Exit – Wirtschaftskrimi trifft Psychopathenthriller

Es gibt immer wieder Filme, bei denen ich sehr erstaunt bin, dass sie der allgemeinen Aufmerksamkeit bisher entgangen sind – genau wie ich mich wundere, dass niemand in Deutschland I skuggan av värmen kennt, wundere ich mich, dass der schwedische Thriller Exit nicht einmal einen englischen Wikipedia-Eintrag hat – und selbst der schwedische Eintrag ist ziemlich dürftig. Dabei spielen mit Mads Mikkelsen und Alexander Skarsgård gleich zwei international bekannte Schauspieler mit, die auch in den USA mittlerweile Kultstatus erreicht haben.

Mads Mikkelsen ist spätestens seit seiner Rolle als Hannibal Lector in der Serie Hannibal einem internationalen Millionenpublikum ein Begriff und Alexander Skarsgård dürfte einer der Erfolgsfaktoren sein, denen True Blood ein vergleichsweise langes Leben über sieben Staffeln verdankt – der zum Kapitalismus konvertierte Wikingerfürst Erik Northman ist gewiss einer der populärsten Vampire derzeit. Interessant übrigens, dass im gleichen Jahr, in dem Casino Royale mit Mads Mikkelsen als Bösewicht neu verfilmt wurde, auch Exit entstand. Es handelt sich ebenfalls um einen Action-Thriller, allerdings ziemlich viele Nummern kleiner als der traditionell sehr bombastische Bond, allerdings ebenfalls sehr spannend. Exit beginnt als Wirtschaftskrimi und endet im Grunde, wie er angefangen hat – diese Art von Lakonie schätze ich sehr: Trotz der dramatischen Ereignisse in der Zwischenzeit geht alles wieder seinen gewohnten Gang.

Cover DVD Exit via http://www.cineasten.de

Cover DVD Exit
via http://www.cineasten.de

Der Geschäftsmann Thomas Skepphult (Mads Mikkelsen) hat den Höhepunkt seiner Karriere erreicht: Seine Investmentfirma Nova Investment bereitet den Verkauf ihrer Beteiligung an der Softwareschmiede Cataegis vor – denn wie Thomas weiß, soll man verkaufen, wenn alles richtig gut läuft: Dann kann man den höchsten Preis erzielen. Und scheinbar läuft alles ganz prima. Aber der weißrussische Käufer macht plötzlich Zicken: Er deutet an, dass er auf Unregelmäßigkeiten gestoßen ist, die im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Selbstmord eines wichtigen Cataegis-Managers stehen. Das ist zwar schon eine Weile her, aber sehr ärgerlich – zumal es tatsächlich Unregelmäßigkeiten gab, von denen Thomas zumindest gewusst haben muss. Denn der Zuschauer weiß, dass Thomas dabei war, als Morgan Nordenstråle sich den Kopf weggeschossen hat. Und man kann davon ausgehen, dass Nordenstråle entsprechend unsaubere Geschäfte gemacht hat.

Zur gleichen Zeit offenbart Thomas Partner und Mentor Wilhelm Rahmberg ihm, dass er sich zur Ruhe setzen will. Für Thomas kommt das überraschend – er will die Firma nicht allein leiten. Doch bevor es zu einer geregelten Übergabe kommt, wird Wilhelm brutal ermordet. Und nach Ansicht der Polizei ist Thomas hochgradig verdächtig: Weil die beiden Partner sich ihre Anteile an der Firma gegenseitig zu sehr günstigen Konditionen überschrieben haben, falls einem von beiden etwas passiert, profitiert Thomas vom Tod seines Partners. Für die Polizei ist die Sache damit ziemlich klar – zumal die Tatwaffe eine Brechstange aus Thomas Garage ist, auf der sich natürlich auch seine Fingerabdrücke befinden. Andererseits finde ich aber schon, dass die Polizei schon darauf kommen könnte, dass wenn einer wie Thomas seinen Partner loswerden wollte, bestimmt nicht so blöd sein würde, ein solches Werkzeug mit Fingerabdrücken darauf zu benutzen und dann auch noch am Tatort zurückzulassen.

Aber geschenkt – der Film entwickelt einen großen Teil seiner Dynamik gerade daraus, dass sich die Ermittler relativ schnell auf Thomas als Täter einschießen, und weil sie ihn für den Mörder halten und genervt sind, dass er nicht wie gewünscht kooperiert, sondern auf seine Unschuld beharrt und seinen Anwalt anrufen will, sind sie auch nicht besonders kooperativ. Als Thomas endlich telefonieren darf, wird der Anruf zu einem Unbekannten umgeleitet, der Thomas droht, seiner Frau Anna und seiner Tochter Ebba etwas anzutun, wenn er ihm nicht die Zugangsdaten zu seinem eigentlich geheimen Bankkonto gibt, auf dem er Geld für schlechte Zeiten zurückgelegt hat.

Blöd nur, dass ihm auch das niemand glaubt – Thomas hat seinen Anwalt nicht erreicht, aber jede Mengen Stress, weil er seine Frau warnen will, aber nicht mehr telefonieren darf. Für ihn ist klar, er muss sofort hier raus! Kurze Zeit später gelingt Thomas die Flucht aus dem Polizeigewahrsam. Nun beginnt ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit – Thomas will seine Familie und sein Geld schützen, hat aber nicht nur einen durchgeknallten Psychopathen am Hals, der sich offenbar sehr gut in Thomas Privatleben auskennt, sondern wird auch im ganzen Land als flüchtiger Verbrecher gesucht. Er muss untertauchen und hat letztlich nur noch seinen dänischen Cousin Preben Smed, der für seine Hilfe ein gepfeffertes Honorar verlangt und seinen jungen Mitarbeiter Fabian von Klerking, der ganz offensichtlich viel von Thomas hält.

Als Thomas heraus bekommt, dass Morgan Nordenstråle offenbar noch lebt, versucht er, ihn zu finden – was einerseits keine schlechte Idee ist, denn Nordenstråle steckt tatsächlich sowohl hinter dem Mord an Wilhelm Rahmberg als auch der Erpressung. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass Thomas seinen Gegner ein wenig unterschätzt hat und gerät in immer haarsträubendere Situationen, aus denen er sich nun mit viel Glück und Geschick herauswinden kann – und so schleppt er sich zunehmend ramponiert immer weiter, einem mir dann doch wieder zu quälend ausgewalztem Finale entgegen, bei dem der altehrwürdige Landsitz der Familie seiner Frau in Flammen aufgeht, die Thomas natürlich in aller-allerletzter Sekunden retten kann, während der fiese Nordenstråle dann doch endlich mal sein verdammtes Leben aushaucht.

Mads Mikkelsen als Thomas Skepphult in Exit, Schweden 2006

Mads Mikkelsen als Thomas Skepphult in Exit, Schweden 2006 via cinema.de

Fabian unterdessen musste auch einiges riskieren, um an die gesuchte Videokassette zu kommen, auf der zu sehen ist, wie Nordenstråle den Manager ermordet, der sich angeblich umgebracht hat. Fabian ist nämlich kein Verbrecher und völlig damit überfordert, dass der schon ziemlich mitgenommene Thomas ihm eine Waffe in die Hand drückt, und ihm aufträgt, unbedingt diese Aufnahme aufzutreiben. Aber Fabian kriegt das dann doch irgendwie hin und entdeckt anhand einer Spiegelung gegen Ende der Aufnahme, dass Thomas ebenfalls anwesend gewesen sein muss, als die Aufnahme entstand…

Alles in allem also solide schwedische Thrillerkost, bei der sich ein Mann den Schatten seiner Vergangenheit stellen muss und dabei fast alles verliert – sich aber am Ende dann doch behaupten kann. Aber etwas anderes hätte man von einem Mads Mikkelsen auch nicht erwartet. Besonders wenn er einen Freund wie Alexander Skarsgård hat. Ja, besonderen Spaß macht natürlich, den tollen Hauptdarstellern bei ihrer Arbeit zuzusehen. Ansonsten auch hier wieder wunderbar durchexerziert, dass die Handlung meistens die denkbar schlechteste Wendung nimmt, und Thomas Skepphult seine Lage über weite Strecken des Films konsequent verschlechtert – aber am Ende darf er sein neues altes Leben zurück. Das geht okay.

Weitere Eindrücke gibt es hier: mariberlyn.tumblr.com

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Mystic River: Jungs werden alt. Und bauen weiterhin scheiße

Heute gibt es mal wieder einen Rachefilm. Wie ich schon mehrfach festgestellt habe, gibt es gar nicht so viele Geschichten, aber unendlich viele Möglichkeiten, sie zu erzählen. Clint Eastwood hat im Jahr 2003 den Roman Mystic River von Dennis Lehane verfilmt, mit Sean Penn als Jimmy Markus und Kevin Bacon als Sean Devine. Der dritte im Bunde ist Dave Boyle, gespielt von Tim Robbins. Die Handlung setzt in einem Arbeiterviertel von Boston ein, mit einem Blick auf die spektakuläre Tobin Bridge, die über eben jenen Mystic River führt.

