Schwedenkrimi einmal anders: Annika Bengtzon

Das Tatort gestern war ja wieder mal nicht so dermaßen toll – obwohl sich die Hersteller (wie soll man das bei dieser Produktionsweise sonst nennen?!) ja irgendwie schon Mühe gegeben haben, nicht ganz so fad daher zu kommen. Die Idee mit der österreichischen Rentner-Gang, die als Schmerzmittel getarntes Crystal Meth von Ungarn nach Hause schmuggelt, hatte durchaus Potenzial. Und ich mag im Prinzip auch das Team Moritz Eisner/Bibi Fellner ganz gern – insbesondere Bibis scharfe Karre vom Inkasso-Heinz.

Aber irgendwie war das am Ende dann doch wieder Rentner-Fernsehen vom Feinsten – wobei ich fürchte, dass es am Ende doch an der Zielgruppe vorbei ging. Für die noch nicht im Renten-Alter befindlichen Zuschauer war immerhin ein Breaking-Bad-Gag eingebaut, und das Altersheim war ja allerliebst im Name-der-Rose-Style eingerichtet, also quasi Mittelalter. Und Peter Weck war natürlich auch nicht schlecht – es beruhigt mich, dass nicht nur ich älter werde. Peter Weck hab ich, glaub ich zuletzt in „Ich heirate eine Familie“ gesehen, da war ich auch noch richtig klein, jedenfalls war das vor meinem Abitur, so etwas habe ich nämlich nur gesehen, weil meine Eltern damals noch das Programm auf dem einzigen Familienfernseher diktiert haben.

Screenshot Annika Bengtzon - Nobels Testament (Malin Crépin)

Screenshot Annika Bengtzon – Nobels Testament (Malin Crépin)

Wie auch immer – ich musste mir quasi als Kompensation für den Tatort noch einen richtigen Krimi als Nachtisch reinziehen und sah mir eine weiter Folge der Annika-Bengtzon-Reihe an. Ja, schon wieder Schwedenkrimi, aber was soll ich machen, die sind halt immer wieder gut. Leider gibt es davon nicht allzu viele Folgen, es handelt sich um ein ähnliches Format wie GSI Göteborg mit jeweils sechs abendfüllenden Filmen in einer Staffel, die zwar auf einander aufbauen und durchaus eine fortlaufende Handlung haben, die man aber auch jeweils für sich sehen kann.

Auf Annika Bengtzon bin ich gekommen, weil ich I skuggan av värmen so gut fand und von der Hauptdarstellerin Malin Crépin schwer beeindruckt war. Also habe ich nachgeschaut, was es mit Malin Crépin sonst noch so gibt und bin auf die Annika-Bengtzon-Reihe gestoßen. Es handelt sich um Verfilmungen von Krimis der schwedischen Journalistin und Schriftstellerin Liza Marklund, die in Deutschland von der ARD ausgestrahlt wurden.

Annika Bengtzon ist Journalistin, genauer: Kriminal-Reporterin bei der Nachtausgabe, einer fiktiven Zeitung, deren Verleger Anders Schyman auf exakte Recherchen und saubere journalistische Arbeit besteht, während Chefredakteur Spiken eher auf die Zugkraft von skandalträchtigen Geschichten setzt. Annika versucht, beides zu bedienen, was ihr auch immer wieder gelingt, weil sie einfach gut in ihrem Job ist. Das wiederum hat natürlich Auswirkungen auf ihr Privatleben – Annikas Freund und ihre Kinder sind weniger glücklich, dass Mama dermaßen viel arbeitet. Aber wir sind ja im glücklichen Schweden – zwar ist es auch hier schwierig, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, aber immerhin ist es möglich. Das fällt mir bei schwedischen Produktionen immer wieder auf: Selbstverständlich haben alle eine Familie und Kinder – auch die hartnäckigsten Ermittler, die fiesesten Verbrecher und natürlich auch die engagiertesten Journalistinnen. Was durchaus für Konfliktstoff sorgt, aber so ist das halt mit dem Leben – es findet einfach statt.

