Generation Kill: Der Irak ist kein cooles Land

„Können wir nicht einmal in ein cooles Land einmarschieren – eins mit schönen Frauen in Bikinis?“ fragt Corporal Josh Person während einer Erkundungsfahrt durch eine weitgehend menschenleere Landschaft, in der ab und zu ein paar Ziegen und staubige Palmen am Wegesrand zu sehen sind. Josh ist einer der Befehlsempfänger im First Recon Battalion, die an der Spitze der US-Truppen im März 2003 in den Irak einmarschieren. Damit ist im Grunde schon alles gesagt: Der Irak ist alles andere als cool – und Krieg ist zwar ein tödliches, aber vor allem todlangweiliges Geschäft.

Die US-amerikanische Mini-Serie Generation Kill zeigt vor allem eines: Der Krieg besteht hauptsächlich aus Warten. Immer wieder warten: Warten auf den Marschbefehl, warten auf die nächste Fertigration, warten auf Ersatzteile, die sowieso nicht kommen, warten, warten, warten. Und auch wenn man unterwegs ist, passiert in der Regel nicht viel – die Tage bestehen aus stundenlangen Fahrten durch öde Landschaften. Da kann man schon mal die Nerven verlieren.

Generation Kill: Sergeant Brad "Iceman" Colbert (Alexander Skåsgard)

Generation Kill: Sergeant Brad „Iceman“ Colbert (Alexander Skåsgard, Mitte)
Bild: hbo.com

Der „It’s not TV, it’s HBO“-Sender wagte sich im Jahr 2008 an die Verfilmung des gleichnamigen Sachbuchs von Evan Wrigt, der den US-Einmarsch im Irak als „Embedded Journalist“ an vorderster Front erlebte – er war als Autor für den Rolling Stone dabei. „Diese jungen Männer repräsentieren mehr oder weniger Amerikas erste Generation von Wegwerfkindern. Über die Hälfte der Jungs im Zug kommt aus zerbrochenen Elternhäusern, wurde von häufig abwesenden, allein stehenden, arbeitenden Müttern erzogen. Vielen sind Videospiele, Reality-Shows und Internetpornografie vertrauter als ihre eigenen Eltern.“ So beschrieb Wright die Soldaten des Aufklärungsbataillions der Marines.

Kein Wunder, dass der eine oder andere austickt – schon um die Zeit zu überbrücken. Hier gibt es kein Internet und keine Videospiele – hier gibt es nur langweiliges echtes Leben. Und natürlich ist den Jungs klar, dass sie letztlich auf den Tod warten. Auf den Tod, den sie dem Feind bringen. Auf den Tod, der sie jederzeit selbst ereilen kann.

Sie legen sich Marotten zu – der eine pflegt akribisch sein Hitler-Bärtchen, der andere schießt bei jeder Gelegenheit mit dem vom Feind erbeuteten Maschinengewehr – und löst damit immer wieder friendly fire, den Beschuss durch die eigenen Leute aus: Denn die Jungs aus den anderen US-Einheiten wissen natürlich auch, wer mit welchen Waffen schießt. Deshalb muss einer der Vorgesetzten durchgreifen und dem Spinner sein Lieblingsspielzeug wegnehmen: Es ist eine zu große Gefahr für sie alle.

Bei den jungen Männern handelt es sich um die erste Generation junger Amerikaner seit Vietnam, die in einen Konflikt mit offenem Ende geschickt wurden – zwar ist die Besetzung des Irak durch die US-Truppen und ihre Alliierten offiziell seit einigen Jahren beendet, aber noch immer sind US-Soldaten im Irak, derzeit um Kämpfer gegen den IS auszubilden und zu unterstützen. Diese Generation macht sich in Sachen „gerechter Krieg“ nicht mehr viel vor – sie haben schon längst selbst erfahren, dass die „große Lüge“ ein zentraler Bestandteil des Regierens in Amerika ist. „Die große Lüge“ ist so selbstverständlich wie das Atmen: Sie sind alle bereits betrogen worden. Deshalb sind die meisten von Ihnen ja in der Armee – weil sie keine andere Möglichkeit sahen, ihr Leben zu organisieren. Ihrer Existenz einen Sinn zu geben. Oder noch simpler: Ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Auch wenn sich einzelne von ihnen immer wieder darauf berufen, dass sie doch eigentlich die Guten sein wollen, Befreier, keine Mörder. Doch die meisten von ihnen sind einfach Söldner, denen es letztlich egal ist, wofür sie kämpfen. Solange sie ihren gelegentlichen Adrenalin-Kick kriegen und sich daran hochziehen können, dass ihr tödlicher Job etwas ganz Besonderes ist – schließlich sind sie Marines. Die hochtrainierte Elite der US-Truppen. Mit der Lizenz zum Töten.

