Daybreakers: Fast ganz großes Kino

In Sachen Vampirfilm hat sich in den vergangenen Jahren eine Menge getan, und vieles davon ist einfach nicht gut – etwa die Twilight-Filme, die letztlich ja nur die bombastische Bebilderung einer sehr amerikanischen Teenie-Romanze sind (Sex ist nicht, zumindest nicht vor der Ehe). Wobei ich finde, dass Robert Pattinson (der den Vampir Edward Cullen spielt) eigentlich ein guter Schauspieler ist. In dem BBC-Grusel-Drama The Haunted Airman spielt der noch sehr junge Pattinson einen ebenfalls sehr jungen RAF-Kampfpiloten im 2. Weltkrieg, der den Abschuss seiner Maschine als Krüppel überlebt und sich während seiner Reha, wie man heute sagen würde, in seine schöne Tante verliebt. Die aber lieber was mit seinem Arzt anfängt. Was man ja auch verstehen kann – Toby Jugg sieht zwar aus wie Robert Pattinson und ist ein Kriegsheld, aber eben auch ein Krüppel. Und er ist viel zu jung für Julie – ich sehen schon, das wäre eine eigene Kritik wert. Kommt noch!

So viel vorab: The Haunted Airman ist ein echter Geheimtipp für alle Freunde des mysteriösen britischen Kammerspiels mit faszinierenden Schauspielern – wegen Robert Pattinson hab ich mir dann überhaupt Twilight angesehen, zumindest den ersten Teil davon. Das hat mir dann aber auch gleich wieder gereicht.

Screenhot Daybreakers

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenshot Daybreakers, USA 2009

Screenshot Daybreakers, USA 2009

Doch jetzt zur Hauptsache: Einer der neueren Vampir-Filme, die sich meiner Ansicht nach durchaus zu sehen lohnen, ist der australisch-amerikanische Streifen Daybreakers. Drehbuch und Regie übernahmen die in Deutschland geborenen, aber in Australien aufgewachsenen Brüder Spierig. Peter und Michael Spierig verdienen ihr Geld in erster Linie als Werbefilmer, haben aber auch einen Faible für das Horror-Genre – und sie haben in dem Bereich schon einige Filme gedreht.

Daybreakers ist der zweite ernsthafte Film der beiden, der mit einem Budget von 20 Millionen US-Dollar gedreht wurde und mehr als 65 Millionen eingespielt hat. Also durchaus ein kommerzieller Erfolg – wobei der Film in Deutschland erst gar nicht im Kino gelaufen ist. Warum auch immer. Vampirfilme für Erwachsene werden dem deutschen Publikum nicht mehr zugemutet, die sollen sich lieber den Teenie-Kram reinziehen.

Screenshot Daybreakers, USA 2009

Screenshot Daybreakers, USA 2009

Für Daybreakers haben die Spierigs nicht nur das Drehbuch geschrieben und Regie geführt – sie waren auch für einen Teil der Special Effects zuständig – von denen es eine Menge gibt, wie es sich für einen Vampirfilm gehört. Daybreakers ist also ein echter Autorenfilm, was ich ja prinzipiell auch oft gut finde.

Aber in diesem Fall ist es aber leider so, dass das dem Film nicht gut getan hat – denn das Drehbuch hat einfach eklatante Schwächen. Was die Spierig-Brüder offenbar auch gemerkt haben und diese Schwächen deshalb mit visueller Überwältigung ausbügeln wollten. Und das finde ich einfach nicht gut. Wobei ich ja durchaus eine Augenmensch bin, ich kann eine gekonnte ästhetische Umsetzung von was auch immer erkennen und als solche schätzen.

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Aber das nützt den Filmemachern halt nicht so richtig, wenn sie nicht wissen, was sie sagen wollen. Und das ist schlimm. Oder wenn das, was sie zu sagen wollen, letztlich scheiße ist. Was schlimmer ist. Und dafür gibt es durchaus prominente Beispiele: Daybreakers hat mich sehr an Fritz Lang und seinen Klassiker Metropolis erinnert.

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenhot Daybreakers, USA 2009

In Daybreakers gibt es eine ganze Reihe Bilder, die wirklich sehr an Metropolis erinnern, und genau wie schon in Metropolis sieht man den politischen Anspruch, der große und wichtige Fragen aufwirft – was ja eigentlich super ist. Die aber dann erstaunlich naiv und unbefriedigend beantwortet werden. Oder eigentlich gar nicht. In Metrolpolis wird die Entfremdung in der Arbeitswelt durchaus thematisiert. Und was die Arbeiter für eine Scheißleben haben. „Es muss immer ein Mensch an der Machine sein!“ Und wir sehen einen Arbeiter, der ganz Untertan der Maschine ist und sich ihr völlig unterwerfen muss, die Maschine gibt den Takt vor. Wir sehen auch uniforme Arbeiter-Züge, die im Gleichschritt zur Arbeit marschieren, wir sehen sogar ganze Züge von Arbeitern, die der Maschine und ihren Herren – was die Eigentümer der Maschine sind, die sich auf Kosten der Arbeiter ein schönes Leben machen können. Aber letztlich analysiert und kritisiert Fritz Lang mit seinem Film diese Verhältnisse nicht. Im Gegenteil: Letztlich sagt er, dass es schon okay geht, wenn die da oben die da unten ausbeuten – aber sie sollten halt ein bisschen netter zu den Arbeitern sein. Deshalb soll auch Freder, der Sohn des Kapitalisten Joh Fredersen, das Herz sein, das zwischen denen „da oben“ – dem Hirn – und denen „da unten“ – der Hand – vermittelt. Als ob alles irgendwie nur ein Kommunikationsproblem wäre – was nun absolut Unsinn ist. Auch wenn das heute noch genau so dargestellt wird: Alles nur ein Kommunikationsproblem, die Gesellschaft die ist eigentlich ganz prima eingerichtet. Wir sitzen doch alle im selben Boot. Schon klar. Aber nur „die da oben“ haben Rettungswesten.

