Mystic River: Jungs werden alt. Und bauen weiterhin scheiße

Heute gibt es mal wieder einen Rachefilm. Wie ich schon mehrfach festgestellt habe, gibt es gar nicht so viele Geschichten, aber unendlich viele Möglichkeiten, sie zu erzählen. Clint Eastwood hat im Jahr 2003 den Roman Mystic River von Dennis Lehane verfilmt, mit Sean Penn als Jimmy Markus und Kevin Bacon als Sean Devine. Der dritte im Bunde ist Dave Boyle, gespielt von Tim Robbins. Die Handlung setzt in einem Arbeiterviertel von Boston ein, mit einem Blick auf die spektakuläre Tobin Bridge, die über eben jenen Mystic River führt.

Die drei Freunde Dave, Jimmy und Sean spielen auf der Straße und haben wie, zehn-, elfjährigen Jungs nun einmal so sind, eine Menge Unsinn im Kopf. Als sie dabei sind, ihre Namen in ein Stück frischen Beton auf dem Gehweg zu ritzen taucht ein ziviles Polizeifahrzeug auf, aus dem ein Zivilbulle aussteigt, der eine Polizeimarke am Gürtel trägt. Er findet es keineswegs in Ordnung, dass die Rotznasen öffentliches Eigentum beschädigen und pickt sich den blonden Dave heraus, der ins Auto steigen muss, um der Mama zu berichten, was ihr feiner Sohn gerade angestellt hat.

Screenshot Mystic River: Die Tobin Bridge in Boston

Screenshot Mystic River: Die Tobin Bridge in Boston

Jimmy und Sean bleiben zurück und sehen dem Wagen hinterher – und man ahnt mit ihnen, dass diese Sache nicht gut ausgehen wird. Denn die Polizisten sind gar keine Polizisten und sie haben auch gar nicht die Absicht, Dave zu seiner Mutter zu fahren. Im Gegenteil: Sie sperren den Jungen in einen Keller uns missbrauchen ihn. Nach vier Tagen gelingt Dave die Flucht – aber er wird nie wieder der alte sein. Wie er später mehrfach erzählen wird: Der junge Dave ist in diesem Keller gestorben. Ein anderer ist entkommen. Denn Daves einzige Möglichkeit, mit den schrecklichen Erlebnissen umzugehen, ist, dass er sich vorstellt, dass er ein ganz anderer ist, dem das alles nie passiert ist. Er ist für den Rest seines Lebens traumarisiert, auch als Mann nur noch ein Schatten seiner selbst. Zwar lebt er irgendwie ein Leben, er findet auch eine Frau, Celeste, die ihn liebt, aber er ist halt ein wenig schräg drauf. So schräg, dass seine Frau irgendwann einen schrecklichen Verdacht hegt.

Screenshot Mystic River: Dave, Jimmy und Sean

Screenshot Mystic River: Dave, Jimmy und Sean

Eines Tages kommt er blutüberströmt nach Hause. Er ist verstört und erzählt der besorgten Celeste, dass er auf dem Rückweg von seiner Kneipe überfallen worden sei. Er habe sich gewehrt, der andere habe ein Messer gehabt und ihm die Wunde beigebracht, die Celeste nun versorgt. Dave sagt, er habe möglicherweise überreagiert und den Angreifer mit dem Kopf auf das Straßenpflaster geschlagen – möglicherweise habe er einen Menschen getötet. Aber er redet sich und Celeste ein, dass es ja Notwehr gewesen sei und Celeste als liebende Ehefrau folgt dieser Erklärung nur zu gern.

Aber wir haben gesehen, dass an diesem Abend noch etwas anderes passiert ist. Daves Jugendfreund Jimmy hat eine kriminelle Karriere eingeschlagen, zwei Jahre im Knast gesessen und ist seit dem sauber geblieben. Seine erste Frau Marita ist an Krebs gestorben, als er im Gefängnis saß. Ihm ist aber ihre gemeinsame Tochter Katie geblieben, die er sehr liebt und die inzwischen 19 Jahre alt ist. Jimmy hat wieder geheiratet und zwei weitere Töchter bekommen. Er hat einen kleinen Laden, in Berlin wäre es ein typischer Spätverkauf, in dem man, wenn die richtigen Geschäfte geschlossen sind, schnell noch Bier, Schnaps, Zigaretten und die wichtigsten Lebensmittel einkaufen kann. Natürlich kennt Jimmy jeden im Kiez und jeder kennt Jimmy. Sonntags hilft Katie im Laden aus, aber Samstags zieht sie mit ihren Freundinnen um die Häuser. Was Jimmy nicht weiß: Katie hat einen festen Freund.