Die drei Freunde Dave, Jimmy und Sean spielen auf der Straße und haben wie, zehn-, elfjährigen Jungs nun einmal so sind, eine Menge Unsinn im Kopf. Als sie dabei sind, ihre Namen in ein Stück frischen Beton auf dem Gehweg zu ritzen taucht ein ziviles Polizeifahrzeug auf, aus dem ein Zivilbulle aussteigt, der eine Polizeimarke am Gürtel trägt. Er findet es keineswegs in Ordnung, dass die Rotznasen öffentliches Eigentum beschädigen und pickt sich den blonden Dave heraus, der ins Auto steigen muss, um der Mama zu berichten, was ihr feiner Sohn gerade angestellt hat.

Screenshot Mystic River: Die Tobin Bridge in Boston

Screenshot Mystic River: Die Tobin Bridge in Boston

Jimmy und Sean bleiben zurück und sehen dem Wagen hinterher – und man ahnt mit ihnen, dass diese Sache nicht gut ausgehen wird. Denn die Polizisten sind gar keine Polizisten und sie haben auch gar nicht die Absicht, Dave zu seiner Mutter zu fahren. Im Gegenteil: Sie sperren den Jungen in einen Keller uns missbrauchen ihn. Nach vier Tagen gelingt Dave die Flucht – aber er wird nie wieder der alte sein. Wie er später mehrfach erzählen wird: Der junge Dave ist in diesem Keller gestorben. Ein anderer ist entkommen. Denn Daves einzige Möglichkeit, mit den schrecklichen Erlebnissen umzugehen, ist, dass er sich vorstellt, dass er ein ganz anderer ist, dem das alles nie passiert ist. Er ist für den Rest seines Lebens traumarisiert, auch als Mann nur noch ein Schatten seiner selbst. Zwar lebt er irgendwie ein Leben, er findet auch eine Frau, Celeste, die ihn liebt, aber er ist halt ein wenig schräg drauf. So schräg, dass seine Frau irgendwann einen schrecklichen Verdacht hegt.

Screenshot Mystic River: Dave, Jimmy und Sean

Screenshot Mystic River: Dave, Jimmy und Sean

Eines Tages kommt er blutüberströmt nach Hause. Er ist verstört und erzählt der besorgten Celeste, dass er auf dem Rückweg von seiner Kneipe überfallen worden sei. Er habe sich gewehrt, der andere habe ein Messer gehabt und ihm die Wunde beigebracht, die Celeste nun versorgt. Dave sagt, er habe möglicherweise überreagiert und den Angreifer mit dem Kopf auf das Straßenpflaster geschlagen – möglicherweise habe er einen Menschen getötet. Aber er redet sich und Celeste ein, dass es ja Notwehr gewesen sei und Celeste als liebende Ehefrau folgt dieser Erklärung nur zu gern.

Aber wir haben gesehen, dass an diesem Abend noch etwas anderes passiert ist. Daves Jugendfreund Jimmy hat eine kriminelle Karriere eingeschlagen, zwei Jahre im Knast gesessen und ist seit dem sauber geblieben. Seine erste Frau Marita ist an Krebs gestorben, als er im Gefängnis saß. Ihm ist aber ihre gemeinsame Tochter Katie geblieben, die er sehr liebt und die inzwischen 19 Jahre alt ist. Jimmy hat wieder geheiratet und zwei weitere Töchter bekommen. Er hat einen kleinen Laden, in Berlin wäre es ein typischer Spätverkauf, in dem man, wenn die richtigen Geschäfte geschlossen sind, schnell noch Bier, Schnaps, Zigaretten und die wichtigsten Lebensmittel einkaufen kann. Natürlich kennt Jimmy jeden im Kiez und jeder kennt Jimmy. Sonntags hilft Katie im Laden aus, aber Samstags zieht sie mit ihren Freundinnen um die Häuser. Was Jimmy nicht weiß: Katie hat einen festen Freund.

Screenshot Mystic River: Der böse Mann, der gar kein Polizist ist.

Screenshot Mystic River: Der böse Mann, der gar kein Polizist ist.

Ausgerechnet Brendan Harris, der Sohn von DEM Ray Harris, den Jimmy aus seiner Verbrecherzeit gar nicht ausstehen kann. Er hat Katie den Umgang mit sämtlichen Mitgliedern der Familie Harris verboten. Aber Brendan ist kein Krimineller, sondern einfach ein junger Mann, der die lebenslustige Katie liebt. Die beiden haben ihre gemeinsame Flucht geplant, sie wollen nach Las Vegas, dort heiraten und ein eigenes Leben aufbauen. Katie hat sogar schon Flugtickets besorgt.

Doch daraus wird nichts. Denn Katie kommt nach ihrer Kneipentour mit ihren Freundinnen nicht nach Hause. Und einer der letzten, die sie gesehen haben, ist ausgerechnet der gestörte Dave Boyle.

Am nächsten Morgen – es ist Sonntag, eine der kleinen Schwestern von Katie feiert Erstkommunion und Vater Jimmy ist genervt, weil Katie auch im Laden nicht zu ihrer Schicht auftaucht – wird ihr Auto gefunden. Offensichtlich wurde auf sie geschossen, aber weder von Katie, noch von dem potenziellen Täter gibt es eine Spur. Noch gibt es keine Leiche, Katie gilt jetzt aus vermisst. Jetzt kommen Sean und Sergeant Whitey Power ins Spiel.

Screenshot Mystic River: Dave fährt mit den Fremden davon.

Screenshot Mystic River: Dave fährt mit den Fremden davon.

Sean hat nicht die Kriminellenkarriere eingeschlagen, wie so viele aus seinem Viertel, sondern er ist zur Polizei gegangen. Er ist inzwischen bei der Mordkommission. Weil es sich um ein Gewaltverbrechen handelt und jeder weiß, dass Sean aus der betroffenen Gegend ist, wird seine Einheit eingeschaltet – und natürlich findet Sean im nahegelegenen Park Katies Leiche. Inzwischen hat Vater Jimmy aus den lokalen Medien erfahren, wo das Auto seiner Tochter gefunden wurde und er taucht am Tatort auf.

Mit Hilfe der Savage-Bürder, die er aus seinen kriminellen Zeiten kennt, startet er auf eigene Faust Ermittlungen, was sich noch als verhängnisvoll herausstellen wird. Sean unterdessen ist eigentlich befangen und sollte den Fall abgeben, aber eben weil er sich persönlich betroffen fühlt, will er ihn unbedingt lösen. Sean als guter Polizist ermittelt in alle Richtungen – er ist sich allerdings relativ schnell sicher, das weder Dave, noch Brendan Harris mit dem Mord zu tun haben. Sgt Powers sieht das allerdings anders, er glaubt ebenfalls, dass Sean befangen ist und einfach nicht gegen seinen alten Freund Dave ermitteln will.

Screenshot Mystic River: Jimmy (Sean Penn)

Screenshot Mystic River: Jimmy (Sean Penn)

Auch Daves Frau Celeste macht sich ihren eigenen Reim auf die Geschichte: Von einem toten Mann berichten die Medien nichts, nur von der toten Katie. Ob am Ende Dave etwas mit Katies Tod zu tun hat? Dave benimmt sich eigenartig, er ist später nach Hause gekommen, als er gegenüber der Polizei angegeben hat, er wollte nicht ins Krankenhaus, obwohl er ernsthaft verletzt war und er erzählt ständig andere Geschichten, wenn er nach seinen offensichtlichen Verletzungen gefragt wird. Warum sollte er das tun, wenn er nicht der gesuchte Mörder ist? Und dann ist Celeste ausgerechnet eine Cousine von Jimmys zweiter Frau Annabeth. Sie berichtet Jimmy von ihrem Verdacht – und damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Jimmy und seine kriminellen Freunde locken Dave auf ein paar Drinks in eine Spelunke am Mystic River. Sie machen Dave betrunken, vermutlich wollen sie ihn zum Reden bringen: Jimmy will verdammt noch mal wissen, was mit seiner Tochter passiert ist. Aber Dave kann ihm da nicht helfen, er weiß es ja nicht. Aber Jimmy ist dermaßen überzeugt, den Mörder seiner Tochter vor sich zu haben, dass Dave im Grunde sagen kann, was er will – es wird ihm doch niemand glauben.

