Homeland kommt nach Hause

Homeland – WTF???!!!! War mein erster Gedanke nach der letzten Folge der vierten Staffel. Homeland ist ja ohnehin einer dieser Achterbahn-Serien, bei der ich auf der einen Seite denke: „Was für eine Scheiß!“ und auf der anderen Seite finde ich sie doch wieder sehr spannend gemacht und kann nicht damit aufhören. Die ersten beiden Staffeln waren tatsächlich – wie immer man das Weltbild bewertet, das darin vertreten wird – nervenzerfetzend spannend. Und ich muss auch sagen, dass ich eine geniale, aber psychisch gestörte CIA-Top-Agentin gar nicht mal dermaßen unglaubwürdig finde, bei allem, was man inzwischen offiziell über diesen Verein weiß. Und auch einen potenziellen Attentäter wie Brody, der sich über seine eigentlichen Ziele nicht mehr sicher ist, aber weiterhin ein hochtrainierter Killer bleibt, der sich auch anders als ursprünglich geplant einsetzen lässt, nehme ich nicht nur als Serienfantasie hin.

Screenshot Homeland

Screenshot Homeland

Die dritte Staffel konnte ich allerdings nur schwer ertragen – da gab es bessere und schlechtere Folgen, aber irgendwie war es von allem zu viel und am Ende dennoch nicht genug. Versöhnlich war immerhin, dass mit Brody endlich mal Schluss war. Das war eine mehr als überfällige und konsequente Wendung – genau wie man von der vierten Staffel nicht erwarten konnte, dass eine Carrie Mathison (Claire Danes) plötzlich zum Muttertier mutiert.

Entsprechend sieht man sie cool und fokussiert wie eh und je im Einsatz – und wenn sie jetzt auch Herrin über ein Drohnenheer und die damit verbundene Technik ist, bleibt ihr Job doch ein gefährlicher. Man weiß bereits aus den Folgen zuvor, dass Carrie wirklich jedes Mittel recht ist, um an die Informationen zu kommen, die sie benötigt. Und dass sie kein Problem damit hat, sich diese Informationen illegal zu beschaffen – notfalls verführt sie eben auch einen neunzehnjährigen Pakistani, um an Informationen über seinen Terror-Onkel zu kommen.

Screenshot Homeland: Max (Maury Sterlin) und Carrie (Claire Danes)

Screenshot Homeland: Max (Maury Sterlin) und Carrie (Claire Danes)

Wie immer hat der arme Peter Quinn (Rupert Friend) viel mehr Probleme, mit dem, was Carrie tut, als Carrie selbst. Quinn ist und bleibt der moralisch integre Typ, der Einsätze und Methoden hinterfragt – auch wenn er, wenn es drauf ankommt, selbstverständlich tut, was getan werden muss. Dass Carrie keine Moral im herkömmlichen Sinne hat, macht sie ja schon fast wieder sympathisch – wenn sie nicht ihre Mission hätte: Was zum Teufel findet Carrie an ihrer Nation eigentlich dermaßen großartig, dass sie ihr jedes Mittel recht ist, um Schaden von diesem, wie ich meine, doch sehr zweifelhaften Konstrukt abzuwenden? Das erfahren wir nicht.

Screenshot Homeland: Astrid (Nina Hoss) und Peter (Rupert Friend)

Screenshot Homeland: Astrid (Nina Hoss) und Peter (Rupert Friend)

Ja, irgendwie geht es angeblich immer darum, Menschenleben zu retten. Aber erstmal setzt Carrie jede Menge Menschenleben aufs Spiel, in dem sie gleich am Anfang eine Hochzeitgesellschaft bombardieren lässt, weil sich angeblich ein hochrangiger Terrorist dort aufhält. Und sie rechtfertigt das auch noch, als sich diese Entscheidung als fatal heraus stellt – es gab viele tote Zivilisten und das eigentliche Ziel ist gar nicht tot.

„So oft irren wir uns nicht!“ erklärt sie Quinn. Und ist bei der nächsten Gelegenheit, den Terror-Chef Haissan Haqqani zu töten, sogar bereit, ihren Mentor und Ex-CIA-Chef Saul Berenson (Mandy Patinkin)zu opfern, den Haqqani als Garantie für seine eigene Sicherheit entführt hat. Quinn kann sie gerade so noch davon abhalten – und damit kippt Carrie für den Rest der Serie um: Jetzt tut sie alles, um Saul zu retten, obwohl sie ihm versprochen hat, ihn lieber töten zu lassen, als ihn gegen gefangene Terroristen auszutauschen. Das liegt wohl ihrer manisch-depressiven Erkrankung: Sie macht halt alles im Extrem.

