Kommissar Winter: Feinsinniger Snob auf Verbrecherjagd

Ein echter Geheimtipp ist Sachen Schweden-Krimi ist meiner Ansicht nach Kommissar Winter. Nein – das hat nichts mit meinem eigenen Nachnamen zu tun, das ist selbstverständlich reiner Zufall. Der Erfinder von Erik Winter, der Journalist und Autor Åke Edwardson, gehört in seiner Heimat Schweden neben Henning Mankell, Stieg Larson, Liza Marklund, Arne Dahl oder Jens Lapidus zu den erfolgreichsten Krimi-Autoren. Wie ich finde, auch völlig zu recht – literarisch gefällt er mir nach Sjöwall/Wahlöö am besten – ja, auch besser als Mankell. Wobei die Bücher von Mankell durchaus zu den besseren der Krimi-Literatur gehören, die diese Bezeichnung verdient. Aber mir geht der Weltschmerz des Kurt Wallander gelegentlich schon auf die Nerven, und auch, dass Mankell bei der Plot-Konstruktion und auch actiontechnisch manchmal doch sehr dick aufträgt. Noch mehr auf die Nerven geht mir allerdings, dass gefühlt jeder zweite in Deutschland ausgestrahlte Schweden-Krimi ein Wallander ist – inzwischen dürften sämtliche Mankell-Krimis mindestens drei Mal verfilmt worden sein und wenn in den Öffentlich-Rechtlichen gerade die Tatort-Wiederholungen durch sind, wiederholt man halt Wallander.

Aber nun zurück zu Kommissar Winter. Meine Recherchen haben ergeben, dass die ersten sechs Bücher bereits in zwei Staffeln für das schwedische Fernsehen verfilmt wurden, aber die Filme bisher nicht nach Deutschland vorgedrungen sind. Die Verfilmungen der darauf folgenden vier Bücher der Kommissar-Winter-Reihe mit Magnus Krepper als Erik Winter wurden auf arte ausgestrahlt – daher kenne ich sie. Und weil sie mir gefallen haben, musste ich mir dann auch sämtliche Bücher bestellen – was sich beim Lesen als absolut lohnende Investition herausgestellt hat.

Screenshot Kommissar Winter

Screenshot Kommissar Winter

Edwardson ist dezenter als Mankell – er geht mehr in die Details. Und er investiert viel Zeit in die Zeichnung seiner Charaktere – die Geschichten dümpeln immer wieder vor sich hin, wenn Erik Winter darüber sinniert, wie er gerne leben würde – oder wie man eigentlich leben sollte. Oder wie der oder diejenige lieber hätte leben wollen oder sollen, um die gerade seine Gedanken kreisen, weil er einen Fall zu lösen hat. Ich kann verstehen, dass gerade Liebhabern der sonst üblichen Krimis (Action!) das auf die Nerven gehen kann – aber für mich macht gerade das den Reiz an den Kommissar-Winter-Büchern aus. Edwardson benutzt viele Metaphern, auch Bilder, die auf den ersten Blick nicht ganz zusammen passen, aber genau deshalb um so präziser ausdrücken, was seine Figuren fühlen und denken – Erik Winter ist ein sehr intuitiver Mensch. Er kann sich in andere Menschen einfühlen – diese Fähigkeit hilft ihm oft weiter als die rein rationale Analyse von Fakten. Die überlässt er den Kollegen von der Spurensicherung. Genau wie der Autor selbst ist sein Kommissar Winter ein Meister der freien Assoziation. Gerade, wenn man mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr weiter kommt, legt Winter eine Jazz-CD auf und lässt seinen Gedanken freien Lauf – und siehe da, plötzlich bekommt alles einen Sinn, wenn auch oft einen ganz anderen.