Hier fühlte ich mich dann endgültig an Big Bad Wolves erinnert, wobei es ja umgekehrt ist: Big Bad Wolves ist, wenn überhaupt, eine Art Remake von Mystic River – ich würde nicht ausschließen, dass Aharon Keshales and Navot Papushado den Film gesehen und ihre eigene Version davon gemacht haben: Der verzweifelte und zu allem entschlossene Vater einer ermordeten Tochter will wissen, was mit seiner Tochter passiert ist. Und er will Rache. Ob der Beschuldigte tatsächlich der Mörder ist, interessiert dabei immer weniger: Der Vater foltert den vermeintlichen Mörder so lange, bis der alles gesteht, was sein Peiniger hören will. Auch wenn es gar nicht wahr ist.

Screenshot Mystic River: Sean (Kevin Bacon)

Screenshot Mystic River: Sean (Kevin Bacon)

Auch Dave hat in jener Nacht etwas anderes getan, und genau das erzählt er Jimmy: Er habe einen Mann beobachtet, der in seinem Auto einen Jungen missbraucht hat. Überwältigt von seiner Wut auf solche Typen hat Dave eingegriffen: Er hat die Autotür geöffnet, dem Jungen zur Flucht verholfen und den Täter erschlagen und die Leiche anschließend versteckt. Weil der Mann sich überraschenderweise mit einem Messer gewehrt hat, trug Dave eben jene Verletzung davon, wegen der er nicht ins Krankenhaus fahren wollte.

Aber natürlich glaubt Jimmy Dave kein Wort und er macht ihm ein diabolisches Angebot: Wenn er zugeben würde, dass er Katie getötet hat, würde Jimmy ihn am Leben lassen. Denn inzwischen haben die Savage-Brüder nachdrücklich versucht, Dave zum Reden zu bringen, so dass Dave einfach nur will, dass es aufhört – genau wie der arme Dror in Big Bad Wolves, der unter der Folter alles gesteht, was man von ihm hören will – insofern ist Folter sehr effektiv. Nur der Wahrheitsfindung dient sie halt nicht.

Screenshot Mystic River: Dave (Tim Robbins)

Screenshot Mystic River: Dave (Tim Robbins)

Weil er nicht umgebracht werden will, gesteht Dave das Verbrechen, das er nicht begangen hat, und natürlich bricht Jimmy sein Versprechen und bringt Dave um: Er rächt schließlich den Mord an seiner Tochter, und das gegebene Versprechen war nur Mittel zum Zweck. Die Leiche wirft er in den Mystic River.

Derweil war Detective Sean fleißig und hat den wahren Täter ermittelt: Der kleine, angeblich stumme Bruder von Brendan Harris und sein blöder Freund haben die Waffe, die sie in einem Versteck in der Wohnung gefunden hatten, einfach mal ausprobieren wollen. Die gehörte DEM Ray Harris, der schon vor vielen Jahren abgetaucht ist. Aber weil diese Waffe einmal bei einem einschlägig bekannten Überfall benutzt wurde, rückte die Harris-Familie ins Visier, auch wenn schnell klar wurde, dass Brendan Harris nicht der Mörder sein konnte.

Brendan, verzweifelt über den Verlust seiner geliebten Katie, hatte die Wahrheit mehr oder weniger aus seinem Bruder heraus geprügelt – und Sean ist inzwischen auch darauf gekommen: Katie war ein Zufallsopfer. Die beiden Jungs haben ihr nur einen Schreck einjagen wollen, und weil sie Katie aus Versehen angeschossen hatten, haben sie es dann zu Ende gebracht, weil sie verhindern wollten, dass diese blöde Geschichte herauskommt.

Screenshot Mystic River: Sean und Jimmy

Screenshot Mystic River: Sean und Jimmy

Am Ende nur zerstörte Familien: Jimmy hat einen Unschuldigen umgebracht, wobei seine erschreckend dämliche Frau das irgendwie auch noch gut findet. Nun ja, dann wird sie es halt aushalten, den Rest ihres Lebens mit einem Knastie eine Fernbeziehung zu führen. Celeste hat ihren Dave verloren, das ist die Strafe dafür, dass sie ihm nicht geglaubt hat. Und die Harris-Familie muss sich damit abfinden, dass der stumme Sohn von DEM Ray jetzt auch noch ein Mörder ist. Drama ohne Ende.

Aber immerhin lernen wir auch, dass Verbrechen sich nicht auszahlt, Folter nicht der Wahrheitsfindung dient und Selbstjustiz ein Fehler ist. Rache macht die Toten nicht wieder lebendig. Und so verständlich und legitim so ein Rachebedürfnis erscheinen mag – als Betroffener sollte man die Ermittlungen lieber den Profis überlassen.

Medientage: Konkurrenz belebt das Geschäft? Schön wärs!

Zur Zeit finden die 28. Medientage in München statt. Dort trifft sich die Medienbranche – das sind sowohl die Chefs großer Medienkonzerne, Profis aus Fernsehen, Hörfunk und Printmedien, Fachleute aus den Bereichen Internet, Multimedia und Telekommunikation ebenso wie Werbefuzzis, Medienpolitiker und auch Filmemacher – um die großen Trends zu analysieren und zu diskutieren. Einst war es ein Treffen privater Rundfunkpioniere – heute ist es einer der ganz großen Branchentreffs in Europa.

Trotzdem klingen die Verlautbarungen dieser Veranstaltung für mich in erster Linie so, als komme die Szene dort zusammen, um sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen und sich Mut zuzusprechen.

Denn eins ist klar: Auch wenn die Mediennutzung über alle Medien hinweg ständig zunimmt – und zwar so sehr, dass Pädagogen und Ärzte Alarm schlagen, weil nicht nur junge Menschen heutzutage ständig mit dem Blick aufs Handydisplay unterwegs sind (zu meiner Zeit machte man sich Sorgen, weil plötzlich alle Kopfhörer trugen, der Walkman war gerade erfunden) – hat der Tag nur 24 Stunden. Und selbst Arbeitslose können nicht den ganzen Tag Fernsehen, Radio hören und nebenbei noch im Internet surfen – auch sie müssen irgendwann mal schlafen. Also ist ganz klar, dass in der zunehmenden Konkurrenz von Radio- und Fernsehsendern, Mediatheken, Zeitschriften, Streaming-Diensten, E-Book-Flatrates, der Interaktion auf sogenannten sozialen Netzwerken und so weiter nicht jeder der Gewinner sein kann.

Und so wirkt schon fast ein wenig putzig, wenn man in den Meldungen über die Medientage jetzt liest „das Fernsehen wird immer schlechter, meinen manche, die aufwuchsen, als es nur drei Programme gab. Doch die Experten bei den Medientagen München halten dagegen: Das Fernsehen wird angesichts der großen Online-Konkurrenz immer besser. Qualität setzt sich durch.“

Schön wärs! Und es ist ja auch nicht wirklich falsch: Fernsehen wird tatsächlich besser. Aber nicht in Deutschland. In den vergangenen Jahren gab es eine ganze Reihe wirklich guter Fernseh-Serien, die Fernsehen geradezu neu definiert haben – die großen Erzählungen der Gegenwart, die früher in bedeutenden Romanen ihre Form fanden, gibt es jetzt in der Glotze: Sopranos, The Wire, Six Feet Under, Breaking Bad, Treme, Fargo (ich stehe ja nicht auf Comedy-Serien, aber vermutlich muss ich auch How I Met Your Mother oder Sex and The City erwähnen) und wenn wir den historischen Roman dazu nehmen, Mad Men, The Hour, Deadwood, The Tudors, Boardwalk Empire und so weiter und so fort, da gibt es Qualitätsserien, über die man geradezu euphorisch werden kann, wie schön, grandios und fantastisch Fernsehen doch sein kann!

Sein könnte. Denn ich muss leider immer wieder sagen: Im deutschen Fernsehen gab es da seit Heimat nicht viel. Mit Tatort und der Tagesschau allein ist es halt nicht getan – und auch wenn Tatort-kucken Kult und Tagesschau Pflicht ist: Der Tatort hat nun wirklich schon bessere Tage gesehen und was sich die Tagesschau so leistet – Stichwort Ukraine – darüber will man eigentlich gar nicht reden. Staatsfernsehen hin oder her: Allein die Tatsache, dass möglich ist, in der Tagesschau Videos mit Quellenangabe „Internet“ zu zeigen, ist so unter aller Kanone, dass ich schon gar keine Lust mehr habe, mit dem Kritisieren überhaupt anzufangen.

