Gomorrha: Blutige Familien-Serie aus Neapel

In Sachen Verbrechen ist gerade eine neue Serie angelaufen, die verspricht, eine der besten dieses Jahres zu werden – und sie kommt nicht aus den USA! Und auch nicht aus Skandinavien. Ja, nicht mal aus Großbritannien, denn die Briten haben auch solides Krimi-Handwerk zu bieten, spontan fallen mir neben Luther und Sherlock auch DCI Banks, Whitechapel oder Broadchurch ein. Aber nein, Gomorrha kommt aus Italien.

Im Vorfeld hatte sich die Kritik bereits überschlagen und die neuen Sopranos oder gar ein neues The Wire verkündet – und das, wie die ersten beiden Folgen von Gomorrha zeigen, keineswegs zu Unrecht. Genau wie die Sopranos zeigt Gomorrha brutales Family Business inklusive der Sorgen um missratenen Nachwuchs und wie in The Wire ist der Blick gnadenlos realistisch: Die verkommenen Betonsilos der Vorstädte von Neapel sind genauso hässlich wie die Projects in Baltimore – und ihre Bewohner sind hauptsächlich Junkies und Kleindealer, die um ihr Revier kämpfen.

Screenshot Gomorrha: Salvatore Conte (Marco Palvetti) und seine Mama.

Screenshot Gomorrha: Salvatore Conte (Marco Palvetti) und seine Mama.

Die Protagonisten der Serie sind die Angehörigen eines Camorra-Clans, die gerade eine blutige Fehde mit der konkurrierenden Mafia-Familie vom Zaun brechen. Gleich zum Auftakt sehen wir, wie der aufstrebende Mafioso Ciro di Marzio (Marco D’Amore, der dem Autor des zugrunde liegenden Buches, Roberto Saviano, erstaunlich ähnlich sieht) und sein väterlicher Freund Attilio (Antonio Milo) einen Brandanschlag auf Salvatore Conte (Marco Palvetti) verüben. Dieser besucht gerade seine Mutter, die ihren Verbrecher-Sohn liebevoll mit selbstgemachter Pasta verwöhnt. Und hier wird gleich die ganze Schizophrenie der Mafia-Moral vorgeführt – natürlich muss man vor dem Essen beten und auch rauchen und fluchen duldet Mama bei Tisch nicht.

Screenshot Gomorrha: Don Pietro (Fortunato Cerlino) und sein Gefolge.

Screenshot Gomorrha: Don Pietro (Fortunato Cerlino) und sein Gefolge.

Überhaupt ist das ganze Universum der Familienmitglieder voller Heiligenbilder, Kruzifixe und sonstiger religiöser Devotionalien, ständig sieht man die Mafia-Killer abergläubisch irgendwelche Amulette küssen, bevor sie sich ihrem blutigen Handwerk widmen – aber mit wahrem Glauben und Spiritualität hat das alles wenig zu tun – eher mit der Angewohnheit, sich doppelt und dreifach abzusichern. Man weiß ja nie, wie schnell man die Fahrkarte ins Himmelreich tatsächlich brauchen kann. Und viele brauchen sie als Expressticket – jeder weiß, dass es ihn als nächsten erwischen kann. Aber nicht alle finden das in Ordnung.

Ciro lässt durchblicken, dass er die ganze Aktion für bescheuert hält – ihm ist klar, dass der Racheakt für diesen Angriff ungleich blutiger ausfallen wird. Aber wenn Don Pietro Savastano (Fortunato Cerlino) es befiehlt, dann wird es halt getan. Loyalität ist alles, Widerspruch wäre zwecklos. Aber Attilio macht Ciro ohnehin eindringlich klar, dass er die Klappe zu halten und den Anweisungen Folge zu leisten hat – denn der Boss hat immer Recht. Attilio steht mit beiden Füßen noch fest in der alten Zeit mit ehernen Ehrbegriffen – Ehre ist alles bei der Mafia. Allein, dass seine Frau den ganzen Tag am Computer sitzt und sich mit diesem – wie heißt dieses Buk da, Facebook? beschäftigt, ist ihm suspekt. Attilio gefällt das gar nicht, dieses Waschen dreckiger Wäsche in der Öffentlichkeit des Internet. Er überlegt ernsthaft, seiner Frau den Computer wegzunehmen.

Screenshot Gomorrha: Der unsterbliche Ciro (Marco D'Amore)

Screenshot Gomorrha: Der unsterbliche Ciro (Marco D’Amore)

Don Pietro will der Konkurrenz eigentlich nur mitteilen, dass sie sich gefälligst aus seinem Business raushalten und sich wieder dem Marihuanahandelt widmen soll – für die harten Sachen sind nämlich die Savastanos zuständig. Aber die Contes sehen das anders – sie versuchen, Don Pietros besten Mann Ciro zu töten, in dem sie gleich das ganze Café in die Luft jagen, in dem Ciro sich gerade aufhält. Aber ausgerechnet die Zielperson überlebt Maschinengewehrfeuer und Granaten unverletzt, dafür sterben einige andere. Damit herrscht endgültig Krieg in diesem Teil von Neapel.

Screenshot Gomorrha: Attilio und  Ciro

Screenshot Gomorrha: Attilio und Ciro

Es sind durchaus verstörende Einblicke in die Realität der Mafia-Familien und damit meine ich nicht nur die atemberaubend geschmacklos eingerichteten Wohnungen, in denen die Mafioso mit ihren Familien wohnen. Donna Savastano (Maria Pia Calzone), die ausgerechnet Immacolata – die Unbefleckte – heißt, hat nämlich auch so ihre Probleme: Das neue Sofa für den Salon und ihren missratenen Sohn Genny (Salvatore Esposito). Das Sofa ist zu hart, der Sohn zu weich. Das Sofa lässt sich austauschen – aber der Junior?

Screenshot Gomorrha: Genny (Salvio Esposito) und Papa Pietro.

Screenshot Gomorrha: Genny (Salvio Esposito) und Papa Pietro.

„Wir haben ihn zu sehr verwöhnt“, stellt sie fest und schlägt ihrem Mann vor, ihm ausnahmsweise mal kein neues Motorrad zu kaufen. Der Papa geht auf Mafia-Art darauf ein: Erst muss der Sohn beweisen, dass er ein Mann ist, den er jemanden abknallt. Also zieht Ciro mit Genny los, der den ersten Junkie niederschießt, der ihnen über den Weg läuft. Zwar ist das Opfer noch nicht tot, aber Ciro erledigt den Rest. Nein, niemand in dieser Serie verdient Mitleid.

Am Ende der ersten beiden Folgen waten wir bereits knietief in Blut und ich frage mich, wie schlimm es jetzt noch kommen kann. Aber das Kokain in den Ananas-Dosen, das die Bullen bei einer Razzia im Hafen auffälligerweise auf Anhieb entdeckt haben und die Mauscheleien im Haus des Don Pietro bei der Bewerbung um eine öffentliche Ausschreibung versprechen, dass alles noch viel schlimmer werden kann. Ich bleibe dran.

Screenshot Gomorrha: So schön ist Neapel.

Screenshot Gomorrha: So schön ist Neapel.

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