Gomorrha: Das realistische Bild bekommt Risse

Mit „Krieg“ ist jetzt der letzte der zwölf Teile von Gomorrha gelaufen und es gab zum Schluss noch einmal sehr viele Tote – wobei es ja auch in den elf Teilen zuvor schon ziemlich zur Sache ging. Gomorrha ist eine unglaublich brutale Serie – insbesondere, weil sie ein gnadenlos realistisches Bild der Camorra zeigt. Es ist keine augenzwinkernde Familiengeschichte wie Die Sopranos, in der es ja auch jede Menge Gewalt und Verbrechen gibt, und auch kein historisches (und ebenfalls sehr blutiges) Panorama wie es in Boardwalk Empire aufgespannt wird.

Screenshot Gomorrha: Das Grab der Immacolata Savastano

Screenshot Gomorrha: Das Grab der Immacolata Savastano

Gomorrha konzentriert sich auf eine Geschichte, die konsequent durchgezogen wird: Den Niedergang des neapolitanischen Savastano-Clans. Wie schon zum Auftakt der Serie beschrieben, strebt der junge Ciro di Marzio nach Höherem: Er will zum Vertreter seines Bosses Don Pietro aufrücken, nachdem Don Pietro für seine illegalen Machenschaften im Knast landet. Aber weil er nicht zur Familie gehört, begeht Donna Savastano einen verhängnisvollen Fehler: Sie will Ciro aufs Abstellgleis schieben und ihren Sohn Gennaro als neuen Chef installieren. Leider ist Genni ein verzogenes Muttersöhnchen und noch nicht reif für den harten Job – und Ciro wird auf eine harte Probe gestellt. Aber weil er ein loyaler Soldat ist, unterstützt er Genni – außerdem kann er auf diese Weise Einfluss ausüben. Das passt Mamma Imma ganz und gar nicht. Sie schickt Ciro nach Spanien, damit er wieder mit dem Chef des konkurrierenden Mafia-Clans Salvatore Conte ins Geschäft kommt. Conte kontrolliert den gesamten Drogennachschub – und die Savastanos verdienen nichts, wenn sie keinen guten Stoff zu verkaufen haben.

Screenshot Gomorrha: Ciro und Gennaro

Screenshot Gomorrha: Ciro und Gennaro

Pikant an der Sache ist allerdings, dass Don Pietro Ciro befohlen hatte, einen Brandanschlag auf die Wohnung von Contes Mutter zu verüben – auf Ciro ist Conte also ganz besonders schlecht zu sprechen. Insofern ist klar, dass der Trip nach Barcelona ein Himmelfahrtskommando ist. Aber Ciro wäre nicht der Unsterbliche, wenn er sich von Conte und seinen Leuten umbringen ließe – und der schlaue Conte nutzt Ciros einzigartige Überlebensfähigkeiten gleich aus, um mit der Russenmafia ins Geschäft zu kommen.

Die Russen machen nämlich richtig Ärger und halten sich nicht einmal an den Ehrenkodex der Mafia – mit solchen Leuten will Conte erst gar nicht selbst verhandeln. Ciro gelingt es, einen für Conte akzeptablen Deal einzufädeln und lebendig wieder nach Neapel zurückzukehren. Allerdings erweist sich Donna Imma als ärgerlich undankbar. In der Zwischenzeit hat sie ihren Sohn gewissermaßen als Turbo-Ausbildung nach Nicaragua geschickt, um dort einen für die Savastanos günstigeren Drogendeal auszuhandeln. Und tatsächlich kommt ein verwandelter Gennaro aus Mittelamerika wieder – er trägt nicht nur eine neue Frisur, die sein Gesicht kantiger und härter aussehen lässt, sondern hat jetzt auch einen echten Killerblick.

Die Reise nach Nicaragua war also ein voller Erfolg – Gennaro ist nicht mehr darauf angewiesen, sich mit Ciros Hilfe Autorität zu verschaffen, das kann er jetzt selbst. Und das nutzt er auch aus – nachdem es erst so aussah, als würde die berechnende Donna Imma zur neuen Herrscherin des Clans aufsteigen, wird sie von ihrem Sohn zur Seite geschoben, der nun seinerseits die Macht beansprucht und sich dabei vor allem auf seine jungen, testosterongetriebenen Kumpels stützt, denen die Knarre locker in der Hose steckt.

Screenshot Gomorrha: Gennaro Savastano

Screenshot Gomorrha: Gennaro Savastano

Ciro kapiert, dass Gennaro sich von ihm nichts mehr sagen lassen wird – und weil man einen guten Soldaten nur braucht, wenn Krieg ist, zettelt er einen an: Ciro zieht sich einen jungen Helfer heran, der als Reifeprüfung schließlich ein Attentat begeht und dabei einen hohen Funktionär des Conte-Clans niederschießt. Zu spät erkennt der junge Daniele, für was er da benutzt worden ist und taucht ab – nicht nur, weil ihm klar ist, dass Conte und seine Leute hinter ihm her sind, sondern auch, weil er kapiert, dass Ciro keineswegs sein Freund ist. Ciro seinerseits setzt alles dran, Daniele zu finden und zu beseitigen – schließlich sollen alle glauben, dass das Attentat auf Gennaros Konto geht und Daniele ist der einzige, der außer Ciro weiß, was wirklich Sache ist.

