Soul Kitchen – Halbwelt-Hamburger vom Feinsten

Es wieder Zeit für meine Rubrik Lieblingsfilme – und da muss ich heute gar nicht so weit zurück gehen, denn es gibt Soul Kitchen, eine herrlich moralfreie Komödie aus dem Jahr 2009 von Fatih Akin, der ja eher für Dramen wie Gegen die Wand oder Auf der anderen Seite bekannt ist – auch sehr gute Filme, aber eben nicht so lustig.

Soul Kitchen ist eine sowohl Liebeserklärung an Hamburg – und zwar an das Hamburg der arbeitenden Klasse, an das schrammelige, schäbige, heruntergekommene Wilhelmsburg, in dem Zinos Kazantsakis ein Restaurant betreibt, das eher eine Werkskantine ist: Hier essen die verbliebenen ArbeiterInnen im Bezirk Frikadellen und Pommes oder paniertes Fischfilet (alles in derselben Fritteuse zubereitet) mit Kartoffelsalat aus der günstigen Großpackung. Denn Zinos ist zwar arbeitsam und guten Willens, aber kein begnadeter Koch. Aber das ist auch egal, die Leute essen, was sie gewöhnt sind, und sie kennen halt nichts anderes schlechte deutsche Küche. Hauptsache, es ist billig und sie werden satt.

Screenshot Soul Kitchen - Zinos (Adam Bousdoukos) in Aktion

Screenshot Soul Kitchen – Zinos (Adam Bousdoukos) in Aktion

Gleichzeitig ist dieser Film auch ein, eine, ja wie soll ich sagen? Eine Bestandsaufnahme der Situation in Deutschland aufgewachsener und jetzt erwachsener Kinder jener Einwanderergeneration von Süd-Osteuropäern, die zur Hochzeit des deutschen Wirtschaftswunders angeworben wurden, um in deutschen Fabriken das deutsche Bruttosozialprodukt zu steigern. Zinos ist einer dieser nativen Deutschen mit Migrationshintergrund. Zinos ist zwar griechischer Herkunft, aber durch und durch Hamburger und er hat ziemlich genau die Probleme, die jeder Deutsche in seiner Situation eben auch hat – nur dass Zinos vielleicht etwas entspannter damit umgeht.

Bestimmt ist es kein Zufall, das Zinos den Nachnamen eines großen griechischen Schriftstellers trägt – Nikos Kazantsakis hat unter anderem den großartigen Roman Alexis Sorbas geschrieben, aber das nur am Rande.

Screenshot Soul Kitchen - Nadine (Pheline Roggan) Zinos (Adam Bousdoukos) und Oma (Monica Bleibtreu)

Screenshot Soul Kitchen – Nadine (Pheline Roggan) Zinos (Adam Bousdoukos) und Oma (Monica Bleibtreu)

Andere Randbemerkung: Fatih Akin ist türkischer Abstammung – und wie die Deutschen ja mit den Franzosen in der Geschichte diverse Auseinandersetzungen hatten, gab es die auch zwischen Griechenland und der Türkei. Natürlich ist nicht dasselbe, andererseits ist Deutschland für Griechen und Türken quasi neutrales Terrain, auf dem sich die Einwandererkinder aus Balkan-Nahost oder wie immer man das definieren will, treffen können, weil die griechische und die türkische Kultur mehr gemeinsam haben als die griechische oder die türkische jeweils mit der deutschen. Okay, ich sollte mich lieber auf den Film konzentrieren.

Zinos (Adam Bousdoukos) ist zwar nicht blöd, aber auch kein großer Intellektueller. Er hat sich das Versprechen, dass jeder, der sich wirklich bemüht, eine Existenz in Deutschland aufbauen kann, zu eigen gemacht hat und sich mit seinem Restaurant eine solche aufgebaut. Dabei ist er ein netter Kerl geblieben – er ist redlich und cool und er steht zu seinen Freunden, die es in seine Spelunke verschlagen hat, wie Lucia (Anna Bedenke), die Kellnerin, Lutz (Lucas Gregorowicz), der Barmann, oder Sokrates (Demir Gökgöl), der zwar nie seine Untermiete zahlen kann, aber irgendwie zum Inventar von Soul Kitchen gehört.

