Disconnect: Die dunklen Seiten des Internet

Das Internet ist nicht nur wahnsinnig praktisch und mittlerweile allgegenwärtig, sondern auch ein sehr gefährliches Ding, dessen Tentakel weit ins reale Leben reichen – und Disconnect ist ein ziemlich guter Film darüber. In mehreren locker verwobenen Handlungssträngen erzählt der Dokumentarfilmer Henry Alex Rubin seinen ersten Spielfilm, der durch Rubins nüchterne Erzählweise beklemmend realistisch daher kommt: Es geht um Minderjährige, die Internetnutzer per Webcam zum Sex und vor allem zum Geldausgeben verführen, um Cybermobbing, Identitätsdiebstahl und nicht zuletzt um die Schwierigkeit, die virtuelle und die echte Welt da draußen auseinander zu halten.

Die Fernsehjournalistin Nina Dunham (Andrea Riseborough) recherchiert im dunkelgrauen Bereich zwischen Cyberporno, Bezahlsex und Kindesmissbrauch – sie nimmt Kontakt mit dem noch minderjährigen Callboy Kyle (Max Thieriot) auf – sie wird daraus eine brisante Geschichte über Porno-Chatrooms stricken, mit der sie groß rauskommt. Aber als sie Kyle wie versprochen aus dieser Szene heraus holen will, wirft der Junge ihr nicht zu unrecht vor, dass sie diejenige sei, die ihn missbrauchen würde, und nicht der windige Chef des Pornohauses, in dem Kyle mit anderen Jugendlichen lebt, die sein Boss von der Straße geholt hat.

Screenshot Disconnect, USA 2013

Screenshot Disconnect, USA 2013 – Kyle (Max Thieriot)

Gleichzeitig wird der 15jährige Ben (Jonah Bobo) von zwei Mitschülern gemobbt – die beiden finden es witzig, dem introvertierten Musikfreak im Chat ein verliebtes Mädchen vorzugaukeln. Ben freut sich, dass es jemanden gibt, dem seine Musik gefällt, er beginnt mit „Jessica“ zu chatten und verliebt sich in seine virtuelle Chatpartnerin. Als sie Ben ein angebliches Nacktfoto von sich schickt, revanchiert er sich mit einem echten Nacktfoto von sich selbst – damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Und natürlich kapiert Bens Vater – ein Anwalt (Jason Bateman), der sein Smartphone auch während der Mahlzeiten nicht aus der Hand legt, erst als es zu spät ist, dass er nichts über seinen Sohn weiß. Immerhin versucht er das nachzuholen, in dem er mit der Chatfreundin seines Sohnes Kontakt aufnimmt – und bekommt nach und nach heraus, was es mit dieser Freundin auf sich hat. Denn einer der Jungs hat ein schlechtes Gewissen und verrät sich – der Chat zwischen dem Vater und einem der Täter, der seinen Sohn in den Selbstmord getrieben hat, gehört für mich zu den stärksten Szenen im Film.

Screenshot Disconnect, USA 2013

Screenshot Disconnect, USA 2013 – Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Im Chatroom beginnt auch der Alptraum der Hulls – Cindy (Paula Patton) und Derek (Alexander Skarsgård) haben ein Kind verloren. Während der Ex-Marine Derek sich in seine Arbeit vergräbt und im virtuellen Pokersalon das eine oder andere Spiel verliert, sucht und findet Cindy Trost in einem Selbsthilfeforum. Erst als die Konten leer sind und die Kreditkarten nicht mehr funktionieren, reden die beiden wieder miteinander und engagieren den Privatdetektiv Mike Dixon (Frank Grillo), der auf Computerkriminalität spezialisiert ist. Der wiederum ist alleinerziehender Vater von Jason, einem der beiden Cybermobber, die Ben auf dem Gewissen haben – auch Mike wird also noch Dinge heraus finden müssen, von denen er lieber nichts gewusst hätte.

Screenhot Disconnect, USA 2013 Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Screenhot Disconnect, USA 2013 – Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Erst ermittelt er allerdings, das der mitfühlende Chatter, dem sich Cindy im Onlineforum anvertraut hat, vermutlich der Datendieb ist. Derek beschließt, sich selbst um diesen Stephen Schumacher (Michael Nyqvist) zu kümmern, weil die Polizei ja eh nichts tut. Gemeinsam mit Cindy späht er Schumacher aus, um Rache zu nehmen – ganz nach alter Schule, in dem er ihm an den Arbeitsplatz folgt und in sein Haus einbricht. Aber am Ende entpuppt sich auch Schumacher als Opfer von Cyberkriminellen.

Man kann dem Film durchaus mangelnde Raffinesse des Plots und Vorhersehbarkeit der Handlung vorwerfen, denn es ist im Grunde bei allen Geschichten klar, worauf sie hinauslaufen – wobei ich das gerade gut finde. Denn es handelt sich nicht um einen klassischen Thriller, sondern um ein nachvollziehbar konstruiertes Psychodrama, das seine Spannung eher aus dem Offensichtlichen bezieht: Dass den meisten Menschen einfach nicht klar ist, dass man es im Internet eben nicht mit dem wahren Leben und realen Menschen, sondern mit virtuellen Identitäten zu tun hat, die vor allem die eigenen Erwartungen spiegeln – man weiß aber nie, wer oder was wirklich dahinter steckt. Und genau wegen dieser Erwartungen und der mangelnden Übereinstimmung mit der Realität schlägt man dann im wahren Leben so hart auf dem Boden der Tatsachen auf.

Screenhot Disconnect, USA 2013  Kyle (Max Thieriot)

Screenhot Disconnect, USA 2013 – Kyle (Max Thieriot)

Natürlich kann man auch im wahren Leben auf Trickbetrüger und Hochstapler hereinfallen – aber im Internet haben diese es sehr viel leichter, schon weil viele Menschen ja ganz wild darauf sind, die ganze Onlinewelt mit jeder Menge Information über sich selbst zu fluten. Insofern ist Disconnect durchaus die Aufforderung, sich mehr um die Kommunikation mit seinen realen Mitmenschen zu kümmern, als sich in virtuellen Welten herumzutreiben, in deren dunklen Ecken allerlei Gefahren lauern – allerdings bleibt die Moralkeule in der Schublade, was ich auch gut finde. Die Schuldfrage wird weder gestellt, noch beantwortet – es werden einfach Geschichten erzählt, die aus dem Leben bzw. aus dem Internet gegriffen sind.

Screenhot Disconnect, USA 2013 Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Screenhot Disconnect, USA 2013 – Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Es lohnt sich auf jeden Fall, sich diesen Film anzusehen, denn auch wenn man durch den NSA-Skandal und allerlei Datenschutzpannen bei sozialen Netzwerken und Online-Händlern theoretisch weiß, dass es im Internet keine Privatsphäre gibt, wird einem erst beim Ansehen solcher Geschichten wirklich klar, dass es wirklich jeden treffen kann. Dazu kommt, dass hier eine ganze Reihe wirklich guter Schauspieler aufgeboten werden, die ihre Rollen sehr glaubwürdig ausfüllen – mich als Skandinavien-Fan hat natürlich gefreut, dass auch in dieser US-Produktion mit Alexander Skarsgård und Michael Nyqvist eine ordentliche Schwedenquote erreicht wird.

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