Tannbach: Deutsch-deutscher Mainstreamschrott

Man kann sich wirklich drauf verlassen, dass keiner der deutschen Fernsehsender fähig und willens ist, einen sehenswerten Mehrteiler über deutsche Geschichte zustande zu bringen. Ich hatte natürlich nicht ernsthaft erwartet, dass ausgerechnet ein neuer ZDF-Mehrteiler wie Tannbach an großartige Produktionen wie den Heimat-Zyklus von Edgar Reitz heranreichen würde – es ist ja nicht so, dass es noch nie gute deutsche Filme oder Serien über deutsche Geschichte gegeben hätte. Aber die Zeiten sind vorbei.

Und dass es dermaßen schlimm kommen könnte, hatte ich auch nicht gedacht, obwohl ich ja durch das Quersehen von Unsere Mütter, unsere Väter vor einiger Zeit durchaus vorgewarnt war.

Tannbach - Schicksal eines Dorfes Bild: zdf.de

Tannbach – Schicksal eines Dorfes Bild: zdf.de

Noch ist Tannbach – Schicksal eines Dorfes in der ZDF-Mediathek verfügbar, und weil auch der beste Serienvorrat irgendwann einmal zu Neige geht, habe ich in diesen Dreiteiler sozusagen aus wissenschaftlichem Interesse einmal reingesehen. Aber was ich gesehen habe, hat leider wieder bestätigt, dass auch ein großzügiges Produktionsbudget und ein beeindruckendes Aufgebot an tollen Schauspielern (Martina Gedeck, Nadja Uhl, Ronald Zehrfeld, Martin Held, Ludwig Trepte, Heiner Lauterbach und viele mehr) es halt nicht rausreißen, wenn das Drehbuch schrott ist.

Dabei ist die Grundidee ja gar nicht schlecht, die Geschichte eines geteilten Dorfes an der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten, in dem die Systemgegensätze aufeinanderprallen. Die Menschen müssen sich damit arrangieren – in Ost und West. Eine solche Geschichte bietet eine Menge Potenzial für die Entwicklung von ambivalenten und komplexen Charakteren, und eine schonungslose Analyse, was in beiden Systemen alles schief gelaufen ist. Zumal es das geteilte Dorf Mödlareuth, das die Vorlage für das fiktive Tannbach ist, tatsächlich gab.

Aber die Macher von Tannbach haben das komplett verschenkt und suhlen sich stattdessen in peinlichen Klischees, die sämtliche Stereotypen wiederholen, die man aus anderen deutschen Filmen dieser Art schon zur Genüge kennt – vor allem, dass die menschenverachtende Nazi-Herrschaft im Osten von einer kaum weniger brutalen kommunistischen Diktatur abgelöst wurde, während der Westen dank der Demokratisierung durch die Besatzer zu Wohlstand in Freiheit gekommen ist.

Dieses verlogene Muster wiederholt sich in den Figuren – da haben wir die ebenso zupackende wie aufopferungsvolle Gutsherrin, die gleich am Anfang schon ihren Auftritt als Märtyrerin bekommt, weil sie ihren Mann, den Grafen Georg von Striesow nicht verraten will, der sich als desillusionierter Deserteur in der Nähe versteckt, den ewigen Nazi, der sich wieder nach oben windet, weil er den neuen Herrschern nützlich ist, die heldenhafte Flüchtlingsmutter, die neben dem eigenen Sohn noch einen jüdischen Jungen rettet, fanatische Pimpfe, die noch an den Endsieg glauben wollen, die schöne Tochter des Grafen, die sich in den Arbeitersohn aus Berlin verliebt und so weiter und so fort.

Natürlich sind die amerikanischen Besatzer, die zuerst in Tannbach einmarschieren, erstmal auch nicht nett zu den deutschen, die für sie in erster Linie Nazis sind, aber sie sind natürlich nicht so schlimm wie die Russen, die vergewaltigen und plündern und allesamt gewalttätige Unmenschen sind – was ja wohl eher auf die Nazis zuträfe, die zuvor ihr Land erst geplündert und dann platt gemacht und dabei jede Menge Menschen ermordet haben, aber okay, das war hier ja nicht das Thema.

Und natürlich findet der Graf die Enteignung, die in der sowjetischen Besatzungszone statt findet, total ungerecht – er hatte halt das Pech, dass sein Gut auf der östlichen Seite von Tannbach liegt. Dabei könnte man ja auch mal fragen, auf welche Weise die Landjunker eigentlich an ihr Land gekommen sind – legal erworben hat ja wohl keine Adelsfamilie ihren Besitz, sondern der wurde irgendwann irgendwem mit Gewalt weg genommen. Ein Paradies war die Grundherrschaft für die Untergeben keineswegs – deshalb wollten die Kommunisten es auch ja mal anders machen. Aber über solche Dinge zu reflektieren ist natürlich zu viel verlangt, lieber hält man sich an die bewährte Mainstream-Ideologie.

Das Land wird an so genannte Neubauern verteilt, darunter auch Friedrich und Anna, die Gutstochter, die den Arbeitersohn inzwischen geheiratet hat. Aber klar, das Leben der Jungbauern ist hart und entbehrungsreich – gut dass Lothar, der jüdische Stiefbruder von Friedrich, als Schmuggler zum Lebensunterhalt beiträgt. Klar, der Jude ist halt besser im Schwarzmarktbusiness, während der Arier eben Bauerngene hat. Warum merken die Autoren eigentlich nicht selbst, wie peinlich sie sind?

Die Mutter der beiden ungleichen Brüder ist in die USA ausgewandert und kommt später zu Besuch, als ein Grenzzaun durch das Dorf geht und die Menschen im Osten strengen Sicherheitsbestimmungen unterworfen sind. Natürlich schwärmt sie von den USA als Hort von Frieden und Freiheit – und bleibt später im Westen. Zwar gibt es auch gute Kommunisten in Tannbach, aber die haben letztlich nicht viel zu melden. Ihr Glaube an einer bessere und gerechtere Gesellschaft wird als naiv und unhaltbar vorgeführt – schließlich hat die Geschichte ja bewiesen, dass der Kapitalismus nun einmal das überlegene System ist. Da hilft auch nicht, dass Anna ihrem niedergeschlagenen Friedrich am Schluss sagen darf, dass sie stolz auf ihn sei und das, was sie inzwischen aufgebaut haben. Irgendein gutes Haar muss man schließlich auch an den Ossis lassen, die ja eben auch fleißige Menschen waren, nur eben in der falschen Hälfte Deutschlands.

Wer irgendetwas über die Zeit der deutsch-deutschen Teilung wissen will, kann Tannbach getrost auslassen, denn hier gibt es nichts Neues zu erfahren, sondern nur ZDF-typischen Mainstreamschrott der Sonderklasse. Stattdessen lohnt es sich eher, sich die vom DDR-Fernsehen Polizeiruf-110-Folgen anzusehen. Da erfährt man wesentlich mehr über das Leben in der DDR.

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Generation Kill: Der Irak ist kein cooles Land

„Können wir nicht einmal in ein cooles Land einmarschieren – eins mit schönen Frauen in Bikinis?“ fragt Corporal Josh Person während einer Erkundungsfahrt durch eine weitgehend menschenleere Landschaft, in der ab und zu ein paar Ziegen und staubige Palmen am Wegesrand zu sehen sind. Josh ist einer der Befehlsempfänger im First Recon Battalion, die an der Spitze der US-Truppen im März 2003 in den Irak einmarschieren. Damit ist im Grunde schon alles gesagt: Der Irak ist alles andere als cool – und Krieg ist zwar ein tödliches, aber vor allem todlangweiliges Geschäft.

Die US-amerikanische Mini-Serie Generation Kill zeigt vor allem eines: Der Krieg besteht hauptsächlich aus Warten. Immer wieder warten: Warten auf den Marschbefehl, warten auf die nächste Fertigration, warten auf Ersatzteile, die sowieso nicht kommen, warten, warten, warten. Und auch wenn man unterwegs ist, passiert in der Regel nicht viel – die Tage bestehen aus stundenlangen Fahrten durch öde Landschaften. Da kann man schon mal die Nerven verlieren.

