Murder in the First – Ermittler mit Privatleben

Immer, wenn ich halbwegs brauchbare Serien sehe, wird mir wieder schmerzlich bewusst, wie unerreichbar richtig gute Serien sind – und vor allem, wie wenig es doch davon gibt! Wie unfassbar weit ist in Sachen Verbrechen doch Breaking Bad von allem, was bisher danach gekommen ist, entfernt! Immerhin zeigte True Detective, dass es möglich ist, auch nach Breaking Bad einen neuen, besonderen Ton zu finden. Ja, True Detective geht okay, aber diese Mini-Serie mit ihren sechs faszinierenden, aber leider viel zu wenigen Teilen liegt eben auch meilenweit über dem sonstigen Niveau. Und das ist sehr schade.

Deshalb war ich auch auf den neuen Ein-Fall-Mehrteiler Murder in the First gespannt. Ein-Fall-Mehrteiler haben ja durchaus Potenzial, siehe auch Kommissarin Lund und so weiter – außerdem spielt dieser Ein-Fall-Mehrteiler in San Francisco, weshalb es bei mir durchaus einen Interessebonus gab, auch wenn San Francisco weder in Skandinavien, noch in Reichweite der mexikanischen Grenze liegt. Aber wegen seiner abschüssigen Straßen eignet es sich bekanntlich ganz hervorragend für dramatische Autojagden und dann diese altmodischen Straßenbahnen! Und ja, der Blick über die Bucht und die Golden Gate Bridge und und und. Und Kathleen Robertson nicht zu vergessen, die ich als Kitty O’Neill grandios fand, die in Boss eine abgefeimte Beraterin des skrupellosen Chicagoer Bürgermeisters war.

Screenshot Murder in the First - mit dieser Leiche beginnt der Fall

Screenshot Murder in the First – mit dieser Leiche beginnt der Fall

Die Detectives Terry English (Taye Diggs) und Hildy Mulligan (Kathleen Robertson) untersuchen im Verlauf der kompletten ersten Staffel den Mord an einem offenbar drogenabhängigen Mann. Dabei stoßen sie auf eine überraschende Verbindung des Opfers zum Silicon-Valley-Wunderkind Erich Blunt (Tom Felton). Denn San Francisco ist ja nebenbei auch die Hauptstadt des Internets – das wurde ironischerweise ja mit großzügiger Unterstützung des US-Verteidigungsministeriums eben dort von jenen Nerds entwickelt, die sich für Hippies hielten, weil sie keinen Bock auf Uni, aber dafür auf LSD, obskure Apfeldiäten und ähnliches hatten. Aber das mit dem großen Geld haben Steve Jobs (Gott hab ihn selig) und Co. dann noch ganz gut hingekriegt.

Screenshot Murder in the First - Detective Terry English (Taye Diggs)

Screenshot Murder in the First – Detective Terry English (Taye Diggs)

Aber der junge und sehr blonde Erich ist kein kiffender Freak, der nebenbei ein Händchen für Computer hat, auch wenn er sich sehr unkonventionell gibt und nicht mal über ein eigenes Büro verfügt. Sondern er ist ein knallharter CEO einer erfolgreichen High-Tech-Firma, die irgendwas mit virtuellen Realitäten in 3D macht. Er hat zwar keinen Eichenholzschreibtisch, aber einen eigenen Jet, und statt einer Vorzimmerdame hat er eine persönliche Flugbegleiterin. Diese dient ihm aufopferungsvoll als Mädchen für alles, wird aber später nach einem Streit mit ihrem Chef blöderweise auch noch tot aufgefunden.

Derlei Unpässlichkeiten kommen für Blunt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, er will nämlich endlich richtig Geld verdienen und seine Firma an die Börse bringen. Außerdem wird er von einem Programmierer verklagt, der ihm vorwirft, Erich habe den Code für ein revolutionäres Hologramm-System geklaut – aber diesen Wicht faltet einer wie Blunt ja mit allein schon mit dem ungnädigen Blick aus stahlblauen Augen zusammen. Die Frage ist nur: Was hat so ein erfolgreicher Macher mit einem toten, bereits in die Jahre gekommenen Junkie zu tun?

