Love/Hate: Verbrechen und Familienleben in Dublin

Man kann Netflix durchaus vorwerfen, nicht alle angesagten Serien und dazu noch eine eher überschaubare Auswahl an aktuellen Filmen zu haben – aber es gibt immerhin einige Highlights im Angebot. Und damit meine ich jetzt nicht angesagte Kultserien wie Better Call Soul, der man sich momentan ohnehin nicht entziehen kann, wenn man den Kopf nicht mit Anlauf in den Sand steckt, sondern die vergleichsweise unbekannte irische Serie Love/Hate.

Screenshot Love/Hate: Darren (Robert Sheehan)

Screenshot Love/Hate: Darren (Robert Sheehan)

Ich muss zugeben, von dieser Serie zuvor noch nie gehört zu haben – aber das Gute an unserer schönen, neuen Internet-Medienwelt ist ja, dass die Streaming- und PayTV-Anbieter ständig auf der Suche nach neuem Stoff für ihre Serienjunkies sind und auf diese Weise auch mal Dinge ausgraben, die im herkömmlichen Fernsehen höchstens mal heimlich auf irgendwelchen Spartensendern wie ZDFneo oder Einsfestival zwischen zwei und drei Uhr morgens ausgestrahlt werden. Also Netflix hat derzeit zumindest die ersten beiden Staffeln von Love/Hate im Programm und ich bin ziemlich begeistert, denn es handelt sich gewissermaßen um eine Mischung aus Gomorrha und Undercover – beides Serien, die mir sehr gut gefallen haben. Auf Love/Hate habe ich vor allem geklickt, weil Ruth Negga mitspielt, die ich aus der ersten Staffel von Criminal Justice kannte.

Screenshot Love/Hate: Rosie (Ruth Negga)

Screenshot Love/Hate: Rosie (Ruth Negga)

Von der Ästhetik her erinnert Love/Hate unter anderem wegen der Zwischenschnitte mit Zeitrafferaufnahmen von Stadtpanoramen geradezu irritierend an Undercover — oder umgekehrt: Die erste Staffel von Love/Hate wurde im Oktober im irischen Sender RTÉ gezeigt, Undercover lief ab April 2011 im bulgarischen BNT1. Aber anders als Undercover ist Love/Hate keine Polizei- sondern eine Verbrecherserie, auch wenn es um die gleichen Dinge geht: Das Geschäft mit Drogen, das große Geld, das man damit auf der Straße machen kann und die nicht weniger großen Probleme, die man sich dadurch einhandelt. Aber es gibt nicht so wahnsinnig viele Alternativen für einen ehrlichen Brotwerb, das ist im von der Finanzkrise gebeutelten Post-Boom-Irland nicht anders als im postsozialistischen Bulgarien. Und gerade dort, wo die Leute arm sind, bilden sich mafiöse Netzwerke, die das Leben der Leute bestimmen: besser man arrangiert sich damit. Natürlich wird gezeigt, wie sich dieser alternative Gelderwerb auf das Leben der Betroffenen und ihrer Familien auswirkt. Es bleibt nicht aus, dass eine Menge Gewalt im Spiel ist und die Fronten immer wieder neu geklärt werden müssen.

Screenshot Love/Hate: Trish (Aoibhinn McGinnity) und Nidge (Tom Vaughan-Lawlor)

Screenshot Love/Hate: Trish (Aoibhinn McGinnity) und Nidge (Tom Vaughan-Lawlor)

Interessant finde ich immer wieder, was für eine große Rolle Ehre, Familie, Treue und Verrat spielen – das gilt für sämtlich Mafia-Serien. Egal, ob Sopranos, Gomorrha, Undercover oder Love/Hate: So abgefeimt und utilitaristisch die Mafiatypen auch denken, wenn es ums Geschäft geht: Bei der Familie werden sie sentimental. Aber das ist dann auch wieder ein Grund für eine Menge Streit und Zweitracht. Und natürlich ist Rache auch immer ein wichtiges Triebmittel für die Handlung. Was passiert also in Love/Hate?

Screenshot Love/Hate: John Boy Power (Aidan Gillen)

Screenshot Love/Hate: John Boy Power (Aidan Gillen)

Darren Treacy (Robert Sheehan) kommt am Tag der Entlassung seines Bruders Robbie aus dem Gefängnis zurück nach Dublin, nachdem er sich ein Jahr zuvor nach Spanien abgesetzt hatte. Tommy (Killian Scott) soll Robbie abholen, der ist aber gerade damit beschäftigt, Darrens Schwester Mary (Ruth Bradley) zu vögeln. Während Robbie auf Tommy wartet, wird er vor einem Zeitungskiosk niedergeschossen, die Täter entkommen unerkannt. Darren, Robbie und Tommy sind genau wie Nidge (Tom Vaughan-Lawlor) Mitglieder einer Gang, die für den Großdealer John Boy Power (Aidan Gillen) arbeitet.

Screenshot Love/Hate: Nidge, Elmo und Tommy

Screenshot Love/Hate: Nidge, Elmo und Tommy: Business-Meeting im ehemaligen Kinderzimmer

Natürlich sind nun alle sauer auf Tommy, obwohl der mit der Ermordung von Robbie eigentlich nichts zu tun hatte – es brüstet sich später auch ein gewisser Jimmy Byrne mit der Tat, der zuvor Stress mit Robbie hatte. Darren setzt alles dran, um diesen Jimmy aufzuspüren und seinen Bruder zu rächen. Derweil gibt es aber noch allerhand Beziehungsprobleme – da wäre etwa Darrens Ex-Freundin Rosie (Ruth Negga), die Darren, wie er jetzt festgestellt hat, noch immer liebt. Aber Rosie ist inzwischen mit Stumpy, einem anderen Gangmitglied, zusammen. Den liebt sie zwar nicht – aber sie ist von ihm schwanger.