Generation Kill: Sergeant Brad "Iceman" Colbert (Alexander Skåsgard)

Generation Kill: Sergeant Brad „Iceman“ Colbert (Alexander Skåsgard, Mitte)
Bild: hbo.com

Der „It’s not TV, it’s HBO“-Sender wagte sich im Jahr 2008 an die Verfilmung des gleichnamigen Sachbuchs von Evan Wrigt, der den US-Einmarsch im Irak als „Embedded Journalist“ an vorderster Front erlebte – er war als Autor für den Rolling Stone dabei. „Diese jungen Männer repräsentieren mehr oder weniger Amerikas erste Generation von Wegwerfkindern. Über die Hälfte der Jungs im Zug kommt aus zerbrochenen Elternhäusern, wurde von häufig abwesenden, allein stehenden, arbeitenden Müttern erzogen. Vielen sind Videospiele, Reality-Shows und Internetpornografie vertrauter als ihre eigenen Eltern.“ So beschrieb Wright die Soldaten des Aufklärungsbataillions der Marines.

Kein Wunder, dass der eine oder andere austickt – schon um die Zeit zu überbrücken. Hier gibt es kein Internet und keine Videospiele – hier gibt es nur langweiliges echtes Leben. Und natürlich ist den Jungs klar, dass sie letztlich auf den Tod warten. Auf den Tod, den sie dem Feind bringen. Auf den Tod, der sie jederzeit selbst ereilen kann.

Sie legen sich Marotten zu – der eine pflegt akribisch sein Hitler-Bärtchen, der andere schießt bei jeder Gelegenheit mit dem vom Feind erbeuteten Maschinengewehr – und löst damit immer wieder friendly fire, den Beschuss durch die eigenen Leute aus: Denn die Jungs aus den anderen US-Einheiten wissen natürlich auch, wer mit welchen Waffen schießt. Deshalb muss einer der Vorgesetzten durchgreifen und dem Spinner sein Lieblingsspielzeug wegnehmen: Es ist eine zu große Gefahr für sie alle.

Bei den jungen Männern handelt es sich um die erste Generation junger Amerikaner seit Vietnam, die in einen Konflikt mit offenem Ende geschickt wurden – zwar ist die Besetzung des Irak durch die US-Truppen und ihre Alliierten offiziell seit einigen Jahren beendet, aber noch immer sind US-Soldaten im Irak, derzeit um Kämpfer gegen den IS auszubilden und zu unterstützen. Diese Generation macht sich in Sachen „gerechter Krieg“ nicht mehr viel vor – sie haben schon längst selbst erfahren, dass die „große Lüge“ ein zentraler Bestandteil des Regierens in Amerika ist. „Die große Lüge“ ist so selbstverständlich wie das Atmen: Sie sind alle bereits betrogen worden. Deshalb sind die meisten von Ihnen ja in der Armee – weil sie keine andere Möglichkeit sahen, ihr Leben zu organisieren. Ihrer Existenz einen Sinn zu geben. Oder noch simpler: Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Auch wenn sich einzelne von ihnen immer wieder darauf berufen, dass sie doch eigentlich die Guten sein wollen, Befreier, keine Mörder. Doch die meisten von ihnen sind einfach Söldner, denen es letztlich egal ist, wofür sie kämpfen. Solange sie ihren gelegentlichen Adrenalin-Kick kriegen und sich daran hochziehen können, dass ihr tödlicher Job etwas ganz Besonderes ist – schließlich sind sie Marines. Die hochtrainierte Elite der US-Truppen. Mit der Lizenz zum Töten.

Die deshalb aber auch keine Ersatzteile bekommen. Weil Marines schließlich improvisieren können. Theoretisch zumindest. Denn ohne Batterien für die Nachtsicht- und Funkgeräte und ohne Schmieröl für Fahrzeuge und Waffen sehen auch die gut ausgebildeten Marines in der irakischen Wüste alt aus. Da hilft auch nichts, dass der Psychologe der Truppe den Jungs versichert, dass er für sie da ist, falls sie Gefechtsstress haben sollten: „Ich bin ausgebildeter Gefechtsstress-Ausbilder. Wenn ihr also Gefechtsstress haben solltest, kommt einfach zu mir!“

„Wenn wir endlich Batterien und Schmieröl bekommen würden, wäre mein Stress schon weg!“ erklärt Sgt. „Iceman“ Colbert (Alexander Skarsgård). Die Marines improvisieren schließlich auf ihre Art: Sie schicken ihren Berichterstatter zum Army Shop einkaufen. Der ist ja quasi Zivilist und kommt deshalb an Batterien und was man sonst noch braucht – das bezahlen sie dann auch von ihrem eigenen Geld. Notfalls kauft man sich die Ausrüstung auch auf Ebay zusammen.

Es ist gut, einen Sergeant wie Sgt. „Iceman“ Colbert zu haben – wenn andere die Nerven verlieren, wird er immer ruhiger. Er hört regelmäßig BBC, um über die aktuelle Lage auf dem Laufenden zu bleiben. Er liebt sarkastische Kommentare, sinniert viel über den richtigen Zeitpunkt zu kacken – der ist extrem wichtig im Krieg – und hasst Country-Musik, Dummheit und schießwütige Vorgesetzte. Die machen nämlich richtig Stress: Sie riskieren das Leben seiner Leute, um sich selbst Orden an die Brust pinnen zu lassen.

Und er versucht, die Ideale, für die die US-Truppen angeblich kämpfen, praktisch umzusetzen: Als eine Bauernfamilie ihren schwer verletzten Sohn heranschleppt, den einer seiner Leute versehentlich getroffen hatte, als er sinnlos auf ihre Kamele schoss, setzt Colbert sich mit anderen dafür ein, dass der Junge evakuiert und in einen Stützpunkt gebracht wird, wo US-Soldaten versorgt werden: Dann hätte er eine Chance zu überleben. Sein Vorgesetzter verweigert das – mit einer durchaus plausiblen Begründung. Aber der Zweispalt wird sichtbar: Natürlich ist das kein guter Krieg. Und Sgt. Colbert weiß das auch. Aber er würde gern daran glauben, dass dieser Krieg gut sein könnte. Dass diese ganze Scheiße einen Sinn hat.

Schließlich sind auch extrem gut trainierte Marineinfanteristen keine emotionslosen Tötungsmaschinen – natürlich sind sie Profis, Handwerker des Tötens. Und es gibt natürlich auch durchgeknallte Idioten unter ihnen, denen es einfach Spaß macht, Menschen abzuknallen. Aber viele der Leute leiden unter dem, was sie tun. Als ein Dorf, das die Hitman-Truppe seit einiger Zeit observiert und von dem sie deshalb weiß, dass es dort tatsächlich nur unbeteiligte Zivilisten gibt, von einer anderen Einheit beschossen wird, versuchen sie vergeblich, das sinnlose Massaker aufzuhalten – aber letztlich reicht eine gut gezielte von einem Hubschrauber abgeschossene Rakete aus, um es auszulöschen. Iceman: „Wenn diese blöden Wichser mal was machen, sind sie beschissen effektiv!“

An anderer Stelle wird das aber gleich wieder infrage gestellt: Nachdem ein Vorgesetzter Artillerie-Unterstützung verlangt hat, obwohl er mehrfach darauf hingewiesen wurde, dass es sich um „gefährlich nahen Beschuss“ handeln würde, also praktisch um die Bombardierung des eigenen Standorts – und er dann auch noch die falschen Koordinaten durchgibt, freuen sich die Jungs: „Das ist ja mal was Neues – stümperhafte Führung, die Leben rettet!“

Als sie nach dem Bombardement durch das Gebiet marschieren, um herauszufinden, was denn eigentlich beschossen wurde, stellen sie fest, dass tonnenweise Bomben feindlichen Sand vernichtet haben: Überall Trichter, einige verkohlte Palmen dazwischen: „Bitte lass wenigstens einen Panzer dabeigesessen sein!“ Aber Fehlanzeige, sie finden nur eine verbogene Fernsehantenne. „Der Krieg läuft nicht gut!“ stellt auch „Godfather“ Lt. Col. Stephen Ferrando (Chance Kelly) fest: „Wir töten zu viele Zivilisten!“

Generation Kill: "Wir haben feindlichen Sand gekillt!"