Screenshot Murder in the First - Silicon-Valley-Wunderkind Erich Blunt (Tom Felton)

Screenshot Murder in the First – Silicon-Valley-Wunderkind Erich Blunt (Tom Felton)

Neben Terry und Hildy gibt es bei der SFPD noch den eher philosophisch veranlagten David Molk (der allerdings kein Rustin Cohle ist) und Lt. Jim Koto (Ian Anthony Dale), der mir irgendwie bekannt vor kommt, aber ich habe auch nach intensiveren Recherchen noch nicht heraus finden können, warum. Was mich bei den beiden ersten Teilen ziemlich gestört hat, ist, dass die Polizei-Arbeit ziemlich kurz kommt, als Fan von echten Polizei-Serien wie The Wire, Kommissarin Lund, Die Brücke (sowie deren US-Remakes) oder eben True Detective, kann ich das kompetent bemängeln. Breiten Raum nimmt stattdessen das jeweilige Privatleben von Terry und Hildy ein – das ist in anderen Serien auch so, aber hier finde ich es doch von Anfang an ziemlich dick aufgetragen.

Screenshot Murder in the First - Detective Hildy Mulligan (Kathleen Robertson)

Screenshot Murder in the First – Detective Hildy Mulligan (Kathleen Robertson)

Hildy ist eine alleinerziehende Mutter einer aufgeweckten Tochter (Mimi Kirkland). Alleinerziehend und Polizeidienst – das geht eigentlich nicht, das wissen wir ja schon von Sarah Lund/Sarah Linden. Aber irgendwie gibt es ja noch den geschiedenen Ex, bei dem sich das Kind offenbar parken lässt, wenn Mama abends nach dem Job noch investigative Dates hat. Auf mich wirkt Hildy als blondes Gift, das gleichzeitig die Rollen als Spitzenermittlerin und alleinerziehende Mutter auszufüllen hat, noch unglaubwürdiger als Charlotte Lindholm aus unseren Hannover-Tatorts – und das heißt einiges!

Screenshot Murder in the First - Hildy und Terry

Screenshot Murder in the First – Hildy und Terry

Bei Terry bin ich mir noch nicht so sicher – ich muss noch einmal in mich gehen und kritisch prüfen, ob nicht männliche, schwarze Spitzenermittler bei mir einen ungerechten Genderbonus bekommen, weil ich nun mal eine Frau bin (weiß, mittelblond, alleinerziehend, keine Spitzenermittlerin, aber durchaus berufstätig und Spitzenkritikerin). Aber Iris Elba als DCI Luther, den fand ich auch verdammt gut, trotz privater Probleme. Okay, ich werde das überprüfen. Bis dahin weiter im Text: Terrys Frau liegt im Sterben, das ist ja auch keine leichte Situation, sie hat Krebs und will zuhause in vertrauter Umgebung sterben. Und verständlicherweise fällt es Terry schwer, ihr beim Sterben zuzusehen, also arbeitet er lieber, auch wenn er weiß, dass er lieber zuhause sein sollte, denn wenn Emily erst tot ist, ist es für immer zu spät. Insofern also für alle Beteiligten kein einfaches Leben. Andererseits ist das alles aus nicht so richtig schlecht – mal sehen, was noch wird, ein paar Teile davon sehe ich mir auf jeden Fall noch an…

Screenshot Murder in the First - Hildy und Terry

Screenshot Murder in the First – Hildy und Terry. Okay, die beiden arbeiten doch eine ganze Menge…

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Ein Gedanke zu „Murder in the First – Ermittler mit Privatleben

  1. Werde ich mir ansehen, jedoch der Hype um BB ist für mich nicht nachvollziehbar. Die erste Staffel war sehr, sehr öde. Wurde mir sogar von Fans der Serie im Bekanntenkreis bestätigt. Story gut, aber keine Spannung. Wenn man dagegen The Shield oder Dexter schaut, am besten parallel, sieht man dies ganz deutlich.

    True Detective ist auch nicht sehr spannend, da man ja ab Beginn weiß, dass alle überleben. Ansonsten plätschert es so dahin bis Folge 05…

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