Snabba Cash 3 – definitiv kein Luxusleben

Endlich habe ich auch Snabba Cash 3 – Livet deluxe gesehen. Aber ganz ehrlich: So richtig gelohnt hat es sich nicht. Genau wie ich nach dem zweiten Teil schon befürchtet hatte, konnte es für den dritten eigentlich nur noch schlechter werden. Und leider hat Jens Jonsson das auch konsequent durchgezogen: Auf der einen Seite wurden interessante Entwicklungen und Verstrickungen weggelassen, dafür eine Menge überflüssiges (Familien-)Drama dazu erfunden. Am Ende wurde aus der intelligenten und spannend konstruierten Roman-Vorlage von Jens Lapidus ein doch recht öder Baller-Krimi, bei dem mir einige Szenen aus der zweiten Staffel der Johan-Falk-Serie schon ziemlich bekannt vorkamen.

Dabei hat mich nicht einmal so sehr gestört, dass die Geschichte von Johan Westlund, die im Mittelpunkt der ersten beiden beiden Teile steht, nur noch am Rande vor kommt. Das ist im Buch ähnlich: Hauptsächlich geht es um Jorge und seinen Plan, endlich einen richtig großen Coup zu landen. Und natürlich um den Krieg in der Stockholmer Unterwelt, den die Serben-Mafia für sich entscheiden will. Der smarte JW, der sein geniales Geldwäschessystem in seinen Knastjahren noch perfektioniert hat, spinnt auch in „Lass sie bluten“, wie der dritte Teil hierzulande heißt, seine Fäden überaus diskret im Hintergrund. Aber er ist weiterhin eine wichtige Figur in der Geschichte, während er im Film nur ziemlich planlos in LA unterwegs ist, um nach seiner Schwester zu suchen und sich am Ende noch blödestmöglich umbringen zu lassen.

Screenshot Snabba Cash 3: Jorge hat den Durchblick

Screenshot Snabba Cash 3: Jorge hat den Durchblick

Von Camilla weiß Johan im Buch ja seit dem Ende des ersten Teils, dass sie von der Serbenmafia gekillt wurde – weshalb Johan ja auch versucht hat, Mrado umzubringen. Was natürlich auch ein viel plausibleres Motiv für diese Tat war, die Johan dann eine doch ziemlich lange Gefängnisstrafe eingebracht hat. Aber geschenkt, in Snabba Cash I ist die Geschichte trotzdem spannend und nachvollziehbar.

Im dritten Teil hätte man die Geschichte von JW im Grunde auch ganz weglassen können. Wobei dann natürlich alle Amok gelaufen wären, die den Film nur wegen Joel Kinnaman sehen wollten – aber die werden ohnehin enttäuscht. Nicht, weil Kinnaman aus den paar Szenen, in denen er aufgetreten ist, nicht das Beste gemacht hätte, sondern weil seine Figur Johan Westlund schon vor seinem notwendigen Tod total am Ende war – während JW im Roman ja erst im dritten Teil zu seiner Hochform findet und über alle anderen triumphiert. Und das, obwohl er anfangs den Fehler macht, Martin Hägerström (Martin Wallström) zu vertrauen, der im Buch als Undercover-Ermittler eben auf JW angesetzt wird, und nicht auf Radovan Kranjic (Dekan Cukic). Kleines Detail am Rande – dass Johan schon bei Beginn des zweiten Teils im Knast so demoliert ist, hat er im Buch der Undercover-Operation von Hägerström zu verdanken. Der lässt ihn nämlich von gekauften Schlägern verprügeln, damit Johan einen Grund hat, ihm zu vertrauen. Denn eigentlich haben die anderen Knastbrüder keinen Grund, gemein zu Johan zu sein, im Gegenteil – er hilft ihnen ja bei ihren finanziellen Transaktionen. Genau das hat die Behörden ja so misstrauisch gemacht: Warum respektieren die echten Ganoven im Knast eigentlich einen, der eindeutig nicht aus ihrem Milieu stammt? Ironischerweise kehrt sich hier das ewige Problem von Johan um: Er gehört weder zur Business-Elite, noch zur Verbrecher-Elite. Aber letztlich ist es einfacher, die Verbrecher zu beeindrucken. Denen ist letztlich egal, wo einer herkommt, solang er seinen Job erledigt.

Wobei im Film durchaus plausibel ist, dass Hägerström auf Radovan angesetzt wird, denn da ist ja bei JW nicht mehr viel zu ermitteln. Irgendwie schade – die Figur des Johan Westlund wird in der Verfilmung des ersten Teils ja sehr vielversprechend aufgebaut, was durchaus über das Buch hinaus geht, während der zweite Teil schon nicht mehr einlösen kann, was im ersten versprochen wird, und jetzt gibt es den doch sehr enttäuschenden Niedergang – das hat JW nicht verdient, wie ich meine.

Screenshot Snabba Cash 3: Johan planlos in LA

Screenshot Snabba Cash 3: Johan planlos in LA

Aber genau das ist eben die große Enttäuschung: Während der intelligente JW im Buch immer smarter und skrupelloser wird, ist er im Film ein gebrochener Krimineller, der den Rest seines Lebens mit einem eher simplen Racheplan verschwendet, statt sich das Leben deluxe aufzubauen, das ihm im Buch vorschwebt. Im Buch bleibt er der schillernde Charakter, der er von Anfang an ist: Ein nicht unbedingt sympathischer Karrierist, mit dem man sich aber irgendwie doch identifizieren kann, weil er sich von ganz unten hoch kämpfen muss: Weil Johan nicht aus den richtigen Kreisen stammt und nicht die richtigen Leute kennt, muss er immer härter arbeiten, mehr riskieren und viel schlauer sein als die anderen. Und sich immer doppelt und dreifach absichern – weil er einerseits so vorausschauend handelt und andererseits hysterisch vorsichtig ist, schafft auch Hägerström, der im Gegensatz zu Johan beste Kontakte in die schwedische Eliten hat und alle wichtigen Leute kennt, es nicht, JW reinzulegen. Und schon gar nicht, nachdem JW die ebenfalls skrupellose und intelligente Natalie Kranjic (Malin Buska) für sich einnehmen kann, die nach dem Attentat auf ihren Vater Radovan die Führung der Serbenmafia übernimmt. Warum die Drehbuchschreiber auf diese Wendung verzichtet haben und statt dessen diese blöde Rachegeschichte zwischen Natalie und Johan konstruieren mussten, verstehe ich schon gar nicht – was hätte man sich aus dieser Konstellation noch für einen grandiosen vierten Teil ausdenken können! Aber das wird dann vermutlich alles zu unmoralisch: Die Königin der Stockholmer Unterwelt und der König der Geldwäscher dürfen natürlich nicht miteinander glücklich werden. Müssten sie ja auch gar nicht – genau das wäre doch ein fantastischer Stoff für einen richtig guten nächsten Teil gewesen.

