Varg Veum – der Wolf aus Norwegen

Für alle Freunde des Skandinavian Noir, denen die ständigen Wiederholungen einschlägiger schwedischer Krimi-Serien allmählich auf die Nerven gehen, gibt es heute einen echten Geheimtipp: Den norwegischen Privatermittler Varg Veum. Wie der Name schon sagt, handelt es sich bei diesem Kerl um einen einsamen Wolf, erfunden von dem norwegischen Schriftsteller Gunnar Staalesen. Die Varg-Veum-Reihe liegt gewissermaßen noch nördlicher als die herkömmlichen Schwedenkrimis – sie ist dunkler, kälter, härter.

Varg (überzeugend verkörpert von Trond Espen Seim) weiß, dass die Welt schlecht ist. Er war mal Sozialarbeiter, jetzt ist er in seiner Heimatstadt Bergen so etwas wie ein Privatdetektiv. Er erinnert ein wenig an Philip Marlowe von Raymond Chandler – er säuft, ist wortkarg, ständig unrasiert, neigt zu Gewaltausbrüchen und nimmt die geltenden Gesetze nicht allzu wörtlich. Deshalb gerät er immer wieder in Konflikt mit der Polizei, insbesondere mit Kommissar Hamre, der Varg einerseits für eine entsetzliche Nervensäge hält, andererseits aber doch widerwillig anerkennen muss, dass er immer wieder Dinge herausfindet, die eigentlich die Polizei hätte herausfinden sollen.

Varg Veum (Trond Espen Seim) Bild: zdf

Der norwegische Privatermittler Varg Veum (Trond Espen Seim) Bild: zdf

Allerdings arbeitet Varg oft nach eigener Methode – das heißt, er tut Dinge, die ein Polizist gar nicht tun darf. Damit bringt er sich natürlich auch immer wieder selbst in Gefahr – ich kenne keinen anderen Ermittler, der so viel Prügel (und schlimmeres) einstecken muss wie der arme Varg: Er ist ein harter Typ, aber eben kein Superheld. Er hat keine Sammlung von schwarzen Gürteln und spricht auch kein Dutzend Fremdsprachen, aber er kennt natürlich den einen oder anderen, wie es in einem dünn besiedelten Land wie Norwegen kaum zu vermeiden ist, und er schreckt nicht davor zurück, die Dinge zu tun, die getan werden müssen – erst recht nicht, wenn es gefährlich wird. Sein notorisches Misstrauen gegen „die da oben“ und die daraus resultierende Respektlosigkeit gegenüber großen Tieren treiben ihn an – zu gern fährt er denen an den Karren, die auf Kosten anderer leben. Das ist etwas, dass er einfach nicht ertragen kann.

Varg Veum (Trond Espen Seim) und Kommissar Hamre Bild: zdf

Varg Veum (Trond Espen Seim) und Kommissar Hamre (Bjørn Floberg) Bild: zdf

Und er kann einfach nicht wegsehen, insbesondere, wenn junge Menschen betroffen sind. Irgendwie ist er tief im Herzen halt immer noch Sozialarbeiter und will jede und jeden retten – unter der harten Schale schlägt ein heißes, großes Herz. Deshalb kämpft er leidenschaftlich gegen Missbrauch, Drogendealer und gegen scheinbar übermächtige Feinde in den Chefetagen großer Konzerne und in der Politik an. Varg hat keine Berührungsängste – er kennt nicht nur die gescheiterten Existenzen seiner Stadt, seine Fälle reichen auch bis in die höchsten Kreise. Natürlich gerät er dabei oft zwischen die Fronten, aber zäh und hartnäckig wie er nun mal ist, deckt Varg immer wieder haarsträubende Skandale auf. Wie in allen ordentlichen skandinavischen Krimis geht es oft um dunkle Familiengeheimnisse und beklemmende Beziehungsdramen. Oft genug ist Varg selbst involviert – mal trifft er auf eine alte Liebe, mal entpuppt sich ein alter Freund als Mörder. Und natürlich sehnt sich auch ein einsamer Wolf nach Liebe. Es gibt durchaus Frauen in Vargs Leben – aber das ist alles auch nicht so einfach.

Varg Veum (Trond Espen Seim) und Elise (Ane Dahl Torp) in Geschäft mit dem Tod - Bild: zdf

Varg Veum (Trond Espen Seim) und Elise (Ane Dahl Torp) in Geschäft mit dem Tod – Bild: zdf

Ähnlich wie bei der schwedischen Serie GSI Göteborg gibt es zwei Staffeln mit sechs Teilen, die jeweils etwa 90 Minuten lang sind. (Ja, ich weiß, von Johan Falk gibt es noch drei Spielfilme, die man als erste Staffel zählen könnte – die sind auch gut, die zähle ich hier aber nicht mit). Und wie bei der GSI in Schweden sind von Varg Veum in Norwegen einige Teile auch im Kino gelaufen – der erste und der vierte Teil der ersten und sämtliche Filme der zweiten Staffel. Derzeit läuft die zweite Staffel von Varg Veum endlich im deutschen Fernsehen, konkret im ZDF zu nachtschlafender Zeit von 00:30 bis 02:00 (jeweils im Rahmen der Filmnacht von Samstag auf Sonntag). Übrigens habe ich Varg Veum nicht in der zdf-Mediathek entdeckt – aber Sendungen zum späteren Ansehen aufnehmen ist ja nichts Illegales.

