Heimatlos in Homeland

In Sachen Serien ist inzwischen ja wieder einiges los – es hat ja nicht nur die Ausstrahlung von Gomorrha begonnen, auch von Homeland ist mittlerweile Staffel 4 angelaufen. Nach der dritten Staffel war ich mir keineswegs sicher, ob ich Homeland überhaupt noch weiter sehen will – die ersten beiden Staffeln fand ich zwar etwas überdreht und auch wenn die Handlung nicht immer wirklich plausibel war, fiel es mir nicht schwer, mich auf die Geschichte von Nicolas Brody und Carrie Mathison einzulassen. Es gab immer wieder überraschenden Wendungen und natürlich fand ich Demian Lewis als sympathischen Selbstmord-Attentäter und Claire Danes als manisch-depressive CIA-Agentin ganz großartig, zumal ich auch Morena Baccarin (die Brodys Ehefrau Jessica spielt), Mandy Patinkin (Carries Vorgesetzter Saul Berenson) und Diego Klattenhoff (Brodys alter Kumpel, der inzwischen mit Jessica zusammen ist) als Schauspieler sehr mag. Insofern hatte Homeland bei mir ohnehin einen Interesse-Bonus.

Screenshot Homeland 4: Saul Berenson (Mandy Patinkin) und Carrie Mathison (Claire Danes

Screenshot Homeland 4: Saul Berenson (Mandy Patinkin) und Carrie Mathison (Claire Danes

Davon mal abgesehen, dass es sich bei Homeland um ein Remake handelt, bei dem ich das Original Hatufim – in der Hand des Feindes prinzipiell besser finde, weil es mit sehr viel weniger Aufwand mindestens genauso viel erreicht, ist auch die US-Version eine sehenswerte Serie. Zumindest wenn man sich für Politik, Geheimdienste und den Krieg gegen den Terror interessiert, der von den USA inzwischen mit extremer Härte ausgefochten wird.

Im Krieg gegen den Terror ist jedes Mittel recht, und Carrie ist auch in diesem Sinne eine gute CIA-Agentin, die nichts dabei findet, Gesetze zu brechen, wenn es dem Ziel nützt, die USA vor Anschlägen zu schützen. Sie ist die einzige, die in dem aus langer Gefangenschaft befreiten Kriegshelden Brody den potenziellen Terroristen sieht. Wobei sie später, nachdem sie ihn kennen- und lieben gelernt hat, auch die einzige ist, die selbst dann noch zu ihm hält, als alles darauf hinzuweisen scheint, dass er hinter dem blutigen Anschlag auf die CIA-Centrale in Langley steckt. Was tatsächlich nicht der Fall ist – obwohl Brody durchaus schon in andere Anschläge verwickelt war. Carrie verhilft Brody zur Flucht.

Screenshot Homeland 4: Aayan Ibrahim (Suraj Sharma) nach dem Angriff.

Screenshot Homeland 4: Aayan Ibrahim (Suraj Sharma) nach dem Angriff.

Aber wie sich in der dritten Staffel herausstellt, kann sie ihn trotzdem nicht retten. Und letztlich geht das auch in Ordnung: Brody ist inzwischen in jeder Beziehung am Ende – er ist ein mehrfach gewendeter Doppelagent, der potenziell allen gefährlich werden kann. Niemand kann ihm mehr trauen, nicht mal er sich selbst. Er erledigt zwar seinen allerletzten Auftrag, den iranischen Geheimdienstchef Akbari zu töten, trotz vieler Widrigkeiten – die US-Regierung setzt dieses Mal aber nicht alle Hebel in Bewegung, um ihren Mann zu retten. Brody wird geopfert, natürlich richten die Iraner den Verräter hin, nachdem seine Flucht misslingt. Die schwangere Carrie muss ohnmächtig mit ansehen, wie Brody hingerichtet wird – und es wird schwierig genug, sie aus dem Schlamassel in Teheran rauszuholen. Alles in allem ist mir die dritte Staffel aber zunehmend auf die Nerven gegangen, so dass ich letztlich erleichtert war, dass mit Brody nun endlich mal Schluss ist. Aber alles in allem war es bis zum Ende ziemlich mühsam.

