Kalter Süden: Annika Bengtzon trifft Kommissar Winter

Annika Bengtzon – Kalter Süden: Der sechste Fall für die Reporterin Annika Bengtzon ist ein Riesenspaß – aber nur für echte Schweden-Krimi-Kenner. Denn Annika (Malin Crépin) trifft Kommissar Winter (Magnus Krepper), der in der Liza-Marklund-Verfilmung von En plats i solen aber Niklas Linde heißt. Bekanntlich ist Erik Winter nach dem Letzten Winter ja nach Spanien gegangen. Und wie wir jetzt wissen, arbeitet er in Spanien noch immer für die Polizei – aber seine Familie scheint ihm abhanden gekommen zu sein. Und so kann er gleich was mit der flotten Annika anfangen, sowohl beruflich als auch privat. Aber es wird noch viel lustiger – denn die spanische Reiseführerin, die Kommissar Winter, äh, Linde empfiehlt, ist niemand anders als Ruth Vega Fernandez – wir kennen sie als Marie aus GSI Göteborg, die Freundin des V-Manns Frank Wagner. Die pragmatische Spanierin mit den atemberaubenden Highheels und offensichtlich guten Kontakten erweist sich am Ende aber deutlich weniger korrekt, als wir von der braven Marie erwarten würden – aber jetzt noch mal schön der Reihenfolge nach:

Screenshot Kalter Süden: Annika (Malin Crépin) und Kommissar Niclas Linde (Magnus Krepper)

Screenshot Kalter Süden: Annika (Malin Crépin) und Kommissar Niclas Linde (Magnus Krepper)

Annikas Nachrichtenchef Spiken geht in den Ruhestand – und Annika soll seine Nachfolgerin werden. Aber sie hat keine Lust auf Papierkram und Personalquerelen. Schließlich sei sie Reporterin erklärt sie ihrem Verleger – und zwar eine sehr gute. Gerade ist die Nachricht reingekommen, dass an der spanischen Costa del Sol eine Familie bei einem Gaseinbruch ums Leben gekommen sei. Derartige Einbrüche sind an der Costa del Sol, wo unter anderem gut 50 000 Schweden leben, nicht ungewöhnlich – die Einbrecher leiten ein Betäubungsgas ins Haus und räumen es aus, während die Bewohner betäubt sind. Aber bisher gab es keine Toten. Trotzdem ist der neue Nachrichtenchef noch nicht von der Story überzeugt. Als Annika mit der Hilfe einer Kollegin heraus findet, dass es sich bei den Toten um die Familie es ehemaligen Eishockey-Star Sebastian Söderström handelt, ist die Sache klar: Annika fliegt mit der nächsten Maschine nach Malaga. Dort trifft sie sich mit dem schwedischen Polizisten Niklas Linde, der jetzt für die Drogenfahndung arbeitet und der Ansprechpartner für die Schweden in Spanien ist – schließlich fahren von der Costa del Sol aus die Transporter nach Schweden, die den dortigen Drogenmarkt mit Nachschub versorgen. Die Spanier vermuten, dass Söderström in Drogengeschäfte verwickelt war.

Screenshot Kalter Süden: Niclas Linde (Magnus Krepper).

Screenshot Kalter Süden: Niclas Linde (Magnus Krepper).

Niklas ist nicht ganz uneigennützig, als er Annika bei ihren Recherchen hilft: Er will sie überzeugen, in ihrer Zeitung einen Artikel zu veröffentlichen, der die Dealer in Stockholm in Sicherheit wiegen soll – sie sollen glauben, dass die Polizei noch im Dunkeln tappt. Tatsächlich wurde aber bereits ein von der Polizei markierter Transporter auf die Reise geschickt.

Außerdem vermittelt Niklas Annika die Dienste der Dolmetscherin Carita Halling-Gonzales, die mit einem Schweden verheiratet ist. Carita verschafft Annika Zutritt zum abgesperrten Anwesen der Söderströms, in dem sie behauptet, Annika sei eine Angehörige der Familie. Und Annika findet auch gleich etwas Interessantes heraus – zwar sind die beiden jüngeren Kinder der Söderströms mit ihren Eltern umgekommen, es scheint aber noch eine ältere Tochter zu geben – die Annika schließlich auf einer Pferdefarm in Marokko aufspürt, womit sie sich selbst in Lebensgefahr bringt.