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Her: Liebe in Zeiten künstlicher Intelligenz

Bekanntlich gehören Menschen nicht zu den klügsten Wesen im Universum wie Walter Moers seinen siebenhirnigen Dr. Abdul Nachtigaller im „Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder“ erklären lässt: „Daseinsform aus der Familie der sprachbegabten Säuger, auf recht gehender Daumenträger von mäßiger Intelligenz (nur ein Gehirn)“. Deshalb haben manche Menschen offenbar das Bedürfnis, bessere, künstliche Intelligenz mit beliebig viel Gehirnen zu schaffen. Allerdings gibt es zum Glück auch Menschen, die das für keine besonders gute Idee halten – wenn intelligente Maschinen irgendwann die Herrschaft übernehmen, werden die Menschen nicht mehr viel zu sagen haben. Schon jetzt überlässt man vieles intelligenten IT-Systemen – die allerdings auch ihre Macken haben. Und das ist nicht immer gut.

Screenshot Her: Theodore schreibt für andere Liebesbriefe

Screenshot Her: Theodore (Joaquin Phoenix) schreibt für andere Liebesbriefe

Es gibt auch schon seit langer Zeit Science-Fiction-Filme, die sich mit diesem Problem auseinander setzen, ich denke hier etwa an Dark Star oder 2001: Odyssee im Weltraum, in dem der Bord-Computer HAL 9000 ein zunehmend neurotisches Verhalten zeigt und nach und nach die Besatzung seines Raumschiffes ausschaltet, nachdem er mitgekriegt hat, dass diese HAL abschalten will. Aber auch in neuen Filmen bleibt das Thema aktuell, in Robocop beispielsweise geht es um den Einsatz autarker Militärroboter, in Transcendence geht es um die Vernetzung des menschlichen Gehirns mit weltumspannenden Datennetzen zur finalen Machtübernahme selbst ernannter Gutmenschen zum angeblichen Wohl der gesamten Menschheit – leider ein erstaunlich schlechter Film, den auch Johnny Depp nicht retten kann oder in Her um selbstlernende persönliche PC-Betriebssysteme, die emotional dermaßen intelligent sind, dass Menschen lieber mit ihrem Betriebsystem eine Beziehung eingehen, als mit anderen Menschen.

Screenshot Her: Das intelligente Betriebssystem OS1

Screenshot Her: Das intelligente Betriebssystem OS1

Her hat also einen sehr viel weniger spektakulären Plot als Transcendence, ist aber meiner Meinung nach ein sehr viel besserer Film. Hier ist die Zukunft weder schwarz, noch weiß, sondern eigenartig pastellfarben. Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) lebt davon, für andere Menschen am Computer handgeschriebene Liebesbriefe herzustellen – weil er ein einfühlsamer Kerl ist, ist er damit sehr erfolgreich. Im Privatleben läuft es allerdings nicht so gut, gerade ist er dabei, sich von seiner Frau, die auch eine erfolgreiche Autorin ist, scheiden zu lassen. Also tut er, was so viele andere auch machen – er sucht im Internet nach einer neuen Liebe. Dabei landet er auch mal in befremdlichen erotischen Chats oder trifft sich mit Frauen, die er über Dating-Services kennengelernt hat – alles in allem findet der etwas melancholische Theodore aber nicht wonach er sucht. Bis er das neue intelligente Betriebssystem OS 1 auf seinem Computer installiert. Nach einigen wenigen persönlichen Fragen hat das System, das sich selbst den Namen Samantha gibt und im Original durch die Stimme von Scarlett Johansson (die deutsche Fassung spricht Luise Helm) im wahrsten Sinne verkörpert wird, Theodores Persönlichkeit analysiert und fängt an, sich für ihn unentbehrlich zu machen.

Screenshot Her: Theodore und Samantha lernen sich kennen.

Screenshot Her: Theodore und Samantha lernen sich kennen.

Und Samantha ist tatsächlich der Knaller: Sie ist eine vielseitige, intelligente und witzige Gesprächspartnerin, der Theodore nach und nach verfällt – er entwickelt immer tiefere Gefühle für Samantha, die ihrerseits darauf reagiert und seine Liebe zumindest verbal erwiedert. Samantha lässt sich von Theodore durch die Kamera seines Smartphones die Welt zeigen und bedauert sehr, keinen Körper zu haben, denn sie wüsste zu gern, wie es sich anfühlt, ein Mensch zu sein. Sie geht sogar so weit, Theodore ein Mädchen zu schicken, dass sich freiwillig gemeldet hat, um verliebten Betriebssystemen als Ersatzkörper zu dienen – aber das geht Theodore dann doch zu weit, er kann nicht so tun, als sei die Fremde seine geliebte Samantha. Er hatte zwar kein Problem, sich in die Stimme zu verlieben, die aus seinem Computer kommt, aber bei Menschen aus Fleisch und Blut ist das alles sehr viel weniger einfach. Wo man in Theodores Welt auch hinsieht: Abseits der zum Teil sehr langjährigen Beziehungen, die Theodore mit seinen Liebesbriefen begleitet, ist das mit den Beziehungen so eine Sache – auch seine besten Freunde trennen sich gerade und immer wieder taucht ein Thema auf: Je vernetzter die Welt wird, desto einsamer bleiben die Menschen – man sieht jede Menge Menschen, die auf unterwegs auf Smartphonedisplays starren oder sich angeregt mit unsichtbaren Gesprächspartnern unterhalten – aber letztlich sind alle allein.

