Der schmale Grat

Seit Jahren stand dieser Film auf meiner „Muss-ich-nochansehen-Liste“ – aber ein fast drei Stunden langer Kriegsfilm, das ist nicht unbedingt meine Lieblingskost, wenn ich mich abends entspannen will. Zumal ich mir schon eine Menge solcher Filme angesehen habe, von Im Westen nichts Neues über Apocalypse Now, Das Boot, Platoon, Saving Private Ryan und dergleichen mehr bis hin zu No Mans Land oder Waltz with Bashir. Und einige dieser Filme sind wirklich gut, auch wenn es in der Regel keine Freude macht, sie anzusehen.

Der schmale Grat: Corporel Fife (Adrien Brody)

Der schmale Grat: Corporel Fife (Adrien Brody)


Aber das ist eben auch der Sinn der Sache – wenn man Menschen die Sinnlosigkeit von Krieg und Gewalt vor Augen führen will, kann das nicht schön sein. Insofern ist Der schmale Grat durchaus etwas irritierend, weil dieser Film über weite Strecken schöne Naturaufnahmen, friedliche Landschaftsbilder und eigenartig manierierte Detailaufnahmen aus Erinnerungsseqnenzen zeigt, das Muster der Spitzenbluse eines Mädchens, dessen Mutter stirbt, eine Gardine, die sich im Wind bläht – es handelt sich überhaupt um einen sehr eigenartigen Film. Allerdings im guten Sinne – besonders gut hat mir gefallen, dass nicht einmal am Rande die übliche Kriegspropaganda aufgetischt wird, nirgends wird erwähnt, dass für Ehre und Vaterland oder halt Freiheit und Demokratie gekämpft und gestorben werden müsste – hier werden ja auch erklärte Antikriegsfilme gern pathetisch. Selbst wenn es am Ende darum geht, pädagogisch wertvoll aufzuzeigen, dass es eigentlich gar nichts gibt, wofür es sich zu sterben lohnte. Wobei, irgendeine gute Sache findet sich am Ende immer.

Screenshot: Der schmale Grat - Private Witt (Jim Caviezel)

Screenshot: Der schmale Grat – Private Witt (Jim Caviezel)

Ein wenig zu schwärmerisch finde ich die Bilder zum Teil ja schon – oder sollte ich lieber „poetisch“ sagen? Die Poesie ist meine Sache nicht, ich bin eher der prosaische Typ. Nichtsdestotrotz: Terrence Malick hat in erster Linie einen Film über das Leben an sich gemacht, und über die Sinnsuche eines jungen Mannes, der eher zufällig in den Krieg geraten scheint – ein idealer Soldat ist Private Witt (Jim Caviezel) jedenfalls nicht. Im Gegenteil, bei jeder sich bietenden Gelegenheit haut er von der Truppe ab und hängt bei den Eingeborenen auf der idyllischen Südsee-Insel herum, auf die der Zweite Weltkrieg seine Kompanie verschlagen hat.

Der schmale Grat: 1st Sgt. Edward Welsh (Sean Penn)

Der schmale Grat: 1st Sgt. Edward Welsh (Sean Penn)

In seinen Augen ist das die ideale Welt – die Menschen sind freundlich zu ihm, er schwimmt und spielt mit den Kindern und stellt fest, dass sie sich nicht zu streiten scheinen. Sonne, Strand, Palmen – eigentlich könnte alles so schön sein, wenn dieser blöde Krieg nicht wäre. Der holt Witt bald wieder ein – seine Kompanie soll die Salomonen-Insel Guadalcanal erobern, auf der die Japaner einen Luftwaffenstützpunkt eingerichtet haben. Deshalb ist Witts eigentlich ziemlich nachsichtiger Sergeant Welsh (Sean Penn) auch gezwungen, Witt für sein unerlaubtes Entfernen von der Truppe zu bestrafen – er versetzt ihn als Träger für Verwundete in ein Strafbataillon und ermahnt ihn, daran zu denken, dass er in einer Welt lebe, in der es in erster Linie um das eigene Überleben ginge, auch wenn diese Welt gerade zum Teufel gebombt würde. Witt erwidert, dass er gerade eine andere Welt gesehen hätte.

Der schmale Grad: Lieutenant Colonel Gordon Tall (Nick Nolte) and Brig. Gen. Quintard (John Travolta)

Der schmale Grad: Lieutenant Colonel Gordon Tall (Nick Nolte) and Brig. Gen. Quintard (John Travolta)

Im Laufe der Zeit bekommt aber auch dieses schöne Bild Risse – als Witt später noch einmal in das Dorf kommt, in dem er am Anfang so glücklich war, sind die Menschen dort nicht mehr so friedlich und freundlich – auch hier gibt es Streit und Tod.

