Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren – Vikings

Die Erstausstrahlung von Wickie und die starken Männer war eine ziemlich große Sache – soweit ich mich erinnern kann, war das die erste Fernsehserie, die ich überhaupt bewusst und regelmäßig angesehen habe. Der kleine, rotblonde Wickie, der immer wieder vor Angst schlottert, aber am Ende dank seines Verstandes seine starken, mutigen, aber kopfmäßig etwas einfach strukturierten Wikinger aus brenzligen Situationen rettet, das war toll und natürlich auch pädagogisch wertvoll, ganz wie es sich für die 70er Jahre gehört. Und auch wenn ich mich zwischenzeitlich jahrzehntelang nicht besonders für Wikinger interessiert habe, wurde ich doch neugierig, als ich von Vikings hörte, einer kanadisch-irischen Fernsehserie mit historischem Hintergrund, die von den Eroberungszügen des Wikingers Ragnar Lothbrok handelt. Die Serie stammt aus der Feder von dem Briten Michael Hirst, einem ausgewiesenem Spezialisten für historische Stoffe, er ist unter anderem für Serien wie die Tudors und die Borgias bekannt.

Vikings - via fernsehserien.de

Vikings – via fernsehserien.de

Ragnar Lothbrok (Travis Fimmel) ist wie viele seiner Wikinger-Kollegen eigentlich ein Bauer – mit einer ordentlichen Portion pragmatischer Bauernschläue und natürlich auch ein guter Krieger. Und er ist mit der Politik seines Jarl unzufrieden. Jarl Haraldsson (Gabriel Byrne) will für die üblichen Sommerraubzüge immer nur nach Osten segeln – dort ist aber nicht sehr viel zu holen, die Leute im Baltikum sind genauso arm wie die Wikinger selbst.

Dabei soll es im Westen fantastische Länder mit unglaublichen Schätzen geben. Mit der Unterstützung von Floki (Gustav Skarsgård), einem ziemlich verrückten Typen, der allerdings ein genialer Schiffsbauer ist, widersetzt sich Ragnar jedoch dem Befehl seines Herrn und fährt mit dem Schiff, das Floki für ihn gebaut hat und einigen ausgewählten Männern über die Nordsee nach Westen. Sie benutzen einen neu entwickelten Sonnenstandskompass für die Navigation und landen tatsächlich an der Küste von England. Dort fällt es ihnen leicht, fette Beute zu machen, denn die Menschen dort sind Christen und keine Krieger, die Mönche in dem Kloster, das die Wikinger ausrauben, beten lieber, als sich zu wehren. Viele von ihnen schlachten die Wikinger ab, die anderen nehmen sie als Sklaven mit nach Skandinavien. Unter ihnen ist Athelstan (George Blagden), der mehrere Sprachen beherrscht – auch die der Wikinger. Dem klugen Ragnar ist sofort klar, dass Athelstan noch sehr nützlich sein kann.

Wieder in der Heimat angekommen, beschlagnahmt Jarl Haraldsson die gesamte Beute – jeder Mann darf sich nur einen Teil des Schatzes aussuchen. Ragnar wählt Athelstan – er will sich von ihm Englisch beibringen lassen und ihn über die Sitten und Gewohnheiten bei den Christen ausfragen. Das wird sich bei den nächsten Raubzügen noch als sehr nützlich erweisen – die Engländer sind inzwischen auf die neue Gefahr aufmerksam geworden und haben Truppen zusammengestellt, um sich gegen die Überfälle der Wikinger zu wehren. Aber wenn die Glocken zur heiligen Messe rufen, gehen alle in die Kirche und legen ihre Waffen ab. Überhaupt sind die britischen Krieger wenig pragmatisch – bis sie mit ihren Gebeten vor dem Kampf fertig sind, haben Ragnar und seine Männer sie längst einen Kopf kürzer gemacht. Was Unterstützung im Kampf angeht, scheint dieser eine armselige Christengott der Übermacht der nordischen Götter doch deutlich unterlegen zu sein.

Es geht schon brutal zur Sache, für die Freunde von Kampf- und Schlachtszenen wird großzügig gesorgt, aber natürlich gibt es auch den liebevoll ausgestalteten Alltag der Wikinger zu besichtigen, in dem eine Menge wikingisches Kunsthandwerk vorgeführt wird – es gibt nicht nur genial konstruierte Drachenschiffe, sondern auch kunstvoll gewebte Stoffe, fein ziselierten Schmuck und schöne Schnitzereien – es war nicht alles nur blutig und hässlich bei den Wikingern. Preisverdächtig ist auch das Hairstyling – insbesondere Ragnars Frau Lagertha (Katheryn Winnick), die selbst eine kühne Kriegern ist, zieht gern mit spektakulär gestalteten Flechtfrisuren in die Schlacht. Überhaupt sind die Wikinger-Frauen keine schüchternen Hausmütterchen – schließlich müssen sie den Laden zu Hause auch allein schmeißen, während ihre Männer monatelang auf Kaperfahrt sind.

Alles in allem eine solide Serie, die zwar keine allzu komplexen Handlungsstränge aufweist, aber durch eigenwillige Charaktere und interessante historische Aspekte punkten kann – die Konfrontation mit einer neuen Religion und fremden Kulturen ist auf jeden Fall spannend. Gezeigt wird das an dem inneren Konflikt von Athelstan, der sich erst geradezu verzweifelt an sein Christentum klammert, sich aber allmählich an sein neues Leben mit den Wikingern gewöhnt – Ragnars Familie nimmt ihn mit der Zeit als neues Familienmitglied auf. Athelstan erkennt, dass auch die wilden Nordmänner in gewisser Weise kultiviert sind und fängt an, sich für ihre Sitten und Gebräuche zu interessieren. In dem Punkt sind sich Ragnar und Athelstan ähnlich, was auch die Grundlage ihrer späteren Freundschaft bildet, die natürlich immer wieder auf die Probe gestellt wird. Nach und nach wendet sich Athelstan den nordischen Göttern zu, während sich Ragnar, wenn auch aus rein pragmatischen Erwägungen, für das Christentum interessiert. Beide sind bereit, sich auf Neues einzulassen und zu lernen, auch wenn Ragnar das mit dem Schwert in der Hand tut, während Athelstan Tinte und Feder vorzieht.

Natürlich gibt es auch unter den Wikingern noch reichlich Konfliktstoff, machtbesessene Jarls, eifersüchtige Brüder und schöne Frauen, die eigene Ziele verfolgen, sorgen dafür, dass es zu Hause nicht langweilig wird, während die verschiedenen Königreiche auf den britischen Inseln gezwungen sind, ihre Konflikte beizulegen, damit sie sich gemeinsam gegen den neuen Feind aus dem Norden wehren können. Mich wundert der Erfolg dieser Serie nicht – und ich freue mich jetzt schon auf die dritte Staffel.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s