Screenshot Gomorrha: Gennis Jungs

Screenshot Gomorrha: Gennis Jungs

Aber so einfach ist die Sache nicht – da hilft es nicht einmal, dass Ciro Danieles Freundin Manu zu Tode foltert, sie weiß auch nicht, wo Daniele ist. Der verzweifelte Daniele ruft schließlich seinen großen Bruder um Hilfe an, der ausgerechnet der Fahrer von Salvatore Conte ist. Er ist in jeder Beziehung am Ende – er hat im Fernsehen gesehen, dass eine verbrannte Frauenleiche gefunden wurde, die als einzigen Hinweis einen auffälligen Brillantring trug: Genau diesen Ring hatte er Manu von seinem Judaslohn gekauft. Insofern ist es eine Erlösung, dass sein Bruder Conte zu ihm führt – der ihm erst wie versprochen vergibt, um ihm dann eine Kugel in den Kopf zu jagen.

Und so geht es die ganze Zeit: Immer tritt die schlimmstmögliche Wendung ein, und wenn etwas erst einmal glimpflich auszugehen scheint, dann nur, weil es am Ende zu noch fataleren Folgen führt: Die ganze Welt von Gomorrha ist hässlich und dunkel, da hilft weder die südliche Sonne, noch das blaue Mittelmeer. Der Arm der Mafia ist lang und grausam – und Widerstand scheint zwecklos. Es hilft nicht, dass die besorgten Mütter ihren kleinen Jungs verbieten, sich mit den großen Jungs von der Mafia einzulassen: Wenn der Boss mit der neuen Playstation vor der Tür steht, ist ohnehin scheißegal, was die Mama dazu sagt. Überhaupt ist es herzzerreißend anzusehen, wie die Mafia ihren Nachwuchs rekrutiert – aber was die Jungs denn für Alternativen? Mit echter Arbeit Geld zu verdienen ist nicht so einfach, wenn es kaum Jobs gibt, die nicht von der Mafia vergeben werden.

Screenshot Gomorrha: Ciros Familie auf der Flucht

Screenshot Gomorrha: Ciros Familie auf der Flucht

Aber auch mit ihren eigenen Leuten kennen die Mafiosi kein Erbarmen – der Krieg innerhalb des Savastano-Klans fordert immer mehr Opfer und schließlich gerät auch Donna Imma in die Schlusslinie: Ihr wurde eine Aufnahme zugespielt, in der zu hören ist, wie Ciro Manu anspricht und entführt. Ciro seinerseits ist mit der alten Garde inzwischen so weit, zu Conte überzulaufen. Gennaro hingegen realisisiert, dass sein Vater nur noch ein mit Psychopharmaka ruhiggestelltes Wrack ist und beschließt, die alten Verräter fertig zu machen. Nach der Beerdigung seiner Mutter kommt es zum überaus blutigen Finale – der unsterbliche Ciro kann aber mitsamt seiner Familie knapp entkommen. Gennaro dagegen ereilt genau das Schicksal, dass er eigentlich dem abtrünnigen Ciro zugedacht hatte: Er wird im Kugelhagel niedergestreckt. Damit sind die Savastanos Geschichte – trotzdem bin ich mit dem Ende nicht so richtig zufrieden. Nicht, weil Savastanos nicht genau das bekommen hätten, was sie verdienten – das ist schon in Ordnung.

Screenshot Gomorrha

Screenshot Gomorrha

Aber gemessen an den starken Geschichten in den Teilen wird es zum Ende hin ziemlich konfus: Es gibt eine wilde Ballerei und eine Menge Leichen, aber so richtig realistisch wirkt das alles nicht: Dafür ist zu klar, dass Ciro davon kommen wird, selbst wenn er seiner Frau noch dabei hilft, den schweren Koffer bei der Flucht über die Dächer über eine Absperrung zu wuchten.

Und weil Ciro darauf verzichtet hat, Genni den eigentlich üblichen Kopfschuss zu verpassen, ist gut möglich, dass auch der kleine Savastano eine Auferstehung erleben wird – sein Papa Don Pietro jedenfalls wirkt wieder ganz munter, nachdem er von seinem letzten treuen Gefolgsmann Malamo während eines Gefangenentransports befreit wird.

Das ist einerseits natürlich gut, weil man sich damit schon auf eine Fortsetzung dieser insgesamt sehr beeindruckenden Serie freuen kann, andererseits bleibt bei diesem letzten und bisher schwächsten Teil einer sonst großartigen Staffel ein leicht schaler Geschmack zurück.

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