Closed Circuit – Unter Beobachtung

Dass die Bürger von London derzeit die am häufigsten gefilmten Menschen der Welt sein dürften, weiß man ja – und auch, dass neben der NSA die britischen Geheimdienste besonders fleißig sind. Allerdings hat London bereits eine ganze Reihe von schweren Attentaten erleiden müssen, weshalb eine gewisse Paranoia durchaus verständlich ist. Von dieser Paranoia handelt der britische Thriller Unter Beobachtung (Closed Circuit; Regie John Crowley) aus dem vergangenen Jahr. Er beginnt mit den Bildern aus Übewachungskameras, die Menschen auf einem belebten Londoner Markt zeigen – der kurz darauf von einer gewaltigen Explosion verwüstet wird.

Screenshot Closed Circuit - Überwachungskameras 1

Screenshot Closed Circuit – Überwachungskameras 1

Damit setzt die eigentliche Handlung ein: Der Anwalt Martin Rose (Eric Bana, der mir als Avner in Steven Spielbergs München positiv aufgefallen ist) soll den mutmaßlichen Drahtzieher des verheerenden Bomben-Anschlags, bei dem 120 Menschen getötet wurden, Farroukh Erdogan (Dennis Moschitto, der dem deutschen Publikum aus Verschwende deine Jugend, Süperseks, Kebab Connection und natürlich Chiko bekannt sein sollte), in dem unvermeidlichen Jahrhundertprozess verteidigen – zumindest im öffentlichen Teil des Prozesses. Denn weil die Staatssicherheit ja dermaßen gefährdet ist, wird es zeitgleich auch einen Geheimprozess geben: Ein großer Teil des Beweismaterials darf aus Gründen der Sicherheit nicht veröffentlich werden.

Screenshot Closed Circuit - Überwachungskameras 2

Screenshot Closed Circuit – Überwachungskameras 2

Und weil weder der Angeklagte, noch sein Verteidiger (und die Öffentlichkeit schon gar nicht) wissen dürfen, was geheim bleiben soll, wird der Angeklagte im Geheimprozess von einer weiteren Verteidigerin vertreten – die aber wiederum keinerlei Kontakt mit dem Verteidiger aus dem öffentlichen Prozess haben darf. Das an sich macht das Verfahren schon absurd genug. Es kommt aber am Ende alles noch viel schlimmer: Der Generalstaatsanwalt (Jim Broadbent, den ich mir wegen seiner großartigen Performance in Der Wolkenatlas merken wollte – et voilà) bestimmt Claudia Simmons-Howe (Rebecca Hall) zu dieser Spezialverteidigerin. Pikant an der Sache ist, dass Martin gerade einen hässlichen Scheidungsprozess durchmacht, für den seine Affäre mit Claudia der Auslöser war – was die beiden Vorzeigejuristen allerdings verschweigen. Und noch pikanter ist, dass Martins Vorgänger in Sachen Verteidigung sich nach sechs Monaten intensiver Vorbereitung vom Dach gestürzt hat.

Screenshot Closed Circuit - Anschlag in London

Screenshot Closed Circuit – Anschlag in London

Aber weil Martin nach eigener Auskunft ein karrieregeiles Arschloch ist, macht ihm das alles wenig aus – er beginnt damit, sich in den gigantischen Aktenberg einzuarbeiten, er hat ja keine Familie mehr und somit viel Zeit dafür. Natürlich dauert es nicht lange, bis ihm zahlreiche Ungereimtheiten auffallen. So wurde Farroukh erstaunlich schnell ermittelt und gefasst – seine angeblichen Komplizen kamen praktischerweise bei dem Anschlag ums Leben. Erdogan kam aus der Türkei über Deutschland nach London. Und obwohl er in Deutschland wegen Heroinbesitzes auffällig geworden war, bekam er in England überraschend schnell eine Aufenthaltserlaubnis – warum?

Screenshot Closed Circuit - Martin Rose (Eric Bana)

Screenshot Closed Circuit – Martin Rose (Eric Bana)

Rose fallen noch viele weitere Merkwürdigkeiten auf, so dass er schließlich doch mit der US-Journalistin Joanna Reece (Julia Stiles, bekannt als Lumen aus der 5. Staffel von Dexter) Kontakt aufnimmt, die er zuvor schon mehrfach hat abblitzen lassen. Reece bestätigt ihm, was sein Vorgänger und jetzt Martin selbst herausgefunden hat – Farroukh ist ein V-Mann des MI5. Sein Auftrag war offensichtlich, die Radikalen-Gruppe zu infiltrieren. Das ist ein Hammer – am Ende hat der Geheimdienst und damit der britische Staat sogar den Sprengstoff geliefert, mit dem der Anschlag ausgeführt wurde, bei dem so viele Londoner Bürger ums Leben kamen?! Die Frage ist jetzt, ob Farroukh reingelegt wurde – oder besser: von wem?

