The Drop – ein Mafiafilm der anderen Art

Gangster- und Mafia-Filme gibt es eine Menge – wenn auch dieses Genre seit der ironisch-realistischen Serie Die Sopranos nur noch im Retro-Style gefeiert wird. In gewisser Weise ist auch The Drop retro – allerdings auf eine ganz andere Art: Der belgische Regisseur Michaël R. Roskam hat das gegenwärtige Brooklyn so gefilmt, dass es auch Belgien sein könnte – oder irgendeine vergessene Kleinstadt in Ostdeutschland, eine Gegend jedenfalls, in der seit Jahrzehnten Stillstand herrscht – keine Gentrifizierungswelle ist über die niedrigen Häuser in den heruntergekommenden Straßenzügen gerollt, nichts ist hipp und chic, aber alles funktioniert noch, irgendwie.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Marvs Bar.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Marvs Bar.

Aber auch diese Ungegend am Rand von New York ist kein Niemandsland – hier herrschen gewisse Gesetze, auch wenn die Zusammensetzung der Mafia immer mal wechselt. Im konkreten Fall haben die Tschetschenen das Sagen (und nicht die Tschechen, wie in einem der Dialoge klar gestellt wird). Bob Saginowski (vermutlich polnischer Herkunft, das wird nicht erklärt, ich vermute das einfach mal aufgrund des Namens und der Tatsache, dass Bob morgens in die Kirche geht) arbeitet in der Bar seines Cousins Marv. Die Bar heißt der Einfachheit halber auch gleich so. Und wie es mit Bars in Brooklyn so ist, kann es nicht einfach ein Ort sein, an dem Menschen sich nach Feierabend gemeinsam betrinken: Cousin Marv’s Bar ist ein Drop – ein Ort, an dem illegal verdientes Bargeld umgeschlagen wird. Die Angehörigen der Unterwelt deponieren hier zu verabredeten Zeiten Umschläge mit viel Bargeld – und am Ende kommt der Chef und kassiert.

Cousin Marv wird von niemand anders gespielt als von James Gandolfini, der hier in seiner letzten Rolle zu sehen ist. Bob Saginowski hingegen wird von dem Briten Tom Hardy gegeben, der mir bisher nicht weiter aufgefallen ist, den ich mir aber merken werde, denn er spielt den kleinen Cousin Bob wirklich sehr, sehr gut. Bob will einfach nur seinen Job machen. Er ist eher der ruhige Typ und wirkt auf den ersten Blick ein wenig einfältig. Aber es wird sich noch herausstellen, dass stille Wasser tief sind.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Bob (Tom Hardy) und Marv (James Gandolfini)

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Bob (Tom Hardy) und Marv (James Gandolfini)

Marv und Bob geraten gleich am Anfang in Schwierigkeiten – ihre Bar wird überfallen und die maskierten Räuber verschwinden mit den Tageseinnahmen – zum Glück nicht mit den Geldern aus dem letzten Drop. Die beiden haben trotzdem ein ernstes Problem: Chovka, der Boss der Tschetschenen, will sein Geld – immerhin 5.000 Dollar, die durch den Überfall flöten gegangen sind. Und weil das Leben ein Arschloch ist, geht natürlich noch viel mehr schief. Aber das kapiert man erst später.

Erstmal hört der gutmütige Bob auf dem Weg nach Hause ein herzzerreißendes Gewimmer und findet einen verletzten Pittbull-Welpen in einer Mülltonne, die in einem verwahrlosten Vorgarten steht. Bob kann nicht anders, er rettet den kleinen Hund und übergibt ihn der Frau, die in eben jenem Haus wohnt, zu dem Vorgarten und Mülltonne gehören. Nadja (Noomi Rapace) ist nicht wirklich begeistert – sie arbeitet ebenfalls in einer Kneipe und hat nicht viel Freizeit, wie sie Bob gleich erklärt. Andererseits hat sie auch mal in einem Tierheim gearbeitet und kennt sich mit Hunden aus. Bob verspricht ihr, am Samstag wieder zu kommen und den Hund abzuholen. Nadja lässt sich darauf ein.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Nadja (Noomi Rapace) und Bob (Tom Hardy)

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Nadja (Noomi Rapace) und Bob (Tom Hardy)

Natürlich hält Bob sein Versprechen, auch wenn er findet, dass es eine große Verantwortung sei, die er da übernehmen muss. Nadja geht mit ihm die wichtigsten Utensilien einkaufen – und es ist schnell klar, dass Bob an Nadja mindestens so interessiert ist, wie an dem kleinen Köter, den er Rocco nennt. Nach einem der Heiligen in der Kirche, die er regelmäßig besucht.