Die deshalb aber auch keine Ersatzteile bekommen. Weil Marines schließlich improvisieren können. Theoretisch zumindest. Denn ohne Batterien für die Nachtsicht- und Funkgeräte und ohne Schmieröl für Fahrzeuge und Waffen sehen auch die gut ausgebildeten Marines in der irakischen Wüste alt aus. Da hilft auch nichts, dass der Psychologe der Truppe den Jungs versichert, dass er für sie da ist, falls sie Gefechtsstress haben sollten: „Ich bin ausgebildeter Gefechtsstress-Ausbilder. Wenn ihr also Gefechtsstress haben solltest, kommt einfach zu mir!“

„Wenn wir endlich Batterien und Schmieröl bekommen würden, wäre mein Stress schon weg!“ erklärt Sgt. „Iceman“ Colbert (Alexander Skarsgård). Die Marines improvisieren schließlich auf ihre Art: Sie schicken ihren Berichterstatter zum Army Shop einkaufen. Der ist ja quasi Zivilist und kommt deshalb an Batterien und was man sonst noch braucht – das bezahlen sie dann auch von ihrem eigenen Geld. Notfalls kauft man sich die Ausrüstung auch auf Ebay zusammen.

Es ist gut, einen Sergeant wie Sgt. „Iceman“ Colbert zu haben – wenn andere die Nerven verlieren, wird er immer ruhiger. Er hört regelmäßig BBC, um über die aktuelle Lage auf dem Laufenden zu bleiben. Er liebt sarkastische Kommentare, sinniert viel über den richtigen Zeitpunkt zu kacken – der ist extrem wichtig im Krieg – und hasst Country-Musik, Dummheit und schießwütige Vorgesetzte. Die machen nämlich richtig Stress: Sie riskieren das Leben seiner Leute, um sich selbst Orden an die Brust pinnen zu lassen.

Und er versucht, die Ideale, für die die US-Truppen angeblich kämpfen, praktisch umzusetzen: Als eine Bauernfamilie ihren schwer verletzten Sohn heranschleppt, den einer seiner Leute versehentlich getroffen hatte, als er sinnlos auf ihre Kamele schoss, setzt Colbert sich mit anderen dafür ein, dass der Junge evakuiert und in einen Stützpunkt gebracht wird, wo US-Soldaten versorgt werden: Dann hätte er eine Chance zu überleben. Sein Vorgesetzter verweigert das – mit einer durchaus plausiblen Begründung. Aber der Zweispalt wird sichtbar: Natürlich ist das kein guter Krieg. Und Sgt. Colbert weiß das auch. Aber er würde gern daran glauben, dass dieser Krieg gut sein könnte. Dass diese ganze Scheiße einen Sinn hat.

Schließlich sind auch extrem gut trainierte Marineinfanteristen keine emotionslosen Tötungsmaschinen – natürlich sind sie Profis, Handwerker des Tötens. Und es gibt natürlich auch durchgeknallte Idioten unter ihnen, denen es einfach Spaß macht, Menschen abzuknallen. Aber viele der Leute leiden unter dem, was sie tun. Als ein Dorf, das die Hitman-Truppe seit einiger Zeit observiert und von dem sie deshalb weiß, dass es dort tatsächlich nur unbeteiligte Zivilisten gibt, von einer anderen Einheit beschossen wird, versuchen sie vergeblich, das sinnlose Massaker aufzuhalten – aber letztlich reicht eine gut gezielte von einem Hubschrauber abgeschossene Rakete aus, um es auszulöschen. Iceman: „Wenn diese blöden Wichser mal was machen, sind sie beschissen effektiv!“

An anderer Stelle wird das aber gleich wieder infrage gestellt: Nachdem ein Vorgesetzter Artillerie-Unterstützung verlangt hat, obwohl er mehrfach darauf hingewiesen wurde, dass es sich um „gefährlich nahen Beschuss“ handeln würde, also praktisch um die Bombardierung des eigenen Standorts – und er dann auch noch die falschen Koordinaten durchgibt, freuen sich die Jungs: „Das ist ja mal was Neues – stümperhafte Führung, die Leben rettet!“

Als sie nach dem Bombardement durch das Gebiet marschieren, um herauszufinden, was denn eigentlich beschossen wurde, stellen sie fest, dass tonnenweise Bomben feindlichen Sand vernichtet haben: Überall Trichter, einige verkohlte Palmen dazwischen: „Bitte lass wenigstens einen Panzer dabeigesessen sein!“ Aber Fehlanzeige, sie finden nur eine verbogene Fernsehantenne. „Der Krieg läuft nicht gut!“ stellt auch „Godfather“ Lt. Col. Stephen Ferrando (Chance Kelly) fest: „Wir töten zu viele Zivilisten!“

Generation Kill: "Wir haben feindlichen Sand gekillt!"