Generation Kill: „Wir haben feindlichen Sand gekillt!“
Bild via dvdbeaver.com

Iceman sieht das genauso, als sie das nächste Dorf durchkämmen, finden sie in den Häusern Drogenpakete und Waffen. Die einen wollen das Dorf zerstören oder wenigstens die vorgefundenen Beute. Iceman ist dagegen: „Wir werden doch nicht ihre Existenzgrundlage zerstören!“ Zu seinem Glück findet auch Gotfather, dass Richtlinien nur die letzte Zuflucht für Phantasielose sind.

So schizophren und zwiespältig die ganze Idee von „Befreiungskriegen“ ist, ist auch die Serie: Letztich gibt es „die Guten“ ebensowenig wie „die Bösen“. Die Fronten und die Perspektiven wechseln: „Eigentlich sind nicht die Irakis unser Problem, sondern die Kommandeure!“ Es wird eine ganze Palette an Problemen angerissen – ob nun Gangsta-Rap und Videospiele die Gewalt verschärfen, ob Religion schwul ist, Wichsen ohne Hände möglich, die Führung korrupt, das Leben beschissen oder gar J-Lo tot ist. Es wird viel geredet in Generation Kill – das ist einerseits etwas anstrengend und ermüdend, andererseits bekommt man dadurch einen Einblick in die Gedanken der Soldaten. Das ist das Interessante an dieser Serie, die deshalb auch auf Musik verzichtet – Musik gibt es nur, wenn die Leute selbst singen, was durchaus vor kommt. Das gefällt mir gut, denn dadurch wird Generation Kill sehr intensiv und sehr ehrlich.

Gerade bei Filmen und Serien, die den Krieg angeblich kritisieren wollen, macht Musik vieles kaputt. Davon einmal abgesehen, dass in herkömmlichen „Kriegskritiken“ ja in der Regel nur darüber lamentiert wird, dass die Leute aus den falschen Gründen in den Krieg ziehen – was voraussetzt, dass es ja auch richtige Gründe geben muss. Also dass es letztlich schon irgendwie okay ist, ein Land für Demokratie und Menschenrechte in Schutt und Asche zu legen, aber eben nicht für Ausbeutung und Unterdrückung, was aber in der Realität eigentlich immer das Ziel ist – denn worum geht es bei der Ausweitung von Einflusssphären bestimmter Nationen denn sonst?!

Wie auch immer, egal ob ich mir Unsere Mütter, unsere Väter oder Der Schmale Grat ansehe – allein die Musik nervt ungemein, auch wenn sonst nicht alles schlecht ist. Die einzige Kriegs-(Satire)-Serie, wo die Musik komplett okay geht, ist und bleibt M*A*s*H.

Generation Kill ist im Detail nicht weniger absurd als die Kult-Serie aus den 70er Jahren, aber leider viel weniger lustig. Obwohl es viel (unfreiwillige?) Situationskomik und haufenweise coole Sprüche gibt – hier geht es darum, den aktuellen Kriegsalltag zu zeigen. Ich war nie im Krieg (und habe das auch nicht vor) somit kann ich nicht sagen, wie realistisch die Serie wirklich ist. Ich kann nur sagen, dass sie vergleichsweise authentisch wirkt – genauso, wie The Wire in Sachen Verbrechen authentisch wirkt. Was gewiss daran liegt, dass mit David Simon und Ed Burns hier auch wieder die Macher von The Wire am Werk sind.

Selbst wenn man sich nicht ausdrücklich für den Irak-Krieg oder Kriegsfilme überhaupt interessiert, ist Generation Kill durchaus sehenswert, weil hier sehr viel Serien- und Fernseh-Knowhow am Werk ist: Ein historisch und psychologisch interessanter Plot, tolle Schauspieler, ein innovatives Umsetzungs-Konzept und keine offensichtliche Ideologie- oder Moralkeule. Das ist schon sehr, sehr viel für eine Serie.

Five Days: Plötzlich vom Bildschirm verschwunden

Die Briten sind die Meister der Miniserie – und auch wenn Five Days aus dem Jahr 2007 nicht zu den brandaktuellen Highlights gehört, lohnt es sich für Krimi-Freunde doch, den Fünfteiler einmal anzusehen. Die Koproduktion von HBO und BBC wurde erst im vergangenen Jahr im deutschen Fernsehen gezeigt und ist im Februar wieder auf Sky zu sehen. Es handelt sich um einen klassischen Krimistoff, universell und zeitlos – es geht in dieser Serie nicht nur um ein Verbrechen und dessen langwierige Aufklärung, sondern auch darum, was es mit den Menschen macht, über die eine solche Katastrophe plötzlich hereinbricht und wie ihr Leben dadurch völlig aus den Fugen gerät.

Five Days, Miniserie BBC/HBO

Five Days, Miniserie BBC/HBO

Tag eins scheint ein Tag wie jeder andere zu sein: Eine junge attraktive Mutter fährt mit ihren Kindern los – zumindest mit den beiden kleineren, die Teenager-Tochter will lieber zuhause bleiben und behauptet, dass sie noch Hausaufgaben machen muss. Aber eigentlich hat sie keine Lust auf den Besuch beim Urgroßvater, der im Altersheim schon sehnsüchtig wartet. Auf dem Weg halten sie noch beim Tierheim an – endlich dürfen die Kinder den Hund mitnehmen, den sie sich schon lange gewünscht haben. Und weil der Opa so gerne Blumen mag, hält Leanne (Christine Tremarco) noch einmal schnell an, um bei einem Straßenhändler einen Strauß weiße Nelken zu kaufen. Den Kindern schärft sie ein, auf jeden Fall im Auto zu bleiben, weil das Aussteigen in der Nähe der viel befahrenen Autobahn zu gefährlich ist.

Screenshot Five Days: Leanne (Christine Tremarco) kauft Blumen

Screenshot Five Days: Leanne (Christine Tremarco) kauft Blumen

Screenshot Five Days: Leanne ist verschwunden

Screenshot Five Days: Leanne ist verschwunden

Es sind nur ein paar Meter bis zum Blumenstand – wenige Augenblicke wird die Sicht von einem Lastwagen versperrt, dann sieht man den Blumenstrauß am Straßenrand liegen. Der Straßenhändler packt eilig ein und verschwindet – die Kinder bleiben ratlos zurück. Bis Ethan realisiert, dass seine Mutter verschwunden ist und nicht zurückkommen wird. Deshalb verlassen sie mit ihrem neuen Hund das Auto, um sich auf den Weg nach Hause zu machen.

Der Wagen bleibt mit offener Türe am Straßenrand stehen – die Tasche und das Handy von Leanne liegen noch auf dem Beifahrersitz. Wenig später steigen die Kinder in einen weißen Transporter, weil der Mann am Steuer behauptet, ihre Eltern zu kennen – was tatsächlich auch zutrifft, wie sich später noch herausstellen wird. Aber die Kinder kommen nicht zuhause an.

Screenshot Five Days: Leannes verlassener Wagen

Screenshot Five Days: Leannes verlassener Wagen

Der besorgte Großvater ruft die Polizei an, weil Leanne nicht wie verabredet bei ihm auftaucht. Aber als eine Streifenpolizistin, die zufällig in der Nähe ist, vorsichtshalber bei der Wohnung von Leanne und Matt Welling vorbei schaut, erklärt die Teenie-Tochter Tanya, dass der Opa schon über 80 sei und manchmal ziemlich spinne – der würde ja immer gleich die Polizei rufen. Somit scheint sich der erste Hinweis als Fehlalarm herauszustellen.

