Aus meiner Reihe Lieblingsfilme: Winterschläfer

Mit seinem Film Winterschläfer hat Tom Tykwer im Jahr 1997 den Heimatfilm neu definiert: Winterschläfer ist ein grandioses Bergdrama, in dem es um schicksalhafte Verstrickung und um Schuld geht. Im Mittelpunkt stehen die Krankenschwester Laura (Marie-Lou Sellem), die Übersetzerin Rebecca (Floriane Daniel), der Filmvorführer Rene (Ulrich Matthes), der Skilehrer Marco (Heino Ferch), der der Freund von Rebecca (und ein ziemliches Arschloch) ist und der Bauer Theo (Josef Bierbichler). Ihre Wege kreuzen sich in einem verschneiten kleinen Winterurlaubsort in den bayrischen Alpen. Laura (bevorzugt in Grün) und Rebecca (bevorzugt in Rot) leben dort zusammen in einem mit Kuriositäten aller Art vollgestopften alten Haus, das Laura von einer Tante geerbt hat.

Screenshot Winterschläfer

Screenshot Winterschläfer

In der Nähe des Ortes wohnt Theo mit seiner Familie. Es läuft nicht gut für Theo, der Hof wirft nicht genug ab und jetzt ist auch noch das Pferd krank. Er will es zum Tierarzt bringen und bemerkt nicht, wie sich seine Tochter in den Anhänger schleicht. Sie fürchtet, sicherlich nicht zu unrecht, dass Lissy sonst nicht wieder kommen wird.

Währenddessen fährt Marco mit seinem Alfa Romeo (der eigentlich einer anderen Freundin gehört) bei Rebecca vor – die ihn so sehnsüchtig begrüßt, dass er die Schlüssel im Zündschloss stecken lässt. Wenig später kommt Rene vorbei, der gerade eine durchzechte Nacht im Sleepers hinter sich hat und in seinem Dusel beschließt, mit dem schicken Flitzer eine Spritztour zu machen.

Winterschläfer: Rebecca und Laura

Winterschläfer: Rebecca und Laura – Bild via http://www.tomtykwer.de/

Auf der winterlichen Landstraße wird Theo durch das Funkgerät seiner Söhne ablenkt, das unter den Autositz gefallen ist – er kann gerade noch die Kollision mit dem entgegenkommenden Sportwagen verhindern. Sein Wagen überschlägt sich, der Pferdeanhänger kippt um. Rene kommt mit dem Alfa Romeo von der Straße ab und landet in einer Schneewehe. Er kann sich unverletzt aus dem Wagen befreien und geht unter Schock nach Hause. An den Unfall kann er sich später nicht mehr erinnern – wie auch an vieles andere nicht, denn Rene hat seit einem Unfall Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis. Deshalb hat er ständig eine Kamera dabei und fotografiert alles, um sich später erinnern zu können. Aber ausgerechnet jetzt hat er kein Bild gemacht.

Screenshot Winterschläfer: Theo und seine Tochter

Screenshot Winterschläfer: Theo und seine Tochter

Als Theo wieder zu sich kommt, kann er sich nur noch an ein kurioses Detail erinnern, das er nicht einordnen kann. Er erschießt das verletzte Pferd und findet seiner Tochter im Schnee, die aus dem Anhänger geschleudert wurde und schwer verletzt ist. Die Ärzte kämpfen in dem kleinen Krankenhaus des Ortes noch um ihr Leben, sie stirbt aber nach einigen Tagen im Koma. Theo ist entschlossen, den Fahrer des Wagens zu finden, der den Tod seiner Tochter verschuldet hat. Während seine Familie den Hof aufgeben muss und in ein kleineres Haus umzieht, wird die Suche nach dem Mörder seiner Tochter zu seiner Passion.