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Metropolis ist also ein reaktionärer und keineswegs revolutionärer Film, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Aber die filmische Umsetzung ist grandios – was um so ärgerlicher macht, was da für ein Scheiß erzählt wird. Und genau wie ich mich über Metropolis ärgere, denn den Film finde ich von der Ästhetik her wirklich beeindruckend (für die damalige Zeit wohlgemerkt) – ärgere ich mich über Daybreakers. Wobei das jetzt auch schon wieder gemein ist, denn es geht hier nicht um reaktionären Scheiß, sondern schlicht darum, dass den Drehbuchschreibern bei entscheidenden Wendungen einfach die guten Ideen gefehlt haben.

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Der Film ist so gut gemacht, dass er die schwache Story dahinter echt nicht verdient hat. Ausstattung, Stimmung, Bilder – großartig. Und mit Ethan Hawke, Willem Dafoe, Sam Neill, Claudia Karvan und Michael Dorman sind auch hochkarätige Schauspieler dabei. Im Prinzip ist die Story auch gar nicht schlecht: Im Jahr 2019 wird die Erde von Vampiren beherrscht. Die verbliebenen Menschen sind in dramatischer Unterzahl – das ist schlecht für die Vampire, weil sie sich ja von Menschenblut ernähren. Die meisten Menschen werden matrixmäßig in Farmen gehalten, wo sie künstlich ernährt werden und ihnen gleichzeitig Blut abzapft.

Die entsprechenden Bilder erinnern auch sehr an Matrix – und an anklagende Bilder aus etwa aus Hühnerfarmen, wo fast kahle Hühner in zu kleinen Käfigen im Akkord Eier legen müssen, bis sie als Suppenhuhn im Kochtopf landen. Käfighaltung ist Menschenquälerei, das findet auch der Hämatologe Edward Dalton (Ethan Hawke) , der zwar ebenfalls Vampir ist, sich aber aus Überzeugung schon seit längerer Zeit vegan ernährt. Was fatale Nebenwirkungen hat: Wenn ein Vampir zu lange kein echtes Blut mehr konsumiert hat, wird er zum Subsider.

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Das sind entartete Vampire, deren Aussehen immer mehr dem von Fledermäusen ähnelt und sie werden sehr aggressiv. Subsiders sind die Paria der Vampir-Socienty, es sind die Verlierer, die sich kein echtes Blut mehr leisten können und ihre adlige Vampir-Identität nach und nach verlieren. Auch hier haben wir wieder eine durchaus gelungene Analogie auf die menschliche Gesellschaft, die ihre Verlierer ebenfalls ausgrenzt und kriminalisiert, obwohl die Betroffenen ja eigentlich gar nichts dafür können.

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenhot Daybreakers, USA 2009 – Edward (Ethan Hawke)

Edward stellt durch seinen Blutverzicht langsam erste Anzeichen von Subsiderismus an sich fest, seine Ohren verformen sich (das wird Spock nicht erfreuen). Seine große Hoffnung, endlich einen Blutersatzstoff gefunden zu haben, zerschlägt sich, als die Versuchsperson nach kurzer Zeit förmlich explodiert – das ist wie True Blood ohne True Blood. Durch einen Autounfall trifft Edward auf echte Menschen – die er vor der Verfolgung durch Vampir-Milizen rettet.

Screenshot Daybreakers, USA 2009 - Lionel Cormac (Willem Dafoe)

Screenshot Daybreakers, USA 2009 – Lionel Cormac (Willem Dafoe)

Mit Edwards Entschluss, den Menschen zu helfen, wird er zum Verräter an der Vampirgesellschaft. Aber Edward ist entschlossen, das durchzuziehen. Dumm nur, dass sein kleiner Bruder Frankie da ganz anderer Ansicht ist. Der ist nämlich stolz drauf, ein Vampir zu sein.

Die menschlichen Widerständler, allen voran ihre Anführerin Audrey Bennett (Claudia Karvan), machen Edward mit Lionel Cormac (Willem Dafoe) bekannt, der auch mal ein Vampir war, aber jetzt auf der Seite der Menschen kämpft, nachdem er zufällig entdeckt hat, wie ein Vampir wieder menschlich werden kann. Und da geht es schon los: Durch ein unfreiwilliges Sonnenbad, was den Vampir fest verbrannt hat, ist er wieder Mensch geworden – es ist halt alles eine Frage der richtigen Dosis. So richtig überzeugt mich dieses Heilmittel nicht – aber Edward probiert es in einem kontrollierten Experiment mit durch einen Spiegel umgeleitetes Sonnenlicht und stirbt dabei wie geplant fast – aber sein Herz beginnt wieder zu schlagen. Er wird wieder Mensch.

Screenshot Daybreakers, USA 2009 - Frankie Dalton (Michael Dorman) und Audrey (Claudia Karvan)

Screenshot Daybreakers, USA 2009 – Frankie Dalton (Michael Dorman) und Audrey (Claudia Karvan)

Tja, und dann geht es den Menschen auch gleich an den Kragen, denn die Vampire haben ihren geheimen Stützpunkt entdeckt und das große Schlachten beginnt – im Grunde erstaunlich, was ein Film mit einem vergleichsweise kleinen Budget dann doch an Leichenteilen und Blutströmen her gibt. Und es ist ja auch nicht so, dass ich was gegen Action und Gewalt hätte, das stört mich nicht, im Gegenteil. Aber irgendwie vergisst der Film über die ganze Action, was er eigentlich wollte – da war doch mal was, irgendwie, am Anfang.

Und irgendwann ist es halt vorbei – und das ist dann auch okay. Aber schade ist es doch – ein paar bessere Ideen hätten der Geschichte wirklich gut getan – dann wäre Daybreakers ein grandioser Vampir-Film geworden. So ist er halt nur fast ganz großes Kino. Aber immerhin.

Advertisements

True Blood wie ich es liebe!

Versprochen ist versprochen, auch wenn es manchmal etwas länger dauert – aber derzeit ist es in Berlin bestimmt so tropisch wie in Bon Temps, Louisiana, deshalb hat es mit der Fortsetzung von True Blood ein bisschen länger gedauert. Dafür hab ich jetzt auch die 5. Folge gesehen, womit der Spaß schon wieder in der Halbzeit ist.