Screenshot Love/Hate: Mary (Ruth Bradley) und Tommy (Killian Scott)

Screenshot Love/Hate: Mary (Ruth Bradley) und Tommy (Killian Scott)

Überhaupt gibt es eine Menge Kinder im katholischen Irland – die Gangmitglieder haben fast alle eine Familie und Kinder. Und auch wenn die Frauen mit dem Verbrechen an sich ihre Schwierigkeiten haben und beispielsweise Mary Darren rauswirft, auf sie entdeckt, dass er wieder eine Knarre in der Wohnung versteckt – das Geld, das es einbringt, ist natürlich nicht zu verachten. Und es ist auch interessant wie die ehrgeizige Trish (Aoibhinn McGinnity) ihren Nidge an der Kandare hat, auch wenn ihm das vor den anderen Jungs immer wieder peinlich ist. Zumal er ebenfalls Ambitionen hat – er will der nächste John Boy Power werden. Aber trotzdem kommt er um weder um den Kindergeburtstag, noch um den Kindertag im Schwimmbad herum, und selbstverständlich muss Nidge mit seinem Sohn Warren aufs Klo und ihm den Hintern abputzen, wenn Trish gerade mit einer Freundin reden will.

Trotzdem richtet er für seine Freundin die ersehnte Traumhochzeit aus – bei der natürlich John Boy auftaucht, der gerade Stress mit Darren hat. Liebe und Hass liegen in dieser Serie dicht beieinander – und das Geschäft lässt sich aus dem Privatleben einfach nicht raushalten. Und gerade in Irland spielt die Familie eine große Rolle, wie ja auch die Religion. Deshalb gibt es ja auch ständig Familienfeiern, Beerdigungen, Hochzeiten – und wie immer liefern solche Ereignisse Anlass zu weiteren Familiendramen.

Ich bin nach der ersten Staffel – die übersichtliche vier Teile hat, in den aber sehr viel passiert – sehr gespannt, wie es weitergeht. Aber es gibt ja noch vier weitere Staffeln…

Screenshot Love/Hate: Darren

Screenshot Love/Hate: Darren

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Soul Kitchen – Halbwelt-Hamburger vom Feinsten

Es wieder Zeit für meine Rubrik Lieblingsfilme – und da muss ich heute gar nicht so weit zurück gehen, denn es gibt Soul Kitchen, eine herrlich moralfreie Komödie aus dem Jahr 2009 von Fatih Akin, der ja eher für Dramen wie Gegen die Wand oder Auf der anderen Seite bekannt ist – auch sehr gute Filme, aber eben nicht so lustig.

Soul Kitchen ist eine sowohl Liebeserklärung an Hamburg – und zwar an das Hamburg der arbeitenden Klasse, an das schrammelige, schäbige, heruntergekommene Wilhelmsburg, in dem Zinos Kazantsakis ein Restaurant betreibt, das eher eine Werkskantine ist: Hier essen die verbliebenen ArbeiterInnen im Bezirk Frikadellen und Pommes oder paniertes Fischfilet (alles in derselben Fritteuse zubereitet) mit Kartoffelsalat aus der günstigen Großpackung. Denn Zinos ist zwar arbeitsam und guten Willens, aber kein begnadeter Koch. Aber das ist auch egal, die Leute essen, was sie gewöhnt sind, und sie kennen halt nichts anderes schlechte deutsche Küche. Hauptsache, es ist billig und sie werden satt.

Screenshot Soul Kitchen - Zinos (Adam Bousdoukos) in Aktion

Screenshot Soul Kitchen – Zinos (Adam Bousdoukos) in Aktion

Gleichzeitig ist dieser Film auch ein, eine, ja wie soll ich sagen? Eine Bestandsaufnahme der Situation in Deutschland aufgewachsener und jetzt erwachsener Kinder jener Einwanderergeneration von Süd-Osteuropäern, die zur Hochzeit des deutschen Wirtschaftswunders angeworben wurden, um in deutschen Fabriken das deutsche Bruttosozialprodukt zu steigern. Zinos ist einer dieser nativen Deutschen mit Migrationshintergrund. Zinos ist zwar griechischer Herkunft, aber durch und durch Hamburger und er hat ziemlich genau die Probleme, die jeder Deutsche in seiner Situation eben auch hat – nur dass Zinos vielleicht etwas entspannter damit umgeht.

Bestimmt ist es kein Zufall, das Zinos den Nachnamen eines großen griechischen Schriftstellers trägt – Nikos Kazantsakis hat unter anderem den großartigen Roman Alexis Sorbas geschrieben, aber das nur am Rande.