Screenshot Kalter Süden: Carita (Ruth Vega Fernandez) hilft Annika bei ihren Recherchen.

Screenshot Kalter Süden: Carita (Ruth Vega Fernandez) hilft Annika bei ihren Recherchen.

Aber zuvor gibt es noch allerhand Verwicklungen aufzudecken – Söderströms Frau Veronika hat über ihre Immobilienfirma in Gibraltar vermutlich Mafia-Geld gewaschen. Und der spanische Dealer, den die Polizei bei einer misslungenen Aktion wegen seines Angriffs auf Annika geschnappt hat, ist eigentlich schwedischer Staatsbürger, will aber nichts sagen – er hat offensichtlich eine Riesenangst und ist kurze Zeit später tot – er hatte Annika zuvor aber eine auf seine Handfläche geschriebene Botschaft gezeigt, die sie auf die Spur von Veronika Söderströms Geschäften bringt. Aber Annika war nicht die letzte, die ihn lebend gesehen hat – es gab noch eine weitere Besucherin: Carita Halling-Gonzales. Aber als Niklas herausfindet, dass Carita eine Auftragskillerin ist, ist Annika schon auf eigene Faust auf dem Weg nach Marokko, um die vermisste Söderström-Tochter Suzette zu finden…

Screenshot Kalter Süden: Annika hat wieder etwas entdeckt.

Screenshot Kalter Süden: Annika hat wieder etwas entdeckt.

Auch der sechste Annika-Bengtzon-Fall ist also wieder solide Schweden-Krimi-Kost, die durch die ganzen mehr oder weniger offensichtlichen Querverweise auf andere Schwedenkrimiserien wie Kommissar Winter oder GSI Göteborg besonderen Spaß macht, auch wenn die Handlung gegen Ende sowohl den Zufall als auch Annikas ohnehin schon sagenhafte Nervenstärke ein wenig überstrapaziert.

Der RBB bringt übrigens alle sechs Annika-Bentzon-Krimis als Weihnachtsspecial vom 23. Dezember bis zum 3. Januar, allerdings jeweils zu nachtschlafender Zeit.

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Hannibal – eine Kochshow ganz neuen Typs

Zugegeben – ich habe eine ganze Weile gezögert, bevor ich mich an Hannibal gewagt habe. Denn gruselige Psychothriller wie Das Schweigen der Lämmer gehören nicht zu meinen Lieblingsfilmen. Auch wenn das vielleicht überraschend klingt, wo ich doch die ganze Palette skandinavischer Krimis hoch und runter sehe. Aber genau deshalb: Die US-Versionen von Psycho-Schockern sind mir oft zu abgedreht, zu grausam. Übertriebene Special Effects – ich will mir nicht jedes Mordopfer en detail auch noch von innen ansehen. Ich liebe Thriller, aber ich hab ein Problem mit Horror, um die Sache auf den Punkt zu bringen.

Und ich habe etwas gegen Psychopathen-Filme, die in den USA ja sehr beliebt sind. Je durchgeknallter und perverser der Psychopath ist, der in dem jeweiligen Film zur Strecke gebracht werden muss, desto besser: Der Psychopath als unmenschlicher Antiheld, der wegen seiner Raffinesse und Intelligenz dann doch wieder bewundert werden muss, obwohl (oder weil?) er ohne schlechtes Gewissen serienmäßig furchtbarste Verbrechen begeht – es wäre auch mal eine Untersuchung wert, was das eigentlich über den geistigen Zustand der Leute sagt, die solche Filme machen und ansehen. Kleiner Exkurs: Mir fällt gerade ein französischer Thriller (Six Pack, aus dem Jahr 2000) ein, dessen Plot sich genau darum dreht: Perverse Serien-Killer sind ein Phänomen aus den USA, in Europa heutzutage eher unüblich. Also muss der Serien-Killer, der in Paris sein Unwesen treibt, ein Amerikaner sein…

Dabei werden die meisten Morde eben nicht von raffinierten Serien-Killern begangen, sondern von ganz gewöhnlichen Menschen – das alltägliche Drama eben: Beziehungsstress, verhängnisvolle Affären, Rache und Eifersucht, aber auch materielle Not, zur falschen Zeit am falschen Ort, die falschen Freunde, fatale Entscheidungen – das ist der Stoff aus dem meine Lieblingskrimis sind. Aber natürlich gibt es Ausnahmen.