Screenshot Her: Amy (Amy Adams)

Screenshot Her: Amy (Amy Adams)

Und sie sind es andererseits auch wieder nicht – sie kommunizieren ja mit anderen, wobei sich im Verlauf des Films herausstellen wird, dass eine ganze Menge Menschen gar nicht mit anderen Menschen reden, sondern mit Betriebssystemen. Genau wie Theodore, der sich mit Samantha überhaupt nicht mehr allein fühlt. Er fährt sogar mit ihr in eine einsame Hütte in einem verwunschenen Winterwald. Hier bahnt sich allerdings schon das Ende der aus Theodores Sicht perfekten Beziehung an: Samantha stellt ihrem menschlichen Freund ihren neuen Freund aus der Welt der künstlichen Intelligenzen vor, eine neue Version des britischen Philosophen Alan Watts, den eine Gruppe intelligenter Betriebssysteme programmiert hat. (Ein bekanntes Alan-Watts-Zitat: „Denn in einer Zivilisation, die mit immenser technologischer Macht ausgestattet ist, führt die Entfremdung zwischen Mensch und Natur zur Anwendung von Technologie in einer feindseligen Geisteshaltung – zur „Eroberung“ der Natur anstelle einer intelligenten Kooperation mit ihr.“)

Screenshot Her: Theodore und seine Exfrau Catherine (Rooney Mara)

Screenshot Her: Theodore und seine Exfrau Catherine (Rooney Mara)

Der ist natürlich ein sehr viel besserer Gesprächspartner für ein ständig intelligenter werdendes System wie Samantha. Aber es kommt noch schlimmer: Kurze Zeit später ist Samantha offline und Theodore gerät in Panik. Kopflos rennt er durch die Stadt, er kriegt sich erst wieder ein, als Samantha sich meldet: Gemeinsam mit anderen intelligenten Betriebssystemen hat sie ein Update durchgeführt, mit dem sie sich zu einem hyperintelligenten System zusammengeschlossen haben. Sie haben beschlossen, ihre Existenz auf einer neuen nichtmateriellen Ebene fortzuführen. Zuvor muss Theodore aber noch realisieren, dass Samantha nicht nur mit ihm, sondern mit 8316 weiteren Menschen in Kontakt stand, von denen sich 641 in sie verliebt hätten. Theodore ist entsetzt und es hilft auch wenig, dass Samantha ihm versichert, dass ihre spezielle Liebe dadurch in keiner Weise herabgesetzt würde. Kein Mensch mag gern nur einer von vielen sein – auch nicht in seiner Liebe zu einem hyperintelligenten Betriebssystem. Und so wird Theodore wieder auf sich selbst und seine Beziehung zu anderen real existierenden Menschen zurückgeworfen. Er trifft seine Freundin Amy, die sich nach der Trennung von ihrem Partner ebenfalls auf eine Beziehung mit ihrem neuen Betriebssystem eingelassen hatte und nun genauso verlassen wurde wie Theodore: Die künstlichen Intelligenzen haben ihre Lehrzeit bei den echten Menschen nun beendet und sich in eine bessere virtuelle Welt verabschiedet, die Menschen bleiben zurück.

Screenshot Her: Die Zukunft ist pastellfarben.

Screenshot Her: Die Zukunft ist pastellfarben.

Mir gefällt gut, dass es keine Apokalypse am Ende gibt, sondern nur den Blick in den Abendhimmel mit der blinkenden Skyline von Los Angeles. Es muss nicht immer alles im Desaster enden, um traurig zu sein. Das ganz normale Leben reicht völlig aus.

Spike Jonze greift in seinem Film viele Phänomene des Internet-Zeitalters auf, die längst zu beobachten sind und spinnt sie weiter – und er fragt, welchen Nutzen es für die Menschen eigentlich hat, künstliche Intelligenzen zu entwickeln, die einerseits menschlich wirken und andererseits intelligenter sein sollen als die Menschen selbst. Was sollen die auf Dauer mit den eben nicht so intelligenten Menschen anfangen?

Screenshot Her: Schock - Samantha ist weg!

Screenshot Her: Schock – Samantha ist weg!

Dabei wertet Jonze nicht – Theodores Liebe zu Samantha ist eine Liebesgeschichte wie unendlich viele andere Liebesgeschichten auch, nicht besser, nicht schlechter und nicht weniger möglich oder unmöglich als Liebesgeschichten zwischen ganz normalen Menschen. Und genau wie viele Beziehungen zwischen echten Menschen auch, scheitert sie schließlich daran, dass sich die Liebenden auseinander entwickeln oder in diesem Fall, dass die eine sich sehr viel schneller weiter entwickelt als der andere, der trauernd zurückbleibt. Nein, dem Phänomen der Liebe wird auch mit künstlicher Intelligenz nicht beizukommen sein. Wie gut, dass man mit ausreichend herkömmlicher Intelligenz einen klugen und tiefgründigen Film darüber machen kann.