Streit und Tod gibt es ansonsten auch eine ganze Menge – so streiten sich etwa Captain Staros (Elias Koteas) und Lieutnant Colonel Tall (Nick Nolte) über die richtige Methode, den strategisch wichtigen Höhenzug einzunehmen, auf dem die Japaner einen Bunker gebaut haben, von dem aus sie alle Angriffe mit Maschinengewehren abwehren können. Staros, der sich für seine Männer verantwortlich fühlt, verweigert den Befehl zum Frontalangriff, weil er meint, dass das zu vielen seiner Leute das Leben kosten würde. Natürlich hat das Folgen – zumal sich der Colonel mit seiner Forderung, den Hügel schnell einzunehmen durchsetzt. Was sich dank eines Voraustrupps aus einigen wenigen Freiwilligen als weniger verlustreich als befürchtet erweist, weil es den Männern gelingt, die meisten Maschinengewehrschützen der Japaner auszuschalten. Auch der idealistische Witt hatte sich für dieses Himmelfahrtskommando gemeldet, was sein Sergeant überhaupt nicht verstehen kann. Immerhin gehört Witt zu denen, die überleben.

Der schmale Grat: Capt. James 'Bugger' Staros (Elias Koteas)

Der schmale Grat: Capt. James ‚Bugger‘ Staros (Elias Koteas)

Der Sturm auf den mit hohem Gras bewachsenen Höhenzug nimmt viel Zeit ein – und es kommen eine Menge von Witts Kameraden dabei um. Im hohen tropischen Gras, das sich malerisch im Wind wiegt, findet ein tödliches Versteckspiel statt: Einerseits bietet das Gras eine nützliche Deckung – andererseits sieht man den Feind nicht. Die Japaner haben natürlich auch mitbekommen, dass etwas im Busch ist und so peitschen Maschinengewehrsalven durch die Blätter, Granaten explodieren, Körper werden getroffen und zerfetzt, Menschen schreien und sterben – das kennt man aus zig anderen Gemetzelszenen. Das Unheimliche hier ist, dass die Getroffenen und Getöteten gleich wieder im Gras verschwinden. Die Natur ist überall, aber der Krieg ist nur dort, wo Menschen kämpfen. Wobei das nicht heißt, dass die Natur an sich immer gut ist – der Film beginnt damit, dass ein Krokodil sich im Wasser auf die Lauer legt und wir sehen nicht nur hübsche bunte Papageien und Schmetterlinge, sondern auch eine Giftschlage, die einen der Soldaten beißt.

Screenshot: Der schmale Grat - Private Witt (Jim Caviezel)

Screenshot: Der schmale Grat – Private Witt (Jim Caviezel)

Vor allem aber sehen die Soldaten, als sie nach langen Stunden der Unsicherheit und Entbehrungen (anders als Colonel Tall dem besorgten Captain Staros versprochen hat, gibt es den Wassernachschub für die Soldaten noch gar nicht, die sollen einfach wie Männer weiterkämpfen) endlich den Hügel stürmen, dass die bösen Feinde, vor denen sie sich so gefürchtet haben, genau solche Jammergestalten sind wie sie selbst – verängstigte, verzweifelte, schlecht ernährte Männer, die sie nun umbringen müssen, weil ja nun mal Krieg ist. Wobei die US-Soldaten jetzt auch nicht unbedingt in Sentimentalität verfallen, sie sind ja nicht zum Spaß hier.

Spaß gibt es auch nicht allzuviel – obwohl Sergeant Welsh für seine Leute eine Woche Fronturlaub durchsetzt. Und weil sie ja jetzt den strategisch wichtigen Luftwaffenstützpunkt erobert haben, kommt auch Post und Nachschub. Jetzt erfährt Private Bell, der die ganze Zeit nur von seiner schönen Frau geträumt hat, dass seine Liebste sich von ihm scheiden lassen will – sie hat sich so einsam gefühlt und einen anderen kennengelernt. Wieder bricht eine Welt zusammen.

Der schmale Grat: Sgt. Keck (Woody Harrelson)

Der schmale Grat: Sgt. Keck (Woody Harrelson)

Aber der Krieg ist noch lange nicht zu Ende. Witt opfert schließlich sein Leben, als er bei einer Erkundung auf die Japaner stößt – er will sie aufhalten, bis Corporal Fife (Adrien Brody) die Kompanie gewarnt hat. Für die, die überleben, geht der Krieg noch eine Weile weiter – der Natur ist das gleichgültig. Es gibt wieder die mit Luftwurzeln überwucherten Bäume, die wir am Anfang des Films gesehen haben – in der letzten Einstellung sehen wir eine Kokosnuss im flachen Wasser, aus der ein neuer Trieb wächst.

Letztlich hat der Film keine eindeutige Botschaft – das ist aber auch genau das, was ich gut daran finde. Wie sollte es auch eine geben, bei den ganzen Fragen, die gestellt, aber nicht beantwortet werden? Das Leben ist rätselhaft, die Natur und die Menschen – letztlich muss jeder selbst sehen, was er daraus macht.

Screenshot: Der schmale Grat

Screenshot: Der schmale Grat

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