Marco Polo: Der große Weihnachts-Mehrteiler von Netflix

Als ich Kind war, gab es im deutschen Fernsehen eine schöne Tradition: Den großen Weihnachts-Mehrteiler. Das waren meistens Verfilmungen bekannter Abenteuergeschichten, wie Lockruf des Goldes oder Der Seewolf von Jack London, Michael Strogoff (nach Der Kurier des Zähren von Jules Verne) oder Der Winter, der ein Sommer war (nach einem Roman von Sandra Paretti) und dergleichen mehr.

Nun weiß ich nicht, ob ich einfach nicht mehr so leicht zu beeindrucken bin, oder ob es tatsächlich alles immer schlechter wird – aber die letzte großen Mehrteiler im deutschen Fernsehen fand ich alle nicht mehr so richtig gut, obwohl es durchaus noch welche gibt. Vielleicht liegt es auch daran, dass das Geschichtsthemen im deutschen Fernsehen in letzter Zeit immer etwas mit Weltkrieg oder der deutsch-deutschen Teilung zu tun haben müssen – wobei es bestimmt auch möglich wäre, daraus einen guten Mehrteiler zu machen. Jedenfalls habe ich in diesem Jahr wieder nichts im Fernsehprogramm gefunden, das mich angesprochen hätte.

Screenshot Marco Polo: Kublai Khan (Benedict Wong)

Screenshot Marco Polo: Kublai Khan (Benedict Wong)

Allerdings sind wir ja nicht mehr aufs Fernsehprogramm angewiesen – in diesem Jahr ist Netflix in die Bresche gesprungen und hat den großen Weihnachtsmehrteiler Marco Polo produziert. Alles in allem wird Marco Polo gewiss niemals unter den zehn großen Serien landen, die man unbedingt gesehen haben muss, aber ein schönes Weihnachtsabenteuer, das man gemütlich wegglotzen kann, während es draußen schneit und stürmt ist es allemal.

Es ist ein bisschen wie House of Cards, nur halt ins 13. Jahrhundert und nach Asien verlegt. In der Mongolei herrscht Kublai Khan, ein Enkel des berühmten Dschingis Khan, an dessen Hof der junge Venezianer Marco Polo zurückgelassen wird – als Pfand gewissermaßen, weil sein Vater dem Khan eine offizielle Genehmigung für den Handel entlang der Seidenstraße abringen will, obwohl es dem Kaufmann nicht gelungen ist, die dem Khan versprochenen Christenpriester für seinen Hof zu importieren.

creenshot Marco Polo: Marco (Lorenzo Richelmy)

creenshot Marco Polo: Marco (Lorenzo Richelmy)

Der Khan ist nämlich sehr interessiert an der Gelehrsamkeit verschiedenster Religionen aus der ganzen Welt – nur haben die Mönche die Strapazen der mehr als 6000 Kilometer langen Reise nicht überlebt. Der Khan lässt sich auf den Deal ein, denn der junge Lateiner verspricht ein heller Kopf zu sein – so etwas schätzt der kluge Mongolen-Herrscher. Deshalb lässt er den jungen Mann nicht im Verlies verrotten, sondern ihm die damals übliche Standard-Ausbildung für höhere Söhne angedeihen. Sprachen hat sich der junge Marco bereits auf der Reise schon mehrere beibringen lassen – deshalb ist er auch in der Lage, sich aus brenzligen Situationen immer wieder heraus zu reden. Jetzt lernt er auch noch Kung Fu, Reiten und Bogenschießen, chinesische Tuschezeichen und vor allem, wie es in der Welt des Kublai Khan so zugeht. Das ist eine grausame Welt, wobei man im Mittelalter ja auch in anderen Gegenden der Welt nicht zimperlich war.

Screenshot Marco Polo: Mei Lin (Olivia Cheng) in Aktion

Screenshot Marco Polo: Mei Lin (Olivia Cheng) in Aktion

In Kublais Welt gibt es allerlei politische Ränke, komplizierte Traditionen, tapfere Krieger und nicht zuletzt schöne Frauen – und einige der Frauen sind nicht nur sehr schön, sondern äußerst tapfere Kämpferinnen. Als früher Fan der Serie Die Rebellen von Lian Shan Po, in der es für damalige Verhältnisse äußerst spektakuläre Kampfszenen mit schönen tapferen Frauen gab, muss ich sagen, dass Marco Polo eine ganze Reihe beeindruckender (und viel realistischerer) Kampfszenen bietet – und mindestens eine, die für dieses Genre ikonisch werden könnte.

