Treme – Überleben mit Musik

In meinem Blog ist die Rubrik Verbrechen eindeutig überrepräsentiert – was daran liegt, dass ich nun einmal am liebsten Krimiserien anschaue. Es gibt aber natürlich auch einige Drama-Serien, die sehr, sehr gut sind – und eine meiner absoluten Lieblingsserien in diesem Bereich ist Treme.

Tremé ist ein altes Viertel von New Orleans – und insofern ist die Sache selbsterklärend: Die Serie handelt von Bewohnern dieser Nachbarschaft. Die Handlung setzt drei Monate nach der Zerstörung der Stadt durch den Hurrikan Katrina im Jahr 2005 ein und begleitet die Menschen, die versuchen, inmitten der Verwüstung wieder Fuß zu fassen bzw. sich ein neues Leben aufzubauen.

Treme (via hbo.com)

Treme (via hbo.com)

Natürlich geht es auch um das besondere Lebensgefühl in New Orleans – einer eben nicht typisch US-amerikanischen Stadt, sondern einer, in der sowohl die europäischen, als auch die afrikanischen Wurzeln ihrer Kultur noch deutlich zu erkennen sind. Viele der Bewohner haben französische Namen, sehr viele sind schwarz, viele sind Musiker, oder Menschen, die sich für Musik interessieren, und gutes Essen spielt auch eine Rolle. Außerdem kann man in New Orleans auch schon zum zweiten Frühstück etwas Alkoholisches trinken, ohne dass man allzugroßes Aufsehen erregt.

Aber natürlich geht es in Treme nicht in erster Linie um das gute Leben. Es geht um den Überlebenskampf von Menschen, die alles oder zumindest vieles verloren haben, es geht um die Frage, ob man bleibt oder geht, aufgibt oder kämpft – und zu kämpfen haben die Menschen nicht nur mit dem Verlust von geliebten Menschen und ihren Häusern. Es geht in der Serie auch um die Korruption in den Behörden, wodurch ein großer Teil der Hilfsgelder für den Wiederaufbau der Stadt in dunklen Kanälen versickert und um die Ungerechtigkeiten in der Strafjustiz – was durch die Ereignisse in Ferguson und anderswo derzeit neue Brisanz erhält.

Treme: Antoine Bastite

Treme: Antoine Bastite (Wendell Pierce)

HBO gab die Serie 2008 in Auftrag, Showrunner und Produzent war David Simons, der auch für The Corner, The Wire und Generation Kill verantwortlich ist. So war der aus The Wire bekannte Wendell Pierce der erste Schauspieler, der eine Rolle in Treme eine Rolle bekam. Pierce spielt den Posaunisten Antoine Batiste, sein The-Wire-Kollege Clarke Peters spielt Big Chief Lambreaux, den Häuptling eines Stammes von Mardi-Gras-Indians, der Vater des in der Szene bekannten Jazz-Trompeters Delmond Lambreaux ist.

Delmond (Rob Brown) hat sich eigentlich in New York eingerichtet und kommt eher widerwillig nach Hause, um seinem Vater zu helfen. Big Chief Lambreaux baut eigenhändig sein Haus wieder auf und verwendet ansonsten jede Minute darauf, ein neues Kostüm zu nähen – zu jedem Mardi Gras verlangt die Tradition eine aufwendige Ausstattung der Stammesfürsten mit viel Perlenstickerei und reichlich Federn. Delmond kann darüber nur den Kopf schütteln – bis er begreift, dass für seinen Vater ein tieferer Sinn darin liegt.

Treme: Big Chief Lambreaux in Aktion.

Treme: Big Chief Lambreaux (Clarke Peters) in Aktion.

Dann gibt es die Familie Bernette, bestehend aus dem Englisch-Professor Creighton Bernette (John Goodman), der sich mit Unterstützung seiner Tochter Sofia (India Ennenga) auf der neuen Plattform Youtube austobt, wo er in Videobeträgen die Zustände in seiner Stadt anprangert, seiner Frau Toni Bernette (Melissa Leo), die als engagierte Anwältin für die benachteiligten Bürger der Stadt kämpft und damit nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Tochter gefährdet. Und dann gibt es Sofia selbst, die sich einerseits sehr mit den News-Orleans-Traditionen identifiziert, die sie von ihren Eltern lernt, andererseits schwer daran zu tragen hat. Creighton hat feierlich geschworen, die Stadt niemals zu verlassen und arbeitet an einem Buch über die große Flut von 1927 – das nun nach Katrina gewiss Chancen auf dem Markt hätte. Wenn er es nur fertig bekäme.