Aber inzwischen macht die 7. und letzte Staffel wirklich Vergnügen, auch wenn ich mir bis zum dritten Teil nicht sicher war, ob das noch kommt. Dafür wird ab der dritten Folge alles wieder gut, also blutig, lustig und sehr, sehr böse. Einige Bekannte sind allerdings auf der Strecke geblieben, nicht nur Tara, die gleich in der ersten Folge sterben musste, sondern auch Alcide wurde inzwischen erschossen – aber wie es sich für einen guten Werwolf gehört, in der Ausübung seiner edelsten Pflicht, nämlich Sookie zu beschützen. Die ist natürlich wieder entsprechend von der Rolle – schon wieder einer, der ihretwegen gestorben ist! Und ausgerechnet jetzt, wo sie sich entschieden hat, ihn zu lieben (und das auch Bill gesagt hat)!

Screenshot True Blood 7: Alcide als guter Werwolf

Screenshot True Blood 7: Alcide als guter Werwolf

Aber so ist das halt, im Leben und in True Blood besonders. Sookie und die anderen Übriggebliebenen haben aber keine Zeit, sich in Trauer zu ergehen, sie müssen schleunigst Arlene befreien, die noch immer in Gewalt der Hep-V-Monster-Vampire ist. Über Holly, die fliehen konnte, als sie von den Hep-V-Vampiren als Köder für die anderen Menschen benutzt wurde, findet Gedankenleserin Sookie heraus, dass die Gefangenen sich im Fangtasia befinden. Gemeinsam mit den verbündeten guten Vampiren wird die Befreiung geplant und umgesetzt – günstigerweise tauchen Pam und Eric gerade rechtzeitig wieder auf, um zu helfen.

Screenshot True Blood 7: Alcide stirbt

Screenshot True Blood 7: Alcide stirbt

Eric (wie immer grandios: Alexander Skarsgård) ist seit der zweiten Folge wieder dabei, allerdings erst im Vorspann in einer Fantasie von Sookies sexbesessenem Bruder Jason, der mit der rigorosen Monogamie seiner katholischen Vampirfreundin Violet offenbar nicht so richtig glücklich ist. Auf jeden Fall ist die Liebesszene zwischen Jason und Eric nach dem völlig Eric-losen ersten Teil eine Entschädigung und ein Versprechen, das später tatsächlich eingelöst wird – am Ende der Folge findet Pam ihren Schöpfer tatsächlich – auch wenn dieser schon schwach und von Krankheit gezeichnet ist: Eric ist zwar nicht verbrannt, aber er hat sich mit Hep V infiziert. Er wird also sterben, aber hoffentlich nicht so bald.

Screenshot True Blood 7: Sookie kriegt mal wieder alles ab.

Screenshot True Blood 7: Sookie kriegt mal wieder alles ab.

Denn die Höhepunkte der Folgen drei bis fünf sind zu weiten Teilen dem Team Pam-Eric zu verdanken – die beiden arbeiten ihre gemeinsame Vergangenheit auf. In True Blood waren Zeitsprünge auch vorher schon beliebt, jetzt wird dieses Mittel ziemlich exzessiv genutzt, damit Eric noch im Spiel bleibt, aber das verzeihen alle Eric-Fans natürlich gern. Und Kristin Bauer van Straten als Pam ist natürlich auch klasse – sie ist ihrem Macher durchaus ebenbürtig. Und gibt es herrliche Ausflüge in die 80er und 90er Jahre – der Eric der 80er Jahre lebt natürlich wie Gott in Frankreich und trotzt dort auch der Autorität, in dem er bei seiner süßen französischen Freundin bleiben will, statt in das True-Blood-Business einzusteigen. Aber auch die lesbische Pam scheint dort auf ihre Kosten zu kommen. Eric macht sich sehr gut als Alain Delon, muss aber am Ende die süße Freundin für Pam opfern.

Screenshot True Blood 7: Ginger kennt sich erstaunlich gut aus mit Vampirfilmen...

Screenshot True Blood 7: Ginger kennt sich erstaunlich gut aus mit Vampirfilmen…


In der Folge darauf erfahren wir, wie das Fangtasia entstanden ist – es war eine Videothek, die Pam und Eric übernehmen müssen. Eric wird in Shreveport zum Sheriff ernannt – die Autorität traut dem alten Schweden nicht und will ihn an der kurzen Leine halten. Eric und Pam als Videotheken-Betreiber – ebenfalls totkomisch! Die Idee fürs Fangtasia klaut Pam allerdings von ihrem Groupie Ginger, einer Auskennerin in Sachen Vampirfilm, die für die Tagesschicht angeheuert wird. Eric nimmt Pams spätes Geständnis, dass Ginger und nicht sie das Fangtasia erfunden hat, mit einem wohlwollenden Grinsen entgegen – er ist augenscheinlich stolz auf sein durchtriebenes Geschöpf.

Screenshot True Blood 7: Endlich wieder vereint - Eric, Sookie und Bill.

Screenshot True Blood 7: Endlich wieder vereint – Eric, Sookie und Bill.

Von Sookie und Bill gibt es leider nicht so viel Lustiges zu berichten, aber die beiden hatten bekanntlich schon immer eine schwierige Beziehung. Es gibt auch einige Ausflüge in Bills Vergangenheit als Südstaaten-Offizier – einer davon ist namensgebend für die 5. Folge Lost Cause – Bill galt nämlich als Verräter, weil er fand, dass seine Seite für eine verlorene Sache kämpfte. Entsprechend sehen wir auch einen Bill, der schwarzen Sklaven und ihren weißen Freunden bei der Flucht hilft. Und irgendwie ist er ja noch immer so drauf, zumindest jetzt wieder, nach seiner Exkursion in die Allmächtigkeit. Jetzt ist er wieder so normal, dass er nicht mal mehr Sookies Gedanken lesen kann – er war am Ende der 6. Staffel so leer getrunken, dass Sookies Blut nicht mehr wirkt. Das findet Sookie gut, hält sie aber nicht davon ab, sich Bill gleich wieder als Mittagessen vor der großen Schlacht anzubieten – denn er braucht ja Energie, wenn er ihr helfen soll. Und Bill ist natürlich vernünftig und beißt zu.