Screenshot Five Days: Tanya glaubt noch nicht, dass ihre Mutter verschwunden ist

Screenshot Five Days: Tanya glaubt noch nicht, dass ihre Mutter verschwunden ist

Doch irgendwann wird es dunkel und Tanya versucht, ihre Mutter zu erreichen. Die geht aber nicht ans Handy – das liegt ja noch in dem verlassenen Wagen. Als Leannes Ehemann Matt (David Oyelowo) später aus dem Fitness-Studio, in dem er arbeitet nach Hause kommt, macht er sich Sorgen und ruft erst im Altersheim an – um zu erfahren, dass Leanne gar nicht dort war. Jetzt ruft Matt bei der Polizei an und das Verschwinden von Leanne und ihren Kindern Ethan und Rosie wird offiziell zu einem Vermisstenfall. Die kurz vor ihrer Verabschiedung stehende Ermittlerin Amy Foster (Janet McTeer) und ihr Chef Iain Barclay (Hugh Bonneville, bekannt als Lord Grantham aus Downton Abbey) nehmen ihre Arbeit auf.

Screenshot Five Days: Ethan und Rosie

Screenshot Five Days: Ethan und Rosie

Auch Tanya wird der Ernst der Lage klar, als Polizisten mit Handschuhen zu Hause alle Sachen durchsuchen. Leannes Eltern werden angerufen – sie sollen sich um ihre inzwischen doch recht panische Enkelin kümmern. Aber noch versuchen sich alle gegenseitig zu beruhigen, dass „solche Dinge“ ja nur im Fernsehen passieren würden. Bestimmt kommt die lebenslustige und spontane Leanne gleich mit den Kindern nach Hause und es gibt für alles eine einfache Erklärung. Aber Leanne kommt nicht nach Hause. Sie bleibt verschwunden.

Screenshot Five Days: Tanya und Matt (David Oyelowo)

Screenshot Five Days: Tanya und Matt (David Oyelowo)

Das plötzliche Verschwinden einer hübschen jungen Mutter und ihrer Kinder an einem schönen Sommertag ist natürlich auch ein gefundenes Fressen für die Medien – und die Pressesprecherin der Polizei Defne Topcu findet, dass man diesen Umstand nutzen sollte. Sie will die Medien für die Suche nach Leanne und den beiden Kindern nutzen. DCI Barclay ist davon nicht begeistert – er ist überhaupt ein Ermittler der ruhigen, nachdenklichen Sorte und kämpft gegen jede Art von Voreingenommenheit, die ihm überall entgegen schlägt: In den meisten Fällen, in denen eine verheiratete Frau verschwindet, ist bekanntlich der Ehemann der Täter. Und dieser Matt ist nicht nur so ein sportlicher Schwarzer, den alle möglichen Frauen attraktiv finden, sondern auch noch ein Waisenkind – da kann man ja nie wissen.

Screenshot Five Days: DCI Barclay (Hugh Bonneville) und DS Foster (Janet McTeer)

Screenshot Five Days: DCI Barclay (Hugh Bonneville) und DS Foster (Janet McTeer)

Nach und nach zweifelt selbst Leannes Mutter Barbara (Penelope Wilton), die Matt eigentlich ganz toll findet und ihn anfangs vehement verteidigt. Auch die Beziehung zwischen Barbara und ihrem Mann John, einem pensionierten Lehrer, der seine Wochenenden damit verbringt, seine selbst gemachten Marmeladen auf Märkten zu verkaufen, gerät über das Verschwinden des einzigen Kindes in die Krise.

Die Serie spielt nicht nur mit gängigen Vorurteilen und Erwartungen, sondern zeigt auch die Grenzen der gerade in Großbritannien schon fast flächendeckend ausgebauten Videoüberwachung öffentlicher Straßen und Plätze: Genau dort, wo es interessant würde, ist ein toter Winkel. Oder zufällig ein Laster im Weg. Die Videokameras sehen viel, aber nicht alles. Und so kann zwar rekonstruiert werden, wann und wo die Mutter und wo ungefähr die Kinder verschwunden sein müssen, nicht aber, wo sie geblieben sind. Deshalb entwickelt sich der Fall zu einer langwierigen und nervenzehrenden Belastungsprobe für alle Beteiligen.

Screenshot Five Days: Das letzte Überwachungsvideo, auf dem Ethan und Rosie zu sehen sind

Screenshot Five Days: Das letzte Überwachungsvideo, auf dem Ethan und Rosie zu sehen sind

Die Serie zeigt verschiedene Stadien dieser Entwicklung anhand von fünf ausgewählten Tagen (Tag 1, Tag 3, Tag 28, Tag 33 und schließlich Tag 79). Im Laufe dieser Tage werden eine ganze Menge Beziehungen und Freundschaften auf eine harte Probe gestellt. Es gibt viele Missverständnisse und frustrierende Sackgassen und am Ende stellt sich vieles als ganz anders heraus, als anfangs gedacht. Britisches Psychodrama vom Feinsten also.

Под Прикритие – Undercover

Bisher hatte ich Bulgarien als Fernsehland nicht auf dem Schirm und schon gar nicht als Herkunftsort besonderer Krimi-Serien. Aber mit Undercover (Pod Prikritie/Под Прикритие) haben die Bulgaren eine wirklich bemerkenswerte Krimi-Serie ins Rennen geschickt. Die Geschichte erinnert ein bisschen an GSI Göteborg – es geht auch um einen verdeckten Ermittler, der sich in Verbrecherkreise einschleust und in ständiger Gefahr lebt, entdeckt und umgebracht zu werden. Aber anders bei der GSI handelt es sich hier um einen echten Ein-Fall-Mehrteiler, in dem sich ein großer Handlungsbogen durch eine komplette Staffel zieht und nicht wie bei der GSI um jeweils abgeschlossene Teile, die zwar aufeinander aufbauen, die man aber auch einzeln ansehen kann.

Ivaylo Zahariev als Martin Hristov in Undercover, Bulgaria 2011

Ivaylo Zahariev als Martin Hristov in Undercover, Bulgaria 2011

Und im Gegensatz zum schwedischen Frank Wagner, der als ehemaliger Kleinganove eher zufällig in sein Doppelleben als Gang-Mitglied und Polizei-Informant gerutscht ist, wurde der junge bulgarische Polizist Martin Hristov (Ivaylo Zahariev) von seinem Mentor und Führungsoffizier Emil Popov (Vladimir Penev) – sozusagen der Johan Falk in Undercover – jahrelang für diese heikle Mission ausgebildet. Popov arbeitet bereits seit mehr als 10 Jahren daran, die Machenschaften der bulgarischen Mafia aufzudecken.

Allerdings stammt auch Martin aus einem zweifelhaften Milieu – Emil Popov hat ihn als Jungen aus einem Heim für Schwererziehbare rausgeholt und auf eine Sportschule geschickt, dort hat Martin neben Disziplin auch Boxen gelernt. Vermutlich auch aus Dankbarkeit gegenüber Popov hat sich Martin danach für eine Karriere bei der Polizei entschieden – und zwar für eine sehr spezielle. Er wird für seine Ausbildung sogar nach Frankreich geschickt.

Screenshot Undercover: Martin und Emil

Screenshot Undercover: Martin (Ivaylo Zahariev) und Emil (Vladimir Penev)

Popov hat Großes mit seinem Zögling vor: Er will an den einflussreichen Mafiaboss Petyr „Jaro“ Tudjarov (Mihail Bilalov) heran, der in allen dreckigen Geschäften des Landes seine Finger hat. Jaro war selbst einmal Polizist, und zwar einer der intelligentesten. Er hat beste Verbindungen in die höchsten Kreise, er geht gern in die Oper, trainiert Aikido und kocht vorzüglich. Er ist sehr vorsichtig, sehr nachtragend und eiskalt.

