The East – Öko-Thriller mit ungewissem Ausgang

Wie schon in meinem ersten Die-Brücke-Artikel zum Auftakt der neuen Staffel erwähnt, erinnerten mich die skandinavischen Öko-Terroristen aus dem ersten Teil an die Öko-Anarchos aus dem US-Thriller The East.

Die Mitglieder des Untergrund-Netzwerks gleichen Namens sind nämlich so ähnlich drauf – allerdings sehr viel gewissenhafter bei der Auswahl ihrer Opfer: Sie bestrafen die ihrer Ansicht nach Verantwortlichen für Umweltkatastrophen und Medizinskandale auf handgreifliche Art und Weise. Sie kippen zum Beispiel nachts Mineralöl ins Lüftungssystem von der Villa eines Ölmulties, um eine Ölpest zu rächen, die von seinem Konzern verursacht wurde. Später verschaffen sie sich Zutritt zur Veranstaltung eines Pharmakonzerns, auf dem die Zulassung eines Medikamentes mit gefährlichen Nebenwirkungen gefeiert wird – und mischen das angebliche harmlose Arzneimittel in hoher Dosierung in den Champagner, der zum Anstoßen gereicht wird. Wobei sie durchaus wissen, dass das Medikament keineswegs harmlos ist – aber genau das ist ja der Clou an der Sache: Die Hersteller sollen an ihrem eigenen Gift zugrunde gehen. Genau nach diesem Prinzip entführt The East auch den Chef eines Chemiewerkes und zwingen ihn und seine Frau, in dem Fluss zu baden, in den die giftigen Abwässer aus der Fabrik eingeleitet werden. Schließlich müssen die Leute, die an dem Fluss wohnen, auch mit dem gefährlichen Dreck im Wasser leben – und einige Bewohner, die es sich nicht leisten können, wo anders hinzuziehen, sind bereits selbst krank oder haben schwer kranke Kinder.

Screenshot The East, USA 2013

Screenshot The East, USA 2013

Diese radikale Art der Selbstjustiz ist in gewisser Weise durchaus sympathisch, denn es trifft ja definitiv immer nur die fiesen Arschlöcher, die tatsächlich Dreck am Stecken haben und das nicht zu knapp. Einfluss- und auch sonst stinkreiche Leute, die sich normalerweise hinter ihren Rechts- und PR-Abteilungen verstecken können und wenn überhaupt, dann höchsten mit symbolischen Strafen belegt werden, weil man erfolgreiche Unternehmer in unserem Wirtschaftssystem schlecht bestrafen kann, weil sie die Wirtschaft voran bringen und Arbeitsplätze schaffen. Wobei die Filmemacher die Taten der Aktivisten nicht verklären, es wird hier kein alternatives Heldentum gefeiert, sondern durchaus hinterfragt, ob das wirklich so in Ordnung ist.

Dafür ist die junge Undercover-Agentin Sarah Moss (Brit Marling) zuständig, die für ein privates Sicherheitsunternehmen arbeitet. Hiller Brood wird immer dann engagiert, wenn Bedrohungen aller Art möglichst diskret aus der Welt geschafft werden sollen. Sarah ist nicht nur überaus ehrgeizig, sondern auch schön und intelligent. Ihr Aufgabe ist es, das Netzwerk zu infiltrieren und den Aktivisten auf diese Weise das Handwerk zu legen. Nach monatelanger Vorarbeit lernt Sarah, die sich als obdachlose Landstreicherin ausgibt, tatsächlich ein Mitglied von The East kennen und fügt sich selbst eine Verletzung zu, um zum Quartier der Gruppe mitgenommen und dort verarztet zu werden. Sie ist erfolgreich: Sie wird tatsächlich zu dem halb verfallenen Haus irgendwo tief im Wald mitgenommen, in dem die Anarcho-Ökos leben.

Keine Frage, die Jungs und Mädels sind schon ziemlich hart drauf und haben eigenartige Rituale entwickelt, um sich gegen schädliche Einflüsse von außen abzuschirmen und ihren Zusammenhalt zu stärken. Bei ihnen geht es streng ökologisch und basisdemokratisch zu, auch wenn der charismatische und anfangs sehr zottelige Benji (Alexander Skarsgård) so etwas wie der heimliche Anführer ist.