Screenshot True Blood 7: Bill isst vernünftig.

Screenshot True Blood 7: Bill isst vernünftig.

Ein ähnliches Dilemma durchlebt Jessica, die noch immer von Schuldgefühlen zerfressen wird, weil sie Adilyns drei Feenschwestern leergetrunken hat. Aber sowohl Sookie, als auch Lafayette – der natürlich auch wieder in Hochform ist und gleich was mit Jessicas Vampirfreud anfängt, was Jessica natürlich gar nicht lustig findet, und schließlich Andy, der gar nicht mehr idiotische Sheriff, der sich inzwischen zu zupackenden Pragmatiker gemausert hat, überreden Jessica, endlich wieder ein bisschen Blut zu trinken, damit sie einsatzfähig ist. Denn für den Kampf mit dem Bösen, da braucht es jede Kraft, und gutwillige Halbböse sind total willkommen. Am Ende geht auch der Kampf im Fangtasia gerade so gut aus – mit zahlreichen Opfern natürlich, aber hauptsächlich auf der Hep-V-Seite.

Screenshot True Blood 7: Lafayette kümmert sich um Jessicas Vampirfreund. Oder umgekehrt.

Screenshot True Blood 7: Lafayette kümmert sich um Jessicas Vampirfreund. Oder umgekehrt.

In Lost Cause wird dann eine Art Beerdigungs- und Gedenk-Party in Sookies Haus gefeiert, die einen großen Teil der Handlung einnimmt – dieses Kleine-Gemeinden-Ding mit von wegen alle müssen zusammen halten hat für mich als Stadtbewohner schon etwas Befremdliches, das mich gleichzeitig fasziniert. Es ist ein bisschen so wie in dem Dorf meiner Großeltern, die aus einem wirklich kleinen Ort kamen, wo auch jeder jeden kannte und eine Beerdigung war dann eine Feier, bei der buchstäblich das ganze Dorf zusammen kam. Und nachdem dann alle am Grab ordentlich getrauert hatten, ging es zum Leichenschmaus – und dort gab es dann natürlich keine Leichen, aber Trösterwecken, ein sehr leckeres Hefegebäck, das ich als Kind geliebt habe. Daran habe ich mich dann immer überfressen. Dazu gab es Kaffee und später Schnaps und Bier für die Erwachsenen. Und irgendwann war es gar nicht mehr traurig. Genau das ist ja auch Sinn und Zweck einer Trauerfeier – dass sich die Lebenden darauf besinnen, dass sie noch am Leben sind.

Screenshot True Blood 7: Pam und Eric besichtigen die Videothek, die sie übernehmen.

Screenshot True Blood 7: Pam und Eric besichtigen die Videothek, die sie übernehmen.

Aber das Beerdigungs-Thema ist ja ohnehin eine Spezialität von Alan Ball, der True Blood überhaupt erfunden hat. Ich muss zugeben, dass ich mich erst für True Blood zu interessieren begann, als ich las, dass die Idee dazu von Alan Ball kam. Ball ist ja auch Erfinder der genialen Serie Six Feet Under (Gestorben wird immer), die ich absolut großartig finde. Six Feet Under ist allerdings eine realistische Familienserie ohne Fantasy-Elemente, aber mit durchaus skurrilem Humor, weshalb ich neugierig war, was dabei heraus kommt, wenn es Richtung Fantasy geht. Das muss ja nicht gut sein. Ist es oft auch nicht. Aber im Falle von True Blood sind die Realitätsbezüge unübersehbar – und genau das gibt dieser Serie auch den speziellen Kick – sie ist halt Satire.

Screenshot True Blood 7: Pam und Eric auf einer Republikaner-Party in Dallas.

Screenshot True Blood 7: Pam und Eric auf einer Republikaner-Party in Dallas.

Und deshalb wirft man sich vor Lachen auch weg, wenn Pam und Eric angemessen gekleidet in Dallas auf einer Republikaner-Party erscheinen – natürlich nur, um eine längst fällige Rechnung zu begleichen. Ja, die beiden können auch Arschlöcher sein, genau wie alle anderen dort. Und natürlich kann selbst Laura Bush der verlogenen Schlampe Sarah Newlin nicht helfen – statt dessen macht Eric noch die Yakuza-Truppe platt, die ebenfalls hinter ihr her ist. Ja, das ist True Blood, wie ich es liebe. Und jetzt finde ich total schade, dass es in fünf Folgen schon wieder vorbei sein wird!

Bleibt sich treu: The Bridge America 2

Der Serien-Sommer geht weiter, und während ich mich langsam auch wieder in True Blood einsehe – es ist tatsächlich nur der erste Teil so schlimm, weil zum Beginn der neuen Staffel erst einmal das hässliche und unvollständige Ende der sechsten Staffel noch vollstreckt werden muss, bevor es dann mit Elan wieder in die Vollen gehen kann – gibt es durchaus noch weitere Highlights. Inzwischen wird nämlich die zweite Staffel von The Bridge America ausgestrahlt, und den Auftakt zur neuen Staffel fand ich absolut gelungen – ich war gleich wieder drin und bin jetzt sehr gespannt darauf, wie es weiter geht. Genau so soll es sein!

Screenshot The Bridge America 2, via foxchannel.de

Screenshot The Bridge America 2, via foxchannel.de

Während ich mit der zweiten Staffel von der Original-Brücke wie schon geschrieben sehr unzufrieden war, weil ich die Geschichte alles in allem reichlich konfus fand und die vielen Wendungen nicht unbedingt logisch waren und eindeutig nur dazu dienten, die Zuschauer irgendwie bei der Stange zu halten, verspricht die zweite Staffel des Remakes richtig gut zu werden.