Marv trifft sich unterdessen mit den beiden Räubern aus der Bar, und es stellt sich heraus, dass der Überfall eine abgekartete Geschichte war – die Generalprobe für den großen Coup, wenn richtig Geld im Safe des Drops ist. Im Gegensatz zu Bob hat Marv seine Kriminellen-Karriere nämlich nicht beendet: Er will sich mit dem Geld aus dem Coup später absetzen – seine Schwester Dottie nervt ohnehin mit ihrem Wunsch nach einer Europa-Reise und dann ist da auch noch der alte Vater, der zwar an irgendwelchen Maschinen hängt, aber noch am Leben ist, wie Marv betont: Er hat sein Blut pulsieren gespürt, als er ihm die Hand gehalten hat. Aber die Behandlung ist teuer. Marv will also ein letztes großes Ding drehen.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Der nerviige Detective Torres (John Ortiz)

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Der nervige Detective Torres (John Ortiz)

Bob ahnt zwar etwas, ist aber mit anderen Dingen beschäftigt. Er hat Stress mit einem gewissen Eric Deeds, der in seine Wohnung eindringt und behauptet, der Hund gehöre ihm – er könne das auch beweisen, weil der Hund einen Chip implantiert habe, der ihn als Besitzer ausweise. Eric verlangt 10.000 Dollar, andernfalls würde er zur Polizei gehen und behaupten, dass Bob den Hund gestohlen und misshandelt habe.

Eric wirkt ziemlich durchgeknallt und behauptet auch, vor Jahren Richie Whelan umgebracht zu haben, einen Stammkunden von Marvs Bar. Außerdem ist er der Ex-Freund von Nadja und sie scheint Angst vor ihm zu haben. Bob beschließt, Eric das Geld zu geben – er deponiert seine geheimen Ersparnisse zusammen mit einer Waffe in der Bar.

Inzwischen ist auch ein Teil der Beute aus dem Raubüberfall wieder aufgetaucht – Bob hat das Geld in einem Müllsack gefunden – zusammen mit dem Arm des Räubers, der noch immer die kaputte Uhr trägt, die Bob bei dem Überfall aufgefallen war. Bob hatte ohnehin schon bereut, dass er der Polizei davon erzählt hat – Detective Torres, der den Überfall untersucht, geht Bob ziemlich auf die Nerven. Bob reinigt das Geld, so gut er kann und entsorgt den Arm, in dem er ihn gut verpackt und auf einem Spaziergang mit dem Hund ins Wasser wirft. Natürlich taucht gleich mehr oder weniger zufällig Detective Torres auf – aber der kann Tom nichts nachweisen.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Bob mit Nadja mit Rocco

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Bob mit Nadja mit Rocco

Nadja hat inzwischen ihren Job verloren und bietet Bob an, auf Rocco aufzupassen, wenn er arbeiten muss. Marv hingegen muss umplanen, weil sein Komplize, der seinen Kumpel vermisst, nicht mehr mitmachen will. Inzwischen ist nämlich klar, dass die Bar in der Super-Bowl-Nacht der Drop sein soll. Marv überfährt den Blödmann, weil er zu viel weiß, um ihn laufen zu lassen und heuert stattdessen Eric Deeds für den Überfall an. Bob erzählt er, dass es ihm nicht gut ginge und er deshalb am Abend des Super Bowl nicht arbeiten wolle.