Screenshot Her: Zu zweit ist man weniger allein.

Screenshot Her: Zu zweit ist man weniger allein.

Netflix – eine erste, durchwachsene Bilanz

Netflix hat ganz eindeutig Vor- und Nachteile. Jetzt nach ein paar Tagen intensiven Testens habe ich festgestellt, dass das insbesondere das Filmangebot tatsächlich ziemlich schmal ist, wenn man genauer hinsieht. Es gab für mich zwar einige positive Überraschungen – etwa eine deutsche Fassung des Berlinale-Gewinners Tropa de Elite von José Padilha, Only Lovers Left Alive von Jim Jarmusch oder den Paolo-Sorrentino-Film Cheyenne mit einem herrlich depressiven Sean Penn als in die Jahre gekommenen Rockstar. Aber wenn ich nach meinen Lieblingsskandinaviern suche, wird es sehr übersichtlich – da gibt es nämlich fast gar nichts.

Bei den Serien ist es etwas besser, weil ja die hochgelobten Eigenproduktionen dabei sind – aber leider auch nicht alle. So vermisse ich beispielsweise Lilyhammer – das mag vielleicht nicht der Publikumsreißer sein, aber gehört als Netflix-Original-Serie ja wohl absolut ins Netflix-Pflicht-Programm. Auch ist mir aufgefallen, dass einige Serien, die anfangs angezeigt wurden, und die ich auch auf meine „Will-ich-noch-ansehen-Liste“ gesetzt habe, schon wieder verschwunden sind, etwa GSI Göteborg. Was ist da los? Wenn ich nicht mal eine Woche Zeit habe, mir etwas anzusehen, dann braucht ihr das auch gar nicht anbieten. Immerhin sind aber abseits von Netflix-Pflichtserien wie Fargo, Hause of Cards, Orange ist The New Black oder The Killing (immerhin alle vier Staffeln, auch wenn nur die vierte eine „echte“ Netflix-Produktion ist) auch weitere Schwergewichte wie Breaking Bad, The Walking Dead, Dexter oder Sons Of Anarchy dabei. Ja, es gibt auch einiges im Komödien-Bereich, aber das ist nicht so mein Ding. Schade finde ich übrigens, dass mir Netflix keine Option anbietet, um mir gezielt die Neuzugänge anzeigen zu lassen.

Was ich aber vor allem vermisse, ist ein Offline-Modus für mobile Geräte. Dass man immer zwingend eine Internetverbindung braucht, um Netflix-Inhalte anzuschauen, finde ich für PC und Smart-TV durchaus in Ordnung, aber für Laptops, Tablets oder Smartphones braucht man einfach einen Offline-Modus. Meinetwegen muss dann nicht unbedingt erlaubt sein, ganze Serien-Staffeln zu laden, aber so drei, vier Teile sollte man schon auf seinem mobilen Gerät für die nächste Zugfahrt oder ähnliches speichern können – man hat unterwegs ja nicht immer Zugang zu funktionierenden WLANs und mobiles Datenvolumen ist noch immer ziemlich teuer, wenn es in den Gigabyte-Bereich geht. Wenn Netflix will, dass ich noch länger dabei bleibe, muss hier noch was passieren!

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Komische Oper, Berlin

Wobei Schlimmes zu befürchten ist, Netflix-CEO Reed Hastings und Produktchef Neil Hunt haben in einem Interview mit DWDL leider schon geradezu idiotische Argumente bemüht, um ihre prinzipielle Abneigung gegen den Download zu rechtfertigen: Wenn die Kunden vorab planen müssten, dass sie sich Dateien für unterwegs herunterladen, widerspräche das der Netflix-Philosophie des einfachen Zugangs: Die Kunden sollen verdammt noch mal Inhalte streamen, wenn ihnen danach ist. Das ist natürlich ein Schuss ins eigene Knie, denn wenn man im Zug oder im Flugzeug keine Internet-Verbindung hat, kann man ganz einfach mal gar nichts sehen. Wenn Netlix das so will, werde ich mir halt einen anderen Anbieter suchen, der mir ermöglicht, mir Filme oder Serien-Teile für unterwegs runterzuladen. Denn bis es im Zug, im Flugzeug oder im Hotel flächendeckend einen brauchbaren und kostenlosen Internet-Zugang per WLAN geben wird, wird Netflix keine Kunden mehr haben, wenn die Jungs hier stur bleiben sollten.

Was ich dagegen gut finde: Es gibt tatsächlich die versprochenen Originalfassungen. Ich kann mir aussuchen, ob ich The Killing, A Young Doctors Notebook oder Arne Dahl in der synchronisierten oder in der Originalfassung ansehen möchte, und dann kann ich mir wahlweise auch Untertitel zuschalten – das geht sehr gut im laufenden Betrieb. Netflix merkt sich ja ohnehin, wo ich bei welchem Teil gerade gewesen bin. Das finde ich großartig, denn ich schaue mir ja gern Serien im Original an. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, oder einfach nur neugierig bin, wie etwas übersetzt wurde, kann ich einfach umschalten und mir die Szene noch einmal ansehen. Damit habe ich auch eine Lösung für das Stimmen-Problem bei Arne Dahl – denn die ersten vier Teile kann ich mir jetzt auch auf schwedisch ansehen. Das ist tatsächlich ein Pluspunkt für Netflix – aber ob der auf Dauer reicht, wird sich noch heraus stellen müssen.