Es gelingt Martin, sich in Jaros Gang einzuschleichen – schließlich ist er ein geübter Schläger mit soliden Nehmerqualitäten – das „Bewerbungsgespräch“ bei der Mafia endet damit, dass er sich furchtbar verprügeln lassen muss. Wobei das absolut sachgerecht ist, denn Martin begibt sich jetzt in eine Welt aus Verbrechen und Gewalt – wer da nicht hart ist, kann nicht überleben. Die logische Frage von Jaro ist also: Ist Martin hart genug für einen Job bei ihm?

Emil Popov (Vladimir Penev) wartet auf Martin Hristov (Ivaylo Zahariev

Emil Popov (Vladimir Penev) wartet auf Martin Hristov (Ivaylo Zahariev

Augenscheinlich ja: Martin kriegt den Job und kann auf diese Weise Insider-Informationen beschaffen, die er seinem Chef zukommen lässt. Um die Mission nicht zu gefährden, ist sie natürlich so geheim, dass außer Martin nur Emil Popov weiß, dass sie überhaupt statt findet – was beiden eine Menge Schwierigkeiten bereitet, denn Popov muss seine übereifrigen Kollegen bei der Polizei immer wieder daran hindern, den vermeintlichen Verbrecher Martin aus dem Verkehr zu ziehen, bevor sie genügend Informationen über Jaros Geschäfte und stichhaltige Beweise für seine illegalen Machenschaften beisammen haben. Woraufhin sich die Kollegen mitunter schon fragen, was denn eigentlich mit diesem Popov los ist – so ganz auf der Höhe scheint ihr Chef nicht mehr zu sein.

Vladimir Penev als Inspector Emil Popov. Undercover, Bulgaria 2011

Vladimir Penev als Inspector Emil Popov. Undercover, Bulgaria 2011

Der hat natürlich auch private Probleme, etwa seine pubertierende Tochter, die mit einem Freund ankommt, der nicht nur nicht weiß, wann man seine Mütze abnehmen muss, sondern auch staats- und polizeifeindliche Lieder rappt, wobei wenn er sich selbst eher als politischen Lyriker denn als Staatsfeind und zukünftigen Kriminellen sieht.

Martin selbst hat zum Glück kein Privatleben im eigentlichen Sinne, jedenfalls hat er keine Freundin und auch keine Familie. Aber es bleibt nicht aus, dass er gelegentlich romantische Gefühle entwickelt – und das ausgerechnet für Sunny (Irena Miliankova), die schöne Freundin von seinem Brutalo-Boss Jaro, die er eines Abends vor einem zudringlichen Verehrer rettet.

Screenshot Undercover: Mafia-Boss Jaro (Mihail Bilalov) und seine rechte Hand Ivo (Zahary Baharov)

Screenshot Undercover: Mafia-Boss Jaro (Mihail Bilalov) und seine rechte Hand Ivo (Zahary Baharov)

Sunny ist eigentlich Tänzerin und kreuzunglücklich mit ihrem dominanten Freund, für den sie in erster Linie ein schönes Schmuckstück ist, das er gern herumzeigt und eifersüchtig überwacht. Sie lebt im goldenen Käfig und leidet darunter, deshalb versucht sie immer wieder auszubrechen – was Jaro aber unnachgiebig bestraft. Illoyalität ist für den Mafia-König das Schlimmste überhaupt.

Natürlich wird das Leben für Sunny und Martin deutlich komplizierter, nachdem sie miteinander im Bett gelandet sind. Andererseits wollen sie sich nicht gegenseitig in Schwierigkeiten bringen und gehen sehr diskret mit der Sache um, sie halten gegen Jaro zusammen und helfen sich gegenseitig immer wieder aus brenzligen Situationen heraus. Es gibt allerdings noch genügend brenzlige Situationen, in denen Sunny Martin nicht helfen kann.

 Martin Hristov (Ivaylo Zahariev) und Sunny (Irena Miliankova)

Martin Hristov (Ivaylo Zahariev) und
Sunny (Irena Miliankova)

Zumal sie auch nicht damit klar kommt, dass Martin sich dieses Leben in der Gang von Jaro offenbar freiwillig ausgesucht hat. Als sie ihn irgendwann einmal darauf anspricht, erklärt er ihr, dass er gern tue, was er da mache. Die Zuschauer wissen natürlich, was er eigentlich meint, aber Sunny kann das nicht wissen – was Martin durchaus klar ist. Aber er weiß eben auch, dass sie sich nicht zu nahe kommen dürfen. Also ist er auch für Sunny lieber der bad guy, der er ja für die anderen ohnehin sein muss.

Wobei er durchaus darunter leidet. Er erweist sich zwar immer wieder als findiger Ganove – wobei er es hasst, wenn Emil ihn „Gauner“ nennt, wenn er Martin ebenfalls mit sachdienlichen Hinweisen versorgt, so dass Martin sich als Verbrecher profilieren kann. Aber zuzusehen, wie Sunny oder andere misshandelt oder gar umgebracht werden, das fällt Martin schwer. Noch schwerer wird es, wenn er selbst Leute misshandeln oder umbringen soll – er ist durchaus ein harter Bursche, aber kein Killer. Noch nicht.

Screenshot Undercover: Die Jungs von Jaros Gang.

Screenshot Undercover: Die Jungs von Jaros Gang.

Undercover ist eine wirklich gut gemachte Krimiserie, die absolut mit skandinavischen und US-Produktionen mithalten kann, sehr realistisch und mit einer eigenen, markanten Bildsprache – in dem Punkt erinnert mich die Serie durchaus an Gomorrha, wobei man der Fairness halber sagen muss, dass die erste Staffel von Undercover (Pod Prikritie) schon 2011 entstanden ist, also deutlich vor Gomorrha. Auch Undercover zeigt die hässlichen Seiten des Lebens, geschmacklose Neureichen-Domizile und herunterbekommende Wohnblocks, leerstehende Fabrikgebäude und trostlose Landschaften. Für alle Freunde des realisitisch-harten Mafia-Krimis ein absolutes Muss.

Screenshot Undercover / Под Прикритие

Screenshot Undercover / Под Прикритие

The Drop – ein Mafiafilm der anderen Art

Gangster- und Mafia-Filme gibt es eine Menge – wenn auch dieses Genre seit der ironisch-realistischen Serie Die Sopranos nur noch im Retro-Style gefeiert wird. In gewisser Weise ist auch The Drop retro – allerdings auf eine ganz andere Art: Der belgische Regisseur Michaël R. Roskam hat das gegenwärtige Brooklyn so gefilmt, dass es auch Belgien sein könnte – oder irgendeine vergessene Kleinstadt in Ostdeutschland, eine Gegend jedenfalls, in der seit Jahrzehnten Stillstand herrscht – keine Gentrifizierungswelle ist über die niedrigen Häuser in den heruntergekommenden Straßenzügen gerollt, nichts ist hipp und chic, aber alles funktioniert noch, irgendwie.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Marvs Bar.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Marvs Bar.

Aber auch diese Ungegend am Rand von New York ist kein Niemandsland – hier herrschen gewisse Gesetze, auch wenn die Zusammensetzung der Mafia immer mal wechselt. Im konkreten Fall haben die Tschetschenen das Sagen (und nicht die Tschechen, wie in einem der Dialoge klar gestellt wird). Bob Saginowski (vermutlich polnischer Herkunft, das wird nicht erklärt, ich vermute das einfach mal aufgrund des Namens und der Tatsache, dass Bob morgens in die Kirche geht) arbeitet in der Bar seines Cousins Marv. Die Bar heißt der Einfachheit halber auch gleich so. Und wie es mit Bars in Brooklyn so ist, kann es nicht einfach ein Ort sein, an dem Menschen sich nach Feierabend gemeinsam betrinken: Cousin Marv’s Bar ist ein Drop – ein Ort, an dem illegal verdientes Bargeld umgeschlagen wird. Die Angehörigen der Unterwelt deponieren hier zu verabredeten Zeiten Umschläge mit viel Bargeld – und am Ende kommt der Chef und kassiert.