Screenshot Closed Circuit - Claudia (Rebecca Hall)

Screenshot Closed Circuit – Claudia (Rebecca Hall)

Claudia wird offensiv vom MI5 überwacht, allerdings hat sie als Vertreterin im Geheimprozess auch kaum etwas anderes erwartet. Trotzdem geht ihr der allzu aufdringliche Agent Nazrul Sharma schon ziemlich auf die Nerven. Sie stellt ebenfalls fest, dass einiges nicht stimmt – und auch die Familie von Farroukh verhält sich sehr eigenartig.

Trotz des Informationsverbots zwischen Martin und Claudia teilt Martin ihr heimlich mit, was er herausgefunden hat. Er ist dafür, das lieber im öffentlichen Teil des Prozesses zu behandeln, damit es nicht unter den Tisch gekehrt werden kann, aber die geheime Verhandlung findet zuerst statt. Claudia wittert eine Chance: Sie darf eine „Zeugin X“ genannte hochrangige MI5-Agentin befragen, deren Antworten sie darauf bringen, den Sohn des Angeklagten als Zeugen vernehmen zu wollen. Das gefällt der Agentin gar nicht, aber der Richter ordnet die Vernehmung an.

Keine Frage, spätestens jetzt wird alles richtig hässlich und falls die eine oder der andere den Film noch sehen will – was ich durchaus empfehlen kann – sollte ich jetzt nicht alles verraten, damit nicht jeder Thrill im Eimer ist, nachdem ich ja leider schon relativ viel verraten habe. Es passiert dann aber noch einiges und das Ende ist natürlich unbefriedigend – was aber daran liegt, dass es konsequent und durchaus realistisch ist.

Screenshot Closed Circuit - Martin (Eric Bana) und  Claudia (Rebecca Hall)

Screenshot Closed Circuit – Martin (Eric Bana) und Claudia (Rebecca Hall)

Selbstverständlich wird weiterhin vertuscht und unter den Teppich gekehrt, was nur geht – und wenn man konsequent durchgreift, geht eine Menge. Nach dem, was inzwischen durch die NSA- und hierzulande noch vielmehr durch NSU-Skandalserien über die Tätigkeit (bzw. Untätigkeit) von Geheimdiensten bekannt geworden ist, wundert einen ja kaum noch etwas. Es ist nichts Neues mehr, dass Geheimdienste gewisse Szenen über V-Leute erst mit entsprechenden Mitteln oder gar der passenden Ausrüstung versehen, damit sie überhaupt kriminell aktiv werden können. Nicht nur die rechte Szene und letztlich der NSU wurde von deutschen Inlandsgeheimdiensten alimentiert, auch in den 1960er Jahren wurde die linke Szene von V-Leuten mit Geld und Waffen versorgt, um eine Bedrohungskulisse aufzubauen, vor der unter anderem der Radikalen-Erlass und weitere Einschränkungen der Freiheitsrechte in Deutschland durchgedrückt werden konnten.

Insofern ist den Machern von Unter Beobachtung durchaus gelungen, mit ihrem Plot auf der Höhe (eigentlich müsste man sagen: in der Tiefe) der Zeit zu bleiben. Was aber auch wieder schade ist, obwohl der Film nichts dafür kann: So richtig überraschen können mittlerweile auch die abgefeimtesten Verschwörungsplots nicht mehr. In Wirklichkeit ist ja alles mindestens genauso schlimm.

Screenshot Closed Circuit - die Journalistin Joanna Reece (Julia Stiles)

Screenshot Closed Circuit – die Journalistin Joanna Reece (Julia Stiles)

Nur halt viel komplexer. Am Geheimdienst-Personal zum Beispiel wurde im Film ziemlich gespart, was ja in der Realität durchaus anders ist – dass ausgerechnet die MI5-Chef-Agentin den Terror-Anwalt selbst überwacht, glaub ich im Leben nicht – und auch nicht, dass der Geheimdienst solange das selbe Taxi schickt, bis es dem Überwachten endlich mal auffällt – wobei in dem Fall für den Plot schon wichtig, irgendwie musste Martin ja drauf kommen, dass er überwacht wird. Das Ding mit dem Haar an der Tür oder den UV-Markern kennen Thriller-Fans sowieso schon.

Screenshot Closed Circuit - Farroukh Erdogan (Dennis Moschitto)

Screenshot Closed Circuit – Farroukh Erdogan (Dennis Moschitto)

Relativ wenig haben sich die Filmemacher auch dafür interessiert, mit wem jetzt eigentlich Farroukh den Anschlag vorbereitet hat – aber auch das ist nachvollziehbar – man will so ein Attentat ja niemanden in die Schuhe schieben und damit Unmut verbreiten. Ist ja auch besser so, heutzutage, wo man nicht mehr durchblickt, wie mächtig welche Lobby jetzt gerade wirklich ist. Mir fällt gerade auf, dass das vielleicht eine Erklärung dafür ist, dass bei den Drehbuchautoren Umwelt-Terroristen derzeit so in Mode sind – von Umweltgruppen sind in der Realität eher keine blutigen Rache-Akte zu erwarten… auf jeden Fall ein sehenswerter Thriller aus Großbritannien.

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