Screenshot Homeland 4: Carrie (Claire Danes)

Screenshot Homeland 4: Carrie (Claire Danes)

Die vierte Staffel verspricht aber eine neue Perspektive – gleich am Anfang in The Drone Queen gibt Carrie als Einsatzleiterin Kabul den Befehl, den Aufenthaltsort eines wichtigen Terroristen in Pakistan zu bombardieren – technisch gesehen, ist das gar kein Drohnenangriff, weil die Raketen von F15-Bombern abgeschossen werden, die gerade näher dran waren. Auf jeden Fall wird das betreffende Anwesen zerstört und eine weitere Zielperson kann von der inzwischen sehr, sehr langen Abschussliste der USA gestrichen werden.

Carrie dankt ihrem Team für die gute Arbeit und das Team revanchiert sich mit einer Geburtstagstorte für die Drohnenkönigin – so ist jedenfalls die Aufschrift im Zuckerguss. Ganz offensichtlich ist Carrie mit ihrem Job und ihren Leuten im Reinen – wo gehobelt wird, fallen Späne.

Allerdings stellt sich bald heraus, dass die Quelle nicht wirklich zuverlässig war – Carrie hat eine Hochzeitsgesellschaft bombardieren lassen. Zwar ist der gesuchte Terrorist unter den Toten, aber es gibt Dutzende toter Zivilisten. Ein PR-Desaster für die USA, denn einer der wenigen überlebenden Gäste der Hochzeitsfeier hat mit seinem iPhone ein Video aufgenommen, das abrupt endet, als die Raketen einschlagen.

Screenshot Homeland 4:  Maggie Mathison (Amy Hargreaves)

Screenshot Homeland 4: Maggie Mathison (Amy Hargreaves)

Der Medizin-Student Aayan Ibrahim (Suraj Sharma) hat seine feiernde Familie gefilmt. Er hat überlebt, ist aber von dem Angriff traumarisiert – unter den aufgebahrten Leichen entdeckt er Mutter und Schwester. Carrie sieht ihm dabei zu – dank der modernen Drohnentechnik ist das möglich. Aayan ist offenbar klar, dass er beobachtet wird, er schaut nach oben – in die Kameralinse, über die Carrie und ihr Team ihn aus der Luft beobachten. Aus seinem Blick ist klar ersichtlich, dass es mit diesem jungen Mann noch Ärger geben wird. Die Frage ist nur, wie.

Screenshot Homeland 4:  Maggie (Amy Hargreaves) und Carrie (Claire Danes).

Screenshot Homeland 4: Maggie (Amy Hargreaves) und Carrie (Claire Danes).

Als Aayan in seine Fakultät in Islamabad zurückkehrt, wollen ihn Freunde überreden, das Video von dem feigen Anschlag der Amerikaner ins Internet zu stellen. Doch Aayan will nicht. Das ist Politik und die mag er nicht. Außerdem hat er Angst, er weiß ja, dass er beobachtet wird. Aber der Cousin eines Kommilionen stellt das Video auf Youtube online – und binnen kürzester Zeit hat es Hunderttausende Aufrufe – das Desaster ist perfekt.

Carrie wird nach Hause zitiert – bei der Gelegenheit erfahren wir endlich, wie das mit Carrie als Mama so ist. Ich hatte ja echt Angst, dass uns die vierte Staffel mit einer engagierten, aber unfähigen Mutter langweilt, die ein Kleinkind umsorgen muss, obwohl nebenbei eine Welt zu retten ist – das finde ich ja bei den Charlotte-Lindholm-Tatorts schon völlig unglaubwürdig und Carrie Mathison ist ja wohl Charlotte Lindholm doch drei.

Screenshot Homeland 4: Carries Tochter Frannie

Screenshot Homeland 4: Carries Tochter Frannie

Und klar, Carrie ist als Mama total unfähig – die liebe Schwester muss einspringen. Die findet das auch gar nicht toll, aber eine pflicht- und verantwortungsbewusste Ärztin kriegt das natürlich hin. Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich kann Carrie total verstehen. Es gibt für viele Frauen auf der Welt nun wirklich schönere Dinge, als sich den ganzen Tag um heulende Babies zu kümmern. Mutter sein ist okay, aber kein Lebensinhalt. Wobei Carrie natürlich ohnehin ein Sonderfall ist, total gestört und hochbegabt – solche Mütter sollte man kleinen Kindern nun wirklich nicht zumuten. Wobei ich durchaus sympathisch finde, dass Carrie sich auch in moslemischen Ländern hauptsächlich von Weißwein ernährt – man sieht sie kaum etwas anderes konsumieren. Für eine stillende Mutter wäre das nun wirklich die falsche Diät.