Screenshot Snabba Cash 3: Alles nicht so einfach: Jorge muss improvisieren.

Screenshot Snabba Cash 3: Alles nicht so einfach: Jorge muss improvisieren.

Um noch ein paar gute Haare an dem Film zu lassen: Matias Varela als neuerfundener Jorge mit Stoppelfrisur und überzeugend professioneller Selbstdisziplin ist schon großartig. Wenigstens Jorge darf eine überzeugende kriminelle Karriere hinlegen – auch wenn der Rest des Films eher ärgerlich ist und ihm seine Familiensentimentalität wieder mal (fast) zum Verhängnis wird. Verbrechen darf sich halt nicht wirklich lohnen und am Ende gibt es dann noch eine Art fremdbestimmter Selbstkritik, die ich auch ziemlich überflüssig fand – es ist doch klar, dass Jorge weiß, dass er eine arme kriminelle Wurst ist, der sich zur Selbstmotivation halt als Superchecker aufführt. Aber was hätte er denn machen sollen? Mit dem Altersheim-Job allein, den er zur Tarnung durchgezogen hat, wäre er ja nie zu etwas gekommen.

Screenshot Snabba Cash 3: Natalie - die neue Königin der Stockholmer Unterwelt.

Screenshot Snabba Cash 3: Natalie – die neue Königin der Stockholmer Unterwelt.

Natalie ist alles in allem auch ganz gut getroffen, allerdings zieht sich auch hier durch, dass die Drehbuchschreiber unbedingt eine eigene Version erfinden wollten – während die Natalie im Buch ganz allein mit ihrem Konkurrenten Stefanovic fertig wird, den sie mit ihrer geschliffenen Haarspange die Kehle aufschlitzt, stellt sie sich im Film dann doch ziemlich blöd an und muss sich ausgerechnet von Hägerström helfen lassen. Dafür darf sie am Ende dann JW über den Haufen schießen, statt ihn als ihren Liebhaber und Finanzgenie in die Organisation zu holen – auch das ist wieder reichlich inkonsequent. Insofern kann ich eigentlich nur davon abraten, sich diesen Film anzusehen, wenn man wissen will, wie die Geschichte aus Snabba Cash I weitergeht und statt dessen empfehlen, zum Buch zu greifen. Da macht alles einfach viel mehr Spaß.

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The Americans: Im Auftrag der Sowjetunion

So richtig weiß ich noch immer nicht, was ich von The Americans halten will, obwohl ich die erste Staffel bereits komplett gesehen und inzwischen mit der zweiten angefangen habe. Eigentlich ist die Serie spannend und gut gemacht – aber irgendwie doch sehr amerikanisch. Wobei man von eine Serie, die schon The Americans heißt, auch gar nichts anderes erwarten kann. Obwohl ja auch Breaking Bad sehr amerikanisch ist, geradezu klassischer Western – und das macht ja die Qualität dieser Superserie aus. Diese verbohrte „Ich-kann-alles-schaffen“-Menthalität des Walter White, mit der er sich seine eigene Moral zusammenstrickt, nach der alles erlaubt ist, was für sein Business gerade notwendig wird, das ist USA pur.

Aber bei The Americans ist das komplizierter – denn die Protagonisten sind ja Russen, oder schlimmer: hochrangige KGB-Offiziere. Unheimlich gut ausgebildete Superspione der Sowjets. Bereit, eher zu sterben als ihr Land zu verraten. Und gleichzeitig total integrierte Vorzeige-US-Bürger, die besser englisch sprechen als die meisten Menschen in ihrer Umgebung und von so ziemlich allen Dingen auf der Welt mehr Ahnung haben als ihre amerikanischen Mitbürger in ihrem idyllischen Vorort von Washington D.C..

creenhot: The Americans

Screenhot: The Americans

Elizabeth (Keri Russel) und Philipp Jennings (Matthew Rhys) sind in den 60er Jahren in die USA gekommen. Sie scheinen eine harmonische Ehe zu führen, haben zwei Kinder bekommen und arbeiten in einem Reisebüro. Auf den ersten Blick eine amerikanische Vorzeige-Familie mit allem drum und dran. Aber eigentlich hocheffektive Geheimagenten, deren jeweilige Doppelleben auch immer wieder zu emotionalen Verstrickungen führen, obwohl die beiden im Grunde sehr rational und professionell sind. Aber eben auch nur Menschen und sie haben ständig mit Menschen zu tun, die keine Profis sind, sondern Angriffsfläche bieten – deshalb kann man sie ja auch entsprechend ausnutzen.

Screenhot: The Americans

Screenhot: The Americans – Eine ganz normale Familie, die ihre neuen Nachbarn begrüßt.

Inzwischen sind die 80er Jahre angebrochen und Präsident Ronald Reagan treibt den kalten Krieg durch seine Begeisterung für das SDI-Programm zu immer neuen Höhepunkten. Die Russen sind entsprechend nervös – sie wollen unbedingt mehr über den geplanten satelliten-gestützen Raketen-Abwehrschirm erfahren, durch den möglicherweise das bisherige Gleichgewicht der atomaren Abschreckung zu Gunsten der USA gekippt würde. Dass die beiden KGB-Agenten von einem beteiligten Wissenschaftler im Laufe der ersten Staffel erfahren, dass die Technik noch längst nicht so weit ist und sich die Amis die ganze Sache in erster Linie ausgedacht haben, um die Russen in den Wahnsinn und zu ruinösen Gegenmaßnahmen zu treiben, ist nur eine bittere Pointe von vielen anderen – jedenfalls erinnere ich mich wieder genau daran, warum wir Teenies in den 80er Jahren „No Future“ auf Wände und unsere Jeansjacken kritzelten. Wir hatten wirklich Angst, dass morgen einer auf den roten Knopf drücken und einen Atomkrieg auslösen würde – gerade in Deutschland, wo sich NATO und Warschauer Pakt an der Mauer direkt gegenüber standen. Denn eins war klar: Hier würde kein Stein auf dem anderen bleiben.