Screenshot Kommissar Winter

Screenshot Kommissar Winter: Rotes Meer – der Tatort

Anders als in vielen Kritiken beschrieben, die ganz offensichtlich von Autoren verfasst wurden, die weder die Bücher gelesen, noch die Filme wirklich gesehen hatten, ist Erik Winter eben kein ungewaschener Einzelgänger, der überaus brutale Fälle im Alleingang löst, sondern ein sehr zivilisierter, überaus sozialer Snob, der nicht nur mit seinen Leuten von der Göteburger Kripo (nein, nicht Stockholm, wie gelegentlich zu lesen ist) ein gutes, meist freundschaftliches Verhältnis pflegt, sondern auch internationale Freundschaften unterhält, etwa mit seinem schottisch-stämmigen Londoner Kollegen Steve MacDonald, der in den Romanen immer wieder auftaucht. Denn Erik Winter kennt sich gut aus in London – schon weil er sich seine Schuhe dort anfertigen lässt. Er spricht perfekt Englisch, trägt gern teure Anzüge und kann den Jahrgang eines guten Whiskys am Geschmack erkennen. Und er raucht Zigarillos – was mit der Zeit zum echten Problem wird, weil es seine Sorte irgendwann in Schweden nicht mehr zu kaufen gibt. Und: Er fährt Mercedes, nicht Volvo. Und das in der alten Volvo-Stadt!

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Erik (Magnus Krepper) und Bertil Ringmar (Peter Andersson)

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Erik (Magnus Krepper) und Bertil Ringmar (Peter Andersson)

Mit den Jahren wird Erik solider – er hatte mal ein Verhältnis mit der Gerichtsmedizinerin, die ja irgendwie auch seine Kollegin ist, entscheidet sich dann für die Ärztin Angela Hoffman (Amanda Ooms), die mit ihrem Vater, einem Arzt, aus der DDR nach Schweden gekommen ist. Aber natürlich ist Angela durch und durch Schwedin, genau wie seine Kollegin Aneta Djanali (Sharon Dyall), deren Eltern aus Obervolta, jetzt Burkina Faso, eingewandert sind. Ja, Aneta ist noch viel schwedischer, schließlich ist sie in Göteborg zur Welt gekommen, wie sie immer wieder betont. Dass die schwarze Aneta ausgerechnet mit Fredrik Halders zusammen, später irgendwann auch wieder auseinander kommen wird, ist eine typische Ironie der Erik-Winter-Romane. Denn Fredrik Halders ist ein klassischer weißer Bulle, randvoll mit Vorurteilen und Aggressionen – und wird in den aktuellen Verfilmungen von Jens Hultén gespielt, der in GSI Göteborg den brutal-schlitzohrigen Gangsterchef Seth Rydell darstellt.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Fredrik Halders (Jens Hultén) und Aneta Djanali (Sharon Dyall)

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Fredrik Halders (Jens Hultén) und Aneta Djanali (Sharon Dyall)

Fredrik hat beispielsweise lebenslänglichen Spielverbot in der Fussball-Liga der schwedischen Polizei, weil er einen Schiri zusammengetreten hat, nachdem der sich mal zu Ungunsten seiner Mannschaft geirrt hat. Außerdem hat er ein Abo auf rassistische und sexistische Witze – aber eigentlich ist er gar nicht so übel. Er hat zwei halbwüchsige Kinder, die den Tod ihrer Mutter nicht verkraftet haben – sie wurde am helllichten Tag auf dem Bürgersteig von irgendeinem Arschloch überfahren, das es offenbar sehr eilig hatte. Auch Fredrik verkraftet das nicht, obwohl sie sich zuvor getrennt hatten. Ausgerechnet Aneta findet Zugang zu Fredrik und seinen Kindern. Natürlich geht das auf Dauer auch nicht gut – aber was ist schon von Dauer in einem Menschenleben. Es kommt auf die Zeit an, in der etwas geht. Das Leben geht weiter. Menschen verändern sich – das ist eins der großen Themen bei Åke Edwardson und genau das gefällt mir.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Schwierige Befragung der Familie eines Opfers

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Schwierige Befragung der Familie eines Opfers

Erik Winter entwickelt sich vom brillanten Überflieger – der jüngste Kriminalkommissar in ganz Schweden! – zum feinsinnigen Snob, der sich nicht binden will, entdeckt später aber das Familienleben, auch wenn das Grundstück am Meer, wo irgendwann einmal das Familienheim gebaut werden soll, ewig brach liegt. Der Weg ist das Ziel. Denn eigentlich ist die Stadtwohnung im Zentrum von Göteborg doch sehr praktisch und groß genug für ihn, Angela und ihre beiden gemeinsamen Töchter Elsa und Lilly. Oder sollen sie gleich nach Spanien gehen? Eriks Eltern sind vor Jahren schon vor der schwedischen Steuer und dem schwedischen Winter an die Costa del Sol geflohen. Angela könnte dort im Krankenhaus sogar Chefärztin werden – Eriks Mutter Siv wäre so glücklich darüber, wenn ihre Enkelinnen in der Nähe wären.