Cousin Marv wird von niemand anders gespielt als von James Gandolfini, der hier in seiner letzten Rolle zu sehen ist. Bob Saginowski hingegen wird von dem Briten Tom Hardy gegeben, der mir bisher nicht weiter aufgefallen ist, den ich mir aber merken werde, denn er spielt den kleinen Cousin Bob wirklich sehr, sehr gut. Bob will einfach nur seinen Job machen. Er ist eher der ruhige Typ und wirkt auf den ersten Blick ein wenig einfältig. Aber es wird sich noch herausstellen, dass stille Wasser tief sind.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Bob (Tom Hardy) und Marv (James Gandolfini)

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Bob (Tom Hardy) und Marv (James Gandolfini)

Marv und Bob geraten gleich am Anfang in Schwierigkeiten – ihre Bar wird überfallen und die maskierten Räuber verschwinden mit den Tageseinnahmen – zum Glück nicht mit den Geldern aus dem letzten Drop. Die beiden haben trotzdem ein ernstes Problem: Chovka, der Boss der Tschetschenen, will sein Geld – immerhin 5.000 Dollar, die durch den Überfall flöten gegangen sind. Und weil das Leben ein Arschloch ist, geht natürlich noch viel mehr schief. Aber das kapiert man erst später.

Erstmal hört der gutmütige Bob auf dem Weg nach Hause ein herzzerreißendes Gewimmer und findet einen verletzten Pittbull-Welpen in einer Mülltonne, die in einem verwahrlosten Vorgarten steht. Bob kann nicht anders, er rettet den kleinen Hund und übergibt ihn der Frau, die in eben jenem Haus wohnt, zu dem Vorgarten und Mülltonne gehören. Nadja (Noomi Rapace) ist nicht wirklich begeistert – sie arbeitet ebenfalls in einer Kneipe und hat nicht viel Freizeit, wie sie Bob gleich erklärt. Andererseits hat sie auch mal in einem Tierheim gearbeitet und kennt sich mit Hunden aus. Bob verspricht ihr, am Samstag wieder zu kommen und den Hund abzuholen. Nadja lässt sich darauf ein.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Nadja (Noomi Rapace) und Bob (Tom Hardy)

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Nadja (Noomi Rapace) und Bob (Tom Hardy)

Natürlich hält Bob sein Versprechen, auch wenn er findet, dass es eine große Verantwortung sei, die er da übernehmen muss. Nadja geht mit ihm die wichtigsten Utensilien einkaufen – und es ist schnell klar, dass Bob an Nadja mindestens so interessiert ist, wie an dem kleinen Köter, den er Rocco nennt. Nach einem der Heiligen in der Kirche, die er regelmäßig besucht.

Marv trifft sich unterdessen mit den beiden Räubern aus der Bar, und es stellt sich heraus, dass der Überfall eine abgekartete Geschichte war – die Generalprobe für den großen Coup, wenn richtig Geld im Safe des Drops ist. Im Gegensatz zu Bob hat Marv seine Kriminellen-Karriere nämlich nicht beendet: Er will sich mit dem Geld aus dem Coup später absetzen – seine Schwester Dottie nervt ohnehin mit ihrem Wunsch nach einer Europa-Reise und dann ist da auch noch der alte Vater, der zwar an irgendwelchen Maschinen hängt, aber noch am Leben ist, wie Marv betont: Er hat sein Blut pulsieren gespürt, als er ihm die Hand gehalten hat. Aber die Behandlung ist teuer. Marv will also ein letztes großes Ding drehen.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Der nerviige Detective Torres (John Ortiz)

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Der nervige Detective Torres (John Ortiz)

Bob ahnt zwar etwas, ist aber mit anderen Dingen beschäftigt. Er hat Stress mit einem gewissen Eric Deeds, der in seine Wohnung eindringt und behauptet, der Hund gehöre ihm – er könne das auch beweisen, weil der Hund einen Chip implantiert habe, der ihn als Besitzer ausweise. Eric verlangt 10.000 Dollar, andernfalls würde er zur Polizei gehen und behaupten, dass Bob den Hund gestohlen und misshandelt habe.

Eric wirkt ziemlich durchgeknallt und behauptet auch, vor Jahren Richie Whelan umgebracht zu haben, einen Stammkunden von Marvs Bar. Außerdem ist er der Ex-Freund von Nadja und sie scheint Angst vor ihm zu haben. Bob beschließt, Eric das Geld zu geben – er deponiert seine geheimen Ersparnisse zusammen mit einer Waffe in der Bar.

Inzwischen ist auch ein Teil der Beute aus dem Raubüberfall wieder aufgetaucht – Bob hat das Geld in einem Müllsack gefunden – zusammen mit dem Arm des Räubers, der noch immer die kaputte Uhr trägt, die Bob bei dem Überfall aufgefallen war. Bob hatte ohnehin schon bereut, dass er der Polizei davon erzählt hat – Detective Torres, der den Überfall untersucht, geht Bob ziemlich auf die Nerven. Bob reinigt das Geld, so gut er kann und entsorgt den Arm, in dem er ihn gut verpackt und auf einem Spaziergang mit dem Hund ins Wasser wirft. Natürlich taucht gleich mehr oder weniger zufällig Detective Torres auf – aber der kann Tom nichts nachweisen.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Bob mit Nadja mit Rocco

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Bob mit Nadja mit Rocco

Nadja hat inzwischen ihren Job verloren und bietet Bob an, auf Rocco aufzupassen, wenn er arbeiten muss. Marv hingegen muss umplanen, weil sein Komplize, der seinen Kumpel vermisst, nicht mehr mitmachen will. Inzwischen ist nämlich klar, dass die Bar in der Super-Bowl-Nacht der Drop sein soll. Marv überfährt den Blödmann, weil er zu viel weiß, um ihn laufen zu lassen und heuert stattdessen Eric Deeds für den Überfall an. Bob erzählt er, dass es ihm nicht gut ginge und er deshalb am Abend des Super Bowl nicht arbeiten wolle.

An dem Abend zwingt Eric Nadja, mit ihm in Marv’s Bar zu gehen. Es ist eine Menge los und Bob hat viel zu tun, zwischendurch kommen immer wieder Kuriere und bringen Geldumschläge, die Bob im Safe deponiert. Kurz vor der Schließsstunde warnt Nadja Bob, dass Eric eine Waffe dabei habe. Bob bietet Eric die 10.000 für den Hund an – aber Eric will, dass Bob den Safe öffnet.

Bob denkt nicht daran und erzählt Eric nun, wie Richie Whelan tatsächlich ums Leben kam: Er hatte Schulden bei Marv, der damals ein Geldeintreiber war. Whelan hatte aber im Casino den Jackpot geknackt und konnte seine Schulden bei Marv zurückzahlen – und Marv nutzte die Gelegenheit, um ihm das ganze Geld abzunehmen, weil er selbst spielsüchtig war und seinerseits Schulden hatte. Bob hatte Marv damals geholfen, Richie umzubringen und eigenhändig die Leiche beseitigt. Deshalb wusste er auch, dass Eric Richie nicht getötet haben konnte. Statt den Safe zu öffnen, erschießt Bob jetzt auch Eric.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Bob und Marv bekommen Ärger

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Bob und Marv bekommen Ärger

Der überraschten Nadja erklärt Bob, dass sie jetzt gehen könne – vor Eric müsse sie nun keine Angst mehr haben. Nadja versichert Bob, dass sie niemanden etwas sagen würde und verschwindet – aber Bob war ohnehin klar, dass Nadja dicht hält. Marv hingegen wartet in seinem Auto vor der Bar vergeblich auf Eric – und während er wartet, wird er selbst von den Tschetschenen erschossen, die Bob anschließend dabei helfen, auch Erics Leiche loszuwerden. Chovka bestimmt Bob zum neuen Chef der Bar.