Screenshot Soul Kitchen - Nadine (Pheline Roggan) Zinos (Adam Bousdoukos) und Oma (Monica Bleibtreu)

Screenshot Soul Kitchen – Nadine (Pheline Roggan) Zinos (Adam Bousdoukos) und Oma (Monica Bleibtreu)

Andere Randbemerkung: Fatih Akin ist türkischer Abstammung – und wie die Deutschen ja mit den Franzosen in der Geschichte diverse Auseinandersetzungen hatten, gab es die auch zwischen Griechenland und der Türkei. Natürlich ist nicht dasselbe, andererseits ist Deutschland für Griechen und Türken quasi neutrales Terrain, auf dem sich die Einwandererkinder aus Balkan-Nahost oder wie immer man das definieren will, treffen können, weil die griechische und die türkische Kultur mehr gemeinsam haben als die griechische oder die türkische jeweils mit der deutschen. Okay, ich sollte mich lieber auf den Film konzentrieren.

Zinos (Adam Bousdoukos) ist zwar nicht blöd, aber auch kein großer Intellektueller. Er hat sich das Versprechen, dass jeder, der sich wirklich bemüht, eine Existenz in Deutschland aufbauen kann, zu eigen gemacht hat und sich mit seinem Restaurant eine solche aufgebaut. Dabei ist er ein netter Kerl geblieben – er ist redlich und cool und er steht zu seinen Freunden, die es in seine Spelunke verschlagen hat, wie Lucia (Anna Bedenke), die Kellnerin, Lutz (Lucas Gregorowicz), der Barmann, oder Sokrates (Demir Gökgöl), der zwar nie seine Untermiete zahlen kann, aber irgendwie zum Inventar von Soul Kitchen gehört.

Screenshot Soul Kitchen -  Lucia (Anna Bedenke) und Lutz (Lucas Gregorowicz)

Screenshot Soul Kitchen –
Lucia (Anna Bedenke) und Lutz (Lucas Gregorowicz)

Erstaunlich eigentlich, dass Zinos eine Freundin wie Nadine (Pheline Roggan) hat, die aus einer Hamburger Großbürgerfamilie stammt und Journalistin ist. Sie ist gerade dabei, einen mehrmonatigen Aufenthalt in Shanghai vorzubereiten – was Zinos nicht gefällt, aber Nadine ist daran gewöhnt, zu tun, was sie will. Und so wird dem armen Zinos nichts übrig bleiben, als Nadine per Skype zu bitten, sich vor der Webcam auszuziehen, während er vor seinem MacBook sitzt und sich einen runterholt. Aber immerhin das tut sie für ihn. Und sie vermittelt ihm auch die Dienste einer Freundin, die Physiotherapeutin ist. Denn Zinos als selbstständiger Unternehmer, der gerade so über die Runden kommt, ist natürlich nicht krankenversichert – was fatal ist, als er sich einen Bandscheibenvorfall zuzieht.

Screenshot Soul Kitchen - Illias Kazantsakis (Moritz Bleibtreu)

Screenshot Soul Kitchen – Illias Kazantsakis (Moritz Bleibtreu)

Aber das ist nicht Zinos einziges Problem. Er hat auch noch einen kriminellen Bruder, Illias (Moritz Bleibtreu), der will, dass Zinos ihn einstellt, natürlich nur pro forma, damit er schneller aus dem Knast kommt. Denn mit richtig für Geld arbeiten hat Illias es nicht so, im Gegensatz zu Zinos, der tatsächlich ernsthaft versucht, seinen Lebensunterhalt auf legale Weise zu verdienen. Aber wie das unter Brüdern ist – Zinos macht Illias sogar zum Geschäftsführer – denn eigentlich will er gern zu Nadine nach Shanghai. Nur hat die plötzlich ganz andere Pläne.

Screenshot Soul Kitchen - Shayn Weiss (Birol Ünel)

Screenshot Soul Kitchen – Shayn Weiss (Birol Ünel)

Aber eins nach dem anderen: Ausgerechnet beim Abschiedsessen von Nadine mit ihrer Familie ist Zinos der exzentrische Koch Shayn Weiss (Birol Ünel) über den Weg gelaufen. Der wurde gerade gefeuert, weil er einem Gast des Nobelschuppens das Essen nicht wie verlangt verderben wollte. Shayn ist ein fantatischer Koch, und wenn er sagt, dass das Steak perfekt ist, dann ist es perfekt. Und wenn der Gast seine Gazpacho warm essen will, dann explodiert Shayn lieber, bevor er eine kalte Gemüsesuppe in warmen Brei verwandelt.

Zinos bietet Shayn einen Job im Soul Kitchen an – und der revanchiert sich, in dem er den Imbisschuppen auf Spitzenküche zu vertretbaren Preisen umstellt. Nur ist das Stammpublikum wenig begeistert – die wollen ihren Scheiß aus der Fritteuse. Dass sie nun was Besseres geboten bekommen, irritiert sie so sehr, dass sie nicht mehr kommen.

Screenshot Soul Kitchen - Frau Schuster vom Finanzamt (Catrin Striebeck)

Screenshot Soul Kitchen – Frau Schuster vom Finanzamt (Catrin Striebeck)

Das ist schlecht für den Umsatz. Aber weil jetzt eh schon alles egal ist, nutzt Lutz das Soul Kitchen als Probenraum für seine Band – das zieht eine ganz andere Szene an. Und plötzlich fangen die Leute an, Sachen von Shayns Karte zu bestellen! Dumm nur, dass inzwischen auch ein ehemaliger Schulkamerad von Zinos auf die Location aufmerksam wird – Thomas Neumann (Wotan Wilke Möhring) ist inzwischen nämlich ein fieser Immobilienhai, der aus dem Soul Kitchen gern ein gewinnträchtiges Gentrifizierungsprojekt machen würde. Der schwärzt Zinos beim Gesundheitsamt an – und der Kontrolleur (Jan Fedder) würde den Laden am liebsten gleich dicht machen. Und damit nicht genug, kommt auch noch Frau Schuster (Catrin Striebeck) vom Finanzamt vorbei – denn Zinos hat erhebliche Steuerschulden. Noch ein Grund mehr, sich nach China zu verdrücken! Aber es kommt natürlich ganz anders.