Screenshot Annika Bengtzon - Nobels Testament

Screenshot Annika Bengtzon – Nobels Testament

Das ist im deutschen Fernsehen anders – hier wird sorgsam sortiert in Familienserien und andere Serien – und wenn etwa im Tatort plötzlich das Privatleben der KommissarInnen eine Rolle spielt, ist es meistens ziemlich nervig. Dass man einfach noch ein Leben neben dem Job hat, ist hierzulande eben nicht selbstverständlich. Nicht mal im Fernsehen. Aber leider ist es offenbar auch nicht möglich, im deutschen Fernsehen ein halbwegs realistisches Bild von arbeitenden Menschen, die gleichzeitig Kinder haben, zu zeigen.

Zurück zu Annika Bengtzon. In ihrem ersten Fall soll sie von einer der exklusivsten und hochkarätigsten Parties im ganzen Land berichten – der Nobelpreis-Gala. Dort versammeln sich die bekanntesten Wissenschaftler der Welt und natürlich die schwedische Elite – und selbstverständlich ist das auch ein spektakulärer Ort, um Anschläge zu verüben. Und genau das passiert: Während die Ehrengäste das Tanzbein schwingen, wird auf den israelischen Wissenschaftler Aaron Wiesel geschossen, der für seine umstrittene Stammzell-Forschung den Nobelpreis für Medizin erhalten hat. Auch die Vorsitzende des Nobelpreiskommittes, Caroline von Behring wird tödlich getroffen.

Annika hat den Anschlag aus nächster Nähe erlebt, allerdings hat sie nicht viel gesehen. Ihr ist nur eine Frau mit eigenartigen Augen aufgefallen. Was noch viel schlimmer ist: Erst wird Annika als Augenzeugin der Tat lange von der Polizei festgehalten. Und als sie endlich in die Redaktion kommt, darf sie nichts über die Ereignisse schreiben – eben weil sie Tatzeugin ist. Das ist natürlich kaum auszuhalten: Während in allen Redaktionen die Drähte heißlaufen, bekommt sie einen Maulkorb verpasst. Natürlich hält das Annika nicht von weiteren Recherchen ab und sie kommt auch bald darauf, dass Caroline von Berg kein zufälliges Opfer war. Aber mit diesem Verdacht bringt sich Annika selbst in Gefahr – natürlich deckt sie allerlei Machenschaften hinter den Kulissen auf.

Auch die weitere Fälle sind sehr spannend – mich hat unter anderen auch gefreut, Leif Andrée, der in Real Humans einen mäßig sympathischen Loser spielt, als Annikas Redaktionsleiter Spiken wieder zu sehen.

Screenshot Annika Bengtzon - Nobels Testament (Leif Andrée)

Screenshot Annika Bengtzon – Nobels Testament (Leif Andrée)

Nun kann man natürlich einwenden, dass es nicht ganz fair sei, Roman-Verfilmungen – denn um solche handelt es sich bei der Annika-Bengtzon-Reihe, (wie auch bei Martin Beck (Sjöwahl/Wahlöö), Kurt Wallander (Henning Mankell), Erik Winter (Åke Edwardson) und überhaupt noch sehr viele andere Schweden-Krimis haben Roman-Vorlangen) mit einer Fernseh-Reihe wie dem Tatort zu vergleichen.

Aber dann frage ich mich natürlich auch, warum man dann nicht einfach mal gute deutsche Krimis verfilmt – es ist ja nicht so, dass es keine gäbe. Ich schlage hiermit vor, endlich mal die Krimis des leider viel zu früh verstorbenen Jakob Arjouni zu verfilmen – die Kayankaya-Romane hätten es wirklich verdient. Oder die Gereon-Rath-Romane von Volker Kutscher, die im Berlin der Weimarer Republik spielen. Gut, dass ist ausstattungstechnisch natürlich wieder ein bisschen anspruchsvoller, aber für Schmozetten wie „Das Adlon“ hat das deutsche Fernsehen das ja auch hingekriegt. Wenns drauf ankommt, ist schon immer erstaunlich viel Geld da. Macht doch einfach mal was draus!

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