Erstaunlich ist ja die Resilienz, die unsere Medien seit Monaten unter Beweis stellen – ihnen ist schlicht scheißegal, dass ihr Publikum langsam keine Lust mehr hat, jeden Scheiß zu fressen. Ich würde nicht mal behaupten, dass es schlimmer geworden sei – die Medien haben nun mal in erster Linie den Auftrag, den Leuten beizubringen, dass das, was unsere Regierung so macht, gut für sie ist. Ob das nun stimmt oder nicht. Natürlich gibt es auch kritische Sendungen, Ausgewogenheit muss sein, Meinungsfreiheit und so weiter, das steht auch im Grundgesetz. Und so lange man nicht zur Revolution aufruft, ist es durchaus erwünscht, dass man auf Missstände hinweist. Schließlich ist der mündige Bürger gefordert – deshalb gibt es Monitor, Panorama und Frontal. Und die ganzen Quasselsendungen, in denen auch mal ein Quasselimam unbeliebt machen darf.

Aber Quote bringen unsägliche Formate wie Germanys next Topmodell, das Dschungelcamp oder DSDS. Ich sage nicht, dass es so etwas nicht geben dürfe – natürlich darf und muss es das alles geben. Aber es darf nicht die Messlatte für das sein, was im deutschen Fernsehen geht oder halt nicht.

Früher hat man den Leuten zur Hauptsendezeit auch mal Romanverfilmungen wie Die Buddenbrooks oder Der eiserne Gustav zugemutet. Ich will nicht behaupten, dass früher alles besser war. Aber eigentlich sollten doch die Leute vom Fernsehen lernen und nicht umgekehrt! In der Schule hatte auch keiner Bock auf Einmaleins, Rechtschreibung und Vokabeln lernen. Nützlich ist es aber doch. Warum haben die Fernsehmacher dann nicht endlich den Mumm, nicht dem Massengeschmack hinterher zulaufen und machen endlich mal wieder was Vernünftiges, statt ständig zu versuchen, hirnlose Youtube-Videos von totalen Amateuren noch zu unterbieten?

Kommissar Winter: Feinsinniger Snob auf Verbrecherjagd

Ein echter Geheimtipp ist Sachen Schweden-Krimi ist meiner Ansicht nach Kommissar Winter. Nein – das hat nichts mit meinem eigenen Nachnamen zu tun, das ist selbstverständlich reiner Zufall. Der Erfinder von Erik Winter, der Journalist und Autor Åke Edwardson, gehört in seiner Heimat Schweden neben Henning Mankell, Stieg Larson, Liza Marklund, Arne Dahl oder Jens Lapidus zu den erfolgreichsten Krimi-Autoren. Wie ich finde, auch völlig zu recht – literarisch gefällt er mir nach Sjöwall/Wahlöö am besten – ja, auch besser als Mankell. Wobei die Bücher von Mankell durchaus zu den besseren der Krimi-Literatur gehören, die diese Bezeichnung verdient. Aber mir geht der Weltschmerz des Kurt Wallander gelegentlich schon auf die Nerven, und auch, dass Mankell bei der Plot-Konstruktion und auch actiontechnisch manchmal doch sehr dick aufträgt. Noch mehr auf die Nerven geht mir allerdings, dass gefühlt jeder zweite in Deutschland ausgestrahlte Schweden-Krimi ein Wallander ist – inzwischen dürften sämtliche Mankell-Krimis mindestens drei Mal verfilmt worden sein und wenn in den Öffentlich-Rechtlichen gerade die Tatort-Wiederholungen durch sind, wiederholt man halt Wallander.

Aber nun zurück zu Kommissar Winter. Meine Recherchen haben ergeben, dass die ersten sechs Bücher bereits in zwei Staffeln für das schwedische Fernsehen verfilmt wurden, aber die Filme bisher nicht nach Deutschland vorgedrungen sind. Die Verfilmungen der darauf folgenden vier Bücher der Kommissar-Winter-Reihe mit Magnus Krepper als Erik Winter wurden auf arte ausgestrahlt – daher kenne ich sie. Und weil sie mir gefallen haben, musste ich mir dann auch sämtliche Bücher bestellen – was sich beim Lesen als absolut lohnende Investition herausgestellt hat.

Screenshot Kommissar Winter

Screenshot Kommissar Winter

Edwardson ist dezenter als Mankell – er geht mehr in die Details. Und er investiert viel Zeit in die Zeichnung seiner Charaktere – die Geschichten dümpeln immer wieder vor sich hin, wenn Erik Winter darüber sinniert, wie er gerne leben würde – oder wie man eigentlich leben sollte. Oder wie der oder diejenige lieber hätte leben wollen oder sollen, um die gerade seine Gedanken kreisen, weil er einen Fall zu lösen hat. Ich kann verstehen, dass gerade Liebhabern der sonst üblichen Krimis (Action!) das auf die Nerven gehen kann – aber für mich macht gerade das den Reiz an den Kommissar-Winter-Büchern aus. Edwardson benutzt viele Metaphern, auch Bilder, die auf den ersten Blick nicht ganz zusammen passen, aber genau deshalb um so präziser ausdrücken, was seine Figuren fühlen und denken – Erik Winter ist ein sehr intuitiver Mensch. Er kann sich in andere Menschen einfühlen – diese Fähigkeit hilft ihm oft weiter als die rein rationale Analyse von Fakten. Die überlässt er den Kollegen von der Spurensicherung. Genau wie der Autor selbst ist sein Kommissar Winter ein Meister der freien Assoziation. Gerade, wenn man mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr weiter kommt, legt Winter eine Jazz-CD auf und lässt seinen Gedanken freien Lauf – und siehe da, plötzlich bekommt alles einen Sinn, wenn auch oft einen ganz anderen.

Screenshot Kommissar Winter

Screenshot Kommissar Winter: Rotes Meer – der Tatort

Anders als in vielen Kritiken beschrieben, die ganz offensichtlich von Autoren verfasst wurden, die weder die Bücher gelesen, noch die Filme wirklich gesehen hatten, ist Erik Winter eben kein ungewaschener Einzelgänger, der überaus brutale Fälle im Alleingang löst, sondern ein sehr zivilisierter, überaus sozialer Snob, der nicht nur mit seinen Leuten von der Göteburger Kripo (nein, nicht Stockholm, wie gelegentlich zu lesen ist) ein gutes, meist freundschaftliches Verhältnis pflegt, sondern auch internationale Freundschaften unterhält, etwa mit seinem schottisch-stämmigen Londoner Kollegen Steve MacDonald, der in den Romanen immer wieder auftaucht. Denn Erik Winter kennt sich gut aus in London – schon weil er sich seine Schuhe dort anfertigen lässt. Er spricht perfekt Englisch, trägt gern teure Anzüge und kann den Jahrgang eines guten Whiskys am Geschmack erkennen. Und er raucht Zigarillos – was mit der Zeit zum echten Problem wird, weil es seine Sorte irgendwann in Schweden nicht mehr zu kaufen gibt. Und: Er fährt Mercedes, nicht Volvo. Und das in der alten Volvo-Stadt!

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Erik (Magnus Krepper) und Bertil Ringmar (Peter Andersson)

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Erik (Magnus Krepper) und Bertil Ringmar (Peter Andersson)

Mit den Jahren wird Erik solider – er hatte mal ein Verhältnis mit der Gerichtsmedizinerin, die ja irgendwie auch seine Kollegin ist, entscheidet sich dann für die Ärztin Angela Hoffman (Amanda Ooms), die mit ihrem Vater, einem Arzt, aus der DDR nach Schweden gekommen ist. Aber natürlich ist Angela durch und durch Schwedin, genau wie seine Kollegin Aneta Djanali (Sharon Dyall), deren Eltern aus Obervolta, jetzt Burkina Faso, eingewandert sind. Ja, Aneta ist noch viel schwedischer, schließlich ist sie in Göteborg zur Welt gekommen, wie sie immer wieder betont. Dass die schwarze Aneta ausgerechnet mit Fredrik Halders zusammen, später irgendwann auch wieder auseinander kommen wird, ist eine typische Ironie der Erik-Winter-Romane. Denn Fredrik Halders ist ein klassischer weißer Bulle, randvoll mit Vorurteilen und Aggressionen – und wird in den aktuellen Verfilmungen von Jens Hultén gespielt, der in GSI Göteborg den brutal-schlitzohrigen Gangsterchef Seth Rydell darstellt.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Fredrik Halders (Jens Hultén) und Aneta Djanali (Sharon Dyall)

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Fredrik Halders (Jens Hultén) und Aneta Djanali (Sharon Dyall)