Screenhot: The Americans

Screenhot: The Americans – Elizabeth und Philipp

Insofern auch mal interessant, wie das in den 80er Jahren so in den USA gewesen ist – oder gewesen sein könnte. Bei The Americans handelt es sich ja nicht um eine Doku-Serie, sondern um Fiction. Aber ausstattungstechnisch haben sich die Macher große Mühe gegeben, es ist alles herrlich 80er – inklusive der Musik, auch wenn es sich nicht gerade um meine Lieblingssongs der 80er handelt. Und diese ganze analoge Technik! Das macht schon Spaß, auch wenn letztlich keine Rolle spielt, was die KGB-Leute denn eigentlich gegen den Kapitalismus haben. Das ist tatsächlich ein merkwürdig blinder Fleck in der Geschichte – natürlich werden allerlei Motivationen bemüht, es gibt Kriegsgeschichten, Stalingrad, das angedeutete Elend der Nachkriegszeit, aber irgendwie immer nur persönliches Schicksal und keine Politik. Denn im Grunde kann man den Kapitalismus gar nicht kritisieren, nicht einmal die angebliche kommunistischen Hauptfiguren in einer Serie über den kalten Krieg dürfen das tun. Zwar kritisiert Elizabeth immer wieder einmal die unreflektierte und oberflächliche Art der Amerikaner – sie ist eindeutig die Linientreue, während ihr Partner durchaus darüber nachdenkt, überzulaufen, weil ihm der American Way of Life schon irgendwie zusagt. Aber am Ende ist er kein Verräter – allerdings nicht, weil er den Kommunismus besser finden würde, sondern, tja, das wird leider nicht so richtig klar.

Screenshot: The Americans

Screenshot: The Americans – der neue Nachbar Stan Beeman arbeitet ausgerechnet fürs FBI

In erster Linie ist es wohl die Loyalität gegenüber der Familie – Philipp liebt Elizabeth, obwohl es sich um eine arrangierte Ehe handelt und die beiden lieben ihre Kinder. Deshalb wachsen sie trotz aller Konflikte über sich hinaus und kriegen auch die aussichtslosesten Missionen noch irgendwie hin – sie tun es letztlich für die Familie. Auf diese Weise drücken sich die Serienschreiber um die politische Ebene – das ist zwar verständlich, finde ich aber schwach. Natürlich werden wieder allerlei Klischees über Russen bedient – der Vorgesetzte von Elizabeth und Philipp zeigt durchaus menschliche Züge, er hat eine gefühlvolle russische Seele. Aber ansonsten gibt es natürlich jede Menge seelenlose Apparatschiks und paranoide Betonköpfe – fairerweise muss man sagen, dass das in dieser Serie auch bei den Amis so ist. Aber das hinterlässt halt genau den schalen Nachgeschmack, weshalb ich dieser Serie dann doch nicht so gut finde, wie ich sie gern finden würde.

Screenshot The Americans

Screenshot The Americans

Und das verleidet mir auch ein bisschen die Vorfreude auf Child 44 – die Verfilmung dieses Stalin-Ära-Krimis von Tom Rob Smith, in dem der authentische Fall eines Serienmörders beschrieben wird, der in der Sowjetunion Dutzende von Menschen ermorden konnte, weil die Ermittlungsbehörden auf solche Fälle gar nicht vorbereitet waren – im real existierenden Sozialismus sind Verbrechen dieser Art eigentlich undenkbar. Smith hat den Fall allerdings in die Stalin-Ära verlegt, eigentlich fand die Mordserie in den 80er Jahren statt. Aber dadurch wird die Geschichte natürlich deutlich nachvollziehbarer und gleichzeitig beklemmender: Der ermittelnde Kommissar riskiert nicht nur seine Karriere, sondern am Ende auch sein Leben und das seiner Familie, weil er eigentlich gar nicht denken darf, was er denken muss, um den Mörder zu finden. Das Buch hat zwar Schwächen, die Geschichte ist aber durchaus Thriller-tauglich. Außerdem: Regie – Daniel Espinosa! Darsteller: Tom Hardy! Gary Oldman! Noomi Rapace! Joel Kinnaman!

Könnte bei der Schwedenquote eigentlich auch richtig gut werden…

Die Verhältnisse, die sind nicht so: Noch einmal I skuggan av värmen

Nachdem ich den Film noch einmal gesehen habe, muss ich einfach diese Schlüsselszene posten, in der Erik endlich kapiert, dass Eva nicht von ihrer Sucht lassen will, weil sie das Leben, so wie es ist, sonst einfach nicht aushält. Das Leben macht keinen Spaß, es ist alles furchtbar sinnlos, und sie kann es eben nur ertragen, wenn sie high ist.

Es ist kein blöder Betriebsunfall, dass sie ein Junkie ist, wie Erik gern geglaubt hätte, sie will es eben so. Wobei man natürlich auch wieder diskutieren kann, warum sie das will. Bestimmt nicht, weil Eva so ein tolles Leben hat. Aber so ist das eben mit dem freien Willen – man kann ihn auch nutzen, um sich zu ruinieren.

Nachdem Erik viel ausgehalten und viel riskiert hat, um Eva durch den Entzug zu helfen, erwartet er, dass es ihr jetzt endlich besser geht. Aber es geht ihr nicht besser, im Gegenteil – jetzt fühlt sie wieder, warum sie süchtig sein will: Ihr Leben ist leer und öde, sie weiß einfach nicht, was sie damit anfangen soll. Sie hat nichts gelernt, sie denkt, dass sie dumm ist, überflüssig, eine Last für jeden. Sie nimmt sich selbst übel, dass sie Erik, den sie doch liebt, in so eine blöde Situation gebracht hat und will einfach nicht mehr darüber nachdenken müssen – damit ist völlig klar, dass die ganze Sache nicht gut ausgehen kann. Geht sie auch nicht. Aber eben nicht, weil es an gutem Willen gemangelt hatte, sondern weil die Verhältnisse halt nicht so sind.

Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

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Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

Closed Circuit – Unter Beobachtung

Dass die Bürger von London derzeit die am häufigsten gefilmten Menschen der Welt sein dürften, weiß man ja – und auch, dass neben der NSA die britischen Geheimdienste besonders fleißig sind. Allerdings hat London bereits eine ganze Reihe von schweren Attentaten erleiden müssen, weshalb eine gewisse Paranoia durchaus verständlich ist. Von dieser Paranoia handelt der britische Thriller Unter Beobachtung (Closed Circuit; Regie John Crowley) aus dem vergangenen Jahr. Er beginnt mit den Bildern aus Übewachungskameras, die Menschen auf einem belebten Londoner Markt zeigen – der kurz darauf von einer gewaltigen Explosion verwüstet wird.

