Tatort: Die Bank gewinnt immer

Geht doch! Nach den letzte Tatorterfahrungen, die allesamt gar nicht so gut waren, habe ich gestern Abend ernsthaft überlegt, ob ich mir nicht lieber eine weitere Folge der Arne-Dahl-Reihe ansehe. Denn die letzten Flückinger-Tatorte haben mich jetzt auch nicht dermaßen vom Hocker gerissen. Ich bin aber froh, dass ich mich spontan doch entschieden habe, nach der Wettervorhersage im Ersten zu bleiben, denn dieser Tatort war überraschend gut. Die Schweizer haben sich mal was getraut und da muss ich ihnen glatt ein „Weiter so!“ zurufen.

Es geht gleich mit Paranoia los, eine Frau bringt ihr Kind zu Schule, und ganz offensichtlich fühlt sie sich verfolgt. Ein Mann hetzt durch Luzern, ganz offensichtlich versucht er ebenfalls, einen Verfolger abzuschütteln. Eine Frau liegt tot in ihrer Wohnung und wird vom Hund der Nachbarin gefunden – ganz grandios gemacht übrigens, der niedliche Schnuffi, der mit Blut an den Pfoten und herzbrechendem Hundeblick zu seinem Frauchen zurückkehrt. Frauchen ist eine pflichtbewusste ältere Dame mit klassischen Ressentiments – die machen halt alles lauter, diese Ausländer! Sie muss nicht mal hinschauen, um die tote Nachbarin zu identifizieren. Und so stellt sich bald heraus, dass die Tote eigentlich eine andere ist. Aber was hatte sie in der Wohnung zu suchen? Und was ihr Mörder? Warum wurde nicht die Wohnungstür aufgebrochen, aber dafür die Badezimmertür? Das Opfer aber liegt doch in der Küche? Ist am Ende das falsche Opfer ermordet worden? Fragen über Fragen, genauso muss es sein.

Und am Ende stellt sich das, was wie ein simples Eifersuchstdrama begonnen hat, als hochkomplexer Fall organisierter Wirtschaftskriminalität heraus: Am Ende gewinnt immer die Bank. Das muss auch das Ermittlerteam Reto Flückinger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) fressen. Dabei hatten sie sich so große Mühe gegeben. Aber an der Politik kommen sie nicht vorbei. „Machen Sie Ihre Arbeit – aber bitte diskret!“ verlangt der Chef. Der Chef hat nämlich eine spezielle Connection zum Direktor des Bankhauses, das einen Whistleblower ausbremsen will. Der hat nämlich Daten gestohlen und eine höchst brisante CD zusammengestellt, die er einem Steuerfahnder aus Wuppertal zukommen lassen will. Aber dazu kommt es nicht mehr. Und es wird auch nicht klar, ob eben jener Steuerfahnder in Deutschland tatsächlich existiert – am Ende ist dieser Thomas Behrens (Alexander Beyer) nur ein durchgeknallter Irrer, der einen Mord vertuschen will und eben kein Aufklärer, der seinem Gewissen folgt?

Genau diese Fragen sind es aber, die diesen Tatort meiner Ansicht nach so stark machen: Ist Ilka Behrens, die Angst um ihre eigene und die Sicherheitheit ihrer Tochter hat, einfach nur eine hysterische Oberschichten-Hausfrau mit Beziehungsproblemen – oder ist da wirklich was dran? Ist der arbeitslose Mann des vielleicht zufälligen Opfers selbst nur ein Opfer oder nicht doch der Täter? Gerade als Loser hat er um so mehr Gründe, eifersüchtig auf seine schöne, erfolgreiche Frau zu sein. Will er nur dem Liebhaber seiner Frau, der kein anderer ist als eben jener paranoide Thomas Behrens, eins auswischen? Und immer wieder diese Bank, wo sich der CEO („früher hieß das mal Bankdirektor“) noch selbst vorstellt, wenn die Polizei zur Frühstückspause vorbei kommt. Hier war der paranoide Thomas Behrens als für die Sicherheit der Computersysteme zuständig – und hatte natürlich Zugriff auf sensible und höchst sensible Daten.

Entsprechend reagiert die Bank: Sie engagiert nicht nur einen Privatdedektiv, um die Familie einzuschüchtern (die Ehefrau ist also keine Hysterikern, sondern sie wird gezielt terrorisiert), sie engagiert auch gleich einen Killer. Der letztendlich auch seinen Auftrag erfüllen kann – dank der (nicht ganz freiwilligen) Hilfe des Polizeichefs, der als Regionalpolitiker auch etwas für „seine“ Bank tun muss. Natürlich will der Chef Eugen Sattmann (Jean-Pierre Cornu) nicht, dass der Querulant stirbt. Aber er hat die Einweisung in die Psychiatrie veranlasst, wo Behrens prompt angeblich Selbstmord begeht. Natürlich hat er das nicht beabsichtigt. Aber die Regeln in diesem Spiel machen eh die anderen.

Insofern gefällt mir dieser Tatort besonders gut: Die Ermittler können den Fall letztlich nicht lösen. Die Politik lässt es nicht zu. Das ist doch fast wie im wahren Leben.

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