Dem Original fehlte in der Fortsetzung der Tiefgang und die komplexe Entwicklung der verschiedenen Figuren, die die erste Staffel spannend gemacht hatten – der engagierte Sozialarbeiter, der zum Mörder wird, der karriere- und rauschmittelsüchtige Journalist, der sich zum Werkzeug des Erpressers machen lässt – da gab es eine ganze Reihe von interessanten Figuren, die die Handlung vorangetrieben haben, so dass die Macken der Ermittler Saga Norén und Martin Rohde originelles Beiwerk waren und nicht im Vordergrund standen, was mir bei der Fortsetzung zunehmen auf die Nerven ging. Zwar fand ich die Entwicklung der beiden und ihrer Beziehung, oder im Falle von Saga muss man ja eher ihrer intensiven Nicht-Beziehung sagen, auch in der zweiten Staffel durchaus noch interessant, aber das hat die Geschichte nicht gerettet. Im Gegenteil fiel mir dadurch erst auf, wie dünn und gezwungen der Rest war.

Hier hat The Bridge America den unschlagbaren Vorteil, dass das Remake an der sehr viel spannenderen Grenze zwischen den USA und Mexiko spielt. Die Lebensverhältnisse in diesen beiden Ländern sind so krass verschieden, dass es sehr viel weniger Psychogedöns braucht, um das zum Teil sehr ambivalente Verhalten der Charaktere zu erklären. Natürlich hat Marco Ruiz ganz andere Probleme als Sonya Cross. Und anders als Martin Rohde, der aus Trauer über den Verlust seines Sohnes quasi arbeitsunfähig wird und von den verständnisvollen Dänen auf einen ruhigen Schreibtischjob abgeschoben wird, kämpft Marco erst recht an vorderster Front weiter – in einem schwer bewaffneten Einsatzkommando der mexikanischen Polizei. Und gleich beim ersten Einsatz wird auch gezeigt, dass er vor allem Feinde in den eigenen Reihen hat: Einer seiner vermummten Kollegen droht, ihn zu erschießen. Marco nimmt Helm und Maske ab, und nur weil es Zeugen gibt, nämlich verängstigte Bewohner der gestürmten Wohnung, schießt der andere nicht.

Sonya dagegen erfährt, dass der Mörder ihrer Schwester im Sterben liegt, im Gefängnis trifft sie seinen Bruder. Mir gefällt zwar nicht, was sich daraus ergibt, aber mal abwarten, wie sich das weiter entwickelt. Auf jeden Fall ist Sonya weiterhin auf der Suche nach einem verschwundenen mexikanischen Mädchen, weshalb sie Marco aufsucht. Sie will ihn dazu bewegen, ihr bei dieser Ermittlung zu helfen – und es würde mich sehr wundern, wenn das nicht noch mit einer ganz schlimmen Geschichte endet. Was mir auch gut gefällt, ist, dass Daniel Frye wieder mit von der Partie ist – hier haben die Macher des Remakes sich eine originellere Figur ausgedacht, als den korrupten Hochglanzjournalisten in der Vorlage.

Dieser schmierige Reporter wird von Matthew Lillard aber auch einfach genial gespielt. Wobei mir auch Emily Rios als seine Kollegin Adriana Mendez sehr gut gefällt. Adriana pendelt zwischen den Welten, ihrer mexikanischen Familie in Ciudad Juárez und ihrer Karriere in den USA. Wie sie Daniel erzählt hat, verdankt sie ihre Karriere vor allem dem Umstand, dass sie Lesbe ist. Denn während die anderen Mädchen hinter den Jungs hergelaufen sind, hat sie sich auf ihre Ausbildung und ihren Job konzentriert. Ihre Familie kommt damit allerdings nicht so gut klar – zwar finden die gut, dass Adriana erfolgreich ist und Geld verdient, aber irgendwann muss sie doch einen Mann finden und Kinder bekommen. Statt dessen kümmert sie sich darum, dass ihr süchtiger Kollege zu seinen Meetings geht und hilft ihm bei der Recherche von haarsträubenden Storys – was für sie natürlich auch gefährlich wird.

Hier haben wir schon einen ganzen Haufen von Konflikten, die alle für sich schon spannender sind, als diese verschwurbelten Ideen von skandinavischen Wohlstandskindern, die zu Ökoterroristen werden müssen, damit die Polizei was zu ermitteln hat. Ich bleibe dabei: The Bridge America ist ein wirklich geniales Remake, das schon in der ersten Staffel eine erstaunliche Eigendynamik entwickelt hat, obwohl es noch relativ dicht an der Vorlage geblieben ist. Die zweite Staffel verspricht nun, etwas ganz eigenes zu werden, ähnlich wie die dritte Staffel von The Killing. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt!

Gutes Fernsehen, schlechtes Fernsehen

Auch in diesem Jahr werden wieder Emmys verliehen – und der Spiegel brachte im Vorfeld folgende Meldung: Das Fernsehen, das wir verdienen
Und prompt muss ich ausrufen: Nee, so isses aber nicht!

Deutschland hat keine gewachsene Filmindustrie die keine Serien im Format von „True Detective“ produzieren kann?! Wenn ein Land in Europa eine gewachsene Filmindustrie hat, dann ja wohl Deutschland! Klar, die Briten haben die auch – und die haben den Vorteil, dass der englischsprachige Markt sehr viel größer ist. Und auch die Franzosen, die Italiener, die Spanier haben ganz großartige Filmleute (und auch einen riesigen Markt), keine Frage – aber Deutschland hat immerhin einen Markt mit etwa 100 Millionen potenziellen Zuschauern, deren Muttersprache Deutsch ist. Und die Kino-Großproduktion wurde ja quasi in Potsdam-Babelsberg erfunden.

Was sollen denn da die anderen sagen, deren heimischer Markt gerade mal 10 oder 5 Millionen Einwohner erreicht?! Die kriegen ja auch bemerkenswerte Serien hin, die Schweden etwa, die nicht nur reihenweise brauchbare Wallander- und Johan-Falk-Filme machen, sondern auch innovative Serien wie Real Humans. Oder die Dänen, die ja noch weniger sind, die kriegen bemerkenswerte Qualitätsserien wie Das Verbrechen oder Borgen zustande – und die Norweger haben neben Varg Veum auch so etwas wie Lilyhammer im Programm. Oder die Israelis, die mit minimalem Budget so ein tiefschürfendes Serien-Erlebnis wie Hatufim drehen. Gute Serien brauchen keine gigantische Filmindustrie, sondern einfach nur gute Ideen und jemand, der den Mumm hat, die umzusetzen, ohne dass dabei allzu viele, die keine Ahnung, aber was zu sagen haben, den Künstlern reinreden können.