Aber irgendwie ist es ja auch an der Costa del Regen ganz nett, wie Erik Göteborg irgendwann einmal nennt. Als er zur Beerdigung seines Vaters, mit dem er sich vor Jahren überworfen hatte, nach Marbella fährt, entdeckt er, dass er eigentlich ein Nordmann ist: Dieser ewige Sommer, diese ewige Sonne, das ist auf Dauer nichts für ihn. Man kann zwar zum Frühstück schon harte Drinks bestellen – aber es reicht auch, wenn man in der sanften Abenddämmerung von Göteborg trinkt. Die ja früh genug fällt, zumindest im Winter – und es ist mindestens ein halbes Jahr lang Winter, auch wenn in es Göteborg selbst gar nicht so viel Schnee gibt – was Erik manchmal bedauert. Weil er dort besser denken kann, richtet er eine Außenstelle seines Büros in seiner Lieblingsbar ein – in die er später dann auch seine inzwischen-Frau samt Tochter einlädt, wenn ihm danach ist. Denn auf sein gewohntes Leben verzichten will er auch nicht völlig – „du willst den Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten“, sagt ein alter Bekannter irgendwann.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Familie Winter am Meer.

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Familie Winter am Meer.

Der erste Fall der mit Magnus Krepper verfilmten Bücher ist Rotes Meer – von der Romanreihenfolge her kommt davor eigentlich Zimmer Nr. 10 – vermutlich wollte man aber nicht mit einem dermaßen mysteriösen Fall einsteigen, sondern erstmal was Handfesteres bringen, wobei auch in den Bänden davor sehr harte Fälle zu lösen sind. In Rotes Meer (Vänaste Land) findet ein Taxifahrer in den frühen Morgenstunden in einem Kiosk drei Leichen, denen mit Schrotmunition die Gesichter weggeschossen wurden – es stellt sich heraus, dass es sich um den nigerianischen Ladenbesitzer Jimmy Foro, seine kurdische Aushilfe Hiwa Aziz und den Iraner Said Rezaid handelt. Als Winter Rezaids Frau mitteilen will, dass ihr Mann tot ist, stellt sich heraus, dass sie ebenfalls ermordet wurde. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, zum einen, da immer wieder ein Dolmetscher nötig ist, um die betroffenen Familien zu befragen, zum anderen, weil in dem verslumten Vorort ohnehin keiner das Bedürfnis hat, mit der Polizei zu reden. Die kriminelle Szene, die sich dort breit gemacht hat, lässt den feinen Kommissar deutlich spüren, dass er dort nicht erwünscht ist.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer:

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Der Informant ist tot.

Winters Intuition sagt ihm, dass es sich nicht um ein Hatecrime mit rassistischem Hintergrund handelt, wie Fredrik Halders sofort vermutet, sondern um etwas Komplizierteres. Und es wird kompliziert – bis zur Lösung des Falls werden Winter und sein Team an ihre Grenzen gebracht – dabei wollte sie eigentlich gemeinsam mit den Familien das Mittsommerfest feiern, was neben Weihnachten das wichtigste Fest in Schweden ist. Aber wie soll man feiern, wenn einer der wenigen Informanten aus der Göteborger Szene mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden wird? Erik Winter musste seinen Kollegen von der Drogenfahnung mühsam überzeugen, ihm diesen Kontakt zu vermitteln und jetzt ist der Mann tot. Jetzt kommt es auf den einzigen Zeugen an, von dem Winter vermutet, dass er in jener Nacht etwas gesehen hat – ein kleiner Junge, der ständig auf seinem Fahrrad unterwegs ist und immer dann verschwindet, wenn Winter auftaucht…

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Der einzige Zeuge

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Der einzige Zeuge

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