Hannibal – eine Kochshow ganz neuen Typs

Zugegeben – ich habe eine ganze Weile gezögert, bevor ich mich an Hannibal gewagt habe. Denn gruselige Psychothriller wie Das Schweigen der Lämmer gehören nicht zu meinen Lieblingsfilmen. Auch wenn das vielleicht überraschend klingt, wo ich doch die ganze Palette skandinavischer Krimis hoch und runter sehe. Aber genau deshalb: Die US-Versionen von Psycho-Schockern sind mir oft zu abgedreht, zu grausam. Übertriebene Special Effects – ich will mir nicht jedes Mordopfer en detail auch noch von innen ansehen. Ich liebe Thriller, aber ich hab ein Problem mit Horror, um die Sache auf den Punkt zu bringen.

Und ich habe etwas gegen Psychopathen-Filme, die in den USA ja sehr beliebt sind. Je durchgeknallter und perverser der Psychopath ist, der in dem jeweiligen Film zur Strecke gebracht werden muss, desto besser: Der Psychopath als unmenschlicher Antiheld, der wegen seiner Raffinesse und Intelligenz dann doch wieder bewundert werden muss, obwohl (oder weil?) er ohne schlechtes Gewissen serienmäßig furchtbarste Verbrechen begeht – es wäre auch mal eine Untersuchung wert, was das eigentlich über den geistigen Zustand der Leute sagt, die solche Filme machen und ansehen. Kleiner Exkurs: Mir fällt gerade ein französischer Thriller (Six Pack, aus dem Jahr 2000) ein, dessen Plot sich genau darum dreht: Perverse Serien-Killer sind ein Phänomen aus den USA, in Europa heutzutage eher unüblich. Also muss der Serien-Killer, der in Paris sein Unwesen treibt, ein Amerikaner sein…

Dabei werden die meisten Morde eben nicht von raffinierten Serien-Killern begangen, sondern von ganz gewöhnlichen Menschen – das alltägliche Drama eben: Beziehungsstress, verhängnisvolle Affären, Rache und Eifersucht, aber auch materielle Not, zur falschen Zeit am falschen Ort, die falschen Freunde, fatale Entscheidungen – das ist der Stoff aus dem meine Lieblingskrimis sind. Aber natürlich gibt es Ausnahmen.

HANNIBAL: SEASON ONE (Photo: Robert Trachtenberg/Sony Pictures Television/NBC via 1777.de)

HANNIBAL: SEASON ONE
(Photo: Robert Trachtenberg/Sony Pictures Television/NBC via 1777.de)

Hannibal ist eine solche. Hannibal ist Dexter für Intellektuelle – Dexter hab ich mir ja auch gern angesehen, der sympathische Serienkiller von nebenan, das fand ich durchaus mal eine erfrischende Idee für eine Serie – und die Macher von Dexter haben sich ja große Mühe gegeben, Dexters Verbrechen als moralisch vertretbar hinzudrehen: Dexter bringt ja nur üble Verbrecher um, die der Justiz durchs Netz gegangen sind und rettet damit jede Menge Menschenleben. Denn eigentlich ist Dexter bei all seiner Brillanz, die er als genialer Forensiker des Miami PD an den Tag legen darf, ein wirklich netter Kerl, der nur aufgrund eines schrecklichen Traumas den Drang zum Töten hat. Und den muss er ständig im Zwiegespräch mit seinem toten Adoptivvater rechtfertigen, der ihm beigebracht hat, diesen Drang zu kanalisieren, in dem er nur die Bösen umbringt. Dexter kann durchaus zwischen Gut und Böse unterscheiden und ist letztlich sehr moralisch unterwegs, auch wenn er eine, sagen wir – etwas alternative Moral hat.

Hannibal geht da noch weiter: Er hat keine Moral im herkömmlichen Sinne. Ihm ist völlig egal, ob seine Opfer gute oder schlechte Menschen sind, Hauptsache er bekommt von ihnen, was er gerade braucht: Eine Leber, die Nieren, das Herz oder auch eine schöne Beinscheibe für das nächste Festmal, das er für sich selbst oder auch für Freunde zubereitet – Dr. Hannibal Lecter ist nämlich ein leidenschaftlicher Koch und Feinschmecker mit ausgeprägtem Sinn für das Besondere. Überhaupt ist Dr. Lecter unendlich kultiviert – stets im edlen Dreiteiler mit perfekt abgestimmter Krawatte legt er Wert auf Höflichkeit und gute Manieren. Er war früher Chirurg, jetzt ist er Psychiater und er räumt ein, dass alle Psychiater selbst geistesgestört sind – er hat ebenfalls eine Therapeutin, Dr. Bedelia Du Maurier, die ihre Praxis eigentlich aufgeben hat, nachdem sie von einem ihrer Patienten angegriffen wurde. Sie empfängt nur noch ihren Kollegen Dr. Lecter, weil dieser beharrlich darauf besteht – und ja, weil er ebenso charmant wie unterhaltsam ist. Sie mag ihn, daran besteht kein Zweifel, auch wenn sie im Laufe der Zeit noch einen gewissen Verdacht entwickeln wird…