Darin sehe ich das eigentliche Problem in Deutschland – die Öffentlich-Rechtlichen machen abseits ihrer Spartenkanäle nur Feiglingfernsehen, das auf möglichst hohe Quoten schielt und sich deshalb an das Niveau der Privaten annähert, deren Businessmodell von vorn herein quotenträchtiges Primitiv-Programm gewesen ist – was konsequent durchgezogen wird. Und wenn ausnahmsweise mal was mit Niveau versucht wird, dann ist das schnell überladen und will zu viel auf einmal – die Öffentlich-Rechtlichen müssen sich einfach mal davon verabschieden, mit jeder Produktion jeden erreichen zu wollen. Auf diese Weise kriegt man nichts Vernünftiges hin. Ich glaube nämlich nicht, dass der deutsche Fernsehzuschauer keine Serienkunst wolle. Es will nur nicht jeder Dominik Graf, genauso wie nicht jeder Rosamunde Pilcher will.

Wobei ich, obwohl ich Dominik Graf will, von „Im Angesicht des Verbrechens“ durchaus enttäuscht war – auch wenn ich diesen Mehrteiler nicht dermaßen schlecht fand. Aber das Ganze war zu pathetisch, zu klischeegetrieben und dafür dann wieder zu humorlos. Man kann sich ja gern in Klischees suhlen – das tun die Macher der Sopranos schließlich auch. Aber die nehmen genau das dann wieder auf die Schippe, in dem etwa der Gangsterboss Tony Soprano heimlich zur Therapie geht. Aber zwischendurch regelt er seine Mafia-Geschäfte mit der nötigen Brutalität. Die Ostmafiosi bei Dominik Graf sind nicht weniger brutal – aber leider kein bisschen lustig.

Wobei es nicht der Humormangel allein ist – Das Verbrechen, Die Brücke oder auch Borgen sind ja ebenfalls völlig humorfrei, entwickeln aber trotzdem einen erstaunlichen Sog, weil die Geschichten einfach gut sind und man merkt, dass es hier eben nicht darum geht, jedem etwas zu bieten, sondern dass einfach eine Linie durchgezogen wird, die einem entweder gefallen kann oder eben auch nicht – aber wenn sie einem gefällt, für entsprechende Begeisterung sorgt. Das vermisse ich an den zeitgenössischen deutschen Produktionen. Es gibt keine künstlerische Handschrift mehr wie die eines Rainer Werner Fassbinder, eines Edgar Reitz, oder auch auch eines Wolfgang Menge. Ja, es gibt einige Sachen von Dominik Graf, die ich gut finde, aber die neueren Filme sind mir eigentlich alle zu martialisch und Im Angesicht des Verbrechens ist halt auch kein Meisterwerk – wobei es mit dem getätigten Einsatz durchaus hätte eins werden können. Aber entweder hätte man ein paar Sachen weglassen müssen oder halt noch deutlich dicker auftragen, je nachdem, welche Zielgruppe man lieber ansprechen möchte. Aber für die einen wars zu hart, für die anderen nicht hart genug. Genau diese Art von faulen Kompromissen sorgt dafür, dass die Zuschauer hinterher alle irgendwie nicht zufrieden sind und die Quoten erst recht sinken.

Die deutsche Serienmacher müssen sich endlich mal wieder trauen, ein paar Millionen weniger zu begeistern, die dann aber nicht genug kriegen können, als mit ihrem Kompromiss-Mischmasch eine latent unzufriedene Masse zu versorgen, die, sobald sie die technischen Möglichkeiten entdeckt, ihren Stoff dann halt aus dem Internet bezieht. Es ist nämlich nicht so, dass die Leute schlechtes Fernsehen wollen – sie kriegen nur nichts anderes. Und wenn man besseres Fernsehen machen will, sollte man nicht, wie weiter oben schon angedeutet, nur auf den US-Markt und die Emmy-Nominierungen schielen, es gibt auf der ganzen Welt gutes und schlechtes Fernsehen – und wenn man sich anschaut, wie gutes Fernsehen geht, kann man feststellen, dass das überhaupt nicht teuer sein muss.

Murder in the First – Ermittler mit Privatleben

Immer, wenn ich halbwegs brauchbare Serien sehe, wird mir wieder schmerzlich bewusst, wie unerreichbar richtig gute Serien sind – und vor allem, wie wenig es doch davon gibt! Wie unfassbar weit ist in Sachen Verbrechen doch Breaking Bad von allem, was bisher danach gekommen ist, entfernt! Immerhin zeigte True Detective, dass es möglich ist, auch nach Breaking Bad einen neuen, besonderen Ton zu finden. Ja, True Detective geht okay, aber diese Mini-Serie mit ihren sechs faszinierenden, aber leider viel zu wenigen Teilen liegt eben auch meilenweit über dem sonstigen Niveau. Und das ist sehr schade.

Deshalb war ich auch auf den neuen Ein-Fall-Mehrteiler Murder in the First gespannt. Ein-Fall-Mehrteiler haben ja durchaus Potenzial, siehe auch Kommissarin Lund und so weiter – außerdem spielt dieser Ein-Fall-Mehrteiler in San Francisco, weshalb es bei mir durchaus einen Interessebonus gab, auch wenn San Francisco weder in Skandinavien, noch in Reichweite der mexikanischen Grenze liegt. Aber wegen seiner abschüssigen Straßen eignet es sich bekanntlich ganz hervorragend für dramatische Autojagden und dann diese altmodischen Straßenbahnen! Und ja, der Blick über die Bucht und die Golden Gate Bridge und und und. Und Kathleen Robertson nicht zu vergessen, die ich als Kitty O’Neill grandios fand, die in Boss eine abgefeimte Beraterin des skrupellosen Chicagoer Bürgermeisters war.