Generation Kill: „Wir haben feindlichen Sand gekillt!“
Bild via dvdbeaver.com

Iceman sieht das genauso, als sie das nächste Dorf durchkämmen, finden sie in den Häusern Drogenpakete und Waffen. Die einen wollen das Dorf zerstören oder wenigstens die vorgefundenen Beute. Iceman ist dagegen: „Wir werden doch nicht ihre Existenzgrundlage zerstören!“ Zu seinem Glück findet auch Gotfather, dass Richtlinien nur die letzte Zuflucht für Phantasielose sind.

So schizophren und zwiespältig die ganze Idee von „Befreiungskriegen“ ist, ist auch die Serie: Letztich gibt es „die Guten“ ebensowenig wie „die Bösen“. Die Fronten und die Perspektiven wechseln: „Eigentlich sind nicht die Irakis unser Problem, sondern die Kommandeure!“ Es wird eine ganze Palette an Problemen angerissen – ob nun Gangsta-Rap und Videospiele die Gewalt verschärfen, ob Religion schwul ist, Wichsen ohne Hände möglich, die Führung korrupt, das Leben beschissen oder gar J-Lo tot ist. Es wird viel geredet in Generation Kill – das ist einerseits etwas anstrengend und ermüdend, andererseits bekommt man dadurch einen Einblick in die Gedanken der Soldaten. Das ist das Interessante an dieser Serie, die deshalb auch auf Musik verzichtet – Musik gibt es nur, wenn die Leute selbst singen, was durchaus vor kommt. Das gefällt mir gut, denn dadurch wird Generation Kill sehr intensiv und sehr ehrlich.

Gerade bei Filmen und Serien, die den Krieg angeblich kritisieren wollen, macht Musik vieles kaputt. Davon einmal abgesehen, dass in herkömmlichen „Kriegskritiken“ ja in der Regel nur darüber lamentiert wird, dass die Leute aus den falschen Gründen in den Krieg ziehen – was voraussetzt, dass es ja auch richtige Gründe geben muss. Also dass es letztlich schon irgendwie okay ist, ein Land für Demokratie und Menschenrechte in Schutt und Asche zu legen, aber eben nicht für Ausbeutung und Unterdrückung, was aber in der Realität eigentlich immer das Ziel ist – denn worum geht es bei der Ausweitung von Einflusssphären bestimmter Nationen denn sonst?!

Wie auch immer, egal ob ich mir Unsere Mütter, unsere Väter oder Der Schmale Grat ansehe – allein die Musik nervt ungemein, auch wenn sonst nicht alles schlecht ist. Die einzige Kriegs-(Satire)-Serie, wo die Musik komplett okay geht, ist und bleibt M*A*s*H.

Generation Kill ist im Detail nicht weniger absurd als die Kult-Serie aus den 70er Jahren, aber leider viel weniger lustig. Obwohl es viel (unfreiwillige?) Situationskomik und haufenweise coole Sprüche gibt – hier geht es darum, den aktuellen Kriegsalltag zu zeigen. Ich war nie im Krieg (und habe das auch nicht vor) somit kann ich nicht sagen, wie realistisch die Serie wirklich ist. Ich kann nur sagen, dass sie vergleichsweise authentisch wirkt – genauso, wie The Wire in Sachen Verbrechen authentisch wirkt. Was gewiss daran liegt, dass mit David Simon und Ed Burns hier auch wieder die Macher von The Wire am Werk sind.

Selbst wenn man sich nicht ausdrücklich für den Irak-Krieg oder Kriegsfilme überhaupt interessiert, ist Generation Kill durchaus sehenswert, weil hier sehr viel Serien- und Fernseh-Knowhow am Werk ist: Ein historisch und psychologisch interessanter Plot, tolle Schauspieler, ein innovatives Umsetzungs-Konzept und keine offensichtliche Ideologie- oder Moralkeule. Das ist schon sehr, sehr viel für eine Serie.

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2 Gedanken zu „Generation Kill: Der Irak ist kein cooles Land

  1. Sehr schöner Artikel. Hat mir Spaß bereitet zu lesen. Ich habe die Serie selbst vor kurzem gesehen und finde sie großartig. Großartig weil sie eben etwas zeigt was man sonst selten zu sehen bekommt, das Leben der Soldaten neben dem Krieg. Es gibt nur wenige FIlme oder Serien die das so authentisch hinbekommen.

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