Screenshot Closed Circuit - Überwachungskameras 1

Screenshot Closed Circuit – Überwachungskameras 1

Damit setzt die eigentliche Handlung ein: Der Anwalt Martin Rose (Eric Bana, der mir als Avner in Steven Spielbergs München positiv aufgefallen ist) soll den mutmaßlichen Drahtzieher des verheerenden Bomben-Anschlags, bei dem 120 Menschen getötet wurden, Farroukh Erdogan (Dennis Moschitto, der dem deutschen Publikum aus Verschwende deine Jugend, Süperseks, Kebab Connection und natürlich Chiko bekannt sein sollte), in dem unvermeidlichen Jahrhundertprozess verteidigen – zumindest im öffentlichen Teil des Prozesses. Denn weil die Staatssicherheit ja dermaßen gefährdet ist, wird es zeitgleich auch einen Geheimprozess geben: Ein großer Teil des Beweismaterials darf aus Gründen der Sicherheit nicht veröffentlich werden.

Screenshot Closed Circuit - Überwachungskameras 2

Screenshot Closed Circuit – Überwachungskameras 2

Und weil weder der Angeklagte, noch sein Verteidiger (und die Öffentlichkeit schon gar nicht) wissen dürfen, was geheim bleiben soll, wird der Angeklagte im Geheimprozess von einer weiteren Verteidigerin vertreten – die aber wiederum keinerlei Kontakt mit dem Verteidiger aus dem öffentlichen Prozess haben darf. Das an sich macht das Verfahren schon absurd genug. Es kommt aber am Ende alles noch viel schlimmer: Der Generalstaatsanwalt (Jim Broadbent, den ich mir wegen seiner großartigen Performance in Der Wolkenatlas merken wollte – et voilà) bestimmt Claudia Simmons-Howe (Rebecca Hall) zu dieser Spezialverteidigerin. Pikant an der Sache ist, dass Martin gerade einen hässlichen Scheidungsprozess durchmacht, für den seine Affäre mit Claudia der Auslöser war – was die beiden Vorzeigejuristen allerdings verschweigen. Und noch pikanter ist, dass Martins Vorgänger in Sachen Verteidigung sich nach sechs Monaten intensiver Vorbereitung vom Dach gestürzt hat.

Screenshot Closed Circuit - Anschlag in London

Screenshot Closed Circuit – Anschlag in London

Aber weil Martin nach eigener Auskunft ein karrieregeiles Arschloch ist, macht ihm das alles wenig aus – er beginnt damit, sich in den gigantischen Aktenberg einzuarbeiten, er hat ja keine Familie mehr und somit viel Zeit dafür. Natürlich dauert es nicht lange, bis ihm zahlreiche Ungereimtheiten auffallen. So wurde Farroukh erstaunlich schnell ermittelt und gefasst – seine angeblichen Komplizen kamen praktischerweise bei dem Anschlag ums Leben. Erdogan kam aus der Türkei über Deutschland nach London. Und obwohl er in Deutschland wegen Heroinbesitzes auffällig geworden war, bekam er in England überraschend schnell eine Aufenthaltserlaubnis – warum?

Screenshot Closed Circuit - Martin Rose (Eric Bana)

Screenshot Closed Circuit – Martin Rose (Eric Bana)

Rose fallen noch viele weitere Merkwürdigkeiten auf, so dass er schließlich doch mit der US-Journalistin Joanna Reece (Julia Stiles, bekannt als Lumen aus der 5. Staffel von Dexter) Kontakt aufnimmt, die er zuvor schon mehrfach hat abblitzen lassen. Reece bestätigt ihm, was sein Vorgänger und jetzt Martin selbst herausgefunden hat – Farroukh ist ein V-Mann des MI5. Sein Auftrag war offensichtlich, die Radikalen-Gruppe zu infiltrieren. Das ist ein Hammer – am Ende hat der Geheimdienst und damit der britische Staat sogar den Sprengstoff geliefert, mit dem der Anschlag ausgeführt wurde, bei dem so viele Londoner Bürger ums Leben kamen?! Die Frage ist jetzt, ob Farroukh reingelegt wurde – oder besser: von wem?

Screenshot Closed Circuit - Claudia (Rebecca Hall)

Screenshot Closed Circuit – Claudia (Rebecca Hall)

Claudia wird offensiv vom MI5 überwacht, allerdings hat sie als Vertreterin im Geheimprozess auch kaum etwas anderes erwartet. Trotzdem geht ihr der allzu aufdringliche Agent Nazrul Sharma schon ziemlich auf die Nerven. Sie stellt ebenfalls fest, dass einiges nicht stimmt – und auch die Familie von Farroukh verhält sich sehr eigenartig.

Trotz des Informationsverbots zwischen Martin und Claudia teilt Martin ihr heimlich mit, was er herausgefunden hat. Er ist dafür, das lieber im öffentlichen Teil des Prozesses zu behandeln, damit es nicht unter den Tisch gekehrt werden kann, aber die geheime Verhandlung findet zuerst statt. Claudia wittert eine Chance: Sie darf eine „Zeugin X“ genannte hochrangige MI5-Agentin befragen, deren Antworten sie darauf bringen, den Sohn des Angeklagten als Zeugen vernehmen zu wollen. Das gefällt der Agentin gar nicht, aber der Richter ordnet die Vernehmung an.

Keine Frage, spätestens jetzt wird alles richtig hässlich und falls die eine oder der andere den Film noch sehen will – was ich durchaus empfehlen kann – sollte ich jetzt nicht alles verraten, damit nicht jeder Thrill im Eimer ist, nachdem ich ja leider schon relativ viel verraten habe. Es passiert dann aber noch einiges und das Ende ist natürlich unbefriedigend – was aber daran liegt, dass es konsequent und durchaus realistisch ist.

Screenshot Closed Circuit - Martin (Eric Bana) und  Claudia (Rebecca Hall)

Screenshot Closed Circuit – Martin (Eric Bana) und Claudia (Rebecca Hall)

Selbstverständlich wird weiterhin vertuscht und unter den Teppich gekehrt, was nur geht – und wenn man konsequent durchgreift, geht eine Menge. Nach dem, was inzwischen durch die NSA- und hierzulande noch vielmehr durch NSU-Skandalserien über die Tätigkeit (bzw. Untätigkeit) von Geheimdiensten bekannt geworden ist, wundert einen ja kaum noch etwas. Es ist nichts Neues mehr, dass Geheimdienste gewisse Szenen über V-Leute erst mit entsprechenden Mitteln oder gar der passenden Ausrüstung versehen, damit sie überhaupt kriminell aktiv werden können. Nicht nur die rechte Szene und letztlich der NSU wurde von deutschen Inlandsgeheimdiensten alimentiert, auch in den 1960er Jahren wurde die linke Szene von V-Leuten mit Geld und Waffen versorgt, um eine Bedrohungskulisse aufzubauen, vor der unter anderem der Radikalen-Erlass und weitere Einschränkungen der Freiheitsrechte in Deutschland durchgedrückt werden konnten.