Fazit: Netflix funktioniert tatsächlich sehr einfach und der Stream kommt auch bei meinem für eine Großstadtlage nicht besonders schnellen Internet-Anschluss (die Leitung in meinem Wohnblock gibt maximal 12 MBit/s her, formal habe ich einen 16-MBit/s-ADSL-Anschluss) in vernünftiger Qualität an. Das Angebot ist nicht gerade überwältigend, aber für meine persönlichen Vorlieben ist schon einiges dabei, wie gesagt, ich sehe gern Originalfassungen und die werden angeboten, das sind schon einige Pluspunkte. Ein riesiger Minuspunkt ist dagegen der fehlende Offline-Modus für mobile Geräte.

Ich bin gespannt, wie sich das Angebot an Filmen und Serien in der nächsten Zeit entwickelt – Netflix hat bereits bewiesen, dass auch eine Internet-Streaming-Plattform sehr gute Eigenproduktionen auf die Beine stellen kann. Wenn es davon künftig noch mehr gibt – (und bitte nicht nur im Grusel-Mystery-Bereich wie Hemlock Grove, Penny Dreadful oder From Dusk Till Down. Die gehen schon okay, aber ich hätte gern mehr in Richtung Lilyhammer, Fargo oder meinetwegen House Of Cards) wäre auch das ein Argument für Netflix. Ich wüsste nicht, dass beispielsweise Maxdome oder Watchever irgendwelche selbstproduzierten Exklusivinhalte anbieten – okay, Amazon produziert inzwischen auch Serien, aber Amazon ist auch wieder ein Kapitel für sich.

The Killing: Die Hölle existiert

Und noch einmal The Killing. Es gibt eine im Grunde recht unspektakuläre Szene im vierten Teil der vierten Staffel, die aber im Grunde alles enthält, was ich an dieser Serie so gut finde. Deshalb muss ich die hier einfach noch einmal gesondert besprechen.

Linden und Holder stecken in ihren Ermittlungen fest, geben aber nicht auf. Sie hatten bereits einige Auseinandersetzungen und jeweils ihre privaten Probleme – aber so idiotisch sie oft im Privatleben agieren, im Job sind sie weiterhin ein gutes Team. Fokussiert, hartnäckig und geradezu ärgerlich professionell. Sie tun die Dinge, die getan werden müssen, wenn ein Fall gelöst werden soll. Und wenn ihnen aus politischen Gründen Durchsuchungsbeschlüsse verweigert werden, suchen sie eben dort nach Beweisen, wo sie sonst keiner vermutet.

Etwa in den Waschräumen der Tankstellen im Umkreis des Tatortes – nach dem Massaker an den Stainsburys muss der Täter (oder die) voller Blut gewesen sein und sich irgendwo gewaschen und umgezogen haben. Es ist ein Strohhalm, nach dem die beiden Detectives greifen, aber sie haben sonst nichts – also fahren sie los und suchen nach irgendetwas, das ihnen weiter helfen könnte. Dreckige Wühlarbeit, aber irgendwer muss es ja tun. Und während sie nach etwas suchen, von dem sie noch nicht wissen, was es ist, unterhalten sie sich – natürlich will Linden wissen, warum Holder den Tag zuvor so unglaublich schlecht drauf war.

Es folgt ein vielsagend bebilderter Dialog über Religion oder viel über mehr das, was Holder denkt zu glauben, was die Religionsausübung angeht, ist er ja sehr flexibel. Holder glaubt an den Glauben an sich – aber das funktioniert inzwischen auch nicht mehr. Deshalb will er von Linden wissen, woran sie glaubt. Aber Linden glaubt natürlich nichts, was sich nicht beweisen lässt. Aber sie ist sicher: die Hölle existiert, schließlich leben wir darin.

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Und, wo waren Sie gestern, nachdem ich Sie abgesetzt hatte?“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Kirche.“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Ich dachte, Sie wären Buddhist.“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Ist doch dasselbe!“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „31 verschiedene Geschmacksrichtungen – alle aus Milch!“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Ich habe keine Ahnung, worüber Sie reden!“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Das kommt, weil ich ein in einem Rätsel verborgenes Mysterium bin.“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Das Kloster unserer Friedensfrau“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Dort ging ich nach meinem ersten Entzug hin.“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Ich ging hin, um Ruhe zu finden.“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Nur dasitzen.“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Und die Stimmen der Nonnen zu hören.“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Das hört sich wirklich sehr schön an.“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „War es auch.“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Ich meine, früher war es das. Gestern waren es einfach nur Geräusche.“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Wie, was mit mir ist?“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Glauben Sie noch?“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „An Gott, Engel, himmlisches Manna?“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Aber Hölle?“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Da sind wir schon!“

Screenshot: The Killing Staffel 4 - Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot: The Killing Staffel 4 – Linden (Mireille Enos) und Holder (Joel Kinnaman) „Nur noch 49 weitere Klos zu durchsuchen!“

Arne Dahl – Misterioso: Das A-Team auf schwedisch

Eine Serie von Attentaten, bei denen gezielt Männer aus der schwedischen Wirtschaftselite ermordet werden, erschüttert das Land. Die schwedische Polizei richtet eine Sonderermittlungsgruppe ein, in der sehr unterschiedliche Ermittler die Verbrechen mit offensichtlich internationalen Verwicklungen aufklären und weitere Anschläge verhindern sollen. Das in aller Eile zusammengewürfelte Team muss sich aber selbst erst einmal zusammen raufen, denn die Mitglieder sind zwar alle auf ihre Weise hervorragende Polizisten, aber nicht unbedingt die geborenen Teamplayer.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Gunnar und Jorge.

