Dunkles Drogendrama: I skuggan av värmen

Drogenfilme gibt es eine ganze Menge – angefangen mit Wir Kinder von Bahnhof Zoo über Trainspotting, Fear and Loathing in Las Vegas, Grasgeflüster, Spun oder Lammbock bis hin zu Pusher, Savages oder Breaking Bad. Die meisten sind sehr drastisch, oft auch lustig, falls man diese Art Humor mag. Es geht aber auch völlig ernsthaft und humorfrei – was ich bei diesem Thema durchaus angemessen finde, denn Sucht ist für alle, die damit leben müssen, kein bisschen lustig. Ein ernsthafter und sehr realistischer Film über Drogenmissbrauch ist das schwedische Drama I skuggan av värmen von 2009. Ich habe keine Ahnung, warum es ausgerechnet dieser Film nicht in das deutsche Fernsehen geschafft hat, obwohl hier ja sonst so ziemlich jeder Schweden-Krimi läuft. Dieser Film hätte es nämlich absolut verdient.

i Skuggan av värmen - Eva (malin Crépin)

i Skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Wobei es sich hier ausdrücklich nicht um einen Krimi handelt, sondern um ein Drama, genauer um die Verfilmung eines autobiografischen Romans von Lotta Thell. Er erzählt die Geschichte der heroinsüchtigen Eva, die versucht, trotz ihrer Abhängigkeit ein Leben auf die Reihe zu kriegen. Eva fixt, seit sie 14 Jahre alt ist, sie war bereits jahrelang in Therapie und hat auch mal eine Zeitlang lang geschafft, clean zu bleiben. Sie hat einen Job bei einer Sicherheitsfirma, die Gebäude bewacht, einen Schäferhund und eine Regel: Wenn sie nicht arbeitet, versucht sie, keinen Stoff zu nehmen, weshalb es ihr dann meistens schlecht geht. Aber weil sie ziemlich einsam ist, merkt das niemand.

i Skuggan av värmen - Eva (malin Crépin)

i Skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Aber den Job erträgt sie nur, wenn sie auf Droge ist – natürlich dürfen die Kollegen und der Chef nichts merken. Diese Art von Doppelleben ist ziemlich anstrengend, weshalb Eva sehr zurückgezogen lebt – sie ist völlig damit ausgelastet, ihre Sucht und ihr Arbeitsleben auf die Reihe zu kriegen. Eines Nachts bemerkt sie, dass jemand im Gebäude ist und ruft Verstärkung – es stellt sich dann aber heraus, dass es sich bei dem vermeintlichen Einbrecher nur um ihre Fixerfreundin Mia handelt, zu der sie in letzter Zeit nicht mehr viel Kontakt hatte. Natürlich will Eva nicht, dass Mia Ärger bekommt und versteckt sie in ihrem Auto. Inzwischen ist die Polizei eingetroffen und Eva versucht, die Streifenpolizisten abzuwimmeln – aber der junge Kollege nimmt seinen Job ernst und will lieber selbst noch einmal nachsehen.

I skuggan av värmen: Eva (Malin Crépin)

I skuggan av värmen: Eva (Malin Crépin)

Eva passt das alles gar nicht, und sie ist genervt – und dann findet dieser Typ auch noch, dass sie gar nicht wie eine typische Wächterin aussieht und erlangt erstmal ihren Ausweis. Wobei er ja irgendwie recht hat, eine ätherische Schönheit wie Eva ist keine typische Sicherheitsdienstleisterin. Insofern hat Eriks Instinkt durchaus funktioniert, auch wenn es noch eine Weile dauern wird, bis er herausfindet, was mit ihr nicht stimmt. Aber natürlich ist mit ihrem Ausweis alles in Ordnung und Eva ist so souverän, Eriks Dienstausweis zu verlangen, weil sie findet, dass er auch nicht wie ein typischer Polizist wirkt.