HANNIBAL: SEASON ONE (Photo: Robert Trachtenberg/Sony Pictures Television/NBC via 1777.de)

HANNIBAL: SEASON ONE
(Photo: Robert Trachtenberg/Sony Pictures Television/NBC via 1777.de)

Hannibal ist eine solche. Hannibal ist Dexter für Intellektuelle – Dexter hab ich mir ja auch gern angesehen, der sympathische Serienkiller von nebenan, das fand ich durchaus mal eine erfrischende Idee für eine Serie – und die Macher von Dexter haben sich ja große Mühe gegeben, Dexters Verbrechen als moralisch vertretbar hinzudrehen: Dexter bringt ja nur üble Verbrecher um, die der Justiz durchs Netz gegangen sind und rettet damit jede Menge Menschenleben. Denn eigentlich ist Dexter bei all seiner Brillanz, die er als genialer Forensiker des Miami PD an den Tag legen darf, ein wirklich netter Kerl, der nur aufgrund eines schrecklichen Traumas den Drang zum Töten hat. Und den muss er ständig im Zwiegespräch mit seinem toten Adoptivvater rechtfertigen, der ihm beigebracht hat, diesen Drang zu kanalisieren, in dem er nur die Bösen umbringt. Dexter kann durchaus zwischen Gut und Böse unterscheiden und ist letztlich sehr moralisch unterwegs, auch wenn er eine, sagen wir – etwas alternative Moral hat.

Hannibal geht da noch weiter: Er hat keine Moral im herkömmlichen Sinne. Ihm ist völlig egal, ob seine Opfer gute oder schlechte Menschen sind, Hauptsache er bekommt von ihnen, was er gerade braucht: Eine Leber, die Nieren, das Herz oder auch eine schöne Beinscheibe für das nächste Festmal, das er für sich selbst oder auch für Freunde zubereitet – Dr. Hannibal Lecter ist nämlich ein leidenschaftlicher Koch und Feinschmecker mit ausgeprägtem Sinn für das Besondere. Überhaupt ist Dr. Lecter unendlich kultiviert – stets im edlen Dreiteiler mit perfekt abgestimmter Krawatte legt er Wert auf Höflichkeit und gute Manieren. Er war früher Chirurg, jetzt ist er Psychiater und er räumt ein, dass alle Psychiater selbst geistesgestört sind – er hat ebenfalls eine Therapeutin, Dr. Bedelia Du Maurier, die ihre Praxis eigentlich aufgeben hat, nachdem sie von einem ihrer Patienten angegriffen wurde. Sie empfängt nur noch ihren Kollegen Dr. Lecter, weil dieser beharrlich darauf besteht – und ja, weil er ebenso charmant wie unterhaltsam ist. Sie mag ihn, daran besteht kein Zweifel, auch wenn sie im Laufe der Zeit noch einen gewissen Verdacht entwickeln wird…

Natürlich braucht es für eine spannende Serie noch einen genialen Gegenpart – und den bekommt Hannibal mit Will Graham. Will Graham ist Dozent für Kriminal-Psychologie, der Vorlesungen für angehende FBI-Agenten hält und ebenfalls ein bisschen gestört – er hat Probleme mit sozialer Interaktion und lebt ganz anders als der sozial kompetente Dr. Lecter völlig zurückgezogen in einem einsamen Haus im Wald. Seine Freunde sind ein Rudel Hunde, Streuner, denen er ein neues Zuhause geschaffen hat. Mit Tieren kommt er besser klar, die wollen keine komplizierten Beziehungen. Wills liebstes Hobby ist das Fliegenfischen und er bastelt mit Hingabe Köder dafür.