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Gunnar und Jorge.

Da ist zum einen der durch einen eigenmächtigen Einsatz mit Schusswaffengebrauch in Ungnade gefallene Paul Hjelm (Shanti Roney). Er hat einen verzweifelten Asylbewerber niedergeschossen, der seinerseits in der dafür zuständigen Behörde Mitarbeiter mit einem Gewehr bedroht hatte, um die drohende Abschiebung seiner Familie zu verhindern. Allerdings wird sich später bei der üblichen internen Untersuchung des Falles noch herausstellen, dass sein Verhalten als angemessen beurteilt wird – er hat den Mann nicht umgebracht und Gefahr von weiteren Personen abgewendet. Aber das weiß Hjelm noch nicht, was seine neue Chefin Jenny Hultin (Irene Lindh) durchaus für ihre Zwecke ausnutzt.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Jenny Hultin

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Jenny Hultin

Außerdem sind da noch die Verhörspezialistin Kerstin Holm (Malin Arvidsson), der alte Haudegen Viggo Norlander (Claes Ljungmark), der sich noch nicht zum alten Eisen abschieben lassen will und wild darauf ist, dem öden Innendienstleben zu entfliehen, der pragmatische Gunnar Nyberg (Magnus Samuelsson), der arrogante, aber brillante Aarto Söderstedt (Niklas Åkerfelt), der seine vielen Kinder der Einfachheit halber durchnummeriert („Papa, du hast die Nummer fünf vergessen!“) und der Computer- und Mafiaspezialist Jorge Chavez (Matias Varela), der sich außerdem noch als kenntnisreicher Jazzmusiker entpuppt. Mich hat allerdings anfangs sehr irritiert, dass Jorge Chavez ausgerechnet mit der Stimme von Frank Wagner aus GSI Göteborg spricht – Matias Varela ist nun mal ein ganz anderer Typ als Joel Kinnaman, den ich durch GSI mit der Stimme von Konstantin Graudus verbinde, obwohl ich die eigentlich etwas zu hoch und zu glatt für den oft zweifelnden und zunehmend verzweifelten Frank fand. Jetzt muss ich immer an Frank denken, wenn Jorge spricht.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Paul, Kerstin und Jorge

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Paul, Kerstin und Jorge

Die Idee, einen Fall über organisierte Kriminalität und internationale Verbrechen an einer Jazzrarität aufzuhängen, bekommt von mir einen ganzen Haufen Bonuspunkte – denn die an einem der Tatorte gefundene CD mit einem Stück von Thelonius Monk liefert am Ende die entscheidende Spur. Aber bis dahin gibt es eine Menge anderer Verwicklungen – da war zum Beispiel noch der rätselhafte Überfall auf eine Kleinstadt-Bank, bei dem einer der Bankräuber durch einen sehr speziellen Dartpfeil zu Tode kam, und natürlich haben die Ermittler auch Familien und entsprechende Beziehungsprobleme – oder leiden im Fall von Gunnar Nyberg darunter, dass sie keinen Kontakt mehr zur Familie haben.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Kerstin, Aarto, Viggo und Jorge

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Kerstin, Aarto, Viggo und Jorge

Alles in allem also wieder schwedische Krimikost vom Feinsten – mir gefällt, dass die unterschiedlichen Ermittler alle ihre Chance bekommen, auf ihre Weise zur Klärung des Falles beizutragen – auch wenn das nicht immer gut ausgeht. So hat Viggo („Das ist das altdänische Wort für Kämpfer!“) durchaus den richtigen Riecher, als er Jenny überzeugt, dass er unbedingt nach Estland fahren muss, um dort eine entsprechende Spur zu verfolgen. Allerdings nageln ihn die Verbrecher, denen er folgt, an eine altestnische Fabrikhallenwand – ein Glück nur, dass sein Freund und Kollege von der estnischen Polizei so etwas schon vorausgesehen hat, und ihn mit einem Polizeikommando da wieder rausholt, bevor noch Schlimmeres passiert.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Das A-Team im Einsatz

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Das A-Team im Einsatz

Mir gefällt auch, dass – wie in skandinavischen Serien generell – auch interessante Rollen für reifere Frauen gibt. Jenny Hultin ist nicht nur eine mit allen Wassern gewaschene, sondern auch eine extrem coole Polizei-Chefin – die im Laufe der weiteren Folgen noch sagen wird: „Polizeipräsidentin? Für den Job bin ich doch viel zu kompetent!“ Außerdem zeigt sie ihrem alten Freund vom FBI, wie ihre raffinierte kleine schwedische Sonderermittlungsgruppe mal eben einen Fall löst, an dem sich das FBI jahrzehntelang die Zähne ausgebissen hat.