Screenshot Soul Kitchen -  Lucia (Anna Bedenke) und Lutz (Lucas Gregorowicz)

Screenshot Soul Kitchen –
Lucia (Anna Bedenke) und Lutz (Lucas Gregorowicz)

Erstaunlich eigentlich, dass Zinos eine Freundin wie Nadine (Pheline Roggan) hat, die aus einer Hamburger Großbürgerfamilie stammt und Journalistin ist. Sie ist gerade dabei, einen mehrmonatigen Aufenthalt in Shanghai vorzubereiten – was Zinos nicht gefällt, aber Nadine ist daran gewöhnt, zu tun, was sie will. Und so wird dem armen Zinos nichts übrig bleiben, als Nadine per Skype zu bitten, sich vor der Webcam auszuziehen, während er vor seinem MacBook sitzt und sich einen runterholt. Aber immerhin das tut sie für ihn. Und sie vermittelt ihm auch die Dienste einer Freundin, die Physiotherapeutin ist. Denn Zinos als selbstständiger Unternehmer, der gerade so über die Runden kommt, ist natürlich nicht krankenversichert – was fatal ist, als er sich einen Bandscheibenvorfall zuzieht.

Screenshot Soul Kitchen - Illias Kazantsakis (Moritz Bleibtreu)

Screenshot Soul Kitchen – Illias Kazantsakis (Moritz Bleibtreu)

Aber das ist nicht Zinos einziges Problem. Er hat auch noch einen kriminellen Bruder, Illias (Moritz Bleibtreu), der will, dass Zinos ihn einstellt, natürlich nur pro forma, damit er schneller aus dem Knast kommt. Denn mit richtig für Geld arbeiten hat Illias es nicht so, im Gegensatz zu Zinos, der tatsächlich ernsthaft versucht, seinen Lebensunterhalt auf legale Weise zu verdienen. Aber wie das unter Brüdern ist – Zinos macht Illias sogar zum Geschäftsführer – denn eigentlich will er gern zu Nadine nach Shanghai. Nur hat die plötzlich ganz andere Pläne.

Screenshot Soul Kitchen - Shayn Weiss (Birol Ünel)

Screenshot Soul Kitchen – Shayn Weiss (Birol Ünel)

Aber eins nach dem anderen: Ausgerechnet beim Abschiedsessen von Nadine mit ihrer Familie ist Zinos der exzentrische Koch Shayn Weiss (Birol Ünel) über den Weg gelaufen. Der wurde gerade gefeuert, weil er einem Gast des Nobelschuppens das Essen nicht wie verlangt verderben wollte. Shayn ist ein fantatischer Koch, und wenn er sagt, dass das Steak perfekt ist, dann ist es perfekt. Und wenn der Gast seine Gazpacho warm essen will, dann explodiert Shayn lieber, bevor er eine kalte Gemüsesuppe in warmen Brei verwandelt.

Zinos bietet Shayn einen Job im Soul Kitchen an – und der revanchiert sich, in dem er den Imbisschuppen auf Spitzenküche zu vertretbaren Preisen umstellt. Nur ist das Stammpublikum wenig begeistert – die wollen ihren Scheiß aus der Fritteuse. Dass sie nun was Besseres geboten bekommen, irritiert sie so sehr, dass sie nicht mehr kommen.

Screenshot Soul Kitchen - Frau Schuster vom Finanzamt (Catrin Striebeck)

Screenshot Soul Kitchen – Frau Schuster vom Finanzamt (Catrin Striebeck)

Das ist schlecht für den Umsatz. Aber weil jetzt eh schon alles egal ist, nutzt Lutz das Soul Kitchen als Probenraum für seine Band – das zieht eine ganz andere Szene an. Und plötzlich fangen die Leute an, Sachen von Shayns Karte zu bestellen! Dumm nur, dass inzwischen auch ein ehemaliger Schulkamerad von Zinos auf die Location aufmerksam wird – Thomas Neumann (Wotan Wilke Möhring) ist inzwischen nämlich ein fieser Immobilienhai, der aus dem Soul Kitchen gern ein gewinnträchtiges Gentrifizierungsprojekt machen würde. Der schwärzt Zinos beim Gesundheitsamt an – und der Kontrolleur (Jan Fedder) würde den Laden am liebsten gleich dicht machen. Und damit nicht genug, kommt auch noch Frau Schuster (Catrin Striebeck) vom Finanzamt vorbei – denn Zinos hat erhebliche Steuerschulden. Noch ein Grund mehr, sich nach China zu verdrücken! Aber es kommt natürlich ganz anders.

