Exit – Wirtschaftskrimi trifft Psychopathenthriller

Es gibt immer wieder Filme, bei denen ich sehr erstaunt bin, dass sie der allgemeinen Aufmerksamkeit bisher entgangen sind – genau wie ich mich wundere, dass niemand in Deutschland I skuggan av värmen kennt, wundere ich mich, dass der schwedische Thriller Exit nicht einmal einen englischen Wikipedia-Eintrag hat – und selbst der schwedische Eintrag ist ziemlich dürftig. Dabei spielen mit Mads Mikkelsen und Alexander Skarsgård gleich zwei international bekannte Schauspieler mit, die auch in den USA mittlerweile Kultstatus erreicht haben.

Mads Mikkelsen ist spätestens seit seiner Rolle als Hannibal Lector in der Serie Hannibal einem internationalen Millionenpublikum ein Begriff und Alexander Skarsgård dürfte einer der Erfolgsfaktoren sein, denen True Blood ein vergleichsweise langes Leben über sieben Staffeln verdankt – der zum Kapitalismus konvertierte Wikingerfürst Erik Northman ist gewiss einer der populärsten Vampire derzeit. Interessant übrigens, dass im gleichen Jahr, in dem Casino Royale mit Mads Mikkelsen als Bösewicht neu verfilmt wurde, auch Exit entstand. Es handelt sich ebenfalls um einen Action-Thriller, allerdings ziemlich viele Nummern kleiner als der traditionell sehr bombastische Bond, allerdings ebenfalls sehr spannend. Exit beginnt als Wirtschaftskrimi und endet im Grunde, wie er angefangen hat – diese Art von Lakonie schätze ich sehr: Trotz der dramatischen Ereignisse in der Zwischenzeit geht alles wieder seinen gewohnten Gang.

Cover DVD Exit via http://www.cineasten.de

Cover DVD Exit
via http://www.cineasten.de

Der Geschäftsmann Thomas Skepphult (Mads Mikkelsen) hat den Höhepunkt seiner Karriere erreicht: Seine Investmentfirma Nova Investment bereitet den Verkauf ihrer Beteiligung an der Softwareschmiede Cataegis vor – denn wie Thomas weiß, soll man verkaufen, wenn alles richtig gut läuft: Dann kann man den höchsten Preis erzielen. Und scheinbar läuft alles ganz prima. Aber der weißrussische Käufer macht plötzlich Zicken: Er deutet an, dass er auf Unregelmäßigkeiten gestoßen ist, die im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Selbstmord eines wichtigen Cataegis-Managers stehen. Das ist zwar schon eine Weile her, aber sehr ärgerlich – zumal es tatsächlich Unregelmäßigkeiten gab, von denen Thomas zumindest gewusst haben muss. Denn der Zuschauer weiß, dass Thomas dabei war, als Morgan Nordenstråle sich den Kopf weggeschossen hat. Und man kann davon ausgehen, dass Nordenstråle entsprechend unsaubere Geschäfte gemacht hat.

Zur gleichen Zeit offenbart Thomas Partner und Mentor Wilhelm Rahmberg ihm, dass er sich zur Ruhe setzen will. Für Thomas kommt das überraschend – er will die Firma nicht allein leiten. Doch bevor es zu einer geregelten Übergabe kommt, wird Wilhelm brutal ermordet. Und nach Ansicht der Polizei ist Thomas hochgradig verdächtig: Weil die beiden Partner sich ihre Anteile an der Firma gegenseitig zu sehr günstigen Konditionen überschrieben haben, falls einem von beiden etwas passiert, profitiert Thomas vom Tod seines Partners. Für die Polizei ist die Sache damit ziemlich klar – zumal die Tatwaffe eine Brechstange aus Thomas Garage ist, auf der sich natürlich auch seine Fingerabdrücke befinden. Andererseits finde ich aber schon, dass die Polizei schon darauf kommen könnte, dass wenn einer wie Thomas seinen Partner loswerden wollte, bestimmt nicht so blöd sein würde, ein solches Werkzeug mit Fingerabdrücken darauf zu benutzen und dann auch noch am Tatort zurückzulassen.