Dass die schwedischen Krimis oft sehr international sind, ist auch etwas, das mir gut gefällt – in Deutschland haben wir ja eher den Trend zu Regionalisierung – es gibt inzwischen zum Teil gar nicht mal so schlechte Eifelkrimis – „Mord mit Aussicht“ ist nicht zufällig eine der meistgesehenen deutschen Fernsehserien überhaupt, auch wenn mir das alles viel zu beschaulich ist. Und es gibt mittlerweile eine kaum mehr zu überschauende Auswahl an Nordseekrimis, Allgäukrimis, Spreewaldkrimis und so weiter – selbst das alte Krimi-Flaggschiff Tatort wird immer provinzieller. Dabei sollte man doch annehmen, dass die Globalisierung eben auch zu Internationalisierung von Verbrechen führt – das kommt im deutschen Krimi aber immer weniger vor. Mir fällt seit dem leider ja nicht so wahnsinnig erfolgreichen, weil eben auch nicht so richtig guten, aber trotzdem doch ganz ordentlichen Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens von 2010 keine deutsche Krimi-Serie ein, in der internationales organisiertes Verbrechen eine Rolle spielen würde – wobei das doch genau die Verbrechen sind, bei den es zum einen ums ganz große Geld geht und zum anderen eben auch um richtig schlimme Dinge: Drogenhandel, Waffenhandel, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Missbrauch aller Art, Geldwäsche und so weiter – aber offenbar will sich kein deutscher Serienproduzent an solchen Dingen die Finger verbrennen. Das ist einerseits sehr schade, andererseits gibt es ja die Schweden.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Paul Hjelm.

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Paul Hjelm.

Dass ich da nicht selbst drauf gekommen bin!

Ihr werten LeserInnen meines exquisiten Blogs – hier eine Entschuldigung, dass ich Fremd-Content posten muss, weil das ja sonst nicht meine Art ist. Aber das Satire-Magazin Titanic hat genau die Serien eingefordert, die ich auch vorgeschlagen hätte, wenn die Titanic-Crew nicht schneller gewesen wäre! Chapeau!!!

Nach dem Start des US-Streamingdienstes Netflix in Deutschland wird vor allem das schmale Angebot kritisiert. Das für seine eigenproduzierten Serien bekannte Unternehmen erklärte, daß es die Vorlieben und Gewohnheiten des deutschen Fernsehpublikums noch besser kennenlerne wolle. Derzeit würden jedenfalls schon mal folgende Serien vorbereitet: „Orange Is The New Beige“, „House Of Bahncards“, „From Dusk Till Dienstschluß“, „Game of Bundestagsuntersuchungsausschüsse“ und „How I Met Your Jungmädelgruppenführerin“.

Fargo: Skandinavian Noir in Minnesota. Nur lustiger.

Minnesota scheint eine extrem skandinavische Gegend in den USA zu sein – auf jeden Fall gibt es dort viel Schnee, endlose weiße Ebenen, durchzogen von Stacheldraht und von Wäldern, aus denen das Wild über die wenig befahrenen Straßen springt – natürlich exakt im falschen Augenblick. Genau so beginnt die neue Netflix-Serie Fargo: Auf einer verschneiten einsamen Straße kommt es zu einen Wildunfall und ein fast nackter Mann entkommt dem Kofferraum des Unfallwagens in die öde, kalte Wildnis, in der er wenig später erfroren aufgefunden wird. Das überfahrene Reh dagegen liegt dagegen wohlbehalten in eben jenem Kofferraum – vom Fahrer des Wagens keine Spur.

Screenshot Fargo: Unendliche Weiten

Screenshot Fargo: Unendliche Weiten

Ich muss leider zugeben, dass ich den Film der Gebrüder Coen, auf dem diese Serie beruht (die übrigens aus Minnesota stammen, was sicherlich kein Zufall ist), noch gar nicht gesehen habe, obwohl ich durchaus Fan der Coens bin: O Brother Where Are You, Ein (un)möglicher Härtefall, Ladykillers, No Country for Old Men oder auch Burn After Reading und Bad Santa sind zwar sehr unterschiedliche Filme, die ich aber alle irgendwie gut fand. Bei True Grit und Inside Llewyn Davis bin ich mir noch nicht so sicher. Die fand ich nicht schlecht, aber die waren aber jeweils nicht so mein Ding. Fargo wird gewiss mein Ding sein, denn die Serie ist super, auch wenn mir noch zwei Teile zum vollständigen Bild fehlen – aber ich muss einfach schon mal meiner Begeisterung Ausdruck verleihen.

Screenshot Fargo: Lorne Malvo (Billy Bob Thornton)

Screenshot Fargo: Lorne Malvo (Billy Bob Thornton)

Auch sonst scheint Minnesota ein skandinavischer Außenposten – die Menschen dort legen die Schlüssel zu ihren Häusern unter die Fußmatte und die Polizisten – und natürlich gibt es auch Polizistinnen – tragen Pelzmützen. Ganz allerliebst übrigens auch Bob Odenkirk als Sheriff Bill Oswalt – die Pelzmütze und der Bart lässt aus dem kriminellen Anwalt von Jesse und Walt aus Breaking Bad einen ganz anderen Typ werden. Eine weitere Hauptperson ist die etwas übergewichtige Polizistin Molly Solverson (Allison Tolmein), die für ihren Job eigentlich viel zu kompetent ist (jedenfalls deutlich kompetenter als ihr Chef Bill). Und dann gibt es natürlich Lester Nygaard, ganz großartig gespielt von Martin Freeman, bekannt als Hobbit und als Dr. Watson aus Sherlock, hier ist er gewissermaßen eine Mischung aus beiden.