Fredrik hat beispielsweise lebenslänglichen Spielverbot in der Fussball-Liga der schwedischen Polizei, weil er einen Schiri zusammengetreten hat, nachdem der sich mal zu Ungunsten seiner Mannschaft geirrt hat. Außerdem hat er ein Abo auf rassistische und sexistische Witze – aber eigentlich ist er gar nicht so übel. Er hat zwei halbwüchsige Kinder, die den Tod ihrer Mutter nicht verkraftet haben – sie wurde am helllichten Tag auf dem Bürgersteig von irgendeinem Arschloch überfahren, das es offenbar sehr eilig hatte. Auch Fredrik verkraftet das nicht, obwohl sie sich zuvor getrennt hatten. Ausgerechnet Aneta findet Zugang zu Fredrik und seinen Kindern. Natürlich geht das auf Dauer auch nicht gut – aber was ist schon von Dauer in einem Menschenleben. Es kommt auf die Zeit an, in der etwas geht. Das Leben geht weiter. Menschen verändern sich – das ist eins der großen Themen bei Åke Edwardson und genau das gefällt mir.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Schwierige Befragung der Familie eines Opfers

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Schwierige Befragung der Familie eines Opfers

Erik Winter entwickelt sich vom brillanten Überflieger – der jüngste Kriminalkommissar in ganz Schweden! – zum feinsinnigen Snob, der sich nicht binden will, entdeckt später aber das Familienleben, auch wenn das Grundstück am Meer, wo irgendwann einmal das Familienheim gebaut werden soll, ewig brach liegt. Der Weg ist das Ziel. Denn eigentlich ist die Stadtwohnung im Zentrum von Göteborg doch sehr praktisch und groß genug für ihn, Angela und ihre beiden gemeinsamen Töchter Elsa und Lilly. Oder sollen sie gleich nach Spanien gehen? Eriks Eltern sind vor Jahren schon vor der schwedischen Steuer und dem schwedischen Winter an die Costa del Sol geflohen. Angela könnte dort im Krankenhaus sogar Chefärztin werden – Eriks Mutter Siv wäre so glücklich darüber, wenn ihre Enkelinnen in der Nähe wären.

Aber irgendwie ist es ja auch an der Costa del Regen ganz nett, wie Erik Göteborg irgendwann einmal nennt. Als er zur Beerdigung seines Vaters, mit dem er sich vor Jahren überworfen hatte, nach Marbella fährt, entdeckt er, dass er eigentlich ein Nordmann ist: Dieser ewige Sommer, diese ewige Sonne, das ist auf Dauer nichts für ihn. Man kann zwar zum Frühstück schon harte Drinks bestellen – aber es reicht auch, wenn man in der sanften Abenddämmerung von Göteborg trinkt. Die ja früh genug fällt, zumindest im Winter – und es ist mindestens ein halbes Jahr lang Winter, auch wenn in es Göteborg selbst gar nicht so viel Schnee gibt – was Erik manchmal bedauert. Weil er dort besser denken kann, richtet er eine Außenstelle seines Büros in seiner Lieblingsbar ein – in die er später dann auch seine inzwischen-Frau samt Tochter einlädt, wenn ihm danach ist. Denn auf sein gewohntes Leben verzichten will er auch nicht völlig – „du willst den Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten“, sagt ein alter Bekannter irgendwann.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Familie Winter am Meer.

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Familie Winter am Meer.

Der erste Fall der mit Magnus Krepper verfilmten Bücher ist Rotes Meer – von der Romanreihenfolge her kommt davor eigentlich Zimmer Nr. 10 – vermutlich wollte man aber nicht mit einem dermaßen mysteriösen Fall einsteigen, sondern erstmal was Handfesteres bringen, wobei auch in den Bänden davor sehr harte Fälle zu lösen sind. In Rotes Meer (Vänaste Land) findet ein Taxifahrer in den frühen Morgenstunden in einem Kiosk drei Leichen, denen mit Schrotmunition die Gesichter weggeschossen wurden – es stellt sich heraus, dass es sich um den nigerianischen Ladenbesitzer Jimmy Foro, seine kurdische Aushilfe Hiwa Aziz und den Iraner Said Rezaid handelt. Als Winter Rezaids Frau mitteilen will, dass ihr Mann tot ist, stellt sich heraus, dass sie ebenfalls ermordet wurde. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, zum einen, da immer wieder ein Dolmetscher nötig ist, um die betroffenen Familien zu befragen, zum anderen, weil in dem verslumten Vorort ohnehin keiner das Bedürfnis hat, mit der Polizei zu reden. Die kriminelle Szene, die sich dort breit gemacht hat, lässt den feinen Kommissar deutlich spüren, dass er dort nicht erwünscht ist.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer:

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Der Informant ist tot.

Winters Intuition sagt ihm, dass es sich nicht um ein Hatecrime mit rassistischem Hintergrund handelt, wie Fredrik Halders sofort vermutet, sondern um etwas Komplizierteres. Und es wird kompliziert – bis zur Lösung des Falls werden Winter und sein Team an ihre Grenzen gebracht – dabei wollte sie eigentlich gemeinsam mit den Familien das Mittsommerfest feiern, was neben Weihnachten das wichtigste Fest in Schweden ist. Aber wie soll man feiern, wenn einer der wenigen Informanten aus der Göteborger Szene mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden wird? Erik Winter musste seinen Kollegen von der Drogenfahnung mühsam überzeugen, ihm diesen Kontakt zu vermitteln und jetzt ist der Mann tot. Jetzt kommt es auf den einzigen Zeugen an, von dem Winter vermutet, dass er in jener Nacht etwas gesehen hat – ein kleiner Junge, der ständig auf seinem Fahrrad unterwegs ist und immer dann verschwindet, wenn Winter auftaucht…

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Der einzige Zeuge

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Der einzige Zeuge

Heimatlos in Homeland

In Sachen Serien ist inzwischen ja wieder einiges los – es hat ja nicht nur die Ausstrahlung von Gomorrha begonnen, auch von Homeland ist mittlerweile Staffel 4 angelaufen. Nach der dritten Staffel war ich mir keineswegs sicher, ob ich Homeland überhaupt noch weiter sehen will – die ersten beiden Staffeln fand ich zwar etwas überdreht und auch wenn die Handlung nicht immer wirklich plausibel war, fiel es mir nicht schwer, mich auf die Geschichte von Nicolas Brody und Carrie Mathison einzulassen. Es gab immer wieder überraschenden Wendungen und natürlich fand ich Demian Lewis als sympathischen Selbstmord-Attentäter und Claire Danes als manisch-depressive CIA-Agentin ganz großartig, zumal ich auch Morena Baccarin (die Brodys Ehefrau Jessica spielt), Mandy Patinkin (Carries Vorgesetzter Saul Berenson) und Diego Klattenhoff (Brodys alter Kumpel, der inzwischen mit Jessica zusammen ist) als Schauspieler sehr mag. Insofern hatte Homeland bei mir ohnehin einen Interesse-Bonus.

Screenshot Homeland 4: Saul Berenson (Mandy Patinkin) und Carrie Mathison (Claire Danes

Screenshot Homeland 4: Saul Berenson (Mandy Patinkin) und Carrie Mathison (Claire Danes

Davon mal abgesehen, dass es sich bei Homeland um ein Remake handelt, bei dem ich das Original Hatufim – in der Hand des Feindes prinzipiell besser finde, weil es mit sehr viel weniger Aufwand mindestens genauso viel erreicht, ist auch die US-Version eine sehenswerte Serie. Zumindest wenn man sich für Politik, Geheimdienste und den Krieg gegen den Terror interessiert, der von den USA inzwischen mit extremer Härte ausgefochten wird.

Im Krieg gegen den Terror ist jedes Mittel recht, und Carrie ist auch in diesem Sinne eine gute CIA-Agentin, die nichts dabei findet, Gesetze zu brechen, wenn es dem Ziel nützt, die USA vor Anschlägen zu schützen. Sie ist die einzige, die in dem aus langer Gefangenschaft befreiten Kriegshelden Brody den potenziellen Terroristen sieht. Wobei sie später, nachdem sie ihn kennen- und lieben gelernt hat, auch die einzige ist, die selbst dann noch zu ihm hält, als alles darauf hinzuweisen scheint, dass er hinter dem blutigen Anschlag auf die CIA-Centrale in Langley steckt. Was tatsächlich nicht der Fall ist – obwohl Brody durchaus schon in andere Anschläge verwickelt war. Carrie verhilft Brody zur Flucht.

Screenshot Homeland 4: Aayan Ibrahim (Suraj Sharma) nach dem Angriff.

Screenshot Homeland 4: Aayan Ibrahim (Suraj Sharma) nach dem Angriff.