Am nächsten Tag taucht Torres in der Bar auf und spricht Bob sein Beileid zu Marvs Tod aus – außerdem erklärt er, dass Deeds nicht der Mörder von Richie Whelan sein könne, weil er zur Zeit des Mordes in der Psychiatrie gewesen wäre. Er fragt Bob, ob er nicht etwas über Whelans Verbleib wüsste, worauf Bob erklärt, dass es nun mal Leute gäbe, die verschwinden und manche irgendwann wieder auftauchen.

Nach einer Weile – inzwischen ist Frühling geworden und Rocco schon ein ganzes Stück größer, besucht Bob Nadja. Eigentlich erwartet er, dass sie ihm sagt, dass er aus ihrem Leben verschwinden solle, weil sie ja weiß, dass Bob ein Mörder ist. Stattdessen holt sie sich ihre Jacke aus dem Haus, um mit ihm spazieren zu gehen.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014:  Chovka (Michael Aronov) will sein Geld zurück

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Chovka (Michael Aronov) will sein Geld zurück

Es gibt also so etwas wie ein Happyend – wenn auch ein recht verhaltenes. Bob ist halt ein anständiger Gangster, der eigentlich lieber nur Barkeeper wäre, aber nun mal mit dem Milieu, in das er geraten ist, umgehen muss. Und ganz offensichtlich auch umgehen kann, schließlich hat er bisher überlebt und nebenbei Rocco gerettet – und Nadja irgendwie auch.

Es ist alles in allem ein ziemlich ruhiger Film, mir gefällt das Lakonische – klar passieren dramatische Dinge, aber man merkt, dass Bob mit all dem am liebsten nichts zu tun haben würde. Er tut zwar, was getan werden muss, aber versucht, irgendwie normal zu bleiben. Was ihm letztlich erstaunlich gut gelingt: Was immer auch passiert, Bob macht einfach weiter.

Das Drehbuch für The Drop stammt übrigens von Dennis Lehane, der unter anderem auch Mystic River geschrieben hat. Allerdings handelt es sich nicht um eine Romanverfilmung wie bei Mystic River, sondern Lehane schrieb das Drehbuch nach seiner Kurzgeschichte Animal Rescue, das Buch The Drop erschien erst nach dem Film.

The Interview: Wenigstens der Abspann ist gut

Ein kurzes Fazit vorab: Es wäre wirklich kein Verlust gewesen, wenn dieser Film sang- und klanglos im Archiv verschwunden wäre. Aber nach dem Medienrummel um die Hackerangriffe auf Sony Pictures und die Terrordrohungen gegen Kinos, die diese – nun ja, mit sehr viel Wohlwollen kann man den Streifen tatsächlich als Satire auf das Mediengeschäft bezeichnen – Filmsatire zeigen wollten, bekommt The Interview nun viel mehr Aufmerksamkeit als verdient. Ein gelungener Marketing-Coup ist das allemal – ich bin ja auch neugierig geworden, sonst hätte ich mir diese doch sehr unterdurchschnittliche US-Komödie bestimmt nicht angesehen.

Gegen The Interview ist Guardians of the Galaxy ein subtiles Witzwunder voller feinsinniger Anspielungen und hintergründigem Humor. Wobei es am Anfang tatsächlich eine ziemlich gute Szene gibt – und die ist und bleibt auch die mit Abstand beste des ganzen Films.

Screenshot The Interview, USA 2014

Screenshot The Interview, USA 2014

Worum es geht: Der Skandal-Moderator Dave Skylark (James Franco) und sein Produzent Aaron Rapaport (Seth Rogen) sind mit ihrer Talkshow Skylark Tonight sehr erfolgreich. Zwar ist Aaron mit diesem Genre nicht so richtig glücklich – er wäre lieber ein seriöser Journalist, was er dank seiner guten Bildung auch hätte werden können – aber irgendwie ist es ja auch ganz nett, mit dem etwas verrückten Partylöwen Dave berühmt und reich zu werden.

Den totalen Durchbruch erlebt Skylark Tonight mit einer Sendung, in der (der echte) Eminem erklärt, dass er sich in seinen Texten mit den Dingen auseinandersetzt, vor denen er Angst habe und sich darüber beschwert, dass niemand bemerken wolle, dass seine angeblich homophoben Texte vielmehr ein Hinweis darauf wären, dass er schwul sei. Eminem schwul? Das ist natürlich der Hammer und Dave bringt Eminem mit Aarons Regieanweisungen aus dem Hintergrund dazu, das auch noch mehrfach zu bestätigen. Das ist tatsächlich ganz gut gemacht und hier dachte ich noch, dass der Film vielleicht doch nicht so übel sei.

Screenshot The Interview, USA 2014

Screenshot The Interview, USA 2014


Screenshot The Interview, USA 2014

Screenshot The Interview, USA 2014

Das war es dann aber schon, wir erfahren zwar noch, dass McConaughey es angeblich mit Ziegen treibt, dann nimmt aber das Verhängnis seinen Lauf, weil Dave auf die Idee kommt, dem meist gehassten Mann der Welt in seine Show zu bekommen: Den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un. Aaron ist nicht wirklich überzeugt, hinterlässt aber eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter des nordkoreanischen Kontaktbüros beim Olympischen Komitee. Als er tatsächlich zurückgerufen wird, glaubt er entsprechend erst an einen Scherz und macht sich seinerseits über den schlecht nachgemachten asiatischen Akzent lustig (auf diesem Niveau finden die meisten Witze statt). Es sind aber wirklich die Nordkoreaner, die zurückrufen – sie laden Dave und Aaron für ein Exklusiv-Interview nach Nordkorea ein. Kim Jong-un entpuppt sich nämlich als großer Fan von Skylark Tonight.

Jetzt wird die CIA aktiv – das wäre ja eine super Gelegenheit den ollen Kim aus dem Weg zu räumen! Entsprechend werden Dave und Aaron mit einem Rizinstreifen ausgerüstet, mit dem Kim durch einen Händedruck zeitverzögert vergiftet werden soll. Keine Frage, das klappt nicht wie geplant. Zum einen stellt sich Kim (Randall Park) zumindest für Dave als doch eigentlich ganz netter Kerl heraus, mit dem man gepflegt Parties feiern kann – die Sorte Party mit viel Drogen und Sex, Panzerfahrten und Katy-Perry-Songs. Letztlich kann Kim ja auch nichts für seinen überdimensionalen Vaterkomplex. Und Nordkorea scheint auch gar nicht so übel zu sein, statt verhungernder Massen sehen Aaron und Dave den beeindruckenden realsozialistischen Palast der Kims und einen wohlgefüllten Lebensmittelladen, vor dem sogar ein dicklicher Junge freundlich winkt.

Screenshot The Interview, USA 2014

Screenshot The Interview, USA 2014

Screenshot The Interview, USA 2014

Screenshot The Interview, USA 2014

Natürlich entpuppt sich das später als Fake – natürlich verhungern die Leute in Nordkorea und die, die nicht hungern, sind böse und fanatisch. Bis auf die schneidige Sook, in die sich Aaron gleich bei der ersten Begegnung verguckt hat, auch wenn er das lange nicht zugeben will. Nach einigem Hin-und-her, wie man Kim nun doch aus dem Weg räumen könnte, beschließen Dave, Aaron und Sook – die sich mittlerweile zur revolutionären Freiheitskämpferin gemausert hat, den als Gott verehrten Diktator während des weltweit live übertragenen Interviews als schwächlichen Mensch zu enttarnen und somit den Personenkult zu brechen, damit in Nordkorea die Segnungen von Freiheit und Demokratie eingeführt werden können. So weit, so schlecht – der Plan geht allerdings auf und Dave gelingt das Entlarvungsinterview seines Lebens – Kim bricht heulend zusammen und macht sich auch noch in die Hose.