Screenshot Soul Kitchen - Jan Fedder vom Gesundheitsamt

Screenshot Soul Kitchen – Jan Fedder vom Gesundheitsamt

Neumann packt Illias da, wo er ihn kriegen kann – bei einer Pokerpartie verliert der neue Geschäftsführer haushoch, so dass er das Soul Kitchen an den Immobilienhai überschreiben muss. Doch Neumann hat seine Rechnung ohne Frau Schuster gemacht – Thomas hat auf der ausschweifenden Abschiedparty von Zinos im Soul Kitchen nämlich das Finanzamt gefickt, was er auch noch per Smartphone aufgezeichnet hat.

Doch das Finanzamt schlägt zurück: Thomas hat ziemlich viel Dreck am Stecken und fährt ein. Und im Knast begegnet er Illias – der ist inzwischen auch wieder drin, weil er und Zinos in Neumanns Firma und das Notariat eingebrochen sind, um die Verträge für die Überschreibung des Soul Kitchen zu vernichten. Was natürlich ist schief gegangen ist, Zinos ist nun mal kein Profiverbrecher. Und er hat Bandscheibe. Aber weil er ja zuvor noch nicht straffällig geworden ist, bleibt er auf freiem Fuß.

Screenshot Soul Kitchen - Zinos lernt endlich kochen

Screenshot Soul Kitchen – Zinos lernt endlich kochen

Aber sonst geht alles den Bach runter – Nadine hat inzwischen einen chinesischen Lover und das Soul Kitchen soll zwangsversteigert werden.

Immerhin einen Lichtblick gibt es: Zinos wurde von „Knochenbrecher-Ali“ von seinem Rückenleiden geheilt. Und er hat Nadine aufgesucht, mit der er zwar nicht mehr zusammen ist, die aber nach Hamburg zurückgekehrt ist, weil ihre Großmutter (Monica Bleibtreu) gestorben ist. Nadine muss den Nachlass regeln – sie hat eine ganze Menge geerbt. Als Zinos ihr erzählt, warum er das Soul Kitchen verloren hat, stellt Nadine ihm einen Scheck über 200.000 Euro aus, mit dem er seinen Laden bei der Versteigerung zurück kaufen will.

Mit sehr viel Glück gelingt das auch – und Zinos kann seine neue Liebe Anna, die Physiotherapeutin (Dorka Gryllus) zu einem Essen in seinem neuen alten Restaurant einladen.

Screenshot Soul Kitchen - die Belegschaft beim Abschiedfest

Screenshot Soul Kitchen – die Belegschaft beim Abschiedfest

Ich mag diesen Film, weil er er letztlich sehr lakonisch ist: Die Dinge, die passieren, passieren eben – nichts wird künstlich zugespitzt oder mit Moral aufgeladen, weil irgendwer daraus etwas lernen soll. Es ist halt, wie im wahren Leben – man setzt sich für jemanden ein, der einen dann ruiniert. Man vertraut jemanden, von dem man hätte wissen müssen, dass man das besser nicht tun sollte – aber man konnte halt nicht anders. Man tut das eine und lässt das andere – obwohl es umgekehrt besser gewesen wäre. Man macht aus Verzweiflung ziemlich blöde Sachen, aber dann macht man im entscheidenden Moment auch wieder etwas richtig. Und immer wieder gibt es jemanden, der einem weiter hilft, mal aus Berechnung, mal aus Freundschaft.

Natürlich ist der Plot gut durchdacht: Das, was passiert, hat gute Gründe – und nicht nur dramaturgische. Es sind Situationen, die jeder und jede kennt – man mauschelt sich halt so durch, weil bequem ist, dann mauschelt weiter, weil es schon immer so funktioniert hat und irgendwann muss man feststellen: So geht es nicht mehr. Plötzlich muss man die Strategie ändern – und dabei kommt man nicht immer auf die besten Ideen.

Aber in Soul Kitchen geht die Sache irgendwie gut aus. Trotzdem ist Soul Kitchen kein Heile-Welt-Film: Zinos Welt ist ganz schön kaputt – aber er gibt nicht auf, sondern macht weiter. Und weil er ein sympathischer Kerl ist, gönnt man ihm, dass er ab und zu auch mal Glück hat.

Screenshot Soul Kitchen - Abendessen mit Anna (Dorka Gryllus)

Screenshot Soul Kitchen – Abendessen mit Anna (Dorka Gryllus)

Под Прикритие: Natürlich macht die Mafia Bandenwerbung

Die bulgarische Krimi-Serie Undercover ist zwar weder für Fox, noch für mein Blog der Quotenbringer – aber das Tolle an meinem Blog ist ja, dass mir Quoten total egal sein können – wenigstens hier kann ich über das schreiben, was mich interessiert und nicht über das, von dem ich annehme, dass andere es interessiert. Das machen ja die professionellen Magazine schon zur Genüge. Wobei ich hier natürlich durchaus für das werben möchte, was ich gut finde – und auch die dritte Staffel von Undercover fand ich ganz schön gut.