Screenshot Homeland 4: Was tut Carrie eigentlich dermaßen leid?

Screenshot Homeland 4: Was tut Carrie eigentlich dermaßen leid?

Kleiner Exkurs: Ich habe selbst Kinder und war die meiste Zeit meines Lebens (wenn auch ungeplant) alleinerziehende Mutter, was in unserer Gesellschaft nun wirklich kein Vergnügen ist. Wobei ich durchaus mit Absicht Mutter geworden bin und mich in dieser Rolle bis zu einem gewissen Grad auch wohlfühle – ich war gern schwanger, hatte zwei Hausgeburten und mich in den ersten Monaten gern selbst um alles gekümmert, meine Kinder für heutige Zeiten vergleichsweise lange gestillt und so weiter – aber ich hatte auch absolut kein Problem, meine Kinder im Altern von etwa 18 Monaten tagsüber an gut ausgebildete, engagierte und liebevolle Profis abzugeben, um selbst wieder Geld verdienen zu gehen. Wobei ich das mit dem Zwang zum Geld verdienen echt nicht toll finde, aber eben mal wieder was anderes zu machen, als mich um die nächste Mahlzeit und Kinderwehwehchen zu kümmern, das fand ich schon gut. Mutter sein gehört für mich durchaus zum Leben, aber es ist nun wirklich nicht alles. Exkurs Ende.

Screenshot Homeland 4: Sandy Bachmann (Corey Stoll), der CIA-Chef in Pakistan.

Screenshot Homeland 4: Sandy Bachmann (Corey Stoll), der CIA-Chef in Pakistan.

Carrie dagegen hat offenbar auch die Säuglingsphase ausgelagert – als sie unfreiwillig wieder in den USA ist, besucht sie natürlich auch Schwester und Tochter – wobei man ohnehin ahnen kann, dass Kinder nicht ihr Ding sind. Natürlich hilft da auch die Standpauke der Schwester nicht – es liegt ja völlig auf der Hand, dass die Schwester viel eher als Carrie in der Lage ist, das Kind zu versorgen. Carrie zieht sich auf ihren heiligen Auftrag zurück – sie muss nach Islamabad, die Welt retten. Zumindest die USA. Oder im Augenblick vor allem sich selbst vorm Muttersein.

Genau das fand ich gut: Carrie stürzt sich in die neue Mission, um dem wahren Leben zu entkommen, mit dem sie nicht umgehen kann. Das war der Punkt, an dem die neue Staffel mich gekriegt hat. Ich bin echt gespannt, wie es weiter geht.

Screenshot Homeland 4: Quinn (Rupert Friend) will nicht mehr.

Screenshot Homeland 4: Quinn (Rupert Friend) will nicht mehr.

Interessante Handlungsstränge wurden ja genügend angelegt – was ist mit diesem eigenbrötlerischen Stations-Chef Sandy Bachmann, der gleich am Anfang in Islamabad getötet wurde? Hat der tatsächlich für die andere Seite spioniert? Und was ist mit Quinn (Rupert Friend)? Überhaupt Quinn – der hat sich inzwischen vom paranoiden Killer-Agenten, der in den eigenen Reihen für Ordnung sorgen soll, geradezu zum Agenten mit Herz entwickelt. Und er will mal wieder raus aus der Agency, die ihm das natürlich nicht leicht macht. Wir haben dank seiner übergewichtigen, einerseits liebesbedürftigen, andererseits aber sehr verständnisvollen Vermieterin ja erfahren, dass er eigentlich nicht viele Fähigkeiten hat, die er in einem neuen zivilen Leben sinnvoll nutzen kann. Und was ist mit Aayan? Der hat ja nicht nur Angst vor dem US-Geheimdienst, sondern offenbar noch eine eigene Agenda – warum versteckt er eine Tasche voller Medikamente bei einer Freundin? Außerdem hat Carrie ja schon das Team ihres Vertrauens auf den Jungen angesetzt – sie hat ja schon immer an den offiziellen Institutionen vorbei gearbeitet. Und irgendwie spielt ihr alter Gönner Saul auch noch eine wichtige Rolle, obwohl er doch gar nicht mehr Geheimdienstchef ist. Was steckt dahinter?

Das will ich jetzt wirklich wissen – und wehe, es wird schlecht!

Screenshot Homeland 4: Quinns Chef Dar Adal (F. Murray Abraham)

Screenshot Homeland 4: Quinns Chef Dar Adal (F. Murray Abraham)

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