Screenshot Murder in the First - mit dieser Leiche beginnt der Fall

Screenshot Murder in the First – mit dieser Leiche beginnt der Fall

Die Detectives Terry English (Taye Diggs) und Hildy Mulligan (Kathleen Robertson) untersuchen im Verlauf der kompletten ersten Staffel den Mord an einem offenbar drogenabhängigen Mann. Dabei stoßen sie auf eine überraschende Verbindung des Opfers zum Silicon-Valley-Wunderkind Erich Blunt (Tom Felton). Denn San Francisco ist ja nebenbei auch die Hauptstadt des Internets – das wurde ironischerweise ja mit großzügiger Unterstützung des US-Verteidigungsministeriums eben dort von jenen Nerds entwickelt, die sich für Hippies hielten, weil sie keinen Bock auf Uni, aber dafür auf LSD, obskure Apfeldiäten und ähnliches hatten. Aber das mit dem großen Geld haben Steve Jobs (Gott hab ihn selig) und Co. dann noch ganz gut hingekriegt.

Screenshot Murder in the First - Detective Terry English (Taye Diggs)

Screenshot Murder in the First – Detective Terry English (Taye Diggs)

Aber der junge und sehr blonde Erich ist kein kiffender Freak, der nebenbei ein Händchen für Computer hat, auch wenn er sich sehr unkonventionell gibt und nicht mal über ein eigenes Büro verfügt. Sondern er ist ein knallharter CEO einer erfolgreichen High-Tech-Firma, die irgendwas mit virtuellen Realitäten in 3D macht. Er hat zwar keinen Eichenholzschreibtisch, aber einen eigenen Jet, und statt einer Vorzimmerdame hat er eine persönliche Flugbegleiterin. Diese dient ihm aufopferungsvoll als Mädchen für alles, wird aber später nach einem Streit mit ihrem Chef blöderweise auch noch tot aufgefunden.

Derlei Unpässlichkeiten kommen für Blunt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, er will nämlich endlich richtig Geld verdienen und seine Firma an die Börse bringen. Außerdem wird er von einem Programmierer verklagt, der ihm vorwirft, Erich habe den Code für ein revolutionäres Hologramm-System geklaut – aber diesen Wicht faltet einer wie Blunt ja mit allein schon mit dem ungnädigen Blick aus stahlblauen Augen zusammen. Die Frage ist nur: Was hat so ein erfolgreicher Macher mit einem toten, bereits in die Jahre gekommenen Junkie zu tun?

Screenshot Murder in the First - Silicon-Valley-Wunderkind Erich Blunt (Tom Felton)

Screenshot Murder in the First – Silicon-Valley-Wunderkind Erich Blunt (Tom Felton)

Neben Terry und Hildy gibt es bei der SFPD noch den eher philosophisch veranlagten David Molk (der allerdings kein Rustin Cohle ist) und Lt. Jim Koto (Ian Anthony Dale), der mir irgendwie bekannt vor kommt, aber ich habe auch nach intensiveren Recherchen noch nicht heraus finden können, warum. Was mich bei den beiden ersten Teilen ziemlich gestört hat, ist, dass die Polizei-Arbeit ziemlich kurz kommt, als Fan von echten Polizei-Serien wie The Wire, Kommissarin Lund, Die Brücke (sowie deren US-Remakes) oder eben True Detective, kann ich das kompetent bemängeln. Breiten Raum nimmt stattdessen das jeweilige Privatleben von Terry und Hildy ein – das ist in anderen Serien auch so, aber hier finde ich es doch von Anfang an ziemlich dick aufgetragen.

Screenshot Murder in the First - Detective Hildy Mulligan (Kathleen Robertson)

Screenshot Murder in the First – Detective Hildy Mulligan (Kathleen Robertson)

Hildy ist eine alleinerziehende Mutter einer aufgeweckten Tochter (Mimi Kirkland). Alleinerziehend und Polizeidienst – das geht eigentlich nicht, das wissen wir ja schon von Sarah Lund/Sarah Linden. Aber irgendwie gibt es ja noch den geschiedenen Ex, bei dem sich das Kind offenbar parken lässt, wenn Mama abends nach dem Job noch investigative Dates hat. Auf mich wirkt Hildy als blondes Gift, das gleichzeitig die Rollen als Spitzenermittlerin und alleinerziehende Mutter auszufüllen hat, noch unglaubwürdiger als Charlotte Lindholm aus unseren Hannover-Tatorts – und das heißt einiges!

Screenshot Murder in the First - Hildy und Terry

Screenshot Murder in the First – Hildy und Terry

Bei Terry bin ich mir noch nicht so sicher – ich muss noch einmal in mich gehen und kritisch prüfen, ob nicht männliche, schwarze Spitzenermittler bei mir einen ungerechten Genderbonus bekommen, weil ich nun mal eine Frau bin (weiß, mittelblond, alleinerziehend, keine Spitzenermittlerin, aber durchaus berufstätig und Spitzenkritikerin). Aber Iris Elba als DCI Luther, den fand ich auch verdammt gut, trotz privater Probleme. Okay, ich werde das überprüfen. Bis dahin weiter im Text: Terrys Frau liegt im Sterben, das ist ja auch keine leichte Situation, sie hat Krebs und will zuhause in vertrauter Umgebung sterben. Und verständlicherweise fällt es Terry schwer, ihr beim Sterben zuzusehen, also arbeitet er lieber, auch wenn er weiß, dass er lieber zuhause sein sollte, denn wenn Emily erst tot ist, ist es für immer zu spät. Insofern also für alle Beteiligten kein einfaches Leben. Andererseits ist das alles aus nicht so richtig schlecht – mal sehen, was noch wird, ein paar Teile davon sehe ich mir auf jeden Fall noch an…

Screenshot Murder in the First - Hildy und Terry

Screenshot Murder in the First – Hildy und Terry. Okay, die beiden arbeiten doch eine ganze Menge…

Fernsehen: Zuschauer werden zu Terroristen

Der Focus ist ja sozusagen das RTL unter den Nachrichten-Magazinen, nichts destotrotz muss man da immer mal wieder vorbei schauen. Denn es gibt ab und zu ja doch interessante Sachen, etwa diese Umfrage über die Zufriedenheit mit den deutschen Fernsehsendern. Natürlich ist die auch ziemlich aggressiv getitelt: „Einfach katastrophal: Zwei Drittel der ARD-Zuschauer sind unzufrieden“ und Kategorien wie „Fan“, „Sympathisant“, „Söldner“, „Gefangener“ oder „Terrorist“ sprechen für sich. Aber schön für mich, dann hab ich auch Stoff für einen reißerischen Titel – et voilà.