Hier geht es jetzt nämlich so richtig zur Sache: Ivo Andonov (Zahary Baharov) will sich nach der Verurteilung von Jaro (Mihail Bilalov) und seiner Gang als der neue Unterwelt-König in Sofia etablieren und geht dafür über Leichen – gleich am Anfang statuiert er ein Exempel, in dem er einem der Chef-Dealer, der noch andere Geschäfte an ihm vorbei macht, vor versammelter Mannschaft mit einer Gabel ersticht. Krasse Aktion, selbst für diese Kreise.

Rossen Gatzev, genannt Herzog, der sich inzwischen einer echten Lieblingsfigur entwickelt hat, weil er doch sehr an Sil aus den Sopranos bzw. Frank aus Lilyhammer erinnert (von Typ und Habitus her sind sich die von Marian Valev und Steven van Zandt gespielten Figuren recht ähnlich), kommt auch wieder ins Geschäft, obwohl er sich ja eigentlich seiner Familie zuliebe zur Ruhe setzen wollte. Doch Frau und Kind weilen im fernen Barcelona, wo der Herzog ja wegen seiner Bewährungsauflagen nicht hin kann – er darf Bulgarien nicht verlassen. Und Ivo überzeugt Herzog, Vergnügen und Beruf doch wieder zusammenzuführen: Rossen ist nun mal gern Ganove. Aber einer mit Ehre. Und wenn der Priester das Geld, das der Herzog ihm für die wirklich Bedürftigen in der Gemeinde anvertraut hat, in eine neue Nobelkarosse investiert, dann bekreuzigt Rossen sich nachdrücklich mit der Pistole, um dem korrupten Popen klar zu machen, wer hier das Sagen hat: Der Herr im Himmel – und der Herzog. Was fast dasselbe ist.

Der große Zwilling, Martin und der Herzog Bild: globusnews.net

Der große Zwilling (Kiril Efremov), Martin (Ivaylo Zahariev) und der Herzog (Marian Velav)
Bild: globusnews.net

Auf der anderen Seite muss Kommissar Popov (Wladimir Penev) seinen Kollegen Neshev einweihen, dass Martin Hristov (Ivaylo Zahariev) von ihm in die Gang eingeschleust wurde. Auf diese Weise sollte der Mafia-Boss Jaro zur Strecke gebracht werden – aber nun gilt es, Martin eine Mordanklage zu ersparen und ihn aus dem Gefängnis zu holen. (Warum muss ich dauern an den Witz denken: „Natürlich macht die Mafia Bandenwerbung?!“) Martin ist natürlich überhaupt nicht begeistert davon, dass es nun noch einen Mitwisser gibt. Dabei hat Popov auch so schon genug Probleme: Seine Frau hat nun endgültig genug von ihm und Tochter Zori (Makaveeva Snejina) entwickelt sich auch nicht so, wie der Papa es sich wünschen würde: Sie ist bei der Aufnahmeprüfung für die Uni durchgefallen und treibt sich nun mit zweifelhaften Freunden herum.

Nachdem Jaro im Gefängnis fast vergiftet wurde und die in der Staffel zuvor auf Linie gebrachte Journalistin Elitsa Vladeva (Teodora Duhovnikova) eine Medienkampagne zugunsten von Petyr Tudjarov, der sich wegen großzügiger Spenden für Krankenhäuser als Wohltäter feiern lässt, anstößt, wird Jaros Gefängnisstrafe in Hausarrest umgewandelt – er kommt also ebenfalls aus dem Gefängnis und entwickelt auch noch politische Ambitionen: Er will sich für die nächste Wahl aufstellen lassen. Als Abgeordneter hätte er gewisse Vorteile, von denen er zu gern profitieren würde.

Für Martin und Emil Popov läuft es also gar nicht gut: Martin gerät zwischen die Fronten im Mafia-Krieg zwischen Ivo und Jaro – er soll in Jaros Auftrag Ivo umbringen und als das (absichtlich) nicht klappt, Unfrieden stiften, damit irgendwer von den wütenden Gangstern den Job erledigt. Bei einer missglückten Aktion gegen die Mafia wird dann auch noch Neshev erschossen – danach hat Popov gar nichts mehr zu lachen.

Dabei weiß er noch gar nicht, dass Töchterchen Zori genau in den Kreisen verkehrt, die er mit so hohem Einsatz bekämpft – Zori ist über ihre Freundin Assia, die als Call Girl für Martins Verbrecher-Kumpel Hantel (Alexander Sano) arbeitet, da rein gerutscht – noch ist für sie alles eine einzige große Party, auch wenn sie das Koks, das sie probiert, nicht so gut verträgt.

Sie kapiert nicht, was Assia für das Geld wirklich tut, mit dem sie Zori immer wieder einlädt, und glaubt zu gern die Lügen, die Assia ihr auftischt. Die Stunde der Wahrheit kommt erst, als Assia sie zu einer Misswahl mitnimmt, die in einem Luxushotel in den Bergen statt finden soll. Die Misswahl ist eine Tarnveranstaltung für ein „Seminar“ zu dem Ivo namhafte Geschäftsleute eingeladen hat: Er hat inzwischen einen heißen Draht zum Finanzministerium und eröffnet den Anwesenden, dass er sich nicht in ihre Geschäfte und noch weniger in ihre Steuerhinterziehungstricks einmischen werde, solange er seine 50 Prozent bekommt. Und wer zu lange zum Überlegen braucht, muss hinterher halt mehr noch zahlen – wegen der Inflation.