Aber wie sich in der dritten Staffel herausstellt, kann sie ihn trotzdem nicht retten. Und letztlich geht das auch in Ordnung: Brody ist inzwischen in jeder Beziehung am Ende – er ist ein mehrfach gewendeter Doppelagent, der potenziell allen gefährlich werden kann. Niemand kann ihm mehr trauen, nicht mal er sich selbst. Er erledigt zwar seinen allerletzten Auftrag, den iranischen Geheimdienstchef Akbari zu töten, trotz vieler Widrigkeiten – die US-Regierung setzt dieses Mal aber nicht alle Hebel in Bewegung, um ihren Mann zu retten. Brody wird geopfert, natürlich richten die Iraner den Verräter hin, nachdem seine Flucht misslingt. Die schwangere Carrie muss ohnmächtig mit ansehen, wie Brody hingerichtet wird – und es wird schwierig genug, sie aus dem Schlamassel in Teheran rauszuholen. Alles in allem ist mir die dritte Staffel aber zunehmend auf die Nerven gegangen, so dass ich letztlich erleichtert war, dass mit Brody nun endlich mal Schluss ist. Aber alles in allem war es bis zum Ende ziemlich mühsam.

Screenshot Homeland 4: Carrie (Claire Danes)

Screenshot Homeland 4: Carrie (Claire Danes)

Die vierte Staffel verspricht aber eine neue Perspektive – gleich am Anfang in The Drone Queen gibt Carrie als Einsatzleiterin Kabul den Befehl, den Aufenthaltsort eines wichtigen Terroristen in Pakistan zu bombardieren – technisch gesehen, ist das gar kein Drohnenangriff, weil die Raketen von F15-Bombern abgeschossen werden, die gerade näher dran waren. Auf jeden Fall wird das betreffende Anwesen zerstört und eine weitere Zielperson kann von der inzwischen sehr, sehr langen Abschussliste der USA gestrichen werden.

Carrie dankt ihrem Team für die gute Arbeit und das Team revanchiert sich mit einer Geburtstagstorte für die Drohnenkönigin – so ist jedenfalls die Aufschrift im Zuckerguss. Ganz offensichtlich ist Carrie mit ihrem Job und ihren Leuten im Reinen – wo gehobelt wird, fallen Späne.

Allerdings stellt sich bald heraus, dass die Quelle nicht wirklich zuverlässig war – Carrie hat eine Hochzeitsgesellschaft bombardieren lassen. Zwar ist der gesuchte Terrorist unter den Toten, aber es gibt Dutzende toter Zivilisten. Ein PR-Desaster für die USA, denn einer der wenigen überlebenden Gäste der Hochzeitsfeier hat mit seinem iPhone ein Video aufgenommen, das abrupt endet, als die Raketen einschlagen.

Screenshot Homeland 4:  Maggie Mathison (Amy Hargreaves)

Screenshot Homeland 4: Maggie Mathison (Amy Hargreaves)

Der Medizin-Student Aayan Ibrahim (Suraj Sharma) hat seine feiernde Familie gefilmt. Er hat überlebt, ist aber von dem Angriff traumarisiert – unter den aufgebahrten Leichen entdeckt er Mutter und Schwester. Carrie sieht ihm dabei zu – dank der modernen Drohnentechnik ist das möglich. Aayan ist offenbar klar, dass er beobachtet wird, er schaut nach oben – in die Kameralinse, über die Carrie und ihr Team ihn aus der Luft beobachten. Aus seinem Blick ist klar ersichtlich, dass es mit diesem jungen Mann noch Ärger geben wird. Die Frage ist nur, wie.

Screenshot Homeland 4:  Maggie (Amy Hargreaves) und Carrie (Claire Danes).

Screenshot Homeland 4: Maggie (Amy Hargreaves) und Carrie (Claire Danes).

Als Aayan in seine Fakultät in Islamabad zurückkehrt, wollen ihn Freunde überreden, das Video von dem feigen Anschlag der Amerikaner ins Internet zu stellen. Doch Aayan will nicht. Das ist Politik und die mag er nicht. Außerdem hat er Angst, er weiß ja, dass er beobachtet wird. Aber der Cousin eines Kommilionen stellt das Video auf Youtube online – und binnen kürzester Zeit hat es Hunderttausende Aufrufe – das Desaster ist perfekt.

Carrie wird nach Hause zitiert – bei der Gelegenheit erfahren wir endlich, wie das mit Carrie als Mama so ist. Ich hatte ja echt Angst, dass uns die vierte Staffel mit einer engagierten, aber unfähigen Mutter langweilt, die ein Kleinkind umsorgen muss, obwohl nebenbei eine Welt zu retten ist – das finde ich ja bei den Charlotte-Lindholm-Tatorts schon völlig unglaubwürdig und Carrie Mathison ist ja wohl Charlotte Lindholm doch drei.

Screenshot Homeland 4: Carries Tochter Frannie

Screenshot Homeland 4: Carries Tochter Frannie

Und klar, Carrie ist als Mama total unfähig – die liebe Schwester muss einspringen. Die findet das auch gar nicht toll, aber eine pflicht- und verantwortungsbewusste Ärztin kriegt das natürlich hin. Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich kann Carrie total verstehen. Es gibt für viele Frauen auf der Welt nun wirklich schönere Dinge, als sich den ganzen Tag um heulende Babies zu kümmern. Mutter sein ist okay, aber kein Lebensinhalt. Wobei Carrie natürlich ohnehin ein Sonderfall ist, total gestört und hochbegabt – solche Mütter sollte man kleinen Kindern nun wirklich nicht zumuten. Wobei ich durchaus sympathisch finde, dass Carrie sich auch in moslemischen Ländern hauptsächlich von Weißwein ernährt – man sieht sie kaum etwas anderes konsumieren. Für eine stillende Mutter wäre das nun wirklich die falsche Diät.

Screenshot Homeland 4: Was tut Carrie eigentlich dermaßen leid?

Screenshot Homeland 4: Was tut Carrie eigentlich dermaßen leid?

Kleiner Exkurs: Ich habe selbst Kinder und war die meiste Zeit meines Lebens (wenn auch ungeplant) alleinerziehende Mutter, was in unserer Gesellschaft nun wirklich kein Vergnügen ist. Wobei ich durchaus mit Absicht Mutter geworden bin und mich in dieser Rolle bis zu einem gewissen Grad auch wohlfühle – ich war gern schwanger, hatte zwei Hausgeburten und mich in den ersten Monaten gern selbst um alles gekümmert, meine Kinder für heutige Zeiten vergleichsweise lange gestillt und so weiter – aber ich hatte auch absolut kein Problem, meine Kinder im Altern von etwa 18 Monaten tagsüber an gut ausgebildete, engagierte und liebevolle Profis abzugeben, um selbst wieder Geld verdienen zu gehen. Wobei ich das mit dem Zwang zum Geld verdienen echt nicht toll finde, aber eben mal wieder was anderes zu machen, als mich um die nächste Mahlzeit und Kinderwehwehchen zu kümmern, das fand ich schon gut. Mutter sein gehört für mich durchaus zum Leben, aber es ist nun wirklich nicht alles. Exkurs Ende.

Screenshot Homeland 4: Sandy Bachmann (Corey Stoll), der CIA-Chef in Pakistan.

Screenshot Homeland 4: Sandy Bachmann (Corey Stoll), der CIA-Chef in Pakistan.

Carrie dagegen hat offenbar auch die Säuglingsphase ausgelagert – als sie unfreiwillig wieder in den USA ist, besucht sie natürlich auch Schwester und Tochter – wobei man ohnehin ahnen kann, dass Kinder nicht ihr Ding sind. Natürlich hilft da auch die Standpauke der Schwester nicht – es liegt ja völlig auf der Hand, dass die Schwester viel eher als Carrie in der Lage ist, das Kind zu versorgen. Carrie zieht sich auf ihren heiligen Auftrag zurück – sie muss nach Islamabad, die Welt retten. Zumindest die USA. Oder im Augenblick vor allem sich selbst vorm Muttersein.

Genau das fand ich gut: Carrie stürzt sich in die neue Mission, um dem wahren Leben zu entkommen, mit dem sie nicht umgehen kann. Das war der Punkt, an dem die neue Staffel mich gekriegt hat. Ich bin echt gespannt, wie es weiter geht.

Screenshot Homeland 4: Quinn (Rupert Friend) will nicht mehr.

Screenshot Homeland 4: Quinn (Rupert Friend) will nicht mehr.

