Der 9. November 1989: Bornholmer Straße

Okay, 25 Jahre Mauerfall, da muss man was machen. Ist ja auch total wichtig, politisch, historisch und überhaupt. Insofern hatte ich gewisse Bedenken, mir den deutschen Fernsehfilm Bornholmer Straße (Regie Christian Schwochow, Drehbuch Heide und Rainer Schwochow) überhaupt anzusehen. Auf so ein Wie-war-die-DDR-doch-schlecht-Herzschmerz-Ding wie Weissensee hatte ich nämlich überhaupt keine Lust. Aber zum Glück stellte sich der Film dann als Komödie heraus, als typisch deutsche zwar, die sich am Ende doch nicht traut, so richtig vom Leder zu ziehen, wie die Jungs von Monty Python das getan hätten, aber immerhin. Obwohl ich nach dem Anfang fast wieder ausgeschaltet hätte.

Ein echt mutiger Einstieg, so im Rückblick, aber auf den ersten Blick einfach unter aller Kanone: Der Chef vom Dienst Oberstleutnant Harald Schäfer (großartig: Charlie Hübner) hat schon zu Dienstbeginn Bauchschmerzen, und zwar im wahrten Sinne des Wortes. Aber er kann nicht mal in Ruhe aufs Klo gehen, denn ein niedlicher Struppi flitzt vom Westen aus über den Grenzübergang und versetzt die Grenzer in helle Aufregung.

Screenshot Bornholmer Straße: Die Grenzer in Aktion

Screenshot Bornholmer Straße: Die Grenzer in Aktion

Einerseits ist klar, dass von dem kleinen Hund keine Gefahr ausgeht. Andererseits: Wie sind denn nun die Vorschriften bei einer Grenzverletzung durch Tiere? Muss der Hund zum Amtsarzt, eingeschläfert oder einfach zu seinem Besitzer zurückgebracht werden? Doch wie sich im Verlaufe des Abends noch heraus stellen wird, sind das Angesichts dessen, was noch auf die Grenztruppe zu kommt, einfach zu lösende Probleme. Der Hund wird erstmal in die Arrestzelle gesperrt. Derweil braut sich aber sehr viel größeres Unheil zusammen – es findet eben jene historische Pressekonferenz statt, auf der Günter Schabowski die sofortige Reisefreiheit für DDR-Bürger verkündet. Und natürlich dauert es nicht lange, bis die ersten DDR-Bürger auftauchen, die einfach mal nach drüben kucken wollen.

Screenshot Bornholmer Straße: Oberstleutnant Harald Schäfer (Charly Hübner)

Screenshot Bornholmer Straße: Oberstleutnant Harald Schäfer (Charly Hübner)

Als guter Soldat versucht Schäfer, sich einen der neuen Lage entsprechenden Befehl zu holen – aber es gibt keinen: Sein Vorgesetzter Oberst Kummer (Ulrich Matthes) im Operativen Leitzentrum befiehlt dem zunehmend verzweifelten Schäfer, die Ruhe zu bewahren und das Richtige zu tun, während er sich kettenrauchend mit Cognac besäuft – ihm scheint klar zu sein, dass sein System verloren hat, bringt es aber nicht über sich, die fatale Äußerung des Genossen Schabowski in einen entsprechenden Befehl zu übersetzen.

Screenshot Bornholmer Straße:  Was tun?

Screenshot Bornholmer Straße: Was tun?

Derweil versammeln sich immer mehr Menschen am Schlagbaum an der Bornholmer Straße und die Grenzer diskutieren ihrerseits, wie nun zu verfahren ist. Wobei eins klar ist: Solange es keinen neuen Befehl gibt, gilt der alte Befehl und der heißt: Ausreise nur mit gültigem Visum. Dafür haben die wartenden Bürger kein Verständnis, sie bestehen darauf, über die Grenze gelassen zu werden. Angesichts der wachsenden Menschenmenge brechen auch unter den Grenzern Ängste und Aggressionen aus – der Panzerschrank wird aufgeschlossen und Maschinenpistolen verteilt. Aber als Hauptmann Burkhard Schönhammer (Max Hopp) das Maschinengewehr (das er liebevoll seine scharfe Lilly nennt) in Stellung bringen und gezielt in die Menge schießen will, sind die anderen Offiziere entsetzt: „Du willst auf unsere Menschen schießen?!“

Screenshot Bornholmer Straße:  Immer mehr DDR-Bürger versammeln sich an der Grenze

Screenshot Bornholmer Straße: Immer mehr DDR-Bürger versammeln sich an der Grenze

Es kommt zu einem heftigen Wortwechsel, bei dem sich die Offizieren gegenseitig mit Argumenten und der Lilly bedrohen, aber Schäfer setzt sich durch: Keine Waffen, er will die Leute nicht provozieren. Während Schäfer wieder aufs Klo verschwindet, gibt es diplomatische Verwicklungen – der Botschafter von Moçambique will in die DDR einreisen – und inzwischen haben sich auch auf der Westseite Neugierige versammelt, die nachsehen wollen, wie das mit der Reisefreiheit der Ossis jetzt so ist. Der Druck steigt. Immer mehr Menschen versammeln sich an der Grenze, aber ein neuer Befehl kommt nicht. Schäfer hält den Telefonhörer aus seinem Postenhäuschen, damit seine Vorgesetzten mitkriegen, was hier inzwischen los ist: Tausende brüllen „Macht das Tor auf!“ Doch Oberst Kummer legt einfach auf. Oberstleutnant Schäfer ist perplex: „Die wollen die Realität nicht zur Kenntnis nehmen!“

Screenshot Bornholmer Straße:  Oberstleutnant Schäfer muss einen Entscheidung treffen.