Denen, die sich überzeugen lassen, winkt ein entspannter Abend mit Sex, Drugs and Disco. Die anderen wollen gar nicht so genau wissen, was die Alternative ist und machen lieber unentspannt mit. Als einem der Geschäftsleute ausgerechnet die junge, hübsche Zori gefällt und sie gemeinsam mit Assia aufs Zimmer bestellt, kapiert Zori endlich, was hier gespielt wird und haut ab – fatal, denn inzwischen hat Ivo erfahren, wer Zoris Vater ist.

Zum Glück ist Martin zur Stelle und kann Zori retten, als sie panisch im Dunkeln durch den Wald stolpert. Aber auch über Martin braut sich Unheil zusammen – Jaro hat inzwischen herausgefunden, dass er ein Verräter ist. Und ärgerlicherweise scheint er nicht der einzige Verräter zu sein.

In der Mitte der dritten Staffel geht es hoch her – Jaro lässt nicht nur Ivos Mutter, sondern auch seine langjährige Vertraute, Anwältin und Geliebte Boyana (Koyna Ruseva) umbringen, Ivo seinerseits befiehlt den Mord an zwei moldawischen Mädchen, weil sie Zeuginnen des Mordes an einem weiteren Mädchen geworden sind. Alles in allem gibt es viele Leichen. Aber immerhin kann Martin sachdienliche Hinweise zur Aufklärung der Mädchenmorde geben, so dass Popov neues Material gegen Jaro sammeln kann. Ivo muss er nämlich laufen lassen, als der ihn mit Videoaufnahmen von der koksenden Zori erpresst.

Dafür kann Ivo neue Geschäftsfelder erschließen: Er macht jetzt in Sportwetten und räumt sogar General Penev aus dem Weg, der zuvor schützend seine Hand über Ivo gehalten hatte. Jaro seinerseits macht sich noch immer Hoffnungen auf eine politische Karriere – die Popov aber mit Martins Hilfe durchkreuzt. Der Herzog ist auch nicht untätig und steigt in Kreditkarten-Gewerbe ein – mit gefälschten Kreditkarten versteht sich, dafür EU-weit. Er hat einen ziemlich genialen Business-Plan, wie Hantel im Auftrag von Ivo herausfindet. Und Ivo steckt die Info seinem korrupten Bullen-Informanten – er will das Geschäft von Herzog übernehmen, mit dem er sich inzwischen längst überworfen hat. Der Herzog arbeitet jetzt mit Martin und dem verbliebenen großen Zwilling – wie gesagt, viele Verluste in der dritten Staffel.

Ivo (Zahary Baharov) und Herzog (Marian Valev) in Undercover Bild: zvezdno.bg

Ivo (Zahary Baharov) und Herzog (Marian Valev) in Undercover Bild: zvezdno.bg

Einer der bittersten Gags: „Wir sind hier doch nicht in Russland!“ erklärt Popov, als Martin sich Sorgen um die verschwundene Journalistin Elitsa macht. „Bei uns werden keine Journalisten erschossen!“ Aber Elitza ist natürlich längst tot – allerdings nicht, weil sie Journalistin war, sondern zur falschen Zeit am falschen Ort – sie hat zufällig gesehen, dass der mit Drogen zugedröhnte Jaro Zoris Freundin Assia umgebracht hat. Auch mit Jaro geht es ziemlich bergab gegen Ende der dritten Staffel.

Als Assias Leiche gefunden wird, will Ivo, dass Hantel gegen Jaro aussagt – er will Jaro die Morde an den moldawischen Mädchen in die Schuhe schieben. Martin überredet Hantel, dabei nicht mitzumachen: Er solle lieber sagen, wie es wirklich gewesen ist: Dass Ivo Andonov der Mädchenhändler ist, der den Auftrag zur Ermordung der drei Moldawierinnen gegeben hat. Denn was haben Handlanger wie er und Hantel letztlich zu verlieren? Im Zweifelsfall sind sie es, die kleinen Gauner, die in diesem Job drauf gehen: Sollen doch endlich einmal die bezahlen, die das große Geld mit ihrer Arbeit machen.

Martin ist inzwischen selbst total am Arsch: Seine Akte, die bei Popov zuhause im Safe lag, wurde bei einem Einbruch gestohlen. Mit seiner Intelligenz und seinem Unterweltwissen konnte Martin sie zwar wieder beschaffen, aber natürlich hatte auch Ivo davon Wind bekommen, dass auf dem Schwarzmarkt die Akte eines Undercover-Polizisten gehandelt wird. Der setzt seinen Polizei-Spitzel darauf an und bekommt die Akte natürlich auch – was Popov erst sehr spät herausfindet. Zu spät?

Beim Serienfinale in den verschneiten Bergen an der bulgarischen Grenze zu Griechenland erfahren wir das noch nicht. Aber immerhin hat Jaro mit der einen Kugel im Lauf der Pistole, die Ivo ihm gereicht hat, um den Verräter Martin zu erschießen, auf Ivo geschossen und ist dann geflohen, Martin hinterher. Als Popov und das Sonderkommando eintreffen, ist im Wald nur ein weiterer Schuß zu hören, man sieht eine Blutspur im Schnee.

Also auf zur vierten Staffel!