Allerdings hat er ein für das FBI interessantes Talent: Er kann sich in Serienmörder einfühlen und auf diese Weise Morde exakt rekonstruieren – und somit wertvolle Hinweise auf die jeweiligen Eigenarten des Mörders liefern, was wiederum weitere Ermittlungen entscheidend voranbringt. Deshalb stellt der Direktor der Behavioral Analysis Unit des FBI, Jack Crawford, Will Graham als Profiler ein, obwohl er den strengen Auswahlkriterien des FBI nicht entspricht. Will selbst hält nicht so viel davon, weil er unter diesem Job leidet: Es ist ja auch wirklich verstörend, ständig die Verbrechen von anderen erleben zu müssen. Will ist so intelligent zu begreifen, dass sein Talent gefährlich ist und er fürchtet, dass er irgendwann nicht mehr zwischen dem, was er selbst tut und dem, was er durch seine ungewöhnliche Vorstellungskraft erlebt, unterscheiden kann. Auch die Psychologin Dr. Alana Bloom, die einerseits eine ehemalige Schülerin und gute Bekannte von Dr. Lecter ist, und andererseits schnell mehr als ein professionelles Interesse an Will Graham entwickelt, warnt Crawford davor, Will einzusetzen, weil er psychisch zu labil sei.

Für ein stets auf das Ungewöhnliche und Besondere begieriges, höchst manipulatives Superhirn wie Hannibal ist Will Graham also ein Leckerbissen, den er sich nicht entgehen lassen kann: Auf Alanas Vorschlag hin wird er so etwas wie Wills Psychiater – und Hannibal entwickelt durchaus freundschaftliche Gefühle für Will, weil er endlich jemanden gefunden hat, der ihm intellektuell ebenbürtig ist. Deshalb macht er Will klar, dass Jack Crawford ihn benutzt und damit psychisch zugrunde richtet. Andererseits fängt Hannibal an, Will die Verantwortung für seine eigenen Verbrechen, die er als Chesapeake-Ripper begeht, in die Schuhe zu schieben. Denn wie nicht anders zu erwarten war, kommt Will Hannibal allmählich auf die Schliche. Also zieht Hannibal die Notbremse und sorgt dafür, dass Will für Verbrechen, die Hannibal begangen hat, eingesperrt wird. Und der arme Will ist mittlerweile dermaßen verwirrt, dass er sich nicht mal sicher ist, dass er diese Verbrechen nicht begangen hat – und er bittet die wenigen Kolleginnen, die ihn noch besuchen kommen, darum, neue, nicht manipulierte Beweise zu finden – entweder für seine Schuld oder seine Unschuld. Natürlich kann Hannibal auch da nicht tatenlos zusehen…

Alles in allem ist die Handlung ein perfides Katz-und-Maus-Spiel mit zum Teil wirklich verstörenden, aber originellen Mordfällen – man muss erstmal auf die Idee kommen, Menschen an Pilze zu verfüttern. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Satire auf die gehobene Kochsendung. Insgesamt ästhetisch dermaßen gut angerichtet, dass es tatsächlich ein gehobenes Vergnügen war, mir die erste Staffel quasi am Stück anzusehen und als Nachtisch auch gleich die zweite Staffel draufzulegen. Was natürlich vor allem einem fantastischen Mads Mikkelsen als Dr. Hannibal Lecter und einem nicht weniger beeindruckenden Hugh Dancy als Will Graham zu verdanken ist. Ausdrücklich loben muss ich auch die Musik – es gibt viel Klassik, natürlich liebt Hannibal die italienische Oper, aber er spielt auch Cembalo und Theremin. Insofern wird nicht nur kulinarisch, sondern auch musikalisch allerhand geboten – die Serie ist tatsächlich ein ästhetisches Meisterwerk, in dem alles stimmt: Immer wieder mit Liebe zum Detail komponierte Bilder, mit Sorgfalt arrangierte Interieurs, großartige Schauspieler, eine verzwickte Geschichte mit überraschenden Arabesken, eine perfekt darauf abgestimmte Musikuntermalung – doch, wenn Psychopathen auf eine solche Weise präsentiert werden, werde ich doch noch Fan des Psychopathenthrillers.

Weitere Eindrücke auf mariberlyn.tumlr.com.