Screenshot Mystic River: Der böse Mann, der gar kein Polizist ist.

Screenshot Mystic River: Der böse Mann, der gar kein Polizist ist.

Ausgerechnet Brendan Harris, der Sohn von DEM Ray Harris, den Jimmy aus seiner Verbrecherzeit gar nicht ausstehen kann. Er hat Katie den Umgang mit sämtlichen Mitgliedern der Familie Harris verboten. Aber Brendan ist kein Krimineller, sondern einfach ein junger Mann, der die lebenslustige Katie liebt. Die beiden haben ihre gemeinsame Flucht geplant, sie wollen nach Las Vegas, dort heiraten und ein eigenes Leben aufbauen. Katie hat sogar schon Flugtickets besorgt.

Doch daraus wird nichts. Denn Katie kommt nach ihrer Kneipentour mit ihren Freundinnen nicht nach Hause. Und einer der letzten, die sie gesehen haben, ist ausgerechnet der gestörte Dave Boyle.

Am nächsten Morgen – es ist Sonntag, eine der kleinen Schwestern von Katie feiert Erstkommunion und Vater Jimmy ist genervt, weil Katie auch im Laden nicht zu ihrer Schicht auftaucht – wird ihr Auto gefunden. Offensichtlich wurde auf sie geschossen, aber weder von Katie, noch von dem potenziellen Täter gibt es eine Spur. Noch gibt es keine Leiche, Katie gilt jetzt aus vermisst. Jetzt kommen Sean und Sergeant Whitey Power ins Spiel.

Screenshot Mystic River: Dave fährt mit den Fremden davon.

Screenshot Mystic River: Dave fährt mit den Fremden davon.

Sean hat nicht die Kriminellenkarriere eingeschlagen, wie so viele aus seinem Viertel, sondern er ist zur Polizei gegangen. Er ist inzwischen bei der Mordkommission. Weil es sich um ein Gewaltverbrechen handelt und jeder weiß, dass Sean aus der betroffenen Gegend ist, wird seine Einheit eingeschaltet – und natürlich findet Sean im nahegelegenen Park Katies Leiche. Inzwischen hat Vater Jimmy aus den lokalen Medien erfahren, wo das Auto seiner Tochter gefunden wurde und er taucht am Tatort auf.

Mit Hilfe der Savage-Bürder, die er aus seinen kriminellen Zeiten kennt, startet er auf eigene Faust Ermittlungen, was sich noch als verhängnisvoll herausstellen wird. Sean unterdessen ist eigentlich befangen und sollte den Fall abgeben, aber eben weil er sich persönlich betroffen fühlt, will er ihn unbedingt lösen. Sean als guter Polizist ermittelt in alle Richtungen – er ist sich allerdings relativ schnell sicher, das weder Dave, noch Brendan Harris mit dem Mord zu tun haben. Sgt Powers sieht das allerdings anders, er glaubt ebenfalls, dass Sean befangen ist und einfach nicht gegen seinen alten Freund Dave ermitteln will.

Screenshot Mystic River: Jimmy (Sean Penn)

Screenshot Mystic River: Jimmy (Sean Penn)

Auch Daves Frau Celeste macht sich ihren eigenen Reim auf die Geschichte: Von einem toten Mann berichten die Medien nichts, nur von der toten Katie. Ob am Ende Dave etwas mit Katies Tod zu tun hat? Dave benimmt sich eigenartig, er ist später nach Hause gekommen, als er gegenüber der Polizei angegeben hat, er wollte nicht ins Krankenhaus, obwohl er ernsthaft verletzt war und er erzählt ständig andere Geschichten, wenn er nach seinen offensichtlichen Verletzungen gefragt wird. Warum sollte er das tun, wenn er nicht der gesuchte Mörder ist? Und dann ist Celeste ausgerechnet eine Cousine von Jimmys zweiter Frau Annabeth. Sie berichtet Jimmy von ihrem Verdacht – und damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Jimmy und seine kriminellen Freunde locken Dave auf ein paar Drinks in eine Spelunke am Mystic River. Sie machen Dave betrunken, vermutlich wollen sie ihn zum Reden bringen: Jimmy will verdammt noch mal wissen, was mit seiner Tochter passiert ist. Aber Dave kann ihm da nicht helfen, er weiß es ja nicht. Aber Jimmy ist dermaßen überzeugt, den Mörder seiner Tochter vor sich zu haben, dass Dave im Grunde sagen kann, was er will – es wird ihm doch niemand glauben.