Nachbemerkung: Alle, die Breaking Bad total zu recht als Goldstandard für eine sehr gute Serie in der Rubrik „Spannung und Verbrechen“ sehen, seien darauf hingewiesen, dass Undercover mit einem sehr viel geringerem Budget entstanden ist und natürlich schon deshalb Mängel hat – natürlich gibt es keinen so ausgefeilten Soundtrack. Auch bei Better Call Saul ist mir wieder aufgefallen, wie genial nicht nur Musik, sondern jedes Geräusch gesetzt wird.

Das gibt es bei Undercover nicht – gerade beim Sound könnte man noch einiges nacharbeiten. Aber ich kriege ja auch bei den typischen deutschen Serien immer Pickel im Gehörgang, wenn ich die durchaus mäßige, auch meistens auch noch auf Englisch eingesungene Musik ertragen muss. Das geht mir bei Undercover gelegentlich auch so: Gerade die romantischen Szenen sind oft mit grauenhafter Musik unterlegt, während mir andere Themen durchaus gefallen.

Es ist halt immer so eine Gratwanderung: Manche Serien kann man mir durch die Musik echt verleiden. The Newsroom ist ein Beispiel dafür – inhaltlich finde ich die eigentlich ganz gut – aber die Musik! Gerade bei der dritten Staffel, die ich gerade sehe, ist mir das schmerzlich bewusst geworden: Die Musik ist wirklich schlimm.

Dann doch lieber Generation Kill. Das ist auch optisch viel näher an dem, was ich meine: Der Anfang des dritten Teils der dritten Staffel von Undercover ist dermaßen gut gemacht: Ein Mähdrescher mäht ein Feld mit reifen Sonnenblumen. Ivo lässt seine neuen Spezis herankarren: Sie sollen auf sein Geschäftsmodell eingeschworen werden. Die Sonnenblumen werden geköpft und verarbeitet – die neuen Geschäftspartner bekommen ihre Instruktionen. Diese ganzen harten, tätowierten Burschen im Sonnenblumenfeld, während der Mähdrescher seine Arbeit macht – diese Szene kapiert man auch auf Anhieb, wenn man sie auf bulgarisch ansieht!

Undercover Staffel 3

Undercover Staffel 3

Better Call Jimmy – zurück im Breaking-Bad-Universum

Inzwischen geht mir die penetrante Werbung auf die Nerven, mit der Netflix für Better Call Saul wirbt – man hat das Gefühl, dass nicht nur ganz Berlin, sondern auch das ganze Internet damit zugekleistert ist. Wobei die Kampagne natürlich gut ist: „Dein One-Night-Stand war hässlich? Verklag die Brauerei!“, „Das Wetter nervt? Verklag deine Wetter-App!“ oder „Kriminelle sind Menschen wie du und ich!“ – das ist Saul Goodman.

Dabei ist Better Call Saul gar keine Netflix-Serie, auch wenn Netflix so tut – aber immerhin wird sie hierzulande zuerst auf Netflix gezeigt, wenn auch nicht im üblichen Netflix-Modell für Binge-Watcher. Nach der Doppelfolge, die am 11. Februar veröffentlicht wurde, darf auch Netflix nur eine Folge pro Woche zeigen – genau wie AMC das tut. Denn genau wie das geniale Breaking Bad ist Better Call Saul natürlich eine AMC-Serie.

Better Call Saul - Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Better Call Saul – Noch heißt Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk) – Bild: amctv.com

Ich war schon skeptisch, ob das funktionieren kann: Aus einer Kultserie, bei der ein Ensemble sehr markanter, eigenwilliger Figuren eine wendungsreiche, aber gnadenlos auf ein böses Ende zugespitzte Handlung durchexerziert, eine wichtige Nebenfigur zu nehmen, und einfach eine weitere Serie daraus zu machen. Aber genau das ist erstaunlich gut gelungen – und mir fällt jetzt erst richtig auf, was diesen einzigartigen Breaking-Bad-Stil ausmacht: Diese unglaubliche Detailverliebtheit! Jedes noch so kleine Ding ist wichtig. Jede Einstellung wird wie ein Gemälde durchkomponiert, jedes Geräusch mit Bedeutung aufgeladen – und jede noch so nachvollziehbare, vielleicht sogar liebenswerte Marotte kann verhängnisvoll werden.

Das war es, was das Besondere an Breaking Bad war und Vince Gilligan und Peter Gould schaffen es tatsächlich, eben dieses Breaking-Bad-Universum gleich mit der ersten Folge wieder zu erschaffen. Das fängt schon mit der nur wenige Minuten langen Vorspann-Sequenz an, die erst einmal nichts mit der danach einsetzenden Handlung zu tun haben scheint – aber irgendwann später einen Sinn bekommen wird.