Außerdem gibt es den erfolglosen weißen Musiker und Radiomoderator Davis MacAlary (Steve Zahn), der ebenfalls aus einer alteingesessenen Familie stammt, der wiederum mit der Köchin Janette Desautel (Kim Dickens) befreundet ist. Janette lebt für die gute und besondere Küche ihrer Stadt, hat aber große Probleme, ihr kleines Restaurant am Laufen zu halten. Womit es ihr kaum anders ergeht als der Exfrau von Antoine LaDonna Batiste-Williams (Khandi Alexander) , die eine Bar besitzt und sie unbedingt weiter betreiben will, obwohl sie nun mit einem Zahnarzt verheiratet ist, der sie zu überzeugen versucht, in Baton Rouge ein neues Leben anzufangen. Aber LaDonna kann sich nicht vorstellen, wo anders als in New Orleans zu leben. Außerdem sucht sie nach ihrem vermissten Bruder.

Durch die Stadt streunen auch das Musiker-Pärchen Sonny (Michael Huisman) und Annie (Lucia Micarelli). Annie hat Sonny aus Amsterdam mitgebracht, nachdem sie ihn dort beim Trampen kennenlernte. Sonny spielt Klavier, Annie Geige, die beiden halten sich mit Straßenmusik über Wasser und halten nach der großen Chance Ausschau. Während sich die begabte Annie für Cajun-Musik interessiert und hier auch erste Erfolge feiern kann, hat Sonny Drogenprobleme und wird schließlich von einem Freund gerettet, der ihm einen Job auf einem Krabbenkutter verschafft.

Treme: Sonny und Annie.

Treme: Sonny (Michiel Huismann) und Annie (Lucia Micarelli).


Und schließlich gibt es noch Lieutenant Terry Colson (David Morse), einen Polizisten, der auf seine Weise versucht, nicht nur auf den Straßen, sondern auch im korrupten Polizei-Apparat Ordnung zu schaffen, was ihm natürlich keine Freunde, sondern jede Menge Ärger einbringt. Trotzdem lässt er sich nicht unterkriegen und unterstützt auch immer wieder Toni Bernette bei ihrer Arbeit.

Es gibt drei Staffeln mit 11 bzw. 10 Teilen, die vierte und finale Staffel hat nur noch fünf Teile – was ich sehr schade fand, weil man doch sehr merkt, dass es hier in erster Linie darum geht, die vielen angefangenen Geschichten aus den Staffeln davor noch irgendwie halbwegs vernünftig zu Ende zu bringen – dadurch fehlt der Drive aus den Staffeln davor, in denen sehr viel mehr passiert.

Eine tragende Rolle spielt die Musik – auch wenn der typische New-Orleans-Jazz ist gewiss nicht jedermanns Sache ist. Mir hat aber sehr gut gefallen, dass die Macher der Serie sich getraut haben, der Musik so viel Raum zu geben – das fängt mit der ersten Second Line an, für die sich die Musiker drei Monate nach der großen Katastrophe im Treme zusammenfinden und geht vielen weiteren weiter – dazwischen gibt es Proben, große und kleine Gigs, Straßenmusik, Konzerte, Paraden, es treten eine ganze Reihe echter Musiker auf, etwa Elvis Costello, Allen Toussaint oder Dr. John.

Treme: Nach der Second Line - LaDonna und Toni

Treme: Nach der Second Line – LaDonna (Khandi Alexander) und Toni (Melissa Leo)

Andererseits ist durchaus noch eine Menge von The Wire spürbar – und in The Wire geht es ja auch nicht nur um Verbrechen, sondern auch um die Gründe dafür. Und auch wenn Treme ganz ausdrücklich keine Krimi-Serie ist, sondern ein mit viel Musik unterlegtes Sozialdrama, so dringen Verbrechen und Gewalt immer wieder in die Handlung ein – New Orleans ist nun einmal kein friedlicher Ort, sondern eine kaputte Stadt mit enormen Problemen, sehr viel Armut und sehr viel Kriminalität. Aber gleichzeitig leben die Leute hier sehr eng zusammen, man kennt sich, man hilft einander.

Treme besticht nicht durch Spannung und einen raffiniert gestrickten Plot – auch wenn es durchaus überraschende Wendungen gibt, sondern eher durch das Gegenteil: Die Serie fließt ruhig und mächtig wie der Mississippi durch die Stadt – man kann sich einfach treiben lassen und sich das Leben der Menschen dort ansehen.

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