Screenshot Bornholmer Straße: Oberstleutnant Schäfer muss einen Entscheidung treffen.

Gegen 22 Uhr kommt endlich ein Befehl. Doch die spontane Freude der Grenzer: „Wir haben einen Befehl!“ hält nicht lange, denn die befohlene „Ventillösung“ funktioniert nicht: Die Soldaten sollen besonders renitente Protestier identifizieren, sie ausreisen lassen und das Passbild stempeln: Die dürfen dann nicht mehr zurück. Mitläufer dürfen aus raus, die kriegen den Stempel hinten in den Ausweis, die dürfen wieder in die DDR einreisen. Aber wer ist jetzt Aufrührer und wer nur Mitläufer? Bald geht es wieder drunter und drüber – aber einen neuen Befehl gibt es nicht. Dafür wollen die ersten Ossis nach ihrem Ausflug nach Westberlin zurück – und sind völlig von der Rolle, als einige nicht mehr einreisen dürfen. Ehepaare werden auseinander gerissen, neue Diskussionen, jede Menge Emotion – die braven DDR-Bürger können es nicht fassen: Erst dürfen sie nicht raus, jetzt dürfen sie nicht mehr rein – dabei wollten sie doch gar nicht aus der DDR abhauen!

Screenshot Bornholmer Straße:  Neugierige Wessis auf der Brücke

Screenshot Bornholmer Straße: Neugierige Wessis auf der Brücke

Endlich trifft die von Schäfer angeforderte Alarmgruppe ein – allerdings sind nur zehn Mann durchgekommen. Die anderen stecken irgendwo in den Menschenmassen fest. Oberstleutnant Schäfer realisiert, dass er mit den paar Leuten die Massen nicht aufhalten können wird. Er muss eine Entscheidung treffen und er befiehlt schließlich, den Schlagbaum zu öffnen. Als seine Offiziere den Befehl nicht ausführen wollen, öffnet er den Schlagbaum eigenhändig. Die Massen jubeln, die anderen Grenzer schweigen mit versteinerten Mienen. Schäfer macht Meldung – er übt seine Ansprache vorher auf dem Klo. Oberst Kummer verspricht zurückrufen – was er auch tut: Kummer legt den Franz-Grothe-Song „Immer nur auf die Minute kommt es an!“ gesungen von Ernst Busch auf und sagt weiter ganz nichts. Schäfer kapiert mit einiger Verzögerung, dass ihm sein Vorgesetzter damit mitteilten wollte, dass Schäfers eigenmächtige Handlung nicht die befürchteten Konsequenzen haben wird. Erleichtert geht Schäfer nach der anstrengenden Schicht nach Hause.

Screenshot Bornholmer Straße:  Oberst Kummer (Ulrich Matthes)  will auch nichts entscheiden.

Screenshot Bornholmer Straße: Oberst Kummer (Ulrich Matthes) will auch nichts entscheiden.

Seine Frau hat ihm ein Frühstück gemacht und erinnert ihn an seine Darmuntersuchung. Die hat er ganz vergessen! Er sagt seiner Frau, dass er heute Nacht die Grenze aufgemacht hat. Sie schaut ihn irritiert, aber nachsichtig an: „Damit macht man keine Witze!“ und eilt zur Arbeit. Ein angemessen unspektakuläres Ende für einen alles in allem gar nicht schlechten Film über die Ereignisse des 9. November 1989. Ich wüsste nicht, wie man es anders machen sollte, ohne ekelhaft pathetisch zu werden – und das muss ich ausdrücklich an Bornholmer Straße loben:

Es ist ein relativ unverkrampfter Film über DAS einschneidende Ereignis in der neueren Deutschen Geschichte, in dem sich die als Witzfiguren eingeführten Befehlsempfänger an der DDR-Grenze dann wenigstens zum Teil als Menschen mit Herz und gesundem Menschenverstand erweisen – und auch die Ewiggestrigen wie Oberleutnant Ulrich Rotermund (Milan Peschel) eine Träne verdrücken dürfen, als ihm eine jubelnde DDR-Bürgerin um den Hals fällt.

Screenshot Bornholmer Straße: Die Grenze ist auf!

Screenshot Bornholmer Straße: Die Grenze ist auf!

Mir gefällt auch das Kulissenhafte – die Ausstattung von Grenzposten, Aufenthaltsräumen und Kantinen ist überauthentisch – von den vergilbten Blümchentapeten über Lampen, Resopaltische bis hin zu den scharfkantigen Topfpflanzen. Ganz großartig natürlich auch die Swinemünder Brücke – die beeindruckende Stahlfachwerk-Konstruktion von 1905, die im Ortsteil Gesundbrunnen über die Gleise der Berliner Ringbahn führt, wird immer wieder für Dreharbeiten genutzt, weil sie die relativ verkehrsarme Swinemünder Straße mit der nur bis zum Parkhaus des Gesundbrunnencenters befahrenen Bellermannstraße verbindet – beide Straßen sind sehr viel leichter für Filmarbeiten zu sperren als die inzwischen vielbefahrene Bornholmer Straße, wo an der Böse-Brücke die im Film geschilderten Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben.

Screenshot Bornholmer Straße: Der letzte macht das Licht aus.

Screenshot Bornholmer Straße: Der letzte macht das Licht aus.

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