Hier fühlte ich mich dann endgültig an Big Bad Wolves erinnert, wobei es ja umgekehrt ist: Big Bad Wolves ist, wenn überhaupt, eine Art Remake von Mystic River – ich würde nicht ausschließen, dass Aharon Keshales and Navot Papushado den Film gesehen und ihre eigene Version davon gemacht haben: Der verzweifelte und zu allem entschlossene Vater einer ermordeten Tochter will wissen, was mit seiner Tochter passiert ist. Und er will Rache. Ob der Beschuldigte tatsächlich der Mörder ist, interessiert dabei immer weniger: Der Vater foltert den vermeintlichen Mörder so lange, bis der alles gesteht, was sein Peiniger hören will. Auch wenn es gar nicht wahr ist.

Screenshot Mystic River: Sean (Kevin Bacon)

Screenshot Mystic River: Sean (Kevin Bacon)

Auch Dave hat in jener Nacht etwas anderes getan, und genau das erzählt er Jimmy: Er habe einen Mann beobachtet, der in seinem Auto einen Jungen missbraucht hat. Überwältigt von seiner Wut auf solche Typen hat Dave eingegriffen: Er hat die Autotür geöffnet, dem Jungen zur Flucht verholfen und den Täter erschlagen und die Leiche anschließend versteckt. Weil der Mann sich überraschenderweise mit einem Messer gewehrt hat, trug Dave eben jene Verletzung davon, wegen der er nicht ins Krankenhaus fahren wollte.

Aber natürlich glaubt Jimmy Dave kein Wort und er macht ihm ein diabolisches Angebot: Wenn er zugeben würde, dass er Katie getötet hat, würde Jimmy ihn am Leben lassen. Denn inzwischen haben die Savage-Brüder nachdrücklich versucht, Dave zum Reden zu bringen, so dass Dave einfach nur will, dass es aufhört – genau wie der arme Dror in Big Bad Wolves, der unter der Folter alles gesteht, was man von ihm hören will – insofern ist Folter sehr effektiv. Nur der Wahrheitsfindung dient sie halt nicht.

Screenshot Mystic River: Dave (Tim Robbins)

Screenshot Mystic River: Dave (Tim Robbins)

Weil er nicht umgebracht werden will, gesteht Dave das Verbrechen, das er nicht begangen hat, und natürlich bricht Jimmy sein Versprechen und bringt Dave um: Er rächt schließlich den Mord an seiner Tochter, und das gegebene Versprechen war nur Mittel zum Zweck. Die Leiche wirft er in den Mystic River.

Derweil war Detective Sean fleißig und hat den wahren Täter ermittelt: Der kleine, angeblich stumme Bruder von Brendan Harris und sein blöder Freund haben die Waffe, die sie in einem Versteck in der Wohnung gefunden hatten, einfach mal ausprobieren wollen. Die gehörte DEM Ray Harris, der schon vor vielen Jahren abgetaucht ist. Aber weil diese Waffe einmal bei einem einschlägig bekannten Überfall benutzt wurde, rückte die Harris-Familie ins Visier, auch wenn schnell klar wurde, dass Brendan Harris nicht der Mörder sein konnte.

Brendan, verzweifelt über den Verlust seiner geliebten Katie, hatte die Wahrheit mehr oder weniger aus seinem Bruder heraus geprügelt – und Sean ist inzwischen auch darauf gekommen: Katie war ein Zufallsopfer. Die beiden Jungs haben ihr nur einen Schreck einjagen wollen, und weil sie Katie aus Versehen angeschossen hatten, haben sie es dann zu Ende gebracht, weil sie verhindern wollten, dass diese blöde Geschichte herauskommt.

Screenshot Mystic River: Sean und Jimmy

Screenshot Mystic River: Sean und Jimmy

Am Ende nur zerstörte Familien: Jimmy hat einen Unschuldigen umgebracht, wobei seine erschreckend dämliche Frau das irgendwie auch noch gut findet. Nun ja, dann wird sie es halt aushalten, den Rest ihres Lebens mit einem Knastie eine Fernbeziehung zu führen. Celeste hat ihren Dave verloren, das ist die Strafe dafür, dass sie ihm nicht geglaubt hat. Und die Harris-Familie muss sich damit abfinden, dass der stumme Sohn von DEM Ray jetzt auch noch ein Mörder ist. Drama ohne Ende.

Aber immerhin lernen wir auch, dass Verbrechen sich nicht auszahlt, Folter nicht der Wahrheitsfindung dient und Selbstjustiz ein Fehler ist. Rache macht die Toten nicht wieder lebendig. Und so verständlich und legitim so ein Rachebedürfnis erscheinen mag – als Betroffener sollte man die Ermittlungen lieber den Profis überlassen.

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