Lilyhammer: Norwegen statt New York

Aus aktuellem Anlass: Hier noch einmal mein Artikel zu Lilyhammer. Heute Abend auf arte!
Es lohnt sich! Und ab 21. November kommt die dritte Staffel auf Netflix.
Trailer Lilyhammer

Maries TV-Kritik

Ein echter Geheimtip für alle Freunde der Mafia-Satire ist die Serie Lilyhammer, produziert von der norwegischen Rundfunkanstalt NRK1 und dem US-Anbieter Netflix. Wie man am Namen schon vermuten kann, ist das norwegische Lillehammer Schauplatz der Handlung, die vom neuen Leben des New Yorker Mafiosos Frank „The Fixer“ Tagliano erzählt. Frank (genial verkörpert von Steven Van Zandt) kennt man schon als Silvio „Sil“ Manfred Dante aus den Sopranos, jener Familien-Serie um den Mafia-Boss Tony Soprano, der nicht nur mit dem blutigen Tagesgeschäft, der Konkurrenz und den Behörden zu kämpfen hat, sondern auch mit einer handfesten Midlife Crisis.

Frank hat seinen Boss verpfiffen und dafür im Rahmen eines Zeugenschutzprogrammes eine neue Identität bekommen. Als Giovanni Henriksen lässt er sich im ebenso verschnarchten wie verschneiten Lillehammer nieder. Natürlich ist Frank bei aller romantischen Schwärmerei für die nordische Lebensart  ein echter Mafioso geblieben und so fängt er gleich damit an, sein…

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Der 9. November 1989: Bornholmer Straße

Okay, 25 Jahre Mauerfall, da muss man was machen. Ist ja auch total wichtig, politisch, historisch und überhaupt. Insofern hatte ich gewisse Bedenken, mir den deutschen Fernsehfilm Bornholmer Straße (Regie Christian Schwochow, Drehbuch Heide und Rainer Schwochow) überhaupt anzusehen. Auf so ein Wie-war-die-DDR-doch-schlecht-Herzschmerz-Ding wie Weissensee hatte ich nämlich überhaupt keine Lust. Aber zum Glück stellte sich der Film dann als Komödie heraus, als typisch deutsche zwar, die sich am Ende doch nicht traut, so richtig vom Leder zu ziehen, wie die Jungs von Monty Python das getan hätten, aber immerhin. Obwohl ich nach dem Anfang fast wieder ausgeschaltet hätte.

Ein echt mutiger Einstieg, so im Rückblick, aber auf den ersten Blick einfach unter aller Kanone: Der Chef vom Dienst Oberstleutnant Harald Schäfer (großartig: Charlie Hübner) hat schon zu Dienstbeginn Bauchschmerzen, und zwar im wahrten Sinne des Wortes. Aber er kann nicht mal in Ruhe aufs Klo gehen, denn ein niedlicher Struppi flitzt vom Westen aus über den Grenzübergang und versetzt die Grenzer in helle Aufregung.

Screenshot Bornholmer Straße: Die Grenzer in Aktion

Screenshot Bornholmer Straße: Die Grenzer in Aktion

Einerseits ist klar, dass von dem kleinen Hund keine Gefahr ausgeht. Andererseits: Wie sind denn nun die Vorschriften bei einer Grenzverletzung durch Tiere? Muss der Hund zum Amtsarzt, eingeschläfert oder einfach zu seinem Besitzer zurückgebracht werden? Doch wie sich im Verlaufe des Abends noch heraus stellen wird, sind das Angesichts dessen, was noch auf die Grenztruppe zu kommt, einfach zu lösende Probleme. Der Hund wird erstmal in die Arrestzelle gesperrt. Derweil braut sich aber sehr viel größeres Unheil zusammen – es findet eben jene historische Pressekonferenz statt, auf der Günter Schabowski die sofortige Reisefreiheit für DDR-Bürger verkündet. Und natürlich dauert es nicht lange, bis die ersten DDR-Bürger auftauchen, die einfach mal nach drüben kucken wollen.