Screenshot Marco Polo: Reiterheer in grandioser Landschaft

Screenshot Marco Polo: Reiterheer in grandioser Landschaft

Man merkt der Produktion an, dass die Macher keine Kosten und Mühen gescheut haben, ein opulentes Werk auf die Beine zu stellen – mit einem Budget von 90 Millionen Dollar ist dieser Zehnteiler eine der teuersten Serien überhaupt. Entsprechend grandios ist die Ausstattung – inklusive der atemberaubenden Kamerafahrten über die beeindruckenden asiatischen Steppen- und Wüstenlandschaften, in denen sich auch die größten Reiterheere verlieren. Ganz großes Kino in Ultra-HD.

Nun kann man natürlich daran herummäkeln, dass es für die Story an sich keine Originalitätspunkte geben kann, weil die Geschichte und deren Ende hinreichend bekannt sind – der historische Marco Polo kehrte, wie wir wissen, in seine italienische Heimat zurück und brachte aus Asien nicht nur Seide und Kung-Fu, sondern auch die Nudel mit. Die italienische Küche hat dem weit gereisten Abenteurer-Sohn also einiges zu verdanken.

Screenshot Marco Polo: Marco und sein Lehrmeister Hundert Augen (Tom Wu)

Screenshot Marco Polo: Marco und sein Lehrmeister Hundert Augen (Tom Wu)

Die Serie verdankt hingegen ihren Hauptdarstellern Lorenzo Richelmy als wortgewandter und pfiffiger, aber auch immer wieder etwas dummdreister Marco Polo und Benedict Wong als undurchschaubarer, weltoffener, aber im Zweifelsfall gnadenloser Kublai Khan einiges. Überhaupt sind die Darsteller durch die Bank weg sehr gut – so gibt es eine ganze Reihe interessanter Frauen: Natürlich die Lieblingsfrau des Khans Chabi (Joan Chen) selbst, die geheimnisvolle blaue Prinzessin Kokachin (Zhu Zhu) und die tragische Figur der Mei Lin (Olivia Cheng), die sich von ihrem fiesen Bruder, dem chinesischen Kanzler Jia Sidao, benutzen lässt, um ihre Tochter in der fernen Heimat zu schützen. Was ihr nur bedingt gelingt, obwohl sie eine fantastische Kämpferin und auch sonst sehr geschickt ist. Und dann gibt es noch die Kriegerin Sorga, eine Nichte des Khans – ein Mädchen nach seinem Geschmack, wie Kublai durchblicken lässt: Sie will keine feine Prinzessin sein, obwohl ihr diese Rolle durchaus zustehen würde, sondern sie prügelt sich lieber mit den starken Jungs. Sie verprügelt nebenbei auch Marco und vernascht ihn zum Nachtisch – was natürlich besser niemand wissen sollte.

Screenshot Marco Polo: Chabi (Joan Chen) sucht neue Gespielinnen für ihren Gatten aus.

Screenshot Marco Polo: Chabi (Joan Chen) sucht neue Gespielinnen für ihren Gatten aus.

Alles in allem also ein opulentes Historiengemälde mit keiner allzu originellen, aber ausreichend komplexen und plausiblen Handlung sowie jeder Menge Sex und Crime, was ich für einen entschiedenen Vorteil halte, auch wenn die Geschmäcker gerade in diesem Punkt durchaus unterschiedlich sind.

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Ein Gedanke zu „Marco Polo: Der große Weihnachts-Mehrteiler von Netflix

  1. Hallo! Danke für den Beitrag. Ich habe die 1. Staffel jetzt schon 4 Mal gesehen und tatsächlich hat diese Serie mich auf KungFu gebracht, dass ich demnächst trainieren werde. Gerade Hundertaugen und das zerbrechliche Verhältnis zwischen Kublai und Marco fand ich sehr beeindruckend. Irgendwie sind sie väterlich-freundlich, andererseits kann Kublai Marco jederzeit töten lassen, weil er einfach der Gott seiner Welt ist. Finde ich unglaublich spannend. 🙂
    Warte sehnsüchtig auf Staffel 2!

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