Erik versucht später, mit Eva Kontakt aufzunehmen, was sie erstmal abblockt. Aber er bekommt natürlich raus, wo Eva anzutreffen ist. Er wartet, bis sie mit ihrem Hund vorbei kommt und lädt sie zum Abendessen ein. Sie ist nicht begeistert, nimmt aber immerhin die Karte an, auf der er seine Adresse notiert hat, falls sie es sich anders überlegt. Zu beider Erstaunen taucht sie am verabredeten Abend dann doch auf. Sie nimmt zwar weder Bier, noch Wein, sondern trinkt nur ein Glas Wasser, aber die beiden landen ziemlich schnell im Bett.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) und Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) und Erik (Joel Kinnaman)

Erik verliebt sich total in die schöne Eva. Sie versucht zwar, ihn irgendwie auf Distanz zu halten, damit er nicht mitbekommt, dass sie eigentlich ein Junkie ist, aber das ist natürlich nicht so einfach – denn sie hat sich ihrerseits in diesen offenbar doch ganz netten Erik verliebt. Andererseits braucht sie ihren Stoff. Blöd, dass sie sich ausgerechnet mit einem Polizisten eingelassen hat, der durch seinen Job keine sehr freundliche Sicht auf Süchtige hat. Als sie gemeinsam schwimmen gehen, entdeckt sie blaue Flecke auf Eriks Rücken: Da ist so ein Scheißjunkie auf ihn drauf gesprungen. Er ahnt nicht, dass sich Eva auf dem Klo gerade einen Schuss gesetzt hat. Natürlich bekommt Erik schon mit, dass Eva nicht ganz richtig tickt, aber Liebe macht bekanntlich blind.

Eines nachts liegt sie mit Erik im Bett und jemand klingelt Sturm. Evas Freundin Mia steht vor der Tür. Mia ist schwanger und hat Streit mit ihrem gewalttägigen Freund. Mia sieht furchtbar aus, aber Eva lässt sie nicht in die Wohnung, weil sie nicht will, dass Erik sieht, wer ihre Freundin ist. Erik weiß nämlich, dass Mia und ihr Freund Drogen nehmen, und er weiß auch, dass der Kerl Mia verprügelt – Erik ist frustriert darüber, dass Mia sich weigert, diesen Schläger wegen häuslicher Gewalt anzuzeigen. Erik versteht das alles nicht und Eva will auch nichts erklären müssen. Sie gibt Mia Geld und schickt sie weg.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Später gehen Eva und Erik aus, sie treffen einige Kollegen, mit denen er befreundet ist. Sie unterhalten sich über einen Einsatz, der sie ziemlich mitgenommen hat: Wie krank muss denn einer sein, der seiner schwangeren Freundin den Bauch aufschlitzt? Eva kapiert, dass es sich nur um Mia handeln kann. Sie läuft weg und fährt mit Eriks Auto nach Hause – dort muss sie sich auf diesen Schock hin erst einmal einen Schuss setzen. Als Erik nach Hause kommt, findet er Eva im Bad auf dem Boden – die Nadel noch in der Vene. Er ist natürlich entsetzt, aber wild entschlossen, Eva zu helfen. Eva macht es ihm keineswegs leicht – nachdem sie sich in Erik verliebt hatte, war sie von sich aus auf die Idee gekommen, heimlich einen Entzug zu machen, aber sie hat durch die schrecklichen Ereignisse den verabredeten Termin verpasst.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Jetzt weigert sich die Suchthilfe, sie aufzunehmen, was Erik wahnsinnig aufregt, aber es gibt nun einmal Regeln. Er beschließt, auf eigene Faust einen Entzug mit Eva durchzuziehen und bringt sie in einem abgelegenen Sportheim der Polizei unter. Hauptsache, weit weg von den einschlägigen Dealern. Eva geht es natürlich so schlecht, wie es einem Junkie beim kalten Entzug nur gehen kann, Erik muss eine ganze Menge ertragen, was ihn durchaus an die Grenze bringt, aber irgendwie kriegt Eva sich wieder ein und bittet ihn um Verzeihung für all das, was sie ihm antut. Und als echter Junkie hat sie ihm einiges angetan, mehr, als er bisher mitbekommen hat. Sie hat ihn unter anderem beklaut, um sich Stoff kaufen zu können, denn inzwischen hat sie auch ihren Job verloren, weil ein Kollege dann doch gemerkt hat, dass sie Drogen nimmt. Eine weitere Katastrophe, von der sie sich kaum erholen wird.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Als Erik glaubt, dass es ihr besser geht, fährt er zur Arbeit und lässt sie allein. Eva hält es nicht lange aus und haut ab. Erik sucht nach ihr und hat inzwischen auch Nachforschungen angestellt, er lässt sich aus dem Archiv alles kommen, was über Eva vorliegt. Bevor er die Akte bekommt, ist er zufällig dabei, als Eva zugedröhnt von Kollegen aufgegriffen wird. Auf der Polizeiwache wird Eva in eine Arrestzelle gesperrt. Als Eva versucht, Erik zu umarmen, schlägt er sie – natürlich ist er über diesen Impuls auch wieder entsetzt, aber Eva meint, dass das okay geht, jetzt seien sie quitt. Aber sie wirft ihm auch wieder vor, was sie ihm die ganze Zeit immer wieder sagt: Dass er verdammt naiv sei und alles keinen Sinn habe. Erik begreift langsam, dass er nichts mehr für Eva tun kann, andererseits lässt ihn die Sache auch nicht los.