Der nichtsahnende Rene verliebt sich unterdessen in die Krankenschwester Laura, die nebenbei auch noch in einer Laiengruppe Theater spielt. Die Aufführung des Theaterstücks geht gründlich schief, weil die Hauptdarstellerin Laura völlig neben der Spur ist. Nur wenige Stunden zuvor musste sie bei der Operation von Theos Tochter assistieren, obwohl sie dafür noch gar nicht ausgebildet ist.

Rebecca dagegen ist mit ihrer Beziehung mit dem eifersüchtigen und egoistischen Marco unzufrieden – insbesondere, als Marco auch noch bei ihr und Laura einziehen will, um Geld zu sparen. Marco fängt etwas mit Nina an, einer seiner Skischülerinnnen.

Screenshot Winterschläfer: Rene und Marco

Winterschläfer: Rene und Marco – Bild via http://www.tomtykwer.de/

Nachdem es einige Tage lang Tauwetter gegeben hat, findet Theo den Alfa Romeo – und kommt durch die im Wagen liegenden Papiere auf Marco. Theo kann ja nicht wissen, dass nicht Marco, sondern Rene den Wagen gefahren hat. Für Theo ist Marco der Schuldige. Theo versucht, Marco ausfindig zu machen und erfährt, dass er mit Nina auf dem Berg Ski fahren ist. Die beiden sind in dichten Nebel geraten und haben sich verloren. Während Marco auf der Suche nach Nina ist, die einen Abhang hinuntergestürzt ist und sich dabei verletzt hat, trifft er auf Theo, der seinen Hund auf ihn hetzt. Marco erschlägt den Hund in Notwehr und flüchtet vor Theo, der ihm hinterher brüllt: „Du hast sie getötet!“

Marco glaubt daraufhin, dass Theo Nina gefunden habe und er schuld an ihrem Tod sei. Tatsächlich hat sich Nina aber nur am Arm verletzt und zufällig das Haus von Theos Familie gefunden. Dort wird wie von Theos Frau versorgt – wovon aber weder Theo noch Marco etwas wissen. Verzweifelt schnallt sich Marco seine Skier an und fährt los – jetzt kommt eine rasante Abfahrt und Marcos schier endloser Sturz ins Leere – im Kino war das damals ein echter Schocker, ich kann mich noch erinnern, wie ich auf wackeligen Beinen aus der Vorstellung gewankt bin, auch wenn es als versöhnliches Ende nach Marcos Tod noch die Geburt des Kindes von Laura und Rene gibt.

Screenshot Winterschläfer: Marcos Sturzflug

Screenshot Winterschläfer: Marcos Sturzflug

Für mich ist Winterschläfer der beste Film von Tom Tykwer – er ist melancholisch und subtil, findet großartige Bilder und verweigert sich üblichen Gut-Böse-Zuordnungen von Handlungen und Charakteren. Es ist ja auch im wahren Leben nicht so einfach. Für den Sog, den die Geschichte entwickelt, sorgen nicht nur die Bilder, sondern auch die fantastische Film-Musik – vom nervösen, aber gleichzeitig mitreißenden Grundton des Titelstücks von Reinhold Heil über sentimentalen Gitarrenrock („Untitled #1“ von der erstaunlich unbekannten amerikanischen Band Spain) bis hin zu den etwas spröden Hymnen des estnischen Komponisten Arvo Pärt, dessen „Fratres“ nicht nur zu der Landschaft aus Fels und Eis, sondern auch zu den widersprüchlichen Emotionen passen.

Okay, Das Parfum findet ich auch grandios, der Film spielt aber als internationale Produktion ohnehin in einer anderen Liga, genau wie The International, von dem ich aber ein wenig enttäuscht war, oder Der Wolkenatlas, von dem ich immer noch nicht sicher bin, ob das nun ganz großes Kino ist oder doch nur ein Sammelsurium angerissener Geschichten, von denen ich bei jeder einzelnen zu gern gewusst hätte, wie sie denn weiter gegangen wäre.

Bei Winterschläfer bin ich mir dagegen völlig sicher: Das ist einer der richtig guten deutschen Filme der 90er Jahre.

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