Screenshot Homeland: Carrie und Astrid

Screenshot Homeland: Carrie und Astrid

Dass die CIA (und zahlreiche andere US-Behörden mit drei Buchstaben) keineswegs die Vertreter des Guten in der Welt sind, weiß man längst – insofern ist die Veröffentlichung der Folter-Berichte in den USA nicht mehr als eine Bestätigung für all die schlimmen Dinge, für die dieser US-Geheimdienst ohnehin bekannt ist. Das wird in Fernsehserien schon lange verarbeitet – immer, wenn jemand als besonders grausam oder skrupellos auffällt, wird auf eine Ausbildung bei der CIA verwiesen und es gibt kaum ein Weltereignis seit dem 2. Weltkrieg, bei dem niemand annehmen würde, dass die allmächtige CIA die Finger da nicht irgendwie im Spiel gehabt hätte – im Fernsehen und im wahren Leben. Insofern war es schon neu und mutig in Homeland, die CIA mit dem Anschlag am Ende der zweiten Staffel als fehl- und verwundbar zu zeigen.

In der vierten Staffel wird das konsequent weitergesponnen: Bei der aktuellen Mission in Pakistan geht so ziemlich alles schief, was schief gehen kann. Nachdem der Austausch von Saul gegen eine Reihe von islamistischen Top-Terroristen gelungen scheint, wird der Konvoi von Carrie und Saul angegriffen. Das stellt sich als Ablenkungsmanöver heraus – der Ehemann der US-Botschafterin in Islamabad hat den entscheidenden Tipp geliefert, wie man in die stark befestigte Botschaft gelangen kann. Haqqani und seine Männer dringen durch den jetzt nicht mehr geheimen Tunnel in die Botschaft ein und richten dort ein Blutbad an.

Screenshot Homeland: Peter Quinn bastelt eine Bombe

Screenshot Homeland: Peter Quinn bastelt eine Bombe

Das alles ist wieder herrlich fatal – diese fiesen Terroristen sind den USA technisch zwar unterlegen, aber völlig skrupellos und ziemlich schlau – und die USA bedienen sich ja ebenfalls rechtlich und moralisch mehr als fragwürdiger Mittel (willkürliche Morde per Drohne, Folter, Abschaffung der Privatsphäre), so dass die öffentliche Meinung in den betroffenen Ländern nicht unbedingt auf Seiten der westlichen Anti-Terror-Krieger ist. Deshalb stehen auch Carrie und ihre Leute ständig mit dem Rücken an der Wand und müssen zusehen, wie sie ihre eigene Haut retten, statt etwas gegen den Terror unternehmen zu können.

Gerade deshalb fand ich nicht sehr glaubwürdig, dass ausgerechnet der Hardliner Andrew Lockhard im entscheidenden Moment einknickt. Als überzeugter CIA-Mann hätte er doch wissen müssen, dass man nicht mit Terroristen verhandeln darf. Ein Terrorist weiß ja eh, dass er auf der richtigen Seite steht, deshalb kann er jede Gräueltat begehen – die Sache rechtfertigt alles. Und dann macht sich ausgerechnet der CIA-Chef zum nützlichen Idioten?! Nie im Leben würde ein echter CIA-Agent einem Topterroristen die von ihm gewünschten Daten aushändigen. Auch nicht, um dass Leben einer muslimischen Angestellten zu retten. Nicht, weil er etwas gegen junge, hübsche muslimische Frauen hätte, sondern weil er wüsste, dass noch viel mehr Tote geben wird, die es zu verhindern gilt. Nicht mal ich hätte das getan.

Screenshot Homeland: Carrie in Aktion

Screenshot Homeland: Carrie in Aktion

Nach diesem Desaster wird die Botschaft geschlossen und das gesamte Personal abgezogen – aber Quinn wäre nicht Quinn, wenn er die Sache jetzt nicht selbst in die Hand nehmen würde: Diesem Haqqani muss jetzt erst recht das Handwerk gelegt werden. Während Carrie sich damit abfindet, dass die gesamte Mission ein schrecklicher Fehlschlag war, der viele Opfer unter den eigenen Leuten gefordert hat, taucht Quinn ab, um Haqqani im Alleingang zur Strecke zu bringen. Aber weil Carrie ja alle noch Verbliebenen heile nach Hause bringen will, muss sie Quinn erstmal finden. Also bleibt auch sie – und stellt fest, dass Quinn gar nicht so alleine ist, er hat nämlich eine Freundin: Nina Hoss, die irgendwie anders heißt, aber das ist nicht nicht so wichtig. Ich fand es jedenfalls eine nette Idee, dass die Deutschen auch mal aushelfen dürfen, wenn die CIA nicht mehr weiter weiß.