I skuggan av värmen - Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Erik (Joel Kinnaman)

Während Eva durch die Stadt irrt und immer tiefer in ihrer Sucht versinkt, hört Erik ein Tonbandprotokoll, das aufgenommen wurde, als Eva sechs Jahre alt war. Sie erzählt in kindlichen Bildern vom Alltag mit ihren gewalttätigen Alkoholiker-Eltern, von ihren Ängsten und dass sie sich wünscht, dass irgendwann jemand da sei, der an sie denken würde. Erik begreift, dass das im Grunde alles ist, was er tun kann: Ab und zu an Eva denken – aber ihre Verletzungen und ihr kaputtes Leben kann er nicht reparieren. In der letzten Szene des Films sieht Eva Erik im Schwimmbad, Erik bemerkt Eva und sie betrachten sich gegenseitig durch die Glasscheibe – jeder bleibt in seiner Welt.

In skuggar av värmen ist ein sehr trauriger und realistischer Film über Sucht und was sie mit den Menschen macht – mit Liebe und Idealismus ist ihr nicht beizukommen. Im Gegenteil: Je mehr sich Erik reinhängt, um Eva zu helfen, desto größer wird das Gefälle zwischen beiden – es ist ja nicht so, dass Eva nicht wüsste, was sie sich selbst und Erik antut. Sie ist unendlich traurig darüber und hat damit noch mehr Grund, sich elend zu fühlen. Aber das ist ja genau der Unterschied zwischen den Nichtsüchtigen und den Süchtigen – dass es den Süchtigen halt unheimlich schwer fällt, einfach vernünftig zu sein und den Scheiß zu lassen. Dass man es nicht lassen kann, ist ja das Wesen der Sucht. Aber das kapiert ein Nichtsüchtiger nicht. Das ist auch nicht unbedingt eine Frage von Selbstdisziplin und so weiter – Süchtige müssen eine ganze Menge auf die Reihe kriegen, um ihre Sucht zu befriedigen. Sie setzen halt andere Schwerpunkte als die anderen.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Eva kann es nicht lassen und versucht, trotzdem zu funktionieren, was ihr eine Zeitlang auch halbwegs gelingt – aber als sie sich in Erik verliebt, gibt es plötzlich zu viele Dinge in ihrem Leben, die sich nicht kontrollieren kann und alles geht schief. Erik kann seinerseits nicht wissen, was er anrichtet, als er sich in Eva verliebt. Er ist glücklich und glaubt, dass er die Frau fürs Leben gefunden hat – er ahnt nicht, dass es Eva vor unglaubliche logistische Herausforderungen stellt, wenn er bei ihr übernachtet und sie sich heimlich neuen Stoff besorgen muss. Ein romantischer Ausflug mit dem Auto gerät beinahe zur Katastrophe, als der Wagen liegen bleibt und sie stundenlang auf den Abschleppdienst warten müssen – Eva will unbedingt nach Hause, sie leidet unter Entzug und wird entsprechend unausstehlich – Erik versteht nicht, was plötzlich mit ihr los ist.