Als Söldner wird jemand bezeichnet, der sofort den Sender wechseln würde, wenn ihm denn ein besseres Programm geboten würde (das es aber offenbar wo anders auch nicht gibt), ein Gefangener ist einer, der das auch tun würde, aber nicht kann (auch interessant, gibt es so viele Leute, bei denen die Fernbedienung kaputt ist?) und Terroristen ärgern sich nicht nur über das schlechte Programm, sondern schimpfen auch noch laut darüber. Weitere Erklärungen in der Grafik:

Grafik: focus.de

Anteil der verschiednen Zuschauer-Gruppen.
Grafik: focus.de

arte ist übrigens der Sender mit den meisten Fans und den wenigsten Terroristen, die ARD hat die wenigsten Fans und die meisten Terroristen. Und nur bei arte und 3sat gibt es mehr Fans als Terroristen, sonst ist das Verhältnis umgekehrt. Auch wenn man nicht weiß, wie Fanfocus gefragt hat („Sind Sie etwa auch so unzufrieden mit dem aktuellen Fernsehprogramm?“ – „nee, eigentlich nicht, denn ich sehe arte!“ oder „Finden Sie nicht auch, dass sich die Rundfunkpauschale bei dem Programm gar nicht mehr lohnt?“ – „Stimmt, die Tagesschau ist inzwischen so schlecht wie der Tatort danach!“) müssen die Fernsehsender wohl mal über ihre künftige Programmgestaltung nachdenken. In Zeiten von Internet und immer zahlreicheren Video-on-Demand-Diensten, bei denen man sich sein Programm selbst gestalten kann, ist eigentlich niemand mehr gezwungen, sich schlechtes Fernsehen anzutun. Notfalls kann man auch sinnfreie Videoclips auf Youtube ansehen oder sich einfach vom Nachrichtenstrom in seinem asozialen Lieblingsnetzwerk davon tragen lassen – die Zeit kriegt man auch ohne Fernsehen rum.

Sofern man einen brauchbaren Breitbandanschluss an das Netz der Netze hat, versteht sich. Ich glaube ich kapiere doch, wie die Gefangenen zustande kommen…

Grafik: focus.de

Grafik: focus.de
Verteilung der Zuschauer-Gruppen nach Sendern.

Die deutsche Serie muss sich halt selbst befreien!

Interessantes Interview mit dem Produzent Oliver Berben auf DWDL. Der Mann hat ja recht: Hierzulande werden die Spitzenprodukte der US-Serien-Produktion gefeiert, aber die haben da drüben natürlich auch eine Menge Schrott im Fernsehen. Und wer in den USA keine teuren Pay-TV-Angebote abonniert, bekommt sowieso nur Schrott – ich kann mich erinnern, wie ich Mitte der 80er Jahre bei einem Nordamerika-Aufenthalt versucht habe, mit meiner Gastgeber-Familie den damals brandneuen Film Death of a Salesman anzusehen. Wir haben irgendwann entnervt aufgeben, weil der Film in unzählige Häppchen zerteilt wurde, die von unendlich langen Werbeblocks unterbrochen wurden. So kann man keiner Handlung folgen und sich schon gar nicht auf ein Kunstwerk einlassen, was ein guter Film und auch eine gute Serie dann ja sein sollte.

Das kannte ich von den Öffentlich-Rechtlichen nicht – und ich weigere mich bis heute, mir irgendwas bei den Privaten anzusehen, weil ich einfach einen Nervenzusammenbruch kriege, wenn die Werbeunterbrechung kommt. Es gab in der Vergangenheit durchaus ein paar wirklich gute deutsche Serien (und ich meine ganz ausdrücklich weder Derrick noch die Schwarzwald-Klinik). Aber aktuell fällt mir nicht eine einzige ein. Und auch Weissensee, die in dem Beitrag erwähnt wird, fand ich ziemlich unterirdisch – es gab zwar ein paar ganz interessante Ansätze für eine brauchbaren Dramaserie, aber die wurden von diesem Rumgehacke auf der DDR, an der posthum offenbar kein einziges gutes Haar gelassen werden darf, komplett zerstört. Es ist halt scheiße, wenn die Figuren nicht ambivalent sind, weil sie diese Ambivalenz nun einmal in sich tragen, wie es bei Breaking Bad ganz grandios herausgearbeitet wird, sondern wenn sie vom bösen System dazu gezwungen werden oder einfach zu blöd sind, wie es bei Weissensee war.

Aber das größte Problem benennt Berben ganz korrekt: Hier muss immer alles auf den Massengeschmack zugerichtet werden, während kleine US-Kabelsender halt auch mal eine Produktion für eine bestimmte Zielgruppe machen, die dann eben extra zahlt, dafür aber auch wirklich was erstklassiges bekommt. Hier wird alles, was keine bestimmte Quote erreicht, einfach platt gemacht – wie etwa die vergleichsweise innovative ZDF-Krimiserie KDD. Wäre ja schön, wenn die deutschen Fernsehmacher sich tatsächlich mal wieder trauen würden, nicht nur Bügelfernsehen zu machen, sondern anspruchsvolle Serien, in der Preisklasse von Heimat, Ein Mann will nach oben, Berlin Alexanderplatz oder meinetwegen auch Der Tatortreiniger oder wenigstens Alpha 0.7 – der Feind in dir. Wofür zahle ich denn meinen Rundfunkbeitrag?! Für diese nervige WM-Gelaber vor und nach den Spielen ganz bestimmt nicht!