Insofern ist den Machern von Unter Beobachtung durchaus gelungen, mit ihrem Plot auf der Höhe (eigentlich müsste man sagen: in der Tiefe) der Zeit zu bleiben. Was aber auch wieder schade ist, obwohl der Film nichts dafür kann: So richtig überraschen können mittlerweile auch die abgefeimtesten Verschwörungsplots nicht mehr. In Wirklichkeit ist ja alles mindestens genauso schlimm.

Screenshot Closed Circuit - die Journalistin Joanna Reece (Julia Stiles)

Screenshot Closed Circuit – die Journalistin Joanna Reece (Julia Stiles)

Nur halt viel komplexer. Am Geheimdienst-Personal zum Beispiel wurde im Film ziemlich gespart, was ja in der Realität durchaus anders ist – dass ausgerechnet die MI5-Chef-Agentin den Terror-Anwalt selbst überwacht, glaub ich im Leben nicht – und auch nicht, dass der Geheimdienst solange das selbe Taxi schickt, bis es dem Überwachten endlich mal auffällt – wobei in dem Fall für den Plot schon wichtig, irgendwie musste Martin ja drauf kommen, dass er überwacht wird. Das Ding mit dem Haar an der Tür oder den UV-Markern kennen Thriller-Fans sowieso schon.

Screenshot Closed Circuit - Farroukh Erdogan (Dennis Moschitto)

Screenshot Closed Circuit – Farroukh Erdogan (Dennis Moschitto)

Relativ wenig haben sich die Filmemacher auch dafür interessiert, mit wem jetzt eigentlich Farroukh den Anschlag vorbereitet hat – aber auch das ist nachvollziehbar – man will so ein Attentat ja niemanden in die Schuhe schieben und damit Unmut verbreiten. Ist ja auch besser so, heutzutage, wo man nicht mehr durchblickt, wie mächtig welche Lobby jetzt gerade wirklich ist. Mir fällt gerade auf, dass das vielleicht eine Erklärung dafür ist, dass bei den Drehbuchautoren Umwelt-Terroristen derzeit so in Mode sind – von Umweltgruppen sind in der Realität eher keine blutigen Rache-Akte zu erwarten… auf jeden Fall ein sehenswerter Thriller aus Großbritannien.

Dunkles Drogendrama: I skuggan av värmen

Drogenfilme gibt es eine ganze Menge – angefangen mit Wir Kinder von Bahnhof Zoo über Trainspotting, Fear and Loathing in Las Vegas, Grasgeflüster, Spun oder Lammbock bis hin zu Pusher, Savages oder Breaking Bad. Die meisten sind sehr drastisch, oft auch lustig, falls man diese Art Humor mag. Es geht aber auch völlig ernsthaft und humorfrei – was ich bei diesem Thema durchaus angemessen finde, denn Sucht ist für alle, die damit leben müssen, kein bisschen lustig. Ein ernsthafter und sehr realistischer Film über Drogenmissbrauch ist das schwedische Drama I skuggan av värmen von 2009. Ich habe keine Ahnung, warum es ausgerechnet dieser Film nicht in das deutsche Fernsehen geschafft hat, obwohl hier ja sonst so ziemlich jeder Schweden-Krimi läuft. Dieser Film hätte es nämlich absolut verdient.

i Skuggan av värmen - Eva (malin Crépin)

i Skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Wobei es sich hier ausdrücklich nicht um einen Krimi handelt, sondern um ein Drama, genauer um die Verfilmung eines autobiografischen Romans von Lotta Thell. Er erzählt die Geschichte der heroinsüchtigen Eva, die versucht, trotz ihrer Abhängigkeit ein Leben auf die Reihe zu kriegen. Eva fixt, seit sie 14 Jahre alt ist, sie war bereits jahrelang in Therapie und hat auch mal eine Zeitlang lang geschafft, clean zu bleiben. Sie hat einen Job bei einer Sicherheitsfirma, die Gebäude bewacht, einen Schäferhund und eine Regel: Wenn sie nicht arbeitet, versucht sie, keinen Stoff zu nehmen, weshalb es ihr dann meistens schlecht geht. Aber weil sie ziemlich einsam ist, merkt das niemand.

i Skuggan av värmen - Eva (malin Crépin)

i Skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Aber den Job erträgt sie nur, wenn sie auf Droge ist – natürlich dürfen die Kollegen und der Chef nichts merken. Diese Art von Doppelleben ist ziemlich anstrengend, weshalb Eva sehr zurückgezogen lebt – sie ist völlig damit ausgelastet, ihre Sucht und ihr Arbeitsleben auf die Reihe zu kriegen. Eines Nachts bemerkt sie, dass jemand im Gebäude ist und ruft Verstärkung – es stellt sich dann aber heraus, dass es sich bei dem vermeintlichen Einbrecher nur um ihre Fixerfreundin Mia handelt, zu der sie in letzter Zeit nicht mehr viel Kontakt hatte. Natürlich will Eva nicht, dass Mia Ärger bekommt und versteckt sie in ihrem Auto. Inzwischen ist die Polizei eingetroffen und Eva versucht, die Streifenpolizisten abzuwimmeln – aber der junge Kollege nimmt seinen Job ernst und will lieber selbst noch einmal nachsehen.

I skuggan av värmen: Eva (Malin Crépin)

I skuggan av värmen: Eva (Malin Crépin)

Eva passt das alles gar nicht, und sie ist genervt – und dann findet dieser Typ auch noch, dass sie gar nicht wie eine typische Wächterin aussieht und erlangt erstmal ihren Ausweis. Wobei er ja irgendwie recht hat, eine ätherische Schönheit wie Eva ist keine typische Sicherheitsdienstleisterin. Insofern hat Eriks Instinkt durchaus funktioniert, auch wenn es noch eine Weile dauern wird, bis er herausfindet, was mit ihr nicht stimmt. Aber natürlich ist mit ihrem Ausweis alles in Ordnung und Eva ist so souverän, Eriks Dienstausweis zu verlangen, weil sie findet, dass er auch nicht wie ein typischer Polizist wirkt.