An dem Abend zwingt Eric Nadja, mit ihm in Marv’s Bar zu gehen. Es ist eine Menge los und Bob hat viel zu tun, zwischendurch kommen immer wieder Kuriere und bringen Geldumschläge, die Bob im Safe deponiert. Kurz vor der Schließsstunde warnt Nadja Bob, dass Eric eine Waffe dabei habe. Bob bietet Eric die 10.000 für den Hund an – aber Eric will, dass Bob den Safe öffnet.

Bob denkt nicht daran und erzählt Eric nun, wie Richie Whelan tatsächlich ums Leben kam: Er hatte Schulden bei Marv, der damals ein Geldeintreiber war. Whelan hatte aber im Casino den Jackpot geknackt und konnte seine Schulden bei Marv zurückzahlen – und Marv nutzte die Gelegenheit, um ihm das ganze Geld abzunehmen, weil er selbst spielsüchtig war und seinerseits Schulden hatte. Bob hatte Marv damals geholfen, Richie umzubringen und eigenhändig die Leiche beseitigt. Deshalb wusste er auch, dass Eric Richie nicht getötet haben konnte. Statt den Safe zu öffnen, erschießt Bob jetzt auch Eric.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Bob und Marv bekommen Ärger

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Bob und Marv bekommen Ärger

Der überraschten Nadja erklärt Bob, dass sie jetzt gehen könne – vor Eric müsse sie nun keine Angst mehr haben. Nadja versichert Bob, dass sie niemanden etwas sagen würde und verschwindet – aber Bob war ohnehin klar, dass Nadja dicht hält. Marv hingegen wartet in seinem Auto vor der Bar vergeblich auf Eric – und während er wartet, wird er selbst von den Tschetschenen erschossen, die Bob anschließend dabei helfen, auch Erics Leiche loszuwerden. Chovka bestimmt Bob zum neuen Chef der Bar.

Am nächsten Tag taucht Torres in der Bar auf und spricht Bob sein Beileid zu Marvs Tod aus – außerdem erklärt er, dass Deeds nicht der Mörder von Richie Whelan sein könne, weil er zur Zeit des Mordes in der Psychiatrie gewesen wäre. Er fragt Bob, ob er nicht etwas über Whelans Verbleib wüsste, worauf Bob erklärt, dass es nun mal Leute gäbe, die verschwinden und manche irgendwann wieder auftauchen.

Nach einer Weile – inzwischen ist Frühling geworden und Rocco schon ein ganzes Stück größer, besucht Bob Nadja. Eigentlich erwartet er, dass sie ihm sagt, dass er aus ihrem Leben verschwinden solle, weil sie ja weiß, dass Bob ein Mörder ist. Stattdessen holt sie sich ihre Jacke aus dem Haus, um mit ihm spazieren zu gehen.

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014:  Chovka (Michael Aronov) will sein Geld zurück

Screenshot The Drop (Bargeld) USA 2014: Chovka (Michael Aronov) will sein Geld zurück

Es gibt also so etwas wie ein Happyend – wenn auch ein recht verhaltenes. Bob ist halt ein anständiger Gangster, der eigentlich lieber nur Barkeeper wäre, aber nun mal mit dem Milieu, in das er geraten ist, umgehen muss. Und ganz offensichtlich auch umgehen kann, schließlich hat er bisher überlebt und nebenbei Rocco gerettet – und Nadja irgendwie auch.

Es ist alles in allem ein ziemlich ruhiger Film, mir gefällt das Lakonische – klar passieren dramatische Dinge, aber man merkt, dass Bob mit all dem am liebsten nichts zu tun haben würde. Er tut zwar, was getan werden muss, aber versucht, irgendwie normal zu bleiben. Was ihm letztlich erstaunlich gut gelingt: Was immer auch passiert, Bob macht einfach weiter.

Das Drehbuch für The Drop stammt übrigens von Dennis Lehane, der unter anderem auch Mystic River geschrieben hat. Allerdings handelt es sich nicht um eine Romanverfilmung wie bei Mystic River, sondern Lehane schrieb das Drehbuch nach seiner Kurzgeschichte Animal Rescue, das Buch The Drop erschien erst nach dem Film.

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