Natürlich braucht es für eine spannende Serie noch einen genialen Gegenpart – und den bekommt Hannibal mit Will Graham. Will Graham ist Dozent für Kriminal-Psychologie, der Vorlesungen für angehende FBI-Agenten hält und ebenfalls ein bisschen gestört – er hat Probleme mit sozialer Interaktion und lebt ganz anders als der sozial kompetente Dr. Lecter völlig zurückgezogen in einem einsamen Haus im Wald. Seine Freunde sind ein Rudel Hunde, Streuner, denen er ein neues Zuhause geschaffen hat. Mit Tieren kommt er besser klar, die wollen keine komplizierten Beziehungen. Wills liebstes Hobby ist das Fliegenfischen und er bastelt mit Hingabe Köder dafür.

Allerdings hat er ein für das FBI interessantes Talent: Er kann sich in Serienmörder einfühlen und auf diese Weise Morde exakt rekonstruieren – und somit wertvolle Hinweise auf die jeweiligen Eigenarten des Mörders liefern, was wiederum weitere Ermittlungen entscheidend voranbringt. Deshalb stellt der Direktor der Behavioral Analysis Unit des FBI, Jack Crawford, Will Graham als Profiler ein, obwohl er den strengen Auswahlkriterien des FBI nicht entspricht. Will selbst hält nicht so viel davon, weil er unter diesem Job leidet: Es ist ja auch wirklich verstörend, ständig die Verbrechen von anderen erleben zu müssen. Will ist so intelligent zu begreifen, dass sein Talent gefährlich ist und er fürchtet, dass er irgendwann nicht mehr zwischen dem, was er selbst tut und dem, was er durch seine ungewöhnliche Vorstellungskraft erlebt, unterscheiden kann. Auch die Psychologin Dr. Alana Bloom, die einerseits eine ehemalige Schülerin und gute Bekannte von Dr. Lecter ist, und andererseits schnell mehr als ein professionelles Interesse an Will Graham entwickelt, warnt Crawford davor, Will einzusetzen, weil er psychisch zu labil sei.

Für ein stets auf das Ungewöhnliche und Besondere begieriges, höchst manipulatives Superhirn wie Hannibal ist Will Graham also ein Leckerbissen, den er sich nicht entgehen lassen kann: Auf Alanas Vorschlag hin wird er so etwas wie Wills Psychiater – und Hannibal entwickelt durchaus freundschaftliche Gefühle für Will, weil er endlich jemanden gefunden hat, der ihm intellektuell ebenbürtig ist. Deshalb macht er Will klar, dass Jack Crawford ihn benutzt und damit psychisch zugrunde richtet. Andererseits fängt Hannibal an, Will die Verantwortung für seine eigenen Verbrechen, die er als Chesapeake-Ripper begeht, in die Schuhe zu schieben. Denn wie nicht anders zu erwarten war, kommt Will Hannibal allmählich auf die Schliche. Also zieht Hannibal die Notbremse und sorgt dafür, dass Will für Verbrechen, die Hannibal begangen hat, eingesperrt wird. Und der arme Will ist mittlerweile dermaßen verwirrt, dass er sich nicht mal sicher ist, dass er diese Verbrechen nicht begangen hat – und er bittet die wenigen Kolleginnen, die ihn noch besuchen kommen, darum, neue, nicht manipulierte Beweise zu finden – entweder für seine Schuld oder seine Unschuld. Natürlich kann Hannibal auch da nicht tatenlos zusehen…

Alles in allem ist die Handlung ein perfides Katz-und-Maus-Spiel mit zum Teil wirklich verstörenden, aber originellen Mordfällen – man muss erstmal auf die Idee kommen, Menschen an Pilze zu verfüttern. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Satire auf die gehobene Kochsendung. Insgesamt ästhetisch dermaßen gut angerichtet, dass es tatsächlich ein gehobenes Vergnügen war, mir die erste Staffel quasi am Stück anzusehen und als Nachtisch auch gleich die zweite Staffel draufzulegen. Was natürlich vor allem einem fantastischen Mads Mikkelsen als Dr. Hannibal Lecter und einem nicht weniger beeindruckenden Hugh Dancy als Will Graham zu verdanken ist. Ausdrücklich loben muss ich auch die Musik – es gibt viel Klassik, natürlich liebt Hannibal die italienische Oper, aber er spielt auch Cembalo und Theremin. Insofern wird nicht nur kulinarisch, sondern auch musikalisch allerhand geboten – die Serie ist tatsächlich ein ästhetisches Meisterwerk, in dem alles stimmt: Immer wieder mit Liebe zum Detail komponierte Bilder, mit Sorgfalt arrangierte Interieurs, großartige Schauspieler, eine verzwickte Geschichte mit überraschenden Arabesken, eine perfekt darauf abgestimmte Musikuntermalung – doch, wenn Psychopathen auf eine solche Weise präsentiert werden, werde ich doch noch Fan des Psychopathenthrillers.

Weitere Eindrücke auf mariberlyn.tumlr.com.

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