Screenshot The East: Benji (Alexander Skarsgård)

Screenshot The East: Benji (Alexander Skarsgård)

Strom und fließendes Wasser gibt es nicht, insofern ist die Lebensweise überaus spartanisch, außerdem ernährt sich die Gruppe aus Prinzip von dem, was die von ihnen kritisierte Wohlstandsgesellschaft weg wirft. Sarah fällt es nicht leicht, sich in die Gemeinschaft einzuordnen, aber für den Erfolg ihrer Mission übt sie sich in Bescheidenheit – ganz offensichtlich eine Lektion, die bisher nicht auf ihrem Lehrplan stand. Aber die anderen erkennen durchaus an, dass die Neue auf Zack ist und durchaus nützlich sein kann.

Mit der Zeit fängt Sarah an, nicht nur die Lebensweise, sondern auch die Ansichten der Gruppe zu teilen und ihren eigenen Auftrag zu hinterfragen. Außerdem findet sie heraus, dass die Mitglieder von The East fast durchgängig durchaus erfolgreiche berufliche Karrieren hätten machen können – Benji beispielsweise hat von seinen Eltern ein Vermögen geerbt, sich aber für einen anderen Weg entschieden. Der Medizinmann der Truppe Doc (Toby Kebbell) ist tatsächlich ein promovierter Mediziner. Seine Schwester starb an dem Medikament des bösen Pharmakonzerns und er selbst leider unter schlimmen Nebenwirkungen, weshalb er auch nicht mehr als Arzt arbeiten kann. Und bei der forschen Izzy (Ellen Page), die nicht so richtig gut fand, dass die Neue bleiben durfte, handelt es sich um die Tochter des Chemie-Chefs, der später in seinem eigenen Giftabwasser baden muss.

Screenshot The East, Sarah (Brit Marling)

Screenshot The East, Sarah (Brit Marling)

Sie haben also alle ein Motiv, hier zu sein – es handelt sich um Aussteiger, die ein ganz anderes Leben hätten haben können, aber ihre geldgeilen Eltern hassen. Deshalb haben sie sich für die andere Seite entschieden – sie sind alle irgendwie gegen das System, aber sie haben sehr persönliche Gründe dafür. Das ist der Punkt, den ich an dem Film dann doch wieder ziemlich schwach finde – als ob nicht auch so schon mehr als genug Gründe gäbe, gegen Umweltzerstörung und die systematische Vergiftung von Mensch und Tier zugunsten des Profits zu sein. Da braucht es eigentlich keine persönlichen Gründe, sondern einfach nur gesunden Menschenverstand.

Die Attacken von The East funktioniert allerdings nur, weil es sich um intelligente, gut ausgebildete und informierte junge Menschen handelt. Ohne ihre guten Beziehungen bis in die höchsten Konzernetagen hinein könnte die Leute von The East ihre spektakulären Aktionen auch gar nicht auf die Beine stellen. Im Grunde sind sie Sarah gar nicht so unähnlich – und Sarah übernimmt immer mehr vom Denken der Gruppe, so dass sie sogar in der Konzernzentrale einen weggeworfenen Apfel aus dem Mülleimer fischt und ungeniert hinein beißt, während sie ihrer erstaunten Chefin erklärt, was in dieser Gesellschaft so alles schief läuft.

Screenshot The East: Benji (Alexander Skarsgård)

Screenshot The East: Benji ohne Zottelhaar (Alexander Skarsgård)

Trotzdem kann sich Sarah am Ende nicht für Benji und The East entscheiden. Das Leben ihrer Agenten-Kollegen, die The East enttarnen will, ist ihr dann doch wichtiger als der Kampf gegen das System und ihre Zuneigung zu Benji. Natürlich ist auch klar, dass die US-Filmindustrie gelegentlich auch alternative Projekte wie eben dieses hier unterstützt, aber keinen Aufruf zu Terror und Klassenkampf. Das ist dieser Film auch keineswegs, er zeigt einfach das moralische Dilemma der Hauptfiguren, die versuchen, das Richtige zu tun und sich dabei für eine Seite entscheiden müssen, wobei sie durchaus wissen, dass sie in gewisser Weise auch immer das Falsche tun. Denn natürlich wird die Welt nicht davon besser, wenn man einerseits kritisiert, dass Menschen vergiftet werden und genau das abstellen will, indem man gezielt weitere vergiftet. Insofern handelt es sich hier nicht um einen primitiven Rachefilm (obwohl man auch die ja sehr raffiniert gestalten kann, wie Big Bad Wolves beweist), sondern um ein durchaus spannend inszeniertes, aber eher leises Psychodrama. Der Film nimmt weder Partei für noch gegen die radikalen Ökospinner und er weist einmal mehr darauf hin, mit welchen Mitteln mächtige Konzerne dafür sorgen, dass ihnen niemand an den Karren fährt, während sie für ihr Business über Leichen gehen.

Noch ein paar Eindrücke gibt es hier: http://mariberlyn.tumblr.com

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s