Screenshot Homeland: Saul Berenson in der Gewalt von Haqqanis Terror-Gruppe.

Screenshot Homeland: Saul Berenson in der Gewalt von Haqqanis Terror-Gruppe.

Jedenfalls kann Quinn sich bei seiner ehemaligen Flamme aus Deutschland verstecken und eine schöne Bombe basteln. Und später wird Astrid ihm auch aus dem Land helfen, sie hat offenbar gute Beziehungen zum BND. In der vorletzten Folge der Staffel läuft Homeland jedenfalls noch einmal zu Höchstform auf: Carrie verhindert Quinns Attentat auf Haqqani – was ich zwar wieder ziemlich inkonsequent finde, denn genau das war doch ihre eigentliche Mission, diesen fiesen Terroristen zur Strecke zu bringen! Sie versucht immerhin selbst noch, Haqqani zu erschießen, wird aber vom pakistanischen Militär-Chef Azar Khan daran gehindert. Aber da auf dem Rücksitz des Wagens von Haqqani niemand anders sitzt als der legendäre Dar Aral, geht das in Ordnung. Offenbar hat die CIA noch eine ganz andere Agenda. Großartiger Knalleffekt für das Ende der vorletzten Folge!

Screenshot Homeland: Azar  Khan hindert Carrie daran, Haqqani zu erschießen.

Screenshot Homeland: Azar Khan hindert Carrie daran, Haqqani zu erschießen.

Wer sich nun aber auf ein spektakuläres Ende nach Homeland-Art gefreut hatte, konnte nur enttäuscht werden: Genau wie bei Gomorrha fällt die letzte Folge steil ab, weil es den Machern vor allem darum geht, die Geschichte so enden zu lassen, dass sich problemlos eine weitere Staffel anknüpfen lässt. Wir erfahren immerhin, dass der alte CIA-Fuchs Dar einen Deal mit Haqqanis Terrorgruppe gemacht hat: Dass Erpresser-Video mit dem entführten Ex-CIA-Chef Saul in der Gewalt von Terroristen wird nicht veröffentlicht – damit ist Saul wieder im Spiel um die Nachfolge von Loser Lockhart.

Screenshot Homeland: Carrie traut ihren Augen nicht.

Screenshot Homeland: Carrie traut ihren Augen nicht.

Ansonsten sehen wir Carrie zuhause beim Aufräumen zu: Sie ordnet den Nachlass ihres verstorbenen Vaters, kommt ihrer rothaarigen Tochter Franny wieder etwas näher und versucht zum Schluss auch noch Annäherung an ihre Mutter, die sie und ihre Schwester vor 15 Jahren verlassen hat. Ganz schön viel Familiendrama für eine einzige Folge, dann gibt es auch noch einen unbekannten Halbbruder und Quinn taucht auch wieder auf. Dass Quinn Carrie irgendwie liebt, wissen wir ja schon – und auch, dass Carrie sich auch mal kopflos in Abenteuer stürzt – hier gibt es aber nur einen leidenschaftlichen Kuss und dann übernimmt die rationale Carrie wieder, die völlig recht damit hat, dass sie nicht gut für Menschen und ganz besonders nicht für Quinn ist. Nun ja. Und dann gibt es noch kalte Lasagne und Tullamore Dew aus Plastikbechern.

Screenshot Homeland: Dar Aral auf dem Rücksitz in Haqqanis Wagen.

Screenshot Homeland: Dar Aral auf dem Rücksitz in Haqqanis Wagen.

Vermutlich wird Quinn auch in der kommenden Staffel zwar in jeder Folge erklären, dass er endlich aufhören will, aber am Ende doch immer da sein, wenn er gebraucht wird. Und Carrie wird bestimmt nicht zuhause bei ihrer Tochter Franny bleiben. Und ich werde mir das bestimmt auch wieder ansehen, auch wenn ich gerade nicht so richtig weiß, warum.

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