Erik versucht später, mit Eva Kontakt aufzunehmen, was sie erstmal abblockt. Aber er bekommt natürlich raus, wo Eva anzutreffen ist. Er wartet, bis sie mit ihrem Hund vorbei kommt und lädt sie zum Abendessen ein. Sie ist nicht begeistert, nimmt aber immerhin die Karte an, auf der er seine Adresse notiert hat, falls sie es sich anders überlegt. Zu beider Erstaunen taucht sie am verabredeten Abend dann doch auf. Sie nimmt zwar weder Bier, noch Wein, sondern trinkt nur ein Glas Wasser, aber die beiden landen ziemlich schnell im Bett.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) und Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) und Erik (Joel Kinnaman)

Erik verliebt sich total in die schöne Eva. Sie versucht zwar, ihn irgendwie auf Distanz zu halten, damit er nicht mitbekommt, dass sie eigentlich ein Junkie ist, aber das ist natürlich nicht so einfach – denn sie hat sich ihrerseits in diesen offenbar doch ganz netten Erik verliebt. Andererseits braucht sie ihren Stoff. Blöd, dass sie sich ausgerechnet mit einem Polizisten eingelassen hat, der durch seinen Job keine sehr freundliche Sicht auf Süchtige hat. Als sie gemeinsam schwimmen gehen, entdeckt sie blaue Flecke auf Eriks Rücken: Da ist so ein Scheißjunkie auf ihn drauf gesprungen. Er ahnt nicht, dass sich Eva auf dem Klo gerade einen Schuss gesetzt hat. Natürlich bekommt Erik schon mit, dass Eva nicht ganz richtig tickt, aber Liebe macht bekanntlich blind.

Eines nachts liegt sie mit Erik im Bett und jemand klingelt Sturm. Evas Freundin Mia steht vor der Tür. Mia ist schwanger und hat Streit mit ihrem gewalttägigen Freund. Mia sieht furchtbar aus, aber Eva lässt sie nicht in die Wohnung, weil sie nicht will, dass Erik sieht, wer ihre Freundin ist. Erik weiß nämlich, dass Mia und ihr Freund Drogen nehmen, und er weiß auch, dass der Kerl Mia verprügelt – Erik ist frustriert darüber, dass Mia sich weigert, diesen Schläger wegen häuslicher Gewalt anzuzeigen. Erik versteht das alles nicht und Eva will auch nichts erklären müssen. Sie gibt Mia Geld und schickt sie weg.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Später gehen Eva und Erik aus, sie treffen einige Kollegen, mit denen er befreundet ist. Sie unterhalten sich über einen Einsatz, der sie ziemlich mitgenommen hat: Wie krank muss denn einer sein, der seiner schwangeren Freundin den Bauch aufschlitzt? Eva kapiert, dass es sich nur um Mia handeln kann. Sie läuft weg und fährt mit Eriks Auto nach Hause – dort muss sie sich auf diesen Schock hin erst einmal einen Schuss setzen. Als Erik nach Hause kommt, findet er Eva im Bad auf dem Boden – die Nadel noch in der Vene. Er ist natürlich entsetzt, aber wild entschlossen, Eva zu helfen. Eva macht es ihm keineswegs leicht – nachdem sie sich in Erik verliebt hatte, war sie von sich aus auf die Idee gekommen, heimlich einen Entzug zu machen, aber sie hat durch die schrecklichen Ereignisse den verabredeten Termin verpasst.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Jetzt weigert sich die Suchthilfe, sie aufzunehmen, was Erik wahnsinnig aufregt, aber es gibt nun einmal Regeln. Er beschließt, auf eigene Faust einen Entzug mit Eva durchzuziehen und bringt sie in einem abgelegenen Sportheim der Polizei unter. Hauptsache, weit weg von den einschlägigen Dealern. Eva geht es natürlich so schlecht, wie es einem Junkie beim kalten Entzug nur gehen kann, Erik muss eine ganze Menge ertragen, was ihn durchaus an die Grenze bringt, aber irgendwie kriegt Eva sich wieder ein und bittet ihn um Verzeihung für all das, was sie ihm antut. Und als echter Junkie hat sie ihm einiges angetan, mehr, als er bisher mitbekommen hat. Sie hat ihn unter anderem beklaut, um sich Stoff kaufen zu können, denn inzwischen hat sie auch ihren Job verloren, weil ein Kollege dann doch gemerkt hat, dass sie Drogen nimmt. Eine weitere Katastrophe, von der sie sich kaum erholen wird.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Als Erik glaubt, dass es ihr besser geht, fährt er zur Arbeit und lässt sie allein. Eva hält es nicht lange aus und haut ab. Erik sucht nach ihr und hat inzwischen auch Nachforschungen angestellt, er lässt sich aus dem Archiv alles kommen, was über Eva vorliegt. Bevor er die Akte bekommt, ist er zufällig dabei, als Eva zugedröhnt von Kollegen aufgegriffen wird. Auf der Polizeiwache wird Eva in eine Arrestzelle gesperrt. Als Eva versucht, Erik zu umarmen, schlägt er sie – natürlich ist er über diesen Impuls auch wieder entsetzt, aber Eva meint, dass das okay geht, jetzt seien sie quitt. Aber sie wirft ihm auch wieder vor, was sie ihm die ganze Zeit immer wieder sagt: Dass er verdammt naiv sei und alles keinen Sinn habe. Erik begreift langsam, dass er nichts mehr für Eva tun kann, andererseits lässt ihn die Sache auch nicht los.

I skuggan av värmen - Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Erik (Joel Kinnaman)

Während Eva durch die Stadt irrt und immer tiefer in ihrer Sucht versinkt, hört Erik ein Tonbandprotokoll, das aufgenommen wurde, als Eva sechs Jahre alt war. Sie erzählt in kindlichen Bildern vom Alltag mit ihren gewalttätigen Alkoholiker-Eltern, von ihren Ängsten und dass sie sich wünscht, dass irgendwann jemand da sei, der an sie denken würde. Erik begreift, dass das im Grunde alles ist, was er tun kann: Ab und zu an Eva denken – aber ihre Verletzungen und ihr kaputtes Leben kann er nicht reparieren. In der letzten Szene des Films sieht Eva Erik im Schwimmbad, Erik bemerkt Eva und sie betrachten sich gegenseitig durch die Glasscheibe – jeder bleibt in seiner Welt.