Screenshot Bornholmer Straße: Oberstleutnant Harald Schäfer (Charly Hübner)

Screenshot Bornholmer Straße: Oberstleutnant Harald Schäfer (Charly Hübner)

Als guter Soldat versucht Schäfer, sich einen der neuen Lage entsprechenden Befehl zu holen – aber es gibt keinen: Sein Vorgesetzter Oberst Kummer (Ulrich Matthes) im Operativen Leitzentrum befiehlt dem zunehmend verzweifelten Schäfer, die Ruhe zu bewahren und das Richtige zu tun, während er sich kettenrauchend mit Cognac besäuft – ihm scheint klar zu sein, dass sein System verloren hat, bringt es aber nicht über sich, die fatale Äußerung des Genossen Schabowski in einen entsprechenden Befehl zu übersetzen.

Screenshot Bornholmer Straße:  Was tun?

Screenshot Bornholmer Straße: Was tun?

Derweil versammeln sich immer mehr Menschen am Schlagbaum an der Bornholmer Straße und die Grenzer diskutieren ihrerseits, wie nun zu verfahren ist. Wobei eins klar ist: Solange es keinen neuen Befehl gibt, gilt der alte Befehl und der heißt: Ausreise nur mit gültigem Visum. Dafür haben die wartenden Bürger kein Verständnis, sie bestehen darauf, über die Grenze gelassen zu werden. Angesichts der wachsenden Menschenmenge brechen auch unter den Grenzern Ängste und Aggressionen aus – der Panzerschrank wird aufgeschlossen und Maschinenpistolen verteilt. Aber als Hauptmann Burkhard Schönhammer (Max Hopp) das Maschinengewehr (das er liebevoll seine scharfe Lilly nennt) in Stellung bringen und gezielt in die Menge schießen will, sind die anderen Offiziere entsetzt: „Du willst auf unsere Menschen schießen?!“

Screenshot Bornholmer Straße:  Immer mehr DDR-Bürger versammeln sich an der Grenze

Screenshot Bornholmer Straße: Immer mehr DDR-Bürger versammeln sich an der Grenze

Es kommt zu einem heftigen Wortwechsel, bei dem sich die Offizieren gegenseitig mit Argumenten und der Lilly bedrohen, aber Schäfer setzt sich durch: Keine Waffen, er will die Leute nicht provozieren. Während Schäfer wieder aufs Klo verschwindet, gibt es diplomatische Verwicklungen – der Botschafter von Moçambique will in die DDR einreisen – und inzwischen haben sich auch auf der Westseite Neugierige versammelt, die nachsehen wollen, wie das mit der Reisefreiheit der Ossis jetzt so ist. Der Druck steigt. Immer mehr Menschen versammeln sich an der Grenze, aber ein neuer Befehl kommt nicht. Schäfer hält den Telefonhörer aus seinem Postenhäuschen, damit seine Vorgesetzten mitkriegen, was hier inzwischen los ist: Tausende brüllen „Macht das Tor auf!“ Doch Oberst Kummer legt einfach auf. Oberstleutnant Schäfer ist perplex: „Die wollen die Realität nicht zur Kenntnis nehmen!“

Screenshot Bornholmer Straße:  Oberstleutnant Schäfer muss einen Entscheidung treffen.

Screenshot Bornholmer Straße: Oberstleutnant Schäfer muss einen Entscheidung treffen.

Gegen 22 Uhr kommt endlich ein Befehl. Doch die spontane Freude der Grenzer: „Wir haben einen Befehl!“ hält nicht lange, denn die befohlene „Ventillösung“ funktioniert nicht: Die Soldaten sollen besonders renitente Protestier identifizieren, sie ausreisen lassen und das Passbild stempeln: Die dürfen dann nicht mehr zurück. Mitläufer dürfen aus raus, die kriegen den Stempel hinten in den Ausweis, die dürfen wieder in die DDR einreisen. Aber wer ist jetzt Aufrührer und wer nur Mitläufer? Bald geht es wieder drunter und drüber – aber einen neuen Befehl gibt es nicht. Dafür wollen die ersten Ossis nach ihrem Ausflug nach Westberlin zurück – und sind völlig von der Rolle, als einige nicht mehr einreisen dürfen. Ehepaare werden auseinander gerissen, neue Diskussionen, jede Menge Emotion – die braven DDR-Bürger können es nicht fassen: Erst dürfen sie nicht raus, jetzt dürfen sie nicht mehr rein – dabei wollten sie doch gar nicht aus der DDR abhauen!