Interessante Handlungsstränge wurden ja genügend angelegt – was ist mit diesem eigenbrötlerischen Stations-Chef Sandy Bachmann, der gleich am Anfang in Islamabad getötet wurde? Hat der tatsächlich für die andere Seite spioniert? Und was ist mit Quinn (Rupert Friend)? Überhaupt Quinn – der hat sich inzwischen vom paranoiden Killer-Agenten, der in den eigenen Reihen für Ordnung sorgen soll, geradezu zum Agenten mit Herz entwickelt. Und er will mal wieder raus aus der Agency, die ihm das natürlich nicht leicht macht. Wir haben dank seiner übergewichtigen, einerseits liebesbedürftigen, andererseits aber sehr verständnisvollen Vermieterin ja erfahren, dass er eigentlich nicht viele Fähigkeiten hat, die er in einem neuen zivilen Leben sinnvoll nutzen kann. Und was ist mit Aayan? Der hat ja nicht nur Angst vor dem US-Geheimdienst, sondern offenbar noch eine eigene Agenda – warum versteckt er eine Tasche voller Medikamente bei einer Freundin? Außerdem hat Carrie ja schon das Team ihres Vertrauens auf den Jungen angesetzt – sie hat ja schon immer an den offiziellen Institutionen vorbei gearbeitet. Und irgendwie spielt ihr alter Gönner Saul auch noch eine wichtige Rolle, obwohl er doch gar nicht mehr Geheimdienstchef ist. Was steckt dahinter?

Das will ich jetzt wirklich wissen – und wehe, es wird schlecht!

Screenshot Homeland 4: Quinns Chef Dar Adal (F. Murray Abraham)

Screenshot Homeland 4: Quinns Chef Dar Adal (F. Murray Abraham)

Gomorrha: Blutige Familien-Serie aus Neapel

In Sachen Verbrechen ist gerade eine neue Serie angelaufen, die verspricht, eine der besten dieses Jahres zu werden – und sie kommt nicht aus den USA! Und auch nicht aus Skandinavien. Ja, nicht mal aus Großbritannien, denn die Briten haben auch solides Krimi-Handwerk zu bieten, spontan fallen mir neben Luther und Sherlock auch DCI Banks, Whitechapel oder Broadchurch ein. Aber nein, Gomorrha kommt aus Italien.

Im Vorfeld hatte sich die Kritik bereits überschlagen und die neuen Sopranos oder gar ein neues The Wire verkündet – und das, wie die ersten beiden Folgen von Gomorrha zeigen, keineswegs zu Unrecht. Genau wie die Sopranos zeigt Gomorrha brutales Family Business inklusive der Sorgen um missratenen Nachwuchs und wie in The Wire ist der Blick gnadenlos realistisch: Die verkommenen Betonsilos der Vorstädte von Neapel sind genauso hässlich wie die Projects in Baltimore – und ihre Bewohner sind hauptsächlich Junkies und Kleindealer, die um ihr Revier kämpfen.

Screenshot Gomorrha: Salvatore Conte (Marco Palvetti) und seine Mama.

Screenshot Gomorrha: Salvatore Conte (Marco Palvetti) und seine Mama.

Die Protagonisten der Serie sind die Angehörigen eines Camorra-Clans, die gerade eine blutige Fehde mit der konkurrierenden Mafia-Familie vom Zaun brechen. Gleich zum Auftakt sehen wir, wie der aufstrebende Mafioso Ciro di Marzio (Marco D’Amore, der dem Autor des zugrunde liegenden Buches, Roberto Saviano, erstaunlich ähnlich sieht) und sein väterlicher Freund Attilio (Antonio Milo) einen Brandanschlag auf Salvatore Conte (Marco Palvetti) verüben. Dieser besucht gerade seine Mutter, die ihren Verbrecher-Sohn liebevoll mit selbstgemachter Pasta verwöhnt. Und hier wird gleich die ganze Schizophrenie der Mafia-Moral vorgeführt – natürlich muss man vor dem Essen beten und auch rauchen und fluchen duldet Mama bei Tisch nicht.

Screenshot Gomorrha: Don Pietro (Fortunato Cerlino) und sein Gefolge.

Screenshot Gomorrha: Don Pietro (Fortunato Cerlino) und sein Gefolge.

Überhaupt ist das ganze Universum der Familienmitglieder voller Heiligenbilder, Kruzifixe und sonstiger religiöser Devotionalien, ständig sieht man die Mafia-Killer abergläubisch irgendwelche Amulette küssen, bevor sie sich ihrem blutigen Handwerk widmen – aber mit wahrem Glauben und Spiritualität hat das alles wenig zu tun – eher mit der Angewohnheit, sich doppelt und dreifach abzusichern. Man weiß ja nie, wie schnell man die Fahrkarte ins Himmelreich tatsächlich brauchen kann. Und viele brauchen sie als Expressticket – jeder weiß, dass es ihn als nächsten erwischen kann. Aber nicht alle finden das in Ordnung.

Ciro lässt durchblicken, dass er die ganze Aktion für bescheuert hält – ihm ist klar, dass der Racheakt für diesen Angriff ungleich blutiger ausfallen wird. Aber wenn Don Pietro Savastano (Fortunato Cerlino) es befiehlt, dann wird es halt getan. Loyalität ist alles, Widerspruch wäre zwecklos. Aber Attilio macht Ciro ohnehin eindringlich klar, dass er die Klappe zu halten und den Anweisungen Folge zu leisten hat – denn der Boss hat immer Recht. Attilio steht mit beiden Füßen noch fest in der alten Zeit mit ehernen Ehrbegriffen – Ehre ist alles bei der Mafia. Allein, dass seine Frau den ganzen Tag am Computer sitzt und sich mit diesem – wie heißt dieses Buk da, Facebook? beschäftigt, ist ihm suspekt. Attilio gefällt das gar nicht, dieses Waschen dreckiger Wäsche in der Öffentlichkeit des Internet. Er überlegt ernsthaft, seiner Frau den Computer wegzunehmen.

Screenshot Gomorrha: Der unsterbliche Ciro (Marco D'Amore)

Screenshot Gomorrha: Der unsterbliche Ciro (Marco D’Amore)

Don Pietro will der Konkurrenz eigentlich nur mitteilen, dass sie sich gefälligst aus seinem Business raushalten und sich wieder dem Marihuanahandelt widmen soll – für die harten Sachen sind nämlich die Savastanos zuständig. Aber die Contes sehen das anders – sie versuchen, Don Pietros besten Mann Ciro zu töten, in dem sie gleich das ganze Café in die Luft jagen, in dem Ciro sich gerade aufhält. Aber ausgerechnet die Zielperson überlebt Maschinengewehrfeuer und Granaten unverletzt, dafür sterben einige andere. Damit herrscht endgültig Krieg in diesem Teil von Neapel.

Screenshot Gomorrha: Attilio und  Ciro

Screenshot Gomorrha: Attilio und Ciro

Es sind durchaus verstörende Einblicke in die Realität der Mafia-Familien und damit meine ich nicht nur die atemberaubend geschmacklos eingerichteten Wohnungen, in denen die Mafioso mit ihren Familien wohnen. Donna Savastano (Maria Pia Calzone), die ausgerechnet Immacolata – die Unbefleckte – heißt, hat nämlich auch so ihre Probleme: Das neue Sofa für den Salon und ihren missratenen Sohn Genny (Salvatore Esposito). Das Sofa ist zu hart, der Sohn zu weich. Das Sofa lässt sich austauschen – aber der Junior?

Screenshot Gomorrha: Genny (Salvio Esposito) und Papa Pietro.

Screenshot Gomorrha: Genny (Salvio Esposito) und Papa Pietro.

„Wir haben ihn zu sehr verwöhnt“, stellt sie fest und schlägt ihrem Mann vor, ihm ausnahmsweise mal kein neues Motorrad zu kaufen. Der Papa geht auf Mafia-Art darauf ein: Erst muss der Sohn beweisen, dass er ein Mann ist, den er jemanden abknallt. Also zieht Ciro mit Genny los, der den ersten Junkie niederschießt, der ihnen über den Weg läuft. Zwar ist das Opfer noch nicht tot, aber Ciro erledigt den Rest. Nein, niemand in dieser Serie verdient Mitleid.

Am Ende der ersten beiden Folgen waten wir bereits knietief in Blut und ich frage mich, wie schlimm es jetzt noch kommen kann. Aber das Kokain in den Ananas-Dosen, das die Bullen bei einer Razzia im Hafen auffälligerweise auf Anhieb entdeckt haben und die Mauscheleien im Haus des Don Pietro bei der Bewerbung um eine öffentliche Ausschreibung versprechen, dass alles noch viel schlimmer werden kann. Ich bleibe dran.

Screenshot Gomorrha: So schön ist Neapel.

Screenshot Gomorrha: So schön ist Neapel.

Der Hypnotiseur: Erstaunliche Parallelen

Es ist nicht leicht, immer eine neue Geschichte zu erfinden und ich habe wirklich nichts dagegen, wenn eine gute Geschichte noch einmal erzählt wird: Eine bereits bekannte Geschichte kann in einer neuen Variante durchaus wieder gut werden. Wie an anderer Stelle schon gesagt, bin ich gegenüber Remakes, durchaus aufgeschlossen – es gibt ja nun wirklich gelungene Neuverfilmungen. Man muss das Rad nicht immer wieder neu erfinden, es reicht, wenn man es gelegentlich verbessert.

