Halt and Catch Fire – Goldrausch in Texas

Gemessen daran, wie sehr die Computerisierung samt der dann folgenden Vernetzung der plötzlich überall vorhandenen Computer die Arbeitswelt, die Gesellschaft und das Leben der Menschen verändert hat, gibt es erstaunlich wenig Filme und Serien, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Allmächtige Computer, die im Laufe der Zeit ein für die Menschen in ihrer Umgebung gefährliches Eigenleben entwickeln, kennt man vor allem aus Science-Fiction-Klassikern der 1960er und 70er Jahre, etwa HAL 9000 aus 2001 – Odyssee im Weltraum (1968). Oder die intelligente Bombe aus Dark Star (1974), die von den zuvor extrem gelangweilten Astronauten mit Gesprächen über philosophische Spitzfindigkeiten daran gehindert werden muss, das ganze Schiff zu sprengen. Was am Ende nicht gelingt. Und Matrix (1999) soll ja irgendwie auch etwas mit Computern zu tun haben – schließlich findet der ganze Film in der Matrix statt, die von einem Großrechner erzeugt wird, der die ganze Menschheit versklavt hat.

Screenshot Halt and Catch Fire - USA 2014

Screenshot Halt and Catch Fire – USA 2014

Okay, dann es gibt noch ein paar Filme, in denen Hacker eine Rolle spielen, etwa in War Games (1983), wo ein Schüler aus Versehen fast den dritten Weltkrieg auslöst – was der Computer am Ende zu Glück verhindern kann, in dem er das atomare Kriegsspiel abschaltet. Dann gibt es Das Netz (1995), in dem Sandra Bullock den Nerd gibt, ständig auf der Suche nach einer Möglichkeit, in dieses Internet zu kommen, mit dem man schreckliche Dinge anstellen kann. (By the way: Ich fand Sandra Bullock auch in Gravity sehr gut. