Ein Land mit freien Medien braucht keine Zensur

Mit dem Fernsehen ist es wie mit dem Internet: Eigentlich ist es ein wunderbares Werkszeug, um Wissen zu vermitteln, mehr Bildung und Kultur zu verbreiten, Menschen Zugang zu schaffen, zu Welten, in die sie sonst nicht vordringen könnten. Tatsächlich ist oft das Gegenteil festzustellen: Fernsehen bedient primitivste Instinkte, macht dumm und hilft einem die Zeit totzuschlagen, weil man auch sonst nichts Sinnvolles mehr zu tun hat. Warum sonst ziehen sich sieben bis acht Millionen Menschen regelmäßig abends voyeuristische Ekel-Shows wie das Dschungelcamp rein? Und das völlig freiwillig? Okay, weil man dort mit entsprechendem Vorwissen und der Bereitschaft, unfreiwillige (meist verbale) Selbstentblößungen der oft ehemaligen Stars als ironische Brechung wahrzunehmen auch als Akademiker noch auf seine Kosten kommen kann. Wem das zu subtil ist, dem bleibt Schadenfreude und die Gewissheit, auch morgen wieder mitreden zu können.

Immerhin: Wenn es zu schlimm wird, muckt das noch nicht völlig abgestumpfte Publikum auf, wie es seit einigen Monaten bei der Berichterstattung über die Krise, äh, den Krieg in der Ukraine der Fall ist. Denn die Menschen sehen sich auch Nachrichtensendungen an, um mitreden zu können. Wenn hier das Niveau bedenklich sinkt, kommt es immerhin noch zu Protesten. Auch wenn sich die Verantwortlichen daraufhin nur bedingt selbstkritisch zeigen und lieber darauf verweisen, dass die einschlägigen Foren von aus Moskau gesteuerten Trollen geflutet würden. Ist das denn die Möglichkeit?! Ein paar Dutzend Forenschreiber, die angeblich von der russischen Regierung bezahlt werden, sollen einen größeren Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland haben als sämtliche deutschen Qualitätsmedien zusammen?!

Wenn das zuträfe, müssten man das vollständige Versagen unserer Medien in Sachen Meinungsbildung konstatieren. Tatsächlich muss man den deutschen Medien aber zugestehen, dass sie immerhin nicht verhindern konnten, dass die Bundesbürger noch ein gewisses Gespür für den Wahrheitsgehalt in der täglichen Propaganda gewahrt haben. Genau wie die Menschen während des zweiten Weltkriegs zumindest ahnen konnten, dass je schriller die Siegesmeldungen und später die Durchhalteparole im Radio klangen, die tatsächliche Lage für das dritte Reich tatsächlich immer hoffnungsloser wurde. Und auch die staatlichen Medien in der DDR konnten nicht verhindern, dass die Leute auf die Segnungen des real existierenden Sozialismus zugunsten des verheißungsvollen Kapitalismus samt glänzender D-Mark gepfiffen haben: Wenn Propaganda als solche erkannt wird, dann geben die Leute nicht mehr viel auf das, was der Staat sagt. Vor allem, wenn die alltägliche Erfahrung ständig das Gegenteil beweist.

Mit der staatlichen Propaganda ist es also gar nicht so einfach – zumal es in Deutschland gar keine staatlich gelenkte Propaganda in den Massenmedien gibt, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Warum sage ich dann trotzdem „Propaganda“? Weil es ja offensichtlich eine bestimmte Meinung gibt, die hergestellt werden soll – und darin sind sich die Medienmacher auch einig, denn sie sind Bestandteil der ganzen Veranstaltung Staat und Gesellschaft, die eben nicht vom Volk, also von den Menschen wie du und ich, sondern von bestimmten Interessengruppen veranstaltet wird – ohne dass sich die Leute darüber im Klaren wären. Unsere Medien geben sich ja immer wieder auch kritisch und decken Skandale und Missstände auf, und natürlich kommen Vertreter mit unterschiedlichen Meinungen zu diesem und jenem zu Wort. Aber wenn man Tagesschau, heute jourmal, den Spiegel, den Süddeutsche, die FAZ und die ganzen Springerbätter sowieso mal genauer anschaut: Sie schreiben alle genau das, was sie dem Großen und Ganzen, also dem Standort Deutschland und allem was dazu gehört, zuträglich halten. Das ist aber nicht immer das, was sie berichten müssten, wenn sie ihren angeblichen Job unabhängige und objektive Information der Bürger ausüben würden.

Diese Diskrepanz fällt meistens gar nicht auf, aber ab und zu ist sie dann doch so offensichtlich, dass auch sonst weniger aufmerksame Bürger plötzlich misstrauisch werden: Wenn sogar Institutionen wie die Tagesschau ungeprüft Behauptungen übernehmen, von denen sich später ganz klar beweisen lässt, dass es für diese Behauptung eben keine Beweise gab, werden die Zuschauer völlig zu recht sauer. Schließlich zahlen wir alle unsere Zwangspauschale, damit wir vernünftig recherchierte und richtige Informationen bekommen, anstatt zufällig zusammengepusselte Falschmeldungen. Wenn inzwischen Analysen von seriösen westlichen Institutionen wie dem Council on Foreign Affairs zu dem Schluss kommen, dass der Westen den Bürgerkrieg in der Ukraine provoziert und eskaliert hat, während sämtliche Leitmedien in Deutschland noch das Gegenteil behaupten, dann muss man einfach mal konstatieren, dass es keine unabhängige Presse und keine objektive Berichterstattung in den deutschen Massenmedien gibt. Wie Peter Hacks vor 25 Jahren sagte: Ein Land mit freien Medien braucht keine Zensur.

Ich weiß, wie schwierig es ist, die wirklich wichtigen Nachrichten aus der Flut der einströmenden Meldungen heraus zu filtern und angemessen aufzubereiten. Ich arbeite selbst in einer Redaktion: Der ewige Zeitdruck, die knappen Ressourcen, für gründliche Recherchen braucht es Ruhe und Zeit, ständig muss man sich fragen: wieviel Aufwand muss man hier und kann man dort investieren? Kann ich mich auf die Quelle verlassen oder ist das eine Falschmeldung? Aber wenn das nicht einmal die mit öffentlichen Mitteln vergleichsweise komfortabel ausgestatteten Redaktionen von ARD und ZDF auf die Reihe kriegen – wer soll es denn sonst tun?! Besonders peinlich übrigens der Hinweis „Quelle: Internet“, den ich schon mehrfach in der Tagesschau sehen musste: So kann man es auch sein lassen! Man schreibt ja auch nicht „Quelle: Bibliothek“, sondern verrät zumindest um welches Buch es sich handelt! Obwohl sich inzwischen ja herausgestellt hat, dass auch prominente Politiker bei ihren Doktor-Arbeiten nicht mehr gewusst haben, wie das mit den korrekten Quellenangaben geht. Und das sind die Leute, die uns regieren…

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Emmy-Inflation: Was trotzdem fehlte

Ach ja, Anfang der Woche gab es einmal mehr die Emmy-Awards. Und wieder keine Überraschungen. Und obwohl ich absolut der Meinung bin, dass Breaking Bad die derzeit beste Serie überhaupt ist – und die einzige, die ihr Niveau über sämtliche fünf Staffeln nicht nur gehalten, sondern zum Finale hin noch gesteigert hat – wird es langsam doch ein bisschen langweilig, dass es immer noch und noch und noch einen Emmy für Breaking Bad gibt. Wobei natürlich alle hochverdient – Bryan Cranston war als Walter White absolut grandios, genau wie Aaron Paul als Jesse Pinkman und Anna Gunn als Skyler White. Wobei ich Anna Gunn auch schon in Deadwood super fand.

Ich kapiere allerdings immer weniger, warum welche Serie für welchen Emmy nominiert wird – nicht nur, weil es eine verwirrende Vielzahl an Preisen gibt, sondern auch, weil die Abgrenzung der Genres doch ziemlich willkürlich erscheint: Wann ist eine Serie eine Mini-Serie? Die Unterscheidung Drama/Comedy kann ich ja irgendwie noch nachvollziehen, aber warum gibt es nicht auch eine Rubrik Crime? Dann müssten sich nicht so viele Serien unter „Drama“ drängeln, dass man die dann Richtung Mini-Serie schieben muss, denn Mini-Serie wird ja eh von Crime dominiert (Sherlock, Luther, Fargo…). Wobei ich True Detective in der Logik ja auch eher in der Mini-Serien-Abteilung gesehen hätte, wo ja auch Fargo vertreten ist, die sogar noch zwei Teile mehr hat als True Detective – statt dessen ging diese auch ganz großartige Serie angesichts der übermächtigen Drama-Konkurrenz leider unter. Aber wie gesagt, ich durchschaue das ohnehin nicht – und warum wird bei den herausragenden Schauspielern Film und Mini-Serie zusammengefasst – da gäbe es doch auch genug Stoff für zwei Preise? Auf noch einen mehr käme es doch wirklich nicht an!

Dafür könnte man meinetwegen bei Comedy ein bisschen aufräumen – dass insgesamt doch ziemlich mittelmäßige Serien wie Big Bang Theory oder House of Lies genauso für Emmys antreten (und gewinnen können) wie Breaking Bad, Mad Men, True Detektive oder House of Cards erschließt sich mir nicht. Wobei Comedy-Serien auch nicht mein Ding sind – ich mag Humor lieber anspruchsvoll verpackt. Auch die Sopranos, Breaking Bad oder Mad Men sind streckenweise wirklich witzig, aber dank ihrer interessanten Handlung sehr viel weniger langweilig.

Ja, ich habe Game of Thrones außen vor gelassen, irgendwie ist das mal eine der angeblich ganz tollen Serien, mit der ich einfach nicht warm werde – vielleicht sollte man einfach noch eine Fantasy-Rubik einführen, da hätte dann vielleicht auch True Blood eine Chance, was ja weder Drama noch Comedy ist, sondern irgendwie beides. Und so sehr mich gefreut hat, dass dieses mal neben Downton Abbey auch die britische Serie Luther dabei ist, die ich ebenfalls richtig gut finde, so sehr frage ich mich, warum andere Serien, die auch sehr gut sind, völlig außen vor bleiben?

Da wäre ja nicht nur True Blood, sondern beispielsweise noch The Bridge America – und wenn schon nicht die ganze Serie, dann hätten doch wenigstens Demian Bichir als Marco Ruiz und Diane Kruger als Sonya Cross eine Nominierung verdient. Das gilt natürlich auch für Mireille Enos als Sarah Linden und Joel Kinnaman als Stephen Holder in The Killing – die vierte Staffel mit ihren sechs Teilen hätte doch auch gut in die Mini-Serien gepasst. Und nicht nur ich bin der Meinung, dass diese Staffel so ziemlich das beste ist, was Netflix bisher produziert hat. Denn meiner Ansicht nach ist House of Cards zwar schon gut gemacht, aber am Ende doch ziemlich eindimensional, die Charaktere sind zu glatt, zu eindeutig, zu vorhersehbar. Klar, Kevin Spacey ist ein toller Schauspieler und sein Frank Underwood ein überzeugend brillantes Arschloch, wobei mir Robin Wright als Claire Underwood besser gefällt: Sie verfolgt ihre Interessen ebenfalls knallhart und letztlich fast noch raffinierter als ihr Mann. Aber sie ist – im Gegensatz zu ihm – trotzdem gelegentlich zu menschlichen Regungen fähig. Sie bricht auch mal in Tränen aus, nachdem sie einer Freundin telefonisch eine Falle gestellt hat, weil sie keineswegs gern tut, was sie tun muss, um ihre Ziele zu erreichen. Insofern gibt es wenigstens hier ein bisschen Spannung. Bei Frank ist ja immer völlig klar, dass er tut, was getan werden muss – und dass er am Ende kriegt, was er will.

Dass Homeland oder The Newsroom dieses Mal nicht so richtig zum Zug gekommen sind, finde ich nicht unberechtigt, die waren schon gut, aber halt auch nicht so richtig super. Fargo als beste Mini-Serie dagegen geht klar – ich muss zugeben, dass ich gerade erst angefangen habe, mir Fargo anzusehen, aber schon die ersten beiden Teile versprechen eine richtig gute Serie, die ich unbedingt weiter sehen muss – und nach all den Serien, die im schwülen oder auch wüstenartigen Süden der USA spielen ist so eine Handlung im tiefverschneiten Minnesota mal was anderes. Und nicht nur Martin Freeman als Lester Nygaard ist sehenswert, sondern vor allem Billy Bob Thornton als Auftragskiller Lorne Malvo. Bob Odenkrik aus Breaking Bad spielt übrigens auch mit, allerdings nicht als krimineller Anwalt, sondern als Polizist.

Insofern kann man sich vielleicht schon ein bisschen auf die nächsten Emmys vorfreuen – da gibt es hoffentlich auch mal was anderes.

Serien-Finale: True Blood trifft den wahren Tod

Mit der letzten Folge von True Blood ist diese Serie nun den wahren Tod gestorben. Und ich muss sagen, auch wenn es nicht so schlimm war wie mit der letzten Dexter-Staffel, so ist es nun auch wirklich gut, dass es jetzt vorbei ist und die Serie nicht ins Zombie-Reich übergeht, wo die eigentlich längst Toten den Lebenden auf die Nerven gehen.

Was nicht heißt, dass man keinen Spaß mehr gehabt hätte, nach dem doch ziemlich mühsamen Anfang gab es zwischen drin durchaus paar gelungene Folgen, bei denen wieder richtig Freude aufkam. Leider konnte der Rest der Staffel das Niveau der vierten Folge (Death is Not the End) nicht halten und die letzten beiden Folgen waren im Grunde das Erledigen von Dingen, die getan werden müssen, wenn man weiß, dass das Ende bevor steht.

Screenshot True Blood 7 - Thank You. Jason, Sookie und Bill.

Screenshot True Blood 7 – Thank You. Jason, Sookie und Bill.

Besonders ärgerlich finde ich allerdings, dass eben nicht alles erledigt wurde, wo man doch eigentlich gerade dabei war: Es gibt beispielsweise keine Erklärung (nicht einmal eine schlechte!) dafür, warum die Zuschauer am Ende der sechsten Staffel dabei zustehen mussten, wie Eric auf einem Schneefeld seiner schwedischen Heimat verbrannt ist, um ab Ende des zweiten Teils der siebten Staffel zwar als schwerkranker, aber wie sich herausstellen sollte, eigentlich noch quicklebendiger Vampir die Handlung der weiteren Staffel zu weiten Teilen an sich zu reißen.

Nicht, dass ich als Eric-Northman-/Alexander-Skarsgård-Fan etwas dagegen gehabt hätte, dass Eric nicht nur weiterhin an Bord ist sondern gemeinsam mit seinem brillanten Geschöpf Pamela Swynford De Beaufort auch noch zu neuer Hochform aufläuft. Die beiden sind an abgefeimter Coolness nicht zu überbieten – aber trotzdem wünsche ich mir schon etwas mehr Plausibilität, Logik oder schlicht: Ernsthaftigkeit von den Serienschreibern. Ja, okay, True Blood ist Satire, lustig und sowieso nicht ganz ernst gemeint. Aber das heißt nicht, dass ich einfach nur einen Gag nach dem anderen sehen will, True Blood meint es an anderen Stellen ja durchaus ernst und will damit auch ernst genommen werden. Aber dann erwarte ich eben auch als Zuschauer ernst genommen zu werden. Verarschen lassen will ich mich nicht – genau das machen die Serienmacher aber, weshalb die ernst gemeinten Szenen wo es um die großen Fragen von Leben und Tod geht, dann eben auch eher lächerlich rüberkommen, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass das nicht so gemeint war – schließlich habe ich auch Six Feet Under gesehen, Alan Balls bisheriges Hauptwerk über Leben und Tod, wenn man so will. Und das hatte einfach eine bessere Balance zwischen Satire, Spaß und Ernst. Da hat True Blood nicht immer die Kurve gekriegt, obwohl ich ja viele abgedrehte Gagasequenzen letztlich auch wieder cool fand.

Screenshot True Blood 7 - Thank You. Andy traut Jessicsa und Hoyt.

Screenshot True Blood 7 – Thank You. Andy traut Jessica und Hoyt.

Auch sonst ging vieles okay, wir erleben vor allem eine ganz neue Kill-Bill-Variante. Dieser Bill Compton ist gerade als Vampir ein dermaßen integrer Bursche, dass Sookie am Ende gar nicht anders kann, als seinen letzten Willen zu vollstrecken. Jedenfalls fast, denn auf ihre Feen-Qualitäten will sie am Ende doch nicht verzichten. Deshalb variiert sie Bills letzten Wunsch, von ihr mit ihrem Lichtball getötet zu werden (was sie ihrer Feenhaftigkeit beraubt hätte) in Bill mit einem abgebrochenen Schaufel-Stiel zu töten – weil er sich durch seine Sterblichkeit wieder menschlich fühlt. Und endlich wieder menschlich zu sein war das, was er sich immer gewünscht hat. Also tut Sookie ein mal mehr, was getan werden muss – darin ist sie inzwischen ohnehin unschlagbar. Bills Tod ist dann auch das letzte Blutbad dieser Serie. Zuvor hat Bill Sookie wissen lassen, wie sehr er sie liebt und dass er ihr deshalb ein normales Menschenleben wünscht – kraft seiner Gedanken während der Trauung von Jessica und Hoyt, die nach Hoyts Flucht nach Alaska dann doch wieder zueinander gefunden haben.

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Hier haben wir den romantischen Höhepunkt der letzten Folge, der gewissermaßen ganz zum Anfang der Serie zurück geht, denn dort hatten wir die Geschichte mit der blutjungen Vampirin Jessica, die Bill als Strafe dafür, dass er zugunsten eines Menschen (Sookie) einen Vampir getötet hatte, als junges, unschuldiges Mädchen in einen Vampir verwandeln musste, und dem nicht ganz so jungen, aber total unschuldigen Hoyt, der ausgerechnet mit der frisch verwandelten Jessica seiner ersten Liebe begegnet.

Screenshot True Blood 7 - Thank You.

Screenshot True Blood 7 – Thank You.

Gegen derartige Arabesken habe ich überhaupt nichts, im Gegenteil, solche Rückgriffe gefallen mir, auch wenn die Hochzeitsgeschichte dann doch etwas breit ausgewalzt wurde. Für meine Geschmack gab es insgesamt aber zu wenige davon. Das ist offenbar auch etwas, was wirklich herausragende Serien wie Breaking Bad von den eben auch ganz guten Serien wie True Blood unterscheidet: Während in Breaking Bad sehr viele merkwürdige Details im Verlauf der weiteren Handlung erklärt werden (auch wenn diese Erklärungen nicht unbedingt naheliegend sind, aber sonst müsste man ja auch nichts erklären) wird in True Blood nicht alles erklärt, leider auch das nicht, was dringend einer Erklärung bedürfte.

Screenshot True Blood 7 - Thank You. Pam und Eric

Screenshot True Blood 7 – Thank You. Pam und Eric

Okay, Breaking Bad ist zwar keine Krimi-Serie im klassischen Sinne, aber handelt von Verbrechen und vor allem von Wissenschaft und zwar durchaus im forensischen Sinne, da würde Walter White sicherlich drauf bestehen. Insofern muss alles logisch zu erklären sein. Im Gegensatz dazu ist True Blood eine Serie mit Fantasy-Elementen, was ja quasi als Freibrief für unlogische Handlungssprünge genommen wird – aber wie gesagt: Eigentlich will die Serie ja ernst genommen werden. Und deshalb will ich schon wissen, warum Eric nicht gestorben ist, sondern sich nur mit Hep-V infiziert hat, was ja schlimm genug, aber eben keine Erklärung ist. Schade finde ich auch, dass etwa Lafayette gegen Ende praktisch nicht mehr vorkam, oder Andys Feen-Tochter Adilyn – was ist eigentlich aus ihr geworden? Und wie kommt Sam Merlotte jetzt klar, nachdem er Bon Temps für seine neue Familie verlassen hat? Fragen über Fragen. Andererseits muss man nicht alles wissen, und ich rechne es den Autoren an, dass es für Sookie und Bill kein Happyend gegeben hat – nach all dem, was die beiden durchgemacht haben, war ja völlig ausgeschlossen, dass sie noch miteinander glücklich werden können. Das übernehmen dafür so ziemlich alle anderen, sofern sie überlebt haben. Wobei: Heirat ist der Hauptgrund für spätere Scheidungen.

Bill hat Sookie ein normales Leben gewünscht und jedem bleibt selbst überlassen, was er oder sie sich darunter vorstellt. Das Leben in Bon Temps geht weiter. Und Eric und Pam machen mit New Blood das Geschäft ihres langen Vampirlebens – zumal sie ja mit Sarah Newlin noch ein As im Ärmel bzw. im Keller haben: Ein Schluck Blut direkt von der Quelle bringt gigantische Summen ein – so hat sich die gute Sarah ihr neues Leben als Noomi, Erlöserin aller kranken Vampire, gewiss nicht vorgestellt. Aber man legt sich halt besser nicht mit Eric und Pam an. Insofern finde ich es auch völlig okay, dass die letzte Runde an diese beiden Vampire geht – mit den anderen war ja eh nichts mehr los.

Screenshot True Blood 7 - Thank You. Eric macht Werbung für New Blood.

Screenshot True Blood 7 – Thank You. Eric macht Werbung für New Blood.

Schweden-Trip durch Kalifornien: Kill Your Darlings

Als ausgesprochene Liebhaberin skurriler Road-Movies (Wir können auch anders, U-Turn, Cold Fever), die gleichzeitig auch voll auf der Schwedenschiene (Joel Kinnaman, sämtliche Skarsgårds usw.) fährt, musste ich natürlich irgendwann auf Kill Your Darlings kommen. Dieser Film ist in Deutschland merkwürdigerweise so unbekannt, dass es nicht mal einen Wikipedia-Eintrag dazu gibt – aber das wird sich hoffentlich bald ändern.

Screenshot Kill Your Darlings - Erik (Andreas Wilson)

Screenshot Kill Your Darlings – Erik (Andreas Wilson)

Denn Kill your Darlings ist einfach fantastisch – ein totkomischer Film, der die US-Filmindustrie inklusive dieses ganzen Reality-TV-Scheiß, den US-Psycho- und Selbstoptimierungswahn, überhaupt diesen ganzen Selbstdarstellungs- und Selbstververmarktungszwang, den skandinavischen Hang zu Depression sowie noch eine ganze Menge anderer Dinge gnadenlos auf die Schippe nimmt.

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings – Katherine (Julie Benz)

Auch die Besetzung ist grandios: Alexander Skarsgård als depressive Transe Geert im Verein mit Julie Benz als ebenfalls verhinderte Selbstmörderin Katherine, Fares Fares als zweifelhafter Selbstmordverhinderer Omar sowie John Larroquette als Psycho-Flüsterer Dr. Bangley, der zwar der Autor des Bestellers „Stay Alive“ ist, aber ein ernsthaftes Autoritätsproblem bei seiner vierzehnjährigen Tochter hat. Und dann natürlich die Hauptfiguren Erik und Lola, gegeben von dem Schweden Andreas Wilson und der Kanadierin Lolita Davidovich. Andreas Wilson kennt man von Real Humans – er spielt die tragische Figur des Leo Eischer, der halb Mensch und halb Androide ist. Er ist zwar ungefähr einen halben Meter kleiner als Alexander Skarsgård oder Joel Kinnaman, aber auch ein sehr hübscher Junge. Selbst in seinem schwedenfarbenen Streifenpulli. Ich muss sagen, dass ich mit der schwedischen Invasion in Hollywood außerordentlich glücklich bin.

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings – Geert (Alexander Skarsgard)

Kill your Darlings bringt das Beste der US- und der schwedischen Art Filme zu machen zusammen – gut, vielleicht bin ich jetzt ein bisschen zu euphorisch, aber ich habe mir den Film gestern angesehen und ich dabei solche Lachanfälle, dass meine Kinder besorgt nach mir gesehen haben – und nein, ich hatte nichts geraucht.

Die Geschichte kurz zusammengefasst: Der junge Schwede Erik interessiert sich für Selbstmord: Was bewegt Menschen, ihr Leben zu beenden? Er ist eigentlich Fotograf und wäre gern Drehbuchautor, in Los Angeles will er sein aktuelles Skript über Selbstmord an den Mann bringen. Er bekommt sogar einen Termin bei einem der allmächtigen Filmproduzenten, ist dann aber so blöd, während dieses hochwichtigen Gesprächs mit dem Filmgott an sein Handy zu gehen, das klingelt. Das war’s dann, wobei seine seltsam nordeuropäische Story eh nicht angekommen wäre, im ach so lebensbejahenden Hollywood. Jetzt muss Erik weiterhin Burger so fotografieren, dass man sie auch noch essen will.

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings – Lola (Lotita Davidovich)

Auf der anderen Seite gibt es Geehrt und Katherine, die sich gern umbringen würden, aber das nicht auf die Reihe kriegen – Omar soll sie als Beweise für den Erfolg von Dr. Bangley erstens retten und zweitens nach Las Vegas in die nächste große Live-Show bringen.

Und dann gibt es auch noch Lola, die femme fatale, die ungefähr doppelt so alt ist wie Erik, sich selbst zu Eriks Muse ernannt hat und den armen Jungen nun zu einem Trip durch die kalifornische Wüste zwingt, damit er endlich mal was erlebt, worüber er ein vernünftiges Drehbuch schreiben kann. Natürlich gibt es haufenweise skurrile Szenen und wunderbare Wüstenaufnahmen.

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings – Omar (Fares Fares)

Allein der Anfang, als Katherine versucht, sich mit ihrem Fernseher (!!!) in den Swimmingpool zu stürzen! Oder Erik, der mit der Pinzette sorgfältig die Sesamkörner auf dem Cheeseburger arrangiert. Oder Dr. Bangley, der seine Teenie-Tochter anfleht, ihm für den Pressetermin doch bitte die Anzughose zurückzugeben…

Super Film, den ich hiermit ausdrücklich empfehle!

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings

Die Gespenster des Krieges mit Robert Pattinson

Wie versprochen gibt es nun die Kritik von The Haunted Airman. Dieses BBC-Drama aus dem Jahr 2006 dürfte die erste große Rolle für Robert Pattinson gewesen sein, nachdem er als Cedric Diggory bereits einen Auftritt in Harry Potter und der Feuerkelch (also dem vierten der Potter-Filme) hatte – leider fällt der sympathische Cedric dem unendlich bösen Lord Voldemort zum Opfer. Aber ein Opfer ist Toby Jugg auch – ein Opfer des 2. Weltkriegs.

Bei einem Einsatz über Deutschland – es ist einer der der verheerenden Angriffe auf die Stadt Dresden – wird der Bomberpilot Toby Jugg abgeschossen und schwer verwundet. Wir erfahren nicht, auf welche Weise er überlebt und was aus seinen Kameraden wird. Jedenfalls landet er schließlich, von der Hüfte abwärts gelähmt, einem abgelegenen Sanatorium in Wales. Dort soll er seine körperlichen und seelischen Beschwerden auszukurieren. Offenbar hat seine Tante Julia (Rachael Stirling) sich darum gekümmert, die Tobys einzige noch lebende Verwandte ist.

Screenshot von A Haunted Airman: Bomber-Pilot Toby Juggs (Robert Pattinson)

Screenshot von A Haunted Airman: Bomber-Pilot Toby Juggs (Robert Pattinson)

Im Sanatorium wird der Offizier der Royal Air Force freundlich empfangen und von der Krankenschwester Sally Grant (Melissa Lloyd) in den Tagesablauf eingewiesen. Es gibt kriegsbedingt keinen Strom, der Generator bleibt wegen Treibstoffmangel aus, und sämtlichen Taschenlampen wurden konfisziert – so ist das alte walisische Gemäuer abends nur spärlich durch Petroleumlampen und Kerzen beleuchtet.

Eine derart düstere Atmosphäre ist der Heilung von Tobys Trauma nicht gerade förderlich – er leidet unter Albträumen und schrecklichen Visionen, die ihn allmählich an seinem Verstand zweifeln lassen. Auch die Behandlungsmethoden seines Psychiaters Dr. Burns (Julian Sands) erscheinen ihm rätselhaft – ebenso wie dessen Absichten.

Screenshot von A Haunted Airman: Toby (Robert Pattinson) und Tante Julie (Rachael Stirling)

Screenshot von A Haunted Airman: Toby (Robert Pattinson) und Tante Julie (Rachael Stirling)

Dr. Burns versucht, ihm mit Hilfe seiner Tante Julia den Weg zurück in ein normales Leben zu ebnen. Die Genesung gestaltet sich jedoch schwierig – zum einen verfolgt Dr. Burns eigene Absichten mit Julia, der man nicht verdenken kann, dass sie lieber etwas mit dem Arzt anfängt, der ja auch altermäßig besser zu ihr passt. Sie bekommt durchaus mit, dass ihr Neffe für sie schwärmt, und geht zum Teil auch auf seine Schwärmerei ein, weil sie denkt, dass sie Toby damit helfen kann, ins normale Leben zurück zu finden. Aber weil Dr. Burns Tobys Liebesbriefe an Julia zensiert bzw. gar nicht zustellen lässt, ist Julia nicht klar, in welchem Zustand Toby wirklich ist.

Toby ist tief traumarisiert, keine Frage, nicht nur seine Verletzung und die daraus folgende Behinderung machen ihm das Leben schwer: Ein junger Mensch, der an den Rollstuhl gefesselt ist, das ist immer traurig und Schwester Sally stellt bei ihrem Patienten immer mehr Degenerationserscheinungen fest, was auch keine schöne Sache ist. Sie versucht, Toby zu helfen so gut sie kann, aber ihre Möglichkeiten sind sehr begrenzt.

Screenshot von A Haunted Airman: Toby (Robert Pattinson) mit Schwester Sally (Melissa Lloyd).

Screenshot von A Haunted Airman: Toby (Robert Pattinson) mit Schwester Sally (Melissa Lloyd).

Es ist auch nicht nur Tobys Körper, der ihm zu schaffen macht – er redet mit Dr. Burns auch über seine Einsätze, und dass er dazu beigetragen hat, viele Menschenleben auszulöschen – natürlich ist ihm als Bomber-Pilot klar, was er für einen Job hatte: Er hat dazu beigetragen, dass Männer, Frauen und Kinder in den Städten, die er bombardiert hat, verbrannt sind und er leidet darunter, Krieg hin oder her. Irgendwie begreift er das, was ihm zugestoßen ist, auch als Strafe für das, was er getan hat. Gegen die er sich als junger Mensch, der einfach leben will, aber auch wieder auflehnt – Toby würde gern weiterleben, weiß aber nicht, wie. Und so steigert er sich in seine Schwärmerei für seine Tante – er will eine neue Beziehung zu ihr, nicht als Neffe, sondern als Mann. Aber gerade das ist aufgrund seiner Behinderung extrem schwierig.

Screenshot von A Haunted Airman: Toby (Robert Pattinson) und Dr. Burns (Julian Sands)

Screenshot von A Haunted Airman: Toby (Robert Pattinson) und Dr. Burns (Julian Sands)

Toby gerät in eine Abwärtsspirale aus Schmerzen, Ängsten und Gewissensbissen, die ihn immer tiefer in Verzweiflung treiben – wobei er sich wirklich bemüht, nicht endgültig verrückt zu werden. Aber hilflos, wie er ist, kann er sich nicht gegen die Dinge wehren, die im Dunkeln lauern. Und da lauert einiges, vor allem sieht Toby immer wieder große schwarze Spinnen, vor denen er Angst hat.

Und bei seinem Arzt kann man sich auch nicht sicher sein, welche Motive er eigentlich verfolgt – schließlich hat er selbst was mit der attraktiven Julia angefangen. Sie ist es schließlich, die den unausgesprochenen Konflikt zwischen Toby und Dr. Burns ausbaden muss…

The Killing 4: Der letzte Fall für Linden und Holder

Jetzt ist es schon wieder vorbei, das Wochenende, auf das alle Killies seit Monaten sehnsüchtig gewartet haben: Auf Netflix ist am Freitag die vierte und letzte Staffel von The Killing erschienen. Einerseits liebe ich das Netflix-Modell, eine Staffel komplett verfügbar zu machen, weil man dann mehrere Teile oder gar die komplette Staffel am Stück sehen kann – Binge Watching ist schon mein Ding. Und ich bin ja gerade mit den ganz harten Brocken eingestiegen: Kommissarin Lund – Das Verbrechen war mein erster Binge Watch – da habe ich vor einigen Jahren, als ich über Weihnachten krank war, sämtliche DVDs innerhalb weniger Tage angesehen – und das waren zehn Teile mit jeweils zwei Stunden. Aber ich konnte einfach nicht aufhören. Vielleicht hat diese Serie deshalb so einen Sog bei mir entwickelt.

Denn The Killing Season 4 beruht ja letztlich auch auf dieser Serie, auf die auch immer brav im Vorspann verwiesen wird. Wobei die vierte Staffel von The Killing ja nur aus sechs jeweils knapp einstündige Teile besteht – für einen geübten Binge Watcher ist das ein Klacks. Und obwohl draußen tolles Sommerwetter war und ich auch andere Sachen am Wochenende tun wollte und getan habe – jetzt ist es schon wieder vorbei. Da haben wir auch gleich das Andererseits – das klassische Modell mit jede Woche ein Teil finde ich zwar irgendwie ärgerlich, weil man immer so lange warte muss, bis man erfährt, wie es weiter geht. Aber man hat auch länger was davon.

Screenshot The Killing 4, Sarah Linden (Mireille Enos)

Screenshot The Killing 4, Sarah Linden (Mireille Enos)

The Killing ist jetzt schon wieder vorbei, und zwar für immer. Das ist einerseits schade, weil die Detectives Sarah Linden und Stephen Holder ein gutes Serien-Gespann waren, das von Mireille Enos und Joel Kinnaman auch fantastisch ausgespielt wurde. Andererseits muss man auch wissen, wann Schluss ist. Man kann eine wirklich gute Serie auch killen, in dem man immer noch einen drauf setzt, obwohl die Geschichte längst erzählt ist, wie es bei den letzten beiden Staffeln von Dexter war oder bei den letzten ich weiß nicht wie vielen Staffeln von Emergency Room. Bei beiden Serien waren jeweils die ersten fünf Staffeln großartig und dann ging der Krampf los.

Screenshot The Killing 4, Stephen Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot The Killing 4, Stephen Holder (Joel Kinnaman)

The Killing macht diesen Fehler (hoffentlich) nicht. Sowohl das dänische Original, das mit der dritten Staffel beendet wurde, als auch das US-Remake sind jetzt zu Ende – und es wird ja künftig wohl hoffentlich auch weitere tolle Krimi-Serien geben. Wobei Joel Kinnaman ja leider schon verkündet hat, dass er in den nächsten Jahren ganz bestimmt kein Serien-Projekt mehr machen wird, weil man sich damit einfach für sehr lange Zeit auf etwas einlässt, bei dem man nicht weiß, wie es ausgeht.

Eins vorweg: Ich finde die vierte Staffel alles in allem wieder gelungen und mir gefällt, dass The Killing seinem Stil treu geblieben ist: Es gibt immer wieder Bilder von der nebligen, kalten Wald- und Wasserlandschaft im Nordwesten der USA – es könnte auch Skandinavien sein, Meer, Seen und Wald. Natürlich wird auch immer wieder die Skyline von Seattle gezeigt, damit wir nicht vergessen, wo das alles stattfindet. Und auch wenn die Handlung in diesen sechs Teilen sehr dicht ist, gibt es immer wieder ruhige Sequenzen, eine gewisse Langsamkeit, die ich durchaus schätze, weil mir viele neue Serien oft zu hektisch geschnitten sind. Also nichts gegen schnelle Sequenzen, Zeitraffer und Zusammenfassungen aller Art – finde ich super. Da, wo es angebracht ist. Aber man muss auch mal eine längere Einstellung aushalten können, wenn es wichtig ist. In The Killing gibt es immer wieder viel Action, dazwischen eben aber auch Atempausen – gerade, wenn die Ermittler nicht weiter kommen und sich wieder und wieder und wieder mit den selben Details beschäftigen müssen, weil sie vielleicht etwas über sehen haben und natürlich mit sich selbst – das ist ja das andere große Thema dieser Serie.

Screenhot The Killing 4 Landschaft

Screenshot The Killing 4: Die Landschaft zur Serie

So, und jetzt geht es los mit den Spoilern, das ist aber nicht zu vermeiden. Das Unerträgliche an der dritten Staffel war ja, dass es kein Ende im eigentlich Sinne gab: Sarah Linden findet heraus, das ausgerechnet ihr Vorgesetzter Lieutenant Skinner, mit dem sie gerade auch noch eine alte Affäre aufgefrischt hat, der Mädchenmörder ist, nach dem sie und ihr Partner Holder gesucht haben. Holder kriegt das ebenfalls heraus und versucht, Sarah zu finden, die mit Skinner unterwegs ist, weil sie hofft, damit ein weiteres Kind, das vor Jahren zufällig Zeuge eines Mordfalls geworden ist, zu retten. Holder findet die beiden, kann aber nicht verhindern, dass Sarah, wütend und verletzt, Skinner abknallt. Wir hören ihn nur aus dem Off: „No no no no no.“ Und dann ist Schluss.

Zu Beginn der vierten Staffel erfahren wir, dass Holder Sarah geholfen hat, die Leiche zu beseitigen. Er hat sich also entschieden, Sarah zu decken. Keine gute Entscheidung für jemand, der sich auch dafür entschieden hat, ein guter Cop werden zu wollen. Denn wie wir aus den Staffeln zuvor wissen, hat auch Holder eine Vergangenheit: Als Undercover-Ermittler für das Drogendezernat ist er auf Meth hängen geblieben und nur weil sich sein damaliger Lieutenant sehr für ihn eingesetzt hat und Holder brav zu seinen NA-Treffen gegangen und weitgehend clean geblieben ist, hat er überhaupt eine Chance bei der Mordkommission bekommen. Holder kapiert durchaus, dass das eine ziemlich einmalige Chance ist, und hängt sich entsprechend rein – und er ist der einzige, der noch mit dieser verschrobenen Linden klar kommt. Die beiden Außenseiter im Polizeidienst werden letztlich ziemlich beste Freunde, die sich aufeinander verlassen können – davon lebt die dritte Staffel.

Screenhot The Killing 4: Holden und Linden bei der Arbeit

Screenhot The Killing 4: Holden und Linden bei der Arbeit

In der vierten Staffel wird genau das auf die Probe gestellt – jetzt müssen die beiden zusammenhalten, wenn sie irgendeine Chance haben wollen. Nur sie wissen, was mit Skinner passiert ist. Was insbesondere Holder vor Konflikte stellt: Er hat Linden ja nur geholfen, Skinner zu beseitigen, er hat ihn nicht getötet. Aber er schätzt Linden und er findet, dass Skinner bekommen hat, was er verdient hat. Und er will einfach nur ein guter Mensch sein – genau das, was ihm niemand zugetraut. Außer Linden und seiner Freundin Caroline, die jetzt auch noch schwanger ist. Und das selbst auch gar nicht so gut findet. Ausgerechnet Holder beschließt dann aber, endlich bürgerlich und ein guter Vater werden zu wollen. Was Caroline natürlich gefällt, Holder aber noch tiefer in die Zwickmühle bringt: Jetzt darf er sich auf gar keinen Fall erwischen lassen. Und entsprechend muss er Linden zusammenscheißen, die langsam die Nerven verliert.

Screenhot The Killing 4: Sarah Linden und ein besonders schöner Strickpulli.

Screenhot The Killing 4: Sarah Linden und ein besonders schöner Strickpulli.

Denn der neue Fall hat es in sich: Eine Familie wurde komplett ausgelöscht, jedenfalls fast. Nur der Sohn überlebt das Massaker schwer verletzt. Ihm wurde in den Kopf geschossen. Aber vielleicht hat er es auch selbst getan und vorher seine Familie erschossen. Die Spurenlage ist nicht eindeutig, mehrere Szenarien sind denkbar. Und natürlich ist klar, dass da Leichen im Keller liegen müssen – eine unbescholtene, anerkannte, reiche Familie mit vorbildlichem Familienleben. So etwas gibt es einfach nicht. Oder wie Linden sagt: Anyone makes mistakes. Und natürlich werden die Fehler nach und nach sichtbar. Auch die, die Linden und Holder machen.

Screenhot The Killing 4: Holder

Screenhot The Killing 4: Holder

Linden, die Holder nicht mehr traut, ohne zu ahnen, was er ihretwegen durch macht, gerade weil er sie nicht verraten will. Linden spinnt in ihrer Sarah-gegen-den-Rest-der-Welt-Tour mal wieder vor sich hin und kriegt erst nach mehreren Winks mit dem ganzen Gartenzaun mit, dass es durchaus Menschen gibt, denen sie nicht egal ist, wobei sie gerade denen immer wieder vors Schienbein tritt – ihrem Sohn und eben Holder.