Aber geschenkt – der Film entwickelt einen großen Teil seiner Dynamik gerade daraus, dass sich die Ermittler relativ schnell auf Thomas als Täter einschießen, und weil sie ihn für den Mörder halten und genervt sind, dass er nicht wie gewünscht kooperiert, sondern auf seine Unschuld beharrt und seinen Anwalt anrufen will, sind sie auch nicht besonders kooperativ. Als Thomas endlich telefonieren darf, wird der Anruf zu einem Unbekannten umgeleitet, der Thomas droht, seiner Frau Anna und seiner Tochter Ebba etwas anzutun, wenn er ihm nicht die Zugangsdaten zu seinem eigentlich geheimen Bankkonto gibt, auf dem er Geld für schlechte Zeiten zurückgelegt hat.

Blöd nur, dass ihm auch das niemand glaubt – Thomas hat seinen Anwalt nicht erreicht, aber jede Mengen Stress, weil er seine Frau warnen will, aber nicht mehr telefonieren darf. Für ihn ist klar, er muss sofort hier raus! Kurze Zeit später gelingt Thomas die Flucht aus dem Polizeigewahrsam. Nun beginnt ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit – Thomas will seine Familie und sein Geld schützen, hat aber nicht nur einen durchgeknallten Psychopathen am Hals, der sich offenbar sehr gut in Thomas Privatleben auskennt, sondern wird auch im ganzen Land als flüchtiger Verbrecher gesucht. Er muss untertauchen und hat letztlich nur noch seinen dänischen Cousin Preben Smed, der für seine Hilfe ein gepfeffertes Honorar verlangt und seinen jungen Mitarbeiter Fabian von Klerking, der ganz offensichtlich viel von Thomas hält.

Als Thomas heraus bekommt, dass Morgan Nordenstråle offenbar noch lebt, versucht er, ihn zu finden – was einerseits keine schlechte Idee ist, denn Nordenstråle steckt tatsächlich sowohl hinter dem Mord an Wilhelm Rahmberg als auch der Erpressung. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass Thomas seinen Gegner ein wenig unterschätzt hat und gerät in immer haarsträubendere Situationen, aus denen er sich nun mit viel Glück und Geschick herauswinden kann – und so schleppt er sich zunehmend ramponiert immer weiter, einem mir dann doch wieder zu quälend ausgewalztem Finale entgegen, bei dem der altehrwürdige Landsitz der Familie seiner Frau in Flammen aufgeht, die Thomas natürlich in aller-allerletzter Sekunden retten kann, während der fiese Nordenstråle dann doch endlich mal sein verdammtes Leben aushaucht.

Mads Mikkelsen als Thomas Skepphult in Exit, Schweden 2006

Mads Mikkelsen als Thomas Skepphult in Exit, Schweden 2006 via cinema.de

Fabian unterdessen musste auch einiges riskieren, um an die gesuchte Videokassette zu kommen, auf der zu sehen ist, wie Nordenstråle den Manager ermordet, der sich angeblich umgebracht hat. Fabian ist nämlich kein Verbrecher und völlig damit überfordert, dass der schon ziemlich mitgenommene Thomas ihm eine Waffe in die Hand drückt, und ihm aufträgt, unbedingt diese Aufnahme aufzutreiben. Aber Fabian kriegt das dann doch irgendwie hin und entdeckt anhand einer Spiegelung gegen Ende der Aufnahme, dass Thomas ebenfalls anwesend gewesen sein muss, als die Aufnahme entstand…

Alles in allem also solide schwedische Thrillerkost, bei der sich ein Mann den Schatten seiner Vergangenheit stellen muss und dabei fast alles verliert – sich aber am Ende dann doch behaupten kann. Aber etwas anderes hätte man von einem Mads Mikkelsen auch nicht erwartet. Besonders wenn er einen Freund wie Alexander Skarsgård hat. Ja, besonderen Spaß macht natürlich, den tollen Hauptdarstellern bei ihrer Arbeit zuzusehen. Ansonsten auch hier wieder wunderbar durchexerziert, dass die Handlung meistens die denkbar schlechteste Wendung nimmt, und Thomas Skepphult seine Lage über weite Strecken des Films konsequent verschlechtert – aber am Ende darf er sein neues altes Leben zurück. Das geht okay.

Weitere Eindrücke gibt es hier: mariberlyn.tumblr.com

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