Und letztlich versteht er es auch nicht, nachdem er entdeckt hat, dass seine Freundin ein Junkie ist – zumindest nicht, so lange er daran glaubt, dass er sie retten kann. Er ist fassungslos darüber, dass Eva nach all dem, was er für sie getan hat, sofort wieder wegläuft, um sich den nächsten Schuss zu besorgen. Aber Evas Leben ist nun mal eine einzige sinnlose und immer schrecklichere Unordnung – sie sieht für sich keine Perspektive außer dem nächsten Schuss. Mit Eriks Vorstellung von der Welt und dem Leben kann Eva nichts anfangen. Immerhin findet Erik heraus, dass Evas Leben von Anfang an durch Abhängigkeit und Gewalt geprägt wurde und sie deshalb keine Ahnung hat, wie ein normales Leben überhaupt funktioniert.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Erik muss einsehen, dass sein eigenes Handeln mit dem, was Eva tut, nichts zu tun hat. Es hat keinen Sinn, einem Süchtigen zu helfen, in dem man etwas für ihn oder sie tut, und darauf setzt, dass er oder sie sich dann mehr Mühe gibt, weil es jetzt ja um etwas Größeres geht, ein gemeinsames Ziel, die große Liebe, eine Beziehung oder was auch immer, auf jeden Fall um mehr als um einen selbst, denn genau damit hat der Süchtige ja ein Problem: Mit sich selbst.

Aber genau das ist auch der Punkt – wenn man für sich selbst und nur aus sich heraus entscheidet, das alles nicht mehr zu wollen, hat man vielleicht eine Chance, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Alles andere funktioniert nicht. Und das müssen auch alle lernen, die mit Süchtigen zu tun haben. Ach was, nicht nur die, es ist im ganzen Leben so, auch wenn die Gesellschaft immer wieder anderes behauptet: In der Liebe, in Beziehungen ist man von vorn herein zum Scheitern verurteilt, wenn man nicht kapiert, dass es sich eben nicht um ein Geschäft handelt: Ich gebe dir und du gibst mir. Okay, wenn beide Partner so drauf sind, kann es doch funktionieren. Vermutlich ist das sogar in einem großen Teil der länger währenden Beziehungen in unserer Gesellschaft so.

Aber wenn man mit einem Süchtigen zu tun hat, dann funktioniert das nicht. Da muss man einfach begreifen, dass es die eigene Entscheidung ist, wieviel man gibt und man darf in keinem Fall erwarten, dass man etwas zurück bekommt. Was übrigens für alle (Liebes-)Beziehungen gelten sollte.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Auch ästhetisch ist die Umsetzung sehr gelungen: Eva ist meistens nachts unterwegs, überhaupt ist es fast immer dunkel. Es schneit, die Welt ist kalt, wir sehen leere Gebäude, Industriegelände, Gänge mit kaltem Neonlicht und U-Bahn-Tunnel. Evas Welt ist einsam und öde. Der Film zeigt in gewisser Weise ihren Tunnelblick.

Und selbst wenn es hell ist, gibt es selten schöne Bilder, es gibt hässliche Sozialbau-Betonblöcke, Autobahnbrücken, leere Landschaft, etwa um den Polizeisportplatz. Naturbilder tauchen gelegentlich auf, haben dann aber etwas Surreales – in einigen kurzen Augenblicken, in denen Eva und Erik zusammen sind, scheint die Sonne, aber auch hier ist nicht klar, ob die Liebenden auf weißem Sand oder im Schnee liegen. Und während des Ausflugs, bei dem das Auto nicht mehr anspringt, sieht man kurz die Wintersonne durch die Bäume scheinen, aber auch dieser Tag endet dunkel.

Mir hat an dem Film gefallen, dass Eva weder Opfer noch Monster ist – sie ist ein Mensch, der in dieser Gesellschaft wenig Optionen hatte und auf H. hängen geblieben ist. Und als sie einen ernsthaften Versuch unternimmt, da raus zu kommen, macht sie fatale, aber nachvollziehbare Fehler. Und der gute Cop Erik muss erkennen, dass Liebe nicht alles heilt und dass er sein Weltbild noch einmal überarbeiten muss. Das ist schon ziemlich viel für einen Film.

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