Und dann sehen wir Saul Goodman (Bob Odenkirk), der allerdings noch Jimmy McGill heißt und als schlecht bezahlter Pflichtverteidiger dumme Jungs aus dummen Situationen herausholen muss, in die sie sich selbst gebracht haben. Obwohl er sich auf dem Klo auch auf diesen Auftritt so vorbereitet, als wäre es der große Auftritt eines Staranwaltes. Erstaunlicherweise vergisst man so fort, dass man Saul Goodman als gerissenen Winkeladvokaten und skrupellosen Geldwäscher kennengelernt hat – Jesse hat ihn in Breaking Bad entsprechend eingeführt: „Wir brauchen keinen Anwalt, wir brauchen einen Kriminellen!“

Better Call Saul

Better Call Saul – Jimmy McGills Büro ist überall – Bild: amctv.com

Und ein bisschen kriminell war Jimmy McGill schon immer – ob er nun als „Slipping Jim“ in seiner kalten Heimatstadt Cicero darauf gelauert hat, dass sich Menschen auf Glatteis die Knochen brechen, um an Schadensersatzklagen zu verdienen oder jetzt zwei nicht allzu intelligent erscheinende Skateborder für ähnliche Zwecke rekrutiert, nachdem sie versucht haben, eben jene Masche bei Jimmy abzuziehen. Dumm nur, dass seine neuen Partner ihre Skateboard-Nummer ausgerechnet mit dem falschen Wagen ausprobieren: Darin sitzt nämlich nicht die besorgte Familienmama, die Jimmy eigentlich als potenzielles Opfer auserkoren hatte, sondern die Abuelita von einem alten Bekannten aus Breaking Bad – dieser Cliffhanger funktioniert natürlich nur für Breaking-Bad-Kenner. Ich fand es jedenfalls großartig, dass Jimmy so schnell von seiner Zukunft eingeholt wird.

Jetzt muss Jimmy nämlich sein ganzes Verhandlungstalent aufbieten, um sich selbst und den beiden Skaterjungs, die er in eine dermaßen prekäre Situation gebracht hat, den Kopf zu retten. Natürlich will der Totalpsychopath Tuco die beiden umbringen, weil sie seine Abuelita beleidigt haben. Und Jimmy, der Anwalt, soll die angemessene Strafe bestimmen – und schon haben wir wieder eine Breaking-Bad-Standardsituation: Eine ausweglos scheinende Konfrontation in der Wüste um Albuquerque, bei der McGill zu Hochform auflaufen muss und das auch tut – über Erschießen, Blenden und den Verlust von Gliedmaßen handelt er die Strafe schließlich aufs Beinbrechen herunter: Eine beträchtliche Leistung, auch wenn die beiden Jungs das natürlich anders sehen.

Better Call Saul: Zurück im Breaking-Bad-Universum - Bild amc.com

Better Call Saul: Zurück im Breaking-Bad-Universum – Bild amctv.com

Jimmy ist tatsächlich meilenweit entfernt von seiner späteren Form – allein schon sein fensterloses Büro im Hinterzimmer eines asiatischen Kosmetik-Salons, in dem er auf der Couch schlafen muss, die tagsüber zum Empfang der Mandanten dient, ist so deprimierend, wie seine ganze erbärmliche Existenz. Um Mandanten von sich zu überzeugen, muss er ganz tief in die Trickkiste greifen. Gleichzeitig zeigt er aber noch Skrupel – die ihm dann aber auch wieder zum Verhängnis werden. Abseits dessen bahnt sich in der dritten Folge so etwas wie eine Annäherung von Jimmy und Mike (Jonathan Banks) an.

Ausgerechnet der mürrische Mike, der in den ersten beiden Folgen nichts anderes getan hat, als Jimmy immer wieder wegen der nicht korrekten Anzahl von Parkmarken auflaufen zu lassen, glaubt Jimmy in einem scheinbar abstrusen Fall über das Verschwinden einer Familie, der für die ermittelnden Polizisten eine klare, aber falsche Lösung hat. Und wir erfahren, dass Mike auch einmal Polizist war, gleichzeitig ist deutlich zu spüren, dass Mike für den ganzen Polizeiapparat nur noch Verachtung übrig hat. Hier wird es gewiss noch spannend, auch wenn es in der vierten Folge erst einmal um ganz andere Dinge geht.

Hier legt sich Jimmy nämlich mit der übermächtigen Konkurrenz an, die er nicht nur mit Frisur und Kleidungsstil, sondern auch dem kompletten Logo frech kopiert – was zu einem David-gegen-Goliath-Prozess führt, für den sich die Medien aber leider gar nicht interessieren wollen. Das ändert sich erst, als er sich auf schmierigste Weise als Retter in höchster Not inszeniert – mich würde sehr wundern, wenn ihm dieser Stunt später nicht wieder auf die Füße fällt.

Wir treffen uns im Waschsalon - Bild:  http://www.kolle-rebbe.de

Wir treffen uns im Waschsalon – Bild: http://www.kolle-rebbe.de

Tucos Kumpel Nacho Varga ist mit Jimmys Performance jedenfalls noch nicht so richtig zufrieden, obwohl der ihn dank der wiedergefundenen Familie Kettleman aus dem Knast geholt hat. Und die Kettlemans selbst wollen nicht Jimmys Klienten werden, weil er ja so ein Anwalt ist, den sich die Leute nehmen, die schuldig sind. Und sie wollen nicht schuldig aussehen. Lieber nötigen die Kettlemans Jimmy ein Schweigegeld auf, das er in seinen Feldzug gegen die Kanzlei Hamlin investiert.

Und die Frage, auf welche Weise Jimmys Bruder Chuck (Michael McKean) eigentlich zu dem neurotischen Wrack geworden ist, das sich nun nur noch einer abschirmenden Rettungsfolie aus dem Haus traut und ansonsten Elektrizität und alles, was damit zusammenhängt hysterisch vermeidet, ist auch noch nicht geklärt… es lohnt sich also, dran zu bleiben. Eigentlich ist es doch ganz schön, jetzt wieder ein paar Wochen dieses alte Serien-Gefühl zu genießen, bis man endlich, endlich den nächsten Teil sehen kann…