In skuggar av värmen ist ein sehr trauriger und realistischer Film über Sucht und was sie mit den Menschen macht – mit Liebe und Idealismus ist ihr nicht beizukommen. Im Gegenteil: Je mehr sich Erik reinhängt, um Eva zu helfen, desto größer wird das Gefälle zwischen beiden – es ist ja nicht so, dass Eva nicht wüsste, was sie sich selbst und Erik antut. Sie ist unendlich traurig darüber und hat damit noch mehr Grund, sich elend zu fühlen. Aber das ist ja genau der Unterschied zwischen den Nichtsüchtigen und den Süchtigen – dass es den Süchtigen halt unheimlich schwer fällt, einfach vernünftig zu sein und den Scheiß zu lassen. Dass man es nicht lassen kann, ist ja das Wesen der Sucht. Aber das kapiert ein Nichtsüchtiger nicht. Das ist auch nicht unbedingt eine Frage von Selbstdisziplin und so weiter – Süchtige müssen eine ganze Menge auf die Reihe kriegen, um ihre Sucht zu befriedigen. Sie setzen halt andere Schwerpunkte als die anderen.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Eva kann es nicht lassen und versucht, trotzdem zu funktionieren, was ihr eine Zeitlang auch halbwegs gelingt – aber als sie sich in Erik verliebt, gibt es plötzlich zu viele Dinge in ihrem Leben, die sich nicht kontrollieren kann und alles geht schief. Erik kann seinerseits nicht wissen, was er anrichtet, als er sich in Eva verliebt. Er ist glücklich und glaubt, dass er die Frau fürs Leben gefunden hat – er ahnt nicht, dass es Eva vor unglaubliche logistische Herausforderungen stellt, wenn er bei ihr übernachtet und sie sich heimlich neuen Stoff besorgen muss. Ein romantischer Ausflug mit dem Auto gerät beinahe zur Katastrophe, als der Wagen liegen bleibt und sie stundenlang auf den Abschleppdienst warten müssen – Eva will unbedingt nach Hause, sie leidet unter Entzug und wird entsprechend unausstehlich – Erik versteht nicht, was plötzlich mit ihr los ist.

Und letztlich versteht er es auch nicht, nachdem er entdeckt hat, dass seine Freundin ein Junkie ist – zumindest nicht, so lange er daran glaubt, dass er sie retten kann. Er ist fassungslos darüber, dass Eva nach all dem, was er für sie getan hat, sofort wieder wegläuft, um sich den nächsten Schuss zu besorgen. Aber Evas Leben ist nun mal eine einzige sinnlose und immer schrecklichere Unordnung – sie sieht für sich keine Perspektive außer dem nächsten Schuss. Mit Eriks Vorstellung von der Welt und dem Leben kann Eva nichts anfangen. Immerhin findet Erik heraus, dass Evas Leben von Anfang an durch Abhängigkeit und Gewalt geprägt wurde und sie deshalb keine Ahnung hat, wie ein normales Leben überhaupt funktioniert.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Erik muss einsehen, dass sein eigenes Handeln mit dem, was Eva tut, nichts zu tun hat. Es hat keinen Sinn, einem Süchtigen zu helfen, in dem man etwas für ihn oder sie tut, und darauf setzt, dass er oder sie sich dann mehr Mühe gibt, weil es jetzt ja um etwas Größeres geht, ein gemeinsames Ziel, die große Liebe, eine Beziehung oder was auch immer, auf jeden Fall um mehr als um einen selbst, denn genau damit hat der Süchtige ja ein Problem: Mit sich selbst.

Aber genau das ist auch der Punkt – wenn man für sich selbst und nur aus sich heraus entscheidet, das alles nicht mehr zu wollen, hat man vielleicht eine Chance, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Alles andere funktioniert nicht. Und das müssen auch alle lernen, die mit Süchtigen zu tun haben. Ach was, nicht nur die, es ist im ganzen Leben so, auch wenn die Gesellschaft immer wieder anderes behauptet: In der Liebe, in Beziehungen ist man von vorn herein zum Scheitern verurteilt, wenn man nicht kapiert, dass es sich eben nicht um ein Geschäft handelt: Ich gebe dir und du gibst mir. Okay, wenn beide Partner so drauf sind, kann es doch funktionieren. Vermutlich ist das sogar in einem großen Teil der länger währenden Beziehungen in unserer Gesellschaft so.

Aber wenn man mit einem Süchtigen zu tun hat, dann funktioniert das nicht. Da muss man einfach begreifen, dass es die eigene Entscheidung ist, wieviel man gibt und man darf in keinem Fall erwarten, dass man etwas zurück bekommt. Was übrigens für alle (Liebes-)Beziehungen gelten sollte.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Auch ästhetisch ist die Umsetzung sehr gelungen: Eva ist meistens nachts unterwegs, überhaupt ist es fast immer dunkel. Es schneit, die Welt ist kalt, wir sehen leere Gebäude, Industriegelände, Gänge mit kaltem Neonlicht und U-Bahn-Tunnel. Evas Welt ist einsam und öde. Der Film zeigt in gewisser Weise ihren Tunnelblick.

Und selbst wenn es hell ist, gibt es selten schöne Bilder, es gibt hässliche Sozialbau-Betonblöcke, Autobahnbrücken, leere Landschaft, etwa um den Polizeisportplatz. Naturbilder tauchen gelegentlich auf, haben dann aber etwas Surreales – in einigen kurzen Augenblicken, in denen Eva und Erik zusammen sind, scheint die Sonne, aber auch hier ist nicht klar, ob die Liebenden auf weißem Sand oder im Schnee liegen. Und während des Ausflugs, bei dem das Auto nicht mehr anspringt, sieht man kurz die Wintersonne durch die Bäume scheinen, aber auch dieser Tag endet dunkel.

Mir hat an dem Film gefallen, dass Eva weder Opfer noch Monster ist – sie ist ein Mensch, der in dieser Gesellschaft wenig Optionen hatte und auf H. hängen geblieben ist. Und als sie einen ernsthaften Versuch unternimmt, da raus zu kommen, macht sie fatale, aber nachvollziehbare Fehler. Und der gute Cop Erik muss erkennen, dass Liebe nicht alles heilt und dass er sein Weltbild noch einmal überarbeiten muss. Das ist schon ziemlich viel für einen Film.

Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren – Vikings

Die Erstausstrahlung von Wickie und die starken Männer war eine ziemlich große Sache – soweit ich mich erinnern kann, war das die erste Fernsehserie, die ich überhaupt bewusst und regelmäßig angesehen habe. Der kleine, rotblonde Wickie, der immer wieder vor Angst schlottert, aber am Ende dank seines Verstandes seine starken, mutigen, aber kopfmäßig etwas einfach strukturierten Wikinger aus brenzligen Situationen rettet, das war toll und natürlich auch pädagogisch wertvoll, ganz wie es sich für die 70er Jahre gehört. Und auch wenn ich mich zwischenzeitlich jahrzehntelang nicht besonders für Wikinger interessiert habe, wurde ich doch neugierig, als ich von Vikings hörte, einer kanadisch-irischen Fernsehserie mit historischem Hintergrund, die von den Eroberungszügen des Wikingers Ragnar Lothbrok handelt. Die Serie stammt aus der Feder von dem Briten Michael Hirst, einem ausgewiesenem Spezialisten für historische Stoffe, er ist unter anderem für Serien wie die Tudors und die Borgias bekannt.

Vikings - via fernsehserien.de

Vikings – via fernsehserien.de

Ragnar Lothbrok (Travis Fimmel) ist wie viele seiner Wikinger-Kollegen eigentlich ein Bauer – mit einer ordentlichen Portion pragmatischer Bauernschläue und natürlich auch ein guter Krieger. Und er ist mit der Politik seines Jarl unzufrieden. Jarl Haraldsson (Gabriel Byrne) will für die üblichen Sommerraubzüge immer nur nach Osten segeln – dort ist aber nicht sehr viel zu holen, die Leute im Baltikum sind genauso arm wie die Wikinger selbst.

Dabei soll es im Westen fantastische Länder mit unglaublichen Schätzen geben. Mit der Unterstützung von Floki (Gustav Skarsgård), einem ziemlich verrückten Typen, der allerdings ein genialer Schiffsbauer ist, widersetzt sich Ragnar jedoch dem Befehl seines Herrn und fährt mit dem Schiff, das Floki für ihn gebaut hat und einigen ausgewählten Männern über die Nordsee nach Westen. Sie benutzen einen neu entwickelten Sonnenstandskompass für die Navigation und landen tatsächlich an der Küste von England. Dort fällt es ihnen leicht, fette Beute zu machen, denn die Menschen dort sind Christen und keine Krieger, die Mönche in dem Kloster, das die Wikinger ausrauben, beten lieber, als sich zu wehren. Viele von ihnen schlachten die Wikinger ab, die anderen nehmen sie als Sklaven mit nach Skandinavien. Unter ihnen ist Athelstan (George Blagden), der mehrere Sprachen beherrscht – auch die der Wikinger. Dem klugen Ragnar ist sofort klar, dass Athelstan noch sehr nützlich sein kann.

Wieder in der Heimat angekommen, beschlagnahmt Jarl Haraldsson die gesamte Beute – jeder Mann darf sich nur einen Teil des Schatzes aussuchen. Ragnar wählt Athelstan – er will sich von ihm Englisch beibringen lassen und ihn über die Sitten und Gewohnheiten bei den Christen ausfragen. Das wird sich bei den nächsten Raubzügen noch als sehr nützlich erweisen – die Engländer sind inzwischen auf die neue Gefahr aufmerksam geworden und haben Truppen zusammengestellt, um sich gegen die Überfälle der Wikinger zu wehren. Aber wenn die Glocken zur heiligen Messe rufen, gehen alle in die Kirche und legen ihre Waffen ab. Überhaupt sind die britischen Krieger wenig pragmatisch – bis sie mit ihren Gebeten vor dem Kampf fertig sind, haben Ragnar und seine Männer sie längst einen Kopf kürzer gemacht. Was Unterstützung im Kampf angeht, scheint dieser eine armselige Christengott der Übermacht der nordischen Götter doch deutlich unterlegen zu sein.

Es geht schon brutal zur Sache, für die Freunde von Kampf- und Schlachtszenen wird großzügig gesorgt, aber natürlich gibt es auch den liebevoll ausgestalteten Alltag der Wikinger zu besichtigen, in dem eine Menge wikingisches Kunsthandwerk vorgeführt wird – es gibt nicht nur genial konstruierte Drachenschiffe, sondern auch kunstvoll gewebte Stoffe, fein ziselierten Schmuck und schöne Schnitzereien – es war nicht alles nur blutig und hässlich bei den Wikingern. Preisverdächtig ist auch das Hairstyling – insbesondere Ragnars Frau Lagertha (Katheryn Winnick), die selbst eine kühne Kriegern ist, zieht gern mit spektakulär gestalteten Flechtfrisuren in die Schlacht. Überhaupt sind die Wikinger-Frauen keine schüchternen Hausmütterchen – schließlich müssen sie den Laden zu Hause auch allein schmeißen, während ihre Männer monatelang auf Kaperfahrt sind.

Alles in allem eine solide Serie, die zwar keine allzu komplexen Handlungsstränge aufweist, aber durch eigenwillige Charaktere und interessante historische Aspekte punkten kann – die Konfrontation mit einer neuen Religion und fremden Kulturen ist auf jeden Fall spannend. Gezeigt wird das an dem inneren Konflikt von Athelstan, der sich erst geradezu verzweifelt an sein Christentum klammert, sich aber allmählich an sein neues Leben mit den Wikingern gewöhnt – Ragnars Familie nimmt ihn mit der Zeit als neues Familienmitglied auf. Athelstan erkennt, dass auch die wilden Nordmänner in gewisser Weise kultiviert sind und fängt an, sich für ihre Sitten und Gebräuche zu interessieren. In dem Punkt sind sich Ragnar und Athelstan ähnlich, was auch die Grundlage ihrer späteren Freundschaft bildet, die natürlich immer wieder auf die Probe gestellt wird. Nach und nach wendet sich Athelstan den nordischen Göttern zu, während sich Ragnar, wenn auch aus rein pragmatischen Erwägungen, für das Christentum interessiert. Beide sind bereit, sich auf Neues einzulassen und zu lernen, auch wenn Ragnar das mit dem Schwert in der Hand tut, während Athelstan Tinte und Feder vorzieht.

Natürlich gibt es auch unter den Wikingern noch reichlich Konfliktstoff, machtbesessene Jarls, eifersüchtige Brüder und schöne Frauen, die eigene Ziele verfolgen, sorgen dafür, dass es zu Hause nicht langweilig wird, während die verschiedenen Königreiche auf den britischen Inseln gezwungen sind, ihre Konflikte beizulegen, damit sie sich gemeinsam gegen den neuen Feind aus dem Norden wehren können. Mich wundert der Erfolg dieser Serie nicht – und ich freue mich jetzt schon auf die dritte Staffel.