Trotzdem bin ich andererseits immer wieder erstaunt, wie wenig wirklich neue Geschichten es zu geben scheint. Genauso ist es mit Charakteren – wenn man mal eine richtig gute Figur aufgebaut hat, muss man sie nicht immer wieder neu erfinden, sondern kann sie einfach immer wieder was Neues erleben lassen. Und es kommt auch vor, dass man einer Figur aus der einen Geschichte in einer anderen wieder begegnet – und je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr erkennt man wieder.

Screenshot: Der Hypnotiseur - winterliches Stockholm.

Screenshot: Der Hypnotiseur – winterliches Stockholm.

Das geht nicht nur mir so. Neulich las ich irgendwo in einem Blog, wie sich jemand darüber wunderte, wie viel von Detective Holder aus The Killing doch in diesem Frank Wagner aus GSI Göteborg stecken würde – was ich ziemlich lustig fand, denn es ging um die erste Staffel von GSI Göteborg, die in den USA zwar nicht sehr bekannt sein dürfte, die aber von 2009 ist und gewiss eine Visitenkarte für Joel Kinnaman war, der daraufhin im US-Remake von Forbrydelsen eben jenen Stephen Holder spielen durfte.

Insofern wurde eher Frank Wagner in The Killing importiert als umgekehrt. Andererseits – im Frank Wagner der zweiten GSI-Staffel von 2012 steckt vermutlich dann doch einiges von Stephen Holder, den Kinnaman seit 2010 verkörpert hat. Holder wiederum ist eine Neuauflage von Jan Meyer aus der dänischen Serie Forbrydelsen (Bei uns als Kommissarin Lund – das Verbrechen bekannt) nur dass die Autoren des Remakes dem zweiten Ermittler eine interessantere Rolle zugedacht haben als im Original. In Staffel 3 und 4 emanzipierte sich The Killing von der dänischen Vorlage – diese Staffeln waren durchaus etwas eigenes, auch wenn die Serienschreiber die Charaktere und die Stimmung der beiden vorangegangenen Staffeln übernommen und weiter entwickelt haben – die Markenzeichen von The Killing blieben erhalten: Sarah Linden und ihre Strickpullover, Stephen Holder mit den in den Kniekehlen hängenden Jeans und sein Kaputzenpulli, was dazu passt, dass Holder fließend Hiphop spricht. Und das düstere, regnerische, durch und durch deprimierende Seattle, in dem rätselhafte Verbrechen geschehen.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Mikael Persbrandt als gescheiterter Psychiater.

Screenshot: Der Hypnotiseur – Mikael Persbrandt als gescheiterter Psychiater.

Als Fan sowohl des Originals als auch des Remakes war ich durchaus glücklich mit der vierten Staffel, in der die Serie um Sarah Linden und Steppen Holder mit einem neuen, finalen Fall einen vernünftigen Abschluss fand, auch wenn ich nicht in jeder Hinsicht mit dem Staffelende einverstanden war. Um so überraschter war ich jedoch, als ich jetzt den schwedischen Thriller Der Hypnotiseur aus dem Jahr 2012 sah. Auch wenn in diesem Fall natürlich vieles anders als war in der vierten Staffel von The Killing, verblüffen doch die Parallelen: Eine Familie wird auf brutale Weise von einem offenbar total durchgeknallten Täter ausgelöscht – nur der Sohn überlebt schwer verletzt.

Die Ermittler, in Falle von The Killing Linden und Holder, im Fall des Hypnotiseurs sind es der Stockholmer Kommissar Joona Linna (Tobias Zilliacus) und der titelgebende Psychologe Erik Maria Bark (Mikael Persbrandt), stehen vor einem Rätsel: Wo ist bitte das Motiv für ein solches Blutbad? Andererseits liegt auf der Hand, dass die Lösung des Falls in der Familiengeschichte der Opfer zu finden sein muss. Und natürlich haben die Ermittler jeweils auch einen Haufen privater Probleme – hier liegen die größten Unterschiede zwischen den Geschichten in Seattle und der in Stockholm.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Tobias Zilliacus als Kommissar Joona Linna.

Screenshot: Der Hypnotiseur – Tobias Zilliacus als Kommissar Joona Linna.

Während Holder und Linden in erster Linie damit beschäftigt sind, zu vertuschen, wie der Fall in der Staffel zuvor ausgegangen ist, weil sie den Rest ihres Lebens nicht im Knast zu verbringen wollen, haben wir beim Hypnotiseur wieder eine Paraderolle für Mikael Persbrandt, dieses Mal als genialen, aber dennoch gescheiterten Psychiater, der ohne starke Schlafmittel keine Ruhe mehr findet, sonst aber sehr vieler Dinge müde ist. Ich muss gleich dazu sagen, dass es nicht der beste Persbandt-Film ist, den ich je gesehen hätte. Und auch nicht beste Lasse-Hallström-Film, denn kein anderer hat beim Hypnotiseur Regie geführt. Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa oder Schiffsmeldungen fand ich deutlich besser.

Genzugenommen handelt es sich um einen eher durchschnittlichen Schweden-Thriller, wobei ein durchschnittlicher Schweden-Thriller in der Regel aber auch schon deutlich besser ist, als ein durchschnittlicher Deutschland-Thriller. Was mich einmal mehr zu der Frage bringt, warum das eigentlich so ist. Ja, es ist düster und kalt in Schweden, der Hypnotiseur spielt im verschneiten Stockholm, da muss man gar nicht viel Aufwand treiben, um eine entsprechende Stimmung herzustellen. Aber das ist es nicht allein: Während mir die privaten Probleme deutscher Ermittler unglaublich auf die Nerven gehen, gehören sie bei den Schweden selbstverständlich dazu. Im Grunde ist jeder ordentliche Schweden-Krimi in erster Linie ein Familiendrama, und zwar immer gleich auf mehreren Ebenen: Die Familienprobleme der Ermittler, die Familienprobleme der Kollegen, und natürlich die Familienprobleme, die bei Opfern und Tätern ans Licht kommen, menschliches Drama, wo man nur hinschaut, da ist doch ganz klar, dass die ganze Zeit schreckliche Dinge passieren müssen.

Screenshot: Der Hypnotiseur - die Ärztin Daniela (Helena af Sandberg) mit Linna und Bark

Screenshot: Der Hypnotiseur – die Ärztin Daniela (Helena af Sandberg) mit Linna und Bark

Deutsche Ermittler dagegen sind in der Regel keine Familienmenschen – sie leben nur für die Arbeit. Man muss nur die Liste der Tatort-Kommissare mal durchgehen. Mir fällt da bei den Dutzenden von Ermittlern außer Freddy Schenk keiner ein, der eine richtige Familie hätte – es gibt einige wenige Teilzeit-Eltern mit Kind, aber ohne Lebenspartner. Und manchmal hat einer auch eine Freundin, aber das wars dann schon. Familie und Beruf sind in Deutschland halt schwer vereinbar, das gilt auch für den Krimi. Für Familienprobleme gibt es hierzulande andere Genres – das ist halt die deutsche Art, alles muss schön ordentlich in Schubladen sortiert werden. Und Familie und Verbrechen gehören nicht in die selbe Schublade, auch wenn man eigentlich wissen müsste, dass das im wahren Leben ganz anders ist. Da sind die Schweden und (auch die Amis) einfach ehrlicher: Die meisten Verbrechen finden innerhalb von Familien statt, wenn es nicht gerade um organisierte Kriminalität im globalen Maßstab geht.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Erik und seine Frau Simone (Lena Olin)

Screenshot: Der Hypnotiseur – Erik und seine Frau Simone (Lena Olin)

Zurück zu den ermordeten Familien in Stockholm und in Seattle: In beiden Fällen stellt sich im Laufe der Ermittlungen heraus, dass der überlebende Sohn der Täter sein muss. Denn es handelt sich gar nicht um einen leiblichen Sohn der Familie, sondern um ein adoptiertes Kind. Und in beiden Fällen spielt die leibliche Mutter des Sohnes eine nicht gerade vorteilhafte Rolle bei der ganzen Sache – wobei ich Colonel Margaret Rayne, die immerhin noch versucht hat, ihren Sohn nach seiner Wahnsinnstat zu beschützen, insgesamt deutlich glaubwürdiger fand als das durchgeknallte Psychowrack von Mutter, die den Sohn des Hypnotiseurs entführt, um sich an dem Arzt rächen, der sie – wie man sieht, auch völlig zu recht – als verrückt in die Klapse eingewiesen hat. Insofern muss ich sagen: Lasse Hallström hin und Mikael Persbrandt her – in diesem Fall hat das Team von The Killing die bessere Version der Geschichte erzählt.