Natürlich will Kim diese Bloßstellung rächen und es erfordert noch eine Menge Blut und Geballer, bis eine atomare Konfrontation in letzter Sekunde vereitelt und Kim in seinem Kampfhubschrauber abgeschossen werden kann. Am Ende werden Skylark und Aaron vom Seal Team Six per Schlauchboot gerettet und Sook bleibt in Nordkorea, wo sie die Heldin einer friedlichen Wende wird.

Screenshot The Interview, USA 2014

Screenshot The Interview, USA 2014

Screenshot The Interview, USA 2014

Screenshot The Interview, USA 2014

Alles in allem also eine extrem simple Story, deren Protagonisten in Sachen Humor und auch sonst aus der analen Phase nie herausgekommen sind. Für einen ernsthaften Propaganda-Film ist das alles nicht subtil genug, aber die Richtung ist klar: Steh zu deinen Schwächen und bekenne dich zu Freiheit und Demokratie. Alles andere führt direkt in die Hölle, Verderben und Tod oder wenigstens nach Nordkorea.

Nun ist Nordkorea gewiss nicht das Paradies auf Erden, aber wenn man sich die Situation in den Ländern vor Augen führt, in denen die USA in den letzten Jahren mal so richtig aufgeräumt haben, etwa in Afghanistan, Irak, Somalia oder Libyen, geht es den Leuten dort auch nicht besonders gut – ich würde sogar behaupten, dass ihnen dort schlechter geht als zuvor. Und in Syrien zeigt sich gerade einmal mehr, dass es verheerend sein kann, einen unliebsamen Herrscher wegzubomben, weil sich danach nämlich nicht automatisch Freiheit, Demokratie und eine funktionierende Marktwirtschaft einstellt, sondern Anarchie, Chaos und Bürgerkrieg. Natürlich ist von einer US-Komödie zu viel verlangt, diese Dinge angemessen zu reflektieren – aber dann könnte man es ja auch bei der Mediensatire belassen und die Weltpolitik raushalten.

P.S. Den in realsozialistischer Ästhetik animierten Abspann fand ich ziemlich gut. Aber bis dahin kann man nach dem Emimen-Interview auch einfach vor spulen. Man verpasst eh nix.

Screenshot The Interview, USA 2014

Screenshot The Interview, USA 2014

Weitere Eindrücke aus dem Abspann: mariberlyn.tumblr.com

Wenn Pflanzen tanzen: Guardians of the Galaxy

Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich mir zwei Stunden Film ansehen würde, in dem ein genmanipulierter Waschbär und ein (zugegebenermaßen äußerst liebevoll animierter) Haufen Holz Hauptrollen spielen. Aber ich habe es jetzt doch getan und muss zugeben, dass ich mich köstlich amüsiert habe. Obwohl ich mit Marvel-Comics sonst eher nichts anfangen kann – abgesehen vom Asterix-Pflichtprogramm kenne ich in diesem Genre nicht sehr viel, obwohl ich weiß, dass es auch grafisch unglaublich niveauvolle bandes dessinées gibt. Aber ich habs halt eher mit klassischen Romanen, beim Lesen brauche ich keine Bilder.

Aber als Film ist das natürlich gleich ganz anders und Guardians of the Galaxy ist dermaßen gaga, dass der aus Prinzip schon wieder gut ist. Mich erinnert bei dem Film einiges an Firefly oder Defiance – und das sind Sci-Fi-Serien, die ich zwar nicht herausragend, aber doch ganz gut finde.

Guradians of the Galaxy - offizielles Filmfoto

Guradians of the Galaxy – offizielles Filmfoto

Guardians of the Galaxy ist eben auch ganz gut, wenn auch als Science-Fiction-Abenteuer nicht herausragend – aber beliebig oft kann man Blade Runner, Dark Star oder Star Wars (die ersten drei Teile) halt nicht wiederholen. Und das sage ich, obwohl der Soundtrack zu Guardians of the Galaxy zu einem Großteil aus 80er-Jahre-Songs besteht, die ich schon damals eher blöd fand. Dabei gibt es durchaus brauchbare 80er-Jahre-Musik, die ich bis heute höre – aber dieses ganze Footloose-Zeug gehört definitiv nicht dazu. Oh ja, es gab schreckliche Tanzfilme in den 80ern – dafür aber ziemlich gute Sciencefiction-Klamotten wie Zurück in die Zukunft (leider auch mit schlechter 80er-Jahre-Musik). Zu Tanzfilmen der 2010er kann ich dagegen wenig sagen, weil mir keine einfallen (ist dieses Genre am Ende endlich ausgestorben?), aber eine gute Sci-Fi-Klamotte ist für das Jahr 2014 auf jeden Fall dabei!

Die Geschichte ist recht simpel und schnell erzählt: Die Mutter des kleinen Peter Quill stirbt 1988 an Krebs – und der Junge wird von Außerirdischen entführt. 26 Jahre später ist Peter ein Ravanger geworden, ein Trickser, Betrüger und Plünderer, der sich Star Lord nennt und mit einer Bande von Yondu Udonta durch den Weltraum tourt. Von der Erde hat er nur noch seinen antiken Walkman und eine nicht weniger antike Kassette mit Lieblingsliedern, die seine Mutter für ihn aufgenommen hat. Ein lustiges Gerät in seinem Raumschiff ist infolgedessen auch ein gigantischer Retro-Kassettenrekorder als Herzstück seiner Musikanlage.

Eines Tages klaut Peter als Auftragsräuber eine merkwürdige Metallkugel, den Orb – und wird von nun an von ganz fiesen Typen verfolgt, die es ebenfalls auf den Orb abgesehen haben. Ihr Chef ist ein gewisser Ronan, ein Möchtegern-Darth-Vader, mit dem allerdings auch nicht zu spaßen ist. Er gehört zu den Kree, ein Volk aus Weltraum-Wikingern – inklusive Thorshammer für den Chef. Ronan hat zwei Adoptiv-Töchter, die Cyborgs Gamora und Nebula, beide sind ziemlich verkorkst und extrem tödlich. Gamora wird losgeschickt, um den Orb zu beschaffen. Außerdem sind die Kopfgeldjäger Rocket (der mutierte Waschbär) und Groot (der Holzhaufen) hinter Peter her.

Am Ende landen Peter, Gamora, Rocket und Groot im Knast und treffen dort auf Drax. Drax ist ein imposant tätowierter Muskelhaufen, der ebenfalls noch eine Rechnung mit Ronan offen hat – den Fünf gelingt die Flucht aus dem Kyln und fortan sind sie als Guardians of the Galaxy unterwegs, denn sie wissen inzwischen, dass der Orb ein Spezialgefäß ist, das einen unglaublich mächtigen Infinity-Stein birgt, der wahnsinnig viel Energie aus dem Urknall des Universums enthält und in den falschen Händen unvorstellbare Zerstörung anrichten kann. Gamora überzeugt die anderen, dass der Infinity-Stein dem Nova Corps übergeben werden muss, der einzigen halbwegs vertrauenswürdigen Großmacht in der Galaxy (Glenn Close spielt übrigens Nova Prime, die Regentin des Nova Corps).

Das geht freilich nicht ohne Komplikationen ab, aber am Ende gewinnt das Gute und die Solidarität – so wie sich die Kampfflieger von Nova Corps zu einem gigantischen Netz gegen das Horrorschiff der Kree zusammentun (und dabei größtenteils zerstört werden), umschließt auch Groot seine Freunde in einem Kokon aus Zweigen, die er aus sich heraus wachsen lässt – zuvor hat er mit „Wir sind Groot“ endlich den einzigen Satz abgewandelt, den er immer wieder sagt, weil er eben nur diesen Satz sagen kann: „Ich bin Groot!“

Damit rettet Groot seine Freunde samt des Infinity-Steins. Und, klare Sache, seine Freunde retten ein Zweiglein aus der Asche und pflanzen in einem Blumentopf einen neuen Groot, der zur bisher niedlichsten Tanzszene einer Pflanze in einem Hollywood-Film gut gewesen sein dürfte. Wenn das nichts ist…