Aus meiner Reihe Lieblingsfilme: Wir können auch anders…

Wir können auch anders…“ ist ein schräges Roadmovie von Detlef Buck, in dem zwei Brüder, die nicht lesen können, kurz nach der Wende durch die ostdeutsche Prärie stolpern und dabei eine bemerkenswerte Blutspur hinterlassen. Rudi und Moritz Kipp, wunderbar besetzt mit Joachim Król und Horst Krause, erben das Haus ihrer Großtante in der Nähe von Schwerin. Immerhin kann Moritz Auto fahren und so sind sie in seinem alten Hanomag unterwegs.

Kipp: „Der ist ja auch ziemlich alt geworden!“
Most: „Er hat vier Gänge vorwärts und einen Gang rückwärts – und er fährt.“
Kipp: „Aber nicht schnell!“

An einer Tankstelle läuft den beiden der fahnenflüchtige Sowjetsoldat Wiktor (Konstantin Kotljarov) über den Weg. Er überredet die Brüder mit Hilfe seiner Kalaschnikoff, ihn mitzunehmen.

Screenhot: Wir können auch anders

Screenhot: Wir können auch anders: Kipp und Most

Das stellt sich schon bald als sehr vorteilhaft heraus, als die drei von einer Wegelagerer-Gang angehalten und bedroht werden. Mit einer wunderschönen Western-Parodie und entsprechender Musik-Untermalung kommt es zu einem unerwarteten Showdown, denn die mit Baseball-Schlägern und Spring-Messern ausgerüsteten Rowdies haben nicht damit gerechnet, auf einen schwerbewaffneten Soldaten zu treffen. Dank Wiktor dreht sich das Blatt schnell zugunsten der drei im Hanomag und Kipp stellt in seiner sympathisch verstotterten Art fest: „Wir können auch – a- anders“. Sie zwingen die Gang-Mitglieder mit ihrem Auto rückwärts in den See zu fahren. Leider schaffen nur zwei, sich aus dem versinkenden Fahrzeug zu befreien. Das macht die Brüder und ihren bewaffneten Begleiter nun zu gesuchten Verbrechern.

Screenshot: Wir können auch anders - die Gang

Screenshot: Wir können auch anders – die Gang

Screenshot: Wir können auch anders - sie könnens tatsächlich!

Screenshot: Wir können auch anders – sie könnens tatsächlich!

Kipp und Most stolpern ab jetzt von einem Malheur ins nächste und fangen nicht nur an, ihren sowjetischen Begleiter zu mögen, sondern entwickeln auch ungenannte kriminelle Energie. Auf ihrer Flucht müssen sie die Dorfwirtin Nadine (Sophie Rois) als Geisel nehmen – was Nadine, die sich in den feschen Wiktor verguckt hat, durchaus gelegen kommt. Als die Neonazis in der Dorfkneipe zufällig im Fernsehen sehen, dass nach Kipp und Most wegen Mordes gefahndet wird, kneifen sie gemeinsam mit ihrem Schäferhund den Schwanz ein und verdrücken sich. Auch die mit der Situation völlig überforderten Dorfpolizisten geben schnell auf. Als die drei sich ein neues Fluchtfahrzeug besorgen müssen, erschießen sie versehentlich durch eine geschlossene Tür einen Angestellten im Autohaus, als sie den Chef dazu bringen wollen, ihnen die Schlüssel für sein schnellstes Auto auszuhändigen. „Das war jetzt noch Spaß, aber gleich wird es ernst!“ erklärt Kipp, der keine Ahnung hat, dass es längst mehr als ernst ist.

Screenshot: Wir können auch anders - die drei haben nochmal Schwein gehabt.

Screenshot: Wir können auch anders – die drei haben nochmal Schwein gehabt.

Danach gibt es kein Halten mehr, die Flucht wird schließlich zu Pferd und per Boot fortgesetzt – inzwischen werden die Flüchtigen von Hubschraubern und einem riesigen Polizei-Augebot verfolgt. Und doch können sie irgendwie entkommen – sie gelangen in Wiktors Heimatdorf irgendwo am stillen Don.

Umwerfend an diesem Film aus dem Jahr 1993 fand ich die Situationskomik – weil die beiden Helden der Geschichte oft gar nicht begreifen, was eigentlich gerade Sache ist, machen sie versehentlich viele Sachen richtig, die sie sonst garantiert versemmelt hätten. Auch die Dialoge sind voll subtilem Witz – nicht, weil hier einen virtuoser Schlagabtausch mit coolen Sprüchen vorgeführt würde, wie das sonst in Dialog-lastigen Filmen oft der Fall ist, sondern weil Kipp eben so beflissen wie unbeholfen ist, überhaupt Konversation zu betreiben: „Du sabbelst und sabbelst“ stellt Most missbilligend fest.

Screenshot: Wir können auch anders - Kipp mit Knarre.

Screenshot: Wir können auch anders – Kipp mit dieser praktischen „Pistole“.

Kipp redet tatsächlich gern, aber die Dinge, der er aufgeschnappt hat, bringt er nicht unbedingt in den richtigen Zusammenhängen unter. Und so redet er immer wieder artig gedrechselten Unsinn, der sich aber halbwegs vernünftig anhört. So ähnlich verhält es sich auch mit der Handlung des Films – weil Kipp und Most als Analphabeten in dieser Gesellschaft nicht wirklich überlebenstauglich sind, haben sie Strategien entwickelt, wie sie trotzdem klar kommen – und damit kommen sie mit etwas Glück auch immer wieder durch.

Screenshot: Wir können auch anders - Nadine nimmt die Parade ab.

Screenshot: Wir können auch anders – Nadine nimmt die Parade ab.

Sie meinen das alles gar nicht so, deshalb kann man ihnen auch nicht übel nehmen, dass sie eine ganze Reihe Leichen am Wegesrand zurück lassen. Wer auf feinsinnige Komik der makaberen Art steht, kann sich über diesen Film gewiss köstlich amüsieren. Zumal hier nicht so kilometerdick aufgetragen wird wie etwa bei Quentin Tarrantino. Detlev Buck setzt auf Understatement, nicht auf Specialeffects. Ich mag beides – aber in diesem Fall finde ich besonders gut, dass Buck auch anders kann.

Screenshot: Wir können auch anders - Nadine will auch mit.

Screenshot: Wir können auch anders – Nadine will auch mit.

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