben Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez ein führender Vertreter der Neuen Seriellen Musik war.

Und dann gibt es auch noch das britische Bergarbeiter-Kapellen-Drama Brassed off und die ein wenig zu sozialkitschige Musik-Doku Buena Vista Social Club und schließlich natürlich den besten aller Musikfilme, The Sound of Noise. Damit sind wir schon wieder in Schweden, aber ich kann nichts dafür, dass diese Nordländer so kreativ sind.

The Sound of Noise handelt von sechs fanatischen Musikern, die (auch im richtigen Leben) in erster Linie Schlagzeug, aber zusätzlich so ziemlich alles bespielen – zum Schluss sogar eine ganze Stadt. Es spielt, das ist bei schwedische Filmen offenbar nicht zu vermeiden, auch ein besessener Polizist mit. In diesem Fall fatal: Amadeus Warnebring (Bengt Nilsson) hasst Musik. Seine Mutter war Pianistin, sein Bruder ist ein gefeierter Dirigent, ein furchtbar arroganter Schnösel ganz nebenbei, aber Amadeus hat es überhaupt nicht mit Musik. Was einen auch nicht wundert, wenn man der klassischen Langeweile seines Bruders ausgesetzt ist.

Warnebring nimmt den Kampf gegen die Musik-Terroristen auf, die das Land mit einer beispiellosen Serie von spektakulären Überfällen überziehen. Sie brechen etwa in ein Krankenhaus ein, um einen Operationssaal samt Patienten zu bespielen, sie überfallen eine Bank, „bleiben Sie ruhig, das ist ein Gig!“, aber nicht um Geld zu stehlen, sondern es im richtigen Takt durch den Schredder zu jagen, die entsetzten Schreie der Bankangestellten gehören genauso zur Aufführung wie das Klackern der Stempel und das Klimpern der Münzen. Rätselhaft an diesen Überfällen: Es bleibt stets ein Metronom am Tatort zurück. Für Warnebring ist die Sache klar – das sind keine Verbrecher. Schlimmer noch: Es sind Musiker!

Schließlich zerlegen die Überzeugungstäter der konkreten Musik mit Baustellenfahrzeugen den Platz vor dem Konzerthaus in Göteborg, gerade als Amadeus ein Konzert erleiden muss, das sein Bruder dirigiert. Es passiert aber etwas Unerwartetes: Ausgerechnet die Musik-Anarchos erlösen Warnebring von dem, was er so hasst: Alles, was sie einmal bespielt haben, kann oder vielmehr muss Amadeus nicht mehr hören. Und so findet er ihren Plan, ein Elektrizitätswerk zu bespielen, gar nicht mal so schlecht – er setzt sich sogar hin, um eigenhändig eine Partitur für die ganze Stadt zu schreiben, auch wenn er keine Ahnung davon hat: „Ist das Musik?“ fragt er einen der Terror-Musiker. „Das schon, aber es ist unheimlich schlecht!“ Egal, er zwingt die Bande mit vorgehaltener Pistole zum Spielen, um danach endlich für immer seine Ruhe zu haben. Herrlich schräger Film von Ola Simonsson und Johannes Stjärne Nilsson. Ein unbedingtes Muss für alle, die sich Haydns Sinfonie mit dem Paukenschlag auch nicht freiwillig reinziehen würden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s