Screenshot Bornholmer Straße:  Neugierige Wessis auf der Brücke

Screenshot Bornholmer Straße: Neugierige Wessis auf der Brücke

Endlich trifft die von Schäfer angeforderte Alarmgruppe ein – allerdings sind nur zehn Mann durchgekommen. Die anderen stecken irgendwo in den Menschenmassen fest. Oberstleutnant Schäfer realisiert, dass er mit den paar Leuten die Massen nicht aufhalten können wird. Er muss eine Entscheidung treffen und er befiehlt schließlich, den Schlagbaum zu öffnen. Als seine Offiziere den Befehl nicht ausführen wollen, öffnet er den Schlagbaum eigenhändig. Die Massen jubeln, die anderen Grenzer schweigen mit versteinerten Mienen. Schäfer macht Meldung – er übt seine Ansprache vorher auf dem Klo. Oberst Kummer verspricht zurückrufen – was er auch tut: Kummer legt den Franz-Grothe-Song „Immer nur auf die Minute kommt es an!“ gesungen von Ernst Busch auf und sagt weiter ganz nichts. Schäfer kapiert mit einiger Verzögerung, dass ihm sein Vorgesetzter damit mitteilten wollte, dass Schäfers eigenmächtige Handlung nicht die befürchteten Konsequenzen haben wird. Erleichtert geht Schäfer nach der anstrengenden Schicht nach Hause.

Screenshot Bornholmer Straße:  Oberst Kummer (Ulrich Matthes)  will auch nichts entscheiden.

Screenshot Bornholmer Straße: Oberst Kummer (Ulrich Matthes) will auch nichts entscheiden.

Seine Frau hat ihm ein Frühstück gemacht und erinnert ihn an seine Darmuntersuchung. Die hat er ganz vergessen! Er sagt seiner Frau, dass er heute Nacht die Grenze aufgemacht hat. Sie schaut ihn irritiert, aber nachsichtig an: „Damit macht man keine Witze!“ und eilt zur Arbeit. Ein angemessen unspektakuläres Ende für einen alles in allem gar nicht schlechten Film über die Ereignisse des 9. November 1989. Ich wüsste nicht, wie man es anders machen sollte, ohne ekelhaft pathetisch zu werden – und das muss ich ausdrücklich an Bornholmer Straße loben:

Es ist ein relativ unverkrampfter Film über DAS einschneidende Ereignis in der neueren Deutschen Geschichte, in dem sich die als Witzfiguren eingeführten Befehlsempfänger an der DDR-Grenze dann wenigstens zum Teil als Menschen mit Herz und gesundem Menschenverstand erweisen – und auch die Ewiggestrigen wie Oberleutnant Ulrich Rotermund (Milan Peschel) eine Träne verdrücken dürfen, als ihm eine jubelnde DDR-Bürgerin um den Hals fällt.

Screenshot Bornholmer Straße: Die Grenze ist auf!

Screenshot Bornholmer Straße: Die Grenze ist auf!

Mir gefällt auch das Kulissenhafte – die Ausstattung von Grenzposten, Aufenthaltsräumen und Kantinen ist überauthentisch – von den vergilbten Blümchentapeten über Lampen, Resopaltische bis hin zu den scharfkantigen Topfpflanzen. Ganz großartig natürlich auch die Swinemünder Brücke – die beeindruckende Stahlfachwerk-Konstruktion von 1905, die im Ortsteil Gesundbrunnen über die Gleise der Berliner Ringbahn führt, wird immer wieder für Dreharbeiten genutzt, weil sie die relativ verkehrsarme Swinemünder Straße mit der nur bis zum Parkhaus des Gesundbrunnencenters befahrenen Bellermannstraße verbindet – beide Straßen sind sehr viel leichter für Filmarbeiten zu sperren als die inzwischen vielbefahrene Bornholmer Straße, wo an der Böse-Brücke die im Film geschilderten Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben.

Screenshot Bornholmer Straße: Der letzte macht das Licht aus.

Screenshot Bornholmer Straße: Der letzte macht das Licht aus.