Screenshot Soul Kitchen - Jan Fedder vom Gesundheitsamt

Screenshot Soul Kitchen – Jan Fedder vom Gesundheitsamt

Neumann packt Illias da, wo er ihn kriegen kann – bei einer Pokerpartie verliert der neue Geschäftsführer haushoch, so dass er das Soul Kitchen an den Immobilienhai überschreiben muss. Doch Neumann hat seine Rechnung ohne Frau Schuster gemacht – Thomas hat auf der ausschweifenden Abschiedparty von Zinos im Soul Kitchen nämlich das Finanzamt gefickt, was er auch noch per Smartphone aufgezeichnet hat.

Doch das Finanzamt schlägt zurück: Thomas hat ziemlich viel Dreck am Stecken und fährt ein. Und im Knast begegnet er Illias – der ist inzwischen auch wieder drin, weil er und Zinos in Neumanns Firma und das Notariat eingebrochen sind, um die Verträge für die Überschreibung des Soul Kitchen zu vernichten. Was natürlich ist schief gegangen ist, Zinos ist nun mal kein Profiverbrecher. Und er hat Bandscheibe. Aber weil er ja zuvor noch nicht straffällig geworden ist, bleibt er auf freiem Fuß.

Screenshot Soul Kitchen - Zinos lernt endlich kochen

Screenshot Soul Kitchen – Zinos lernt endlich kochen

Aber sonst geht alles den Bach runter – Nadine hat inzwischen einen chinesischen Lover und das Soul Kitchen soll zwangsversteigert werden.

Immerhin einen Lichtblick gibt es: Zinos wurde von „Knochenbrecher-Ali“ von seinem Rückenleiden geheilt. Und er hat Nadine aufgesucht, mit der er zwar nicht mehr zusammen ist, die aber nach Hamburg zurückgekehrt ist, weil ihre Großmutter (Monica Bleibtreu) gestorben ist. Nadine muss den Nachlass regeln – sie hat eine ganze Menge geerbt. Als Zinos ihr erzählt, warum er das Soul Kitchen verloren hat, stellt Nadine ihm einen Scheck über 200.000 Euro aus, mit dem er seinen Laden bei der Versteigerung zurück kaufen will.

Mit sehr viel Glück gelingt das auch – und Zinos kann seine neue Liebe Anna, die Physiotherapeutin (Dorka Gryllus) zu einem Essen in seinem neuen alten Restaurant einladen.

Screenshot Soul Kitchen - die Belegschaft beim Abschiedfest

Screenshot Soul Kitchen – die Belegschaft beim Abschiedfest

Ich mag diesen Film, weil er er letztlich sehr lakonisch ist: Die Dinge, die passieren, passieren eben – nichts wird künstlich zugespitzt oder mit Moral aufgeladen, weil irgendwer daraus etwas lernen soll. Es ist halt, wie im wahren Leben – man setzt sich für jemanden ein, der einen dann ruiniert. Man vertraut jemanden, von dem man hätte wissen müssen, dass man das besser nicht tun sollte – aber man konnte halt nicht anders. Man tut das eine und lässt das andere – obwohl es umgekehrt besser gewesen wäre. Man macht aus Verzweiflung ziemlich blöde Sachen, aber dann macht man im entscheidenden Moment auch wieder etwas richtig. Und immer wieder gibt es jemanden, der einem weiter hilft, mal aus Berechnung, mal aus Freundschaft.

Natürlich ist der Plot gut durchdacht: Das, was passiert, hat gute Gründe – und nicht nur dramaturgische. Es sind Situationen, die jeder und jede kennt – man mauschelt sich halt so durch, weil bequem ist, dann mauschelt weiter, weil es schon immer so funktioniert hat und irgendwann muss man feststellen: So geht es nicht mehr. Plötzlich muss man die Strategie ändern – und dabei kommt man nicht immer auf die besten Ideen.

Aber in Soul Kitchen geht die Sache irgendwie gut aus. Trotzdem ist Soul Kitchen kein Heile-Welt-Film: Zinos Welt ist ganz schön kaputt – aber er gibt nicht auf, sondern macht weiter. Und weil er ein sympathischer Kerl ist, gönnt man ihm, dass er ab und zu auch mal Glück hat.

Screenshot Soul Kitchen - Abendessen mit Anna (Dorka Gryllus)

Screenshot Soul Kitchen – Abendessen mit Anna (Dorka Gryllus)

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