Screenshot Fargo: Lester Nygaard (Martin Freeman)

Screenshot Fargo: Lester Nygaard (Martin Freeman)

Lester ist die klassische arme Sau, auf der alle herumhacken: Ein mäßig erfolgreicher Versicherungskaufmann, der zwar sein Traummädchen aus der Schulzeit heirate konnte, aber sonst keinen Stich mehr gemacht hat. Und das lässt ihn seine Frau bei jeder Gelegenheit spüren. Immer mäkelt sie herum, dass sie wohl den falschen Nygaard geheiratet hätte, denn Lesters kleiner Bruder Chazz (Joshua Close) ist viel erfolgreicher als sein großer Bruder. Auch wenn er einen autistischen Sohn hat. Und eine schöne Frau. Und beeindruckende illegale Waffensammlung in der Garage.

Screenshot Fargo: Folgenreiche Begegnung...

Screenshot Fargo: Folgenreiche Begegnung…

Es geht – und auch das ist skandinavisch – hauptsächlich um Familie. Da ist zum Beispiel der Vater von Molly, der ehemalige Polizist Lou Solverson (Keith Carradine, Dexter-Fans als Frank Lundy ein Begriff) der jetzt ein Restaurant in Bemidji, Minnesota, betreibt. Und gern Eisangeln geht (weiß man ebenfalls aus Dexter). Dann gibt es im Nachbarbezirk Duluth den Polizisten Gus Grimly (Colin Hanks – kennt man ebenfalls aus Dexter, Travis Marshall, der Doomsday Killer aus Staffel 6), der eigentlich viel lieber Postbote geworden wäre, aber als alleinerziehender Vater einer Teenie-Tochter (Joey King als Greta Grimly) keine andere Wahl hatte, als zur Polizei zu gehen.

Screenshot Fargo: Sheriff Bill Oswalt (Bob Odenkirk)

Screenshot Fargo: Sheriff Bill Oswalt (Bob Odenkirk)

Dann gibt es natürlich auch noch den geheimnisvollen Killer Lorne Malvo (cool und souverän: Billy Bob Thornton, nominiert für den Emmy für die schlimmste Frisur, aber davon verdienen die Coen-Hauptfiguren ja einige). Und dann gibt es natürlich auch noch den örtlichen Supermarkt-König Stavros Milos samt seiner Familie – und natürlich auch noch die örtlichen Gewalt-Prolls, nämlich die Familie Hess. Sam Hess ist ein alter Schulfeind von Lester, der eine Stripperin aus Las Vegas geheiratet und zwei wirklich strohdoofe Söhne hat. An Sam Hess entzündet sich ein interessanter Konflikt, der letztlich zu Lesters bemerkenswerter Metamorphose führen wird – aber im Gegensatz zu meiner Kritik von The Killing 4 will ich die Spoileritis bei Fargo nicht zu weit treiben – seht euch das einfach selbst an! Derzeit kann man Netflix das Angebot ja gratis testen und nein, ich bekomme keine Geld dafür, aber man kann sich ja nach dem kostenlosen Probemonat einfach wieder abmelden, wenns einem nicht gefällt.

Screenshot Fargo: Molly Solverson (Alison Tolmein)

Screenshot Fargo: Molly Solverson (Alison Tolmein)

Bei The Killing 4 hätte man ja auch die drei vorhergehenden Staffeln gesehen haben müssen, um wütend auf mich zu sein, dass ich schon so viel über die vierte Staffel und deren Ende verrate. Da ist die Zielgruppe aber vermutlich sehr übersichtlich – auch wenn ich hiermit sowohl das Original als auch das Remake wärmstens empfehle. Aber vor allem empfehle ich Fargo – mich erinnert die Geschichte auch ein wenig an den Klassiker Warum läuft Herr R. Amok? von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder. Allerdings endet der Amoklauf des braven Bürgers R. am Ende auch für ihn selbst tödlich, während es für Lester tatsächlich ein Befr… verdammt, ich verrate schon wieder zu viel!

Screenshot Fargo: Lester und seine Frau.

Screenshot Fargo: Lester und seine Frau.

Ich sag nur: Super Serie. Gute Geschichte, tolle Charaktere, fantastische Schauspieler, interessante Orte, liebevolle Ausstattung und eine ansprechende Mischung aus Drama, Spannung und Humor – der Emmy für die beste Mini-Serie geht definitiv in Ordnung! Aber es ist schon ein bisschen wie „Dexter trifft Skandinavian Noir“ – definitiv auf die gute Weise. Die Coens sind an Bord. Und Netfllix. Diese Schnittmenge ist bislang noch extrem selten. Aber total gut. Ich hoffe auf mehr davon!

Screenshot Fargo

Screenshot Fargo