Screenhot The Killing 4: Ein Familienfoto der Opfer

Screenhot The Killing 4: Ein Familienfoto der Opfer

Holder, der rückfällig wird, weil er Caroline nicht sagen kann und will, warum er so neben der Spur ist, wo er doch eigentlich gerade entschieden hat, eben nicht mehr neben der Spur sein zu wollen. Natürlich ist es Linden, die als erste darauf kommt, dass er wieder Meth nimmt – sie kennt ihn inzwischen zu gut, auch wenn sie das Entscheidende nicht erkennt, nämlich, dass er sie nicht verraten hat. Und so lösen sie auch diesen wirklich fiesen Fall, auch wenn sie zum Schluss gegeneinander arbeiten. Denn Holder will den wahren Täter nicht in noch einen Fall vertuschen, während Linden sich in diesem Fall an ihre eigene Situation erinnert fühlt: Sowohl als Täterin, die selbst einen Mörder zur Strecke gebracht hat, als auch als Mutter, die ihren Sohn schützen will.

Screenshot The Killing 4, Stephen Holder (Joel Kinnaman) und Caroline (Jewel Staite)

Screenshot The Killing 4, Stephen Holder (Joel Kinnaman) und Caroline (Jewel Staite)

Wobei in dieser Rolle ja ihre Gegenspielerin versagt, Major Margaret Rayne, um deren Sohn es letztlich geht. Genau der vertraut sich Linden schließlich an – er muss einfach los werden, was ihm auf der Seele brennt. Und das bringt Linden dazu, sich ebenfalls zu stellen. Sie gesteht ausgerechnet ihrem verhassten Kollegen Carl Reddick, dass sie James Skinner erschossen hat. Aber so einfach kann es natürlich nicht sein: Die Nachricht, dass ein hochrangiger Police-Officer der lang gesuchte Mädchenmörder ist, ruft höchste politische Kreise auf den Plan. Und Seattles Bürgermeister Darren Richmond greift ein – Sarahs Geständnis wird ihrer in Staffel zwei zutage getretenen psychischen Labilität zugeschrieben. Natürlich kann James Skinner nicht der Mörder sein. Aber er hat sich laut dem offiziellem Obduktionsbericht selbst eine Kugel in den Kopf gejagt – familiäre Probleme. Und damit ist sie keine Mörderin und auch Holder ist aus der Sache raus. Als Mörder der Mädchen, die man in der Nähe von Skinners Leiche gefunden hat, wird ein ohnehin Verdächtiger präsentiert, der es zwar nicht war, aber Arschloch genug ist, um als Täter durchzugehen.

Screenshot The Killing 4: Mit Colonel Margaret Rayne legt man sich besser nicht an.

Screenshot The Killing 4: Mit Colonel Margaret Rayne legt man sich besser nicht an.

Also sozusagen ein unfreiwilliges Happyend. Und weil das schon wieder zu viel ist, geht es auch noch noch ein paar Minuten weiter – wobei ich das dann erstrecht zu viel fand: Linden quittiert den Polizeidienst und geht nach Chicago, um ihrem Sohn näher zu sein. Plausibel, geht okay. Caroline und Holder bekommen eine Tochter, Holder wird liebevoller Wochenend-Vater, denn die Beziehung geht nicht gut – ebenfalls plausibel. Holder quittiert den Polizeidienst und wird Leiter einer Selbsthilfegruppe – total plausibel, was soll er auch sonst tun, wenn er gern Menschen hilft und Verständnis für deren Schwächen hat. Linden kommt nach ein paar Jahren nach Seattle zurück, um Holder endlich zu sagen, dass sie kapiert hat, dass er sie nicht verraten hat, sondern sie bloß blöd war. Geht auch okay. Holder hält Linden einen holderesken Vortrag, findet das alles aber irgendwie gut – erstrecht okay. Und dann fährt Linden weg, wie es halt ihre Art ist, als sture Einzelgängerin. Das wäre ein perfektes Ende gewesen.

Screenhot The Killing 4: Déjà vu - nur dieses Mal ist es Spinners Wagen

Screenhot The Killing 4: Déjà vu – nur dieses Mal ist es Skinners Wagen

Aber nein, sie dreht wieder um. Holder und Linden, echt jetzt? Einerseits logisch, denn die beiden gehören mit ihrem Drang, stets das Gute zu wollen und dann das Böse zu tun, wirklich zusammen. Aber der Zauber dieser Beziehung war ja, das es keine war. Also keine solche.

Also wenn man die letzten paar Minuten weglässt: Super Staffel. Super Serienende.

Ein echtes Highlight für alle, die entnervte Blicke von Joel Kinnaman lieben, denn davon gibt es viele. Das kann der. Auch verzweifelte, verliebte, anteilnehmende, verächtliche, wütende – kucken kann der, dass es eine Pracht ist. Bei Mireille Enos sind es eher die zweifelnden, fragenden Blicke – aber die kann das auch. Dieser ganze spröde, unnahbare Sarah-Linden-Charakter, der einerseits durchaus emphatisch ist, andererseits auch sehr anmaßend – es kommt nicht so häufig vor, dass eine weibliche Hauptfigur so drauf sein darf, das gibt schon mal Bonuspunkte.

The Killing 4 - Bittere Pointe: Der erste Fall von Holder und Linden fing mit einer Leiche in einem versenkten Auto an...

The Killing 4 – Bittere Pointe: Der erste Fall von Holder und Linden fing mit einer Leiche in einem versenkten Auto an…

Und dann natürlich die Ermittlung in einer Militär-Akademie, wo die Reichen ihre missratenen Sprösslinge abladen, damit sie wieder zurecht gedrillt werden – diese Welt aus Disziplin und Gehorsam ist sowohl für Linden als auch für Holder eine einzige Provokation, denn mit Autoritäten und mit Disziplin haben die beiden bekanntlich jeweils Probleme. Auch wenn sie als Ermittler dann doch wieder unglaublich viel Disziplin entwickeln und sich buchstäblich durch jede Scheiße wühlen, um den Fall aufzuklären – etwa in dem sie Waschräume und Toiletten von Tankstellen im Umkreis des Tatortes durchsuchen, weil sich der blutbespritzte Täter dort gesäubert haben muss. Doch, das war wieder richtig gut, da kann man ein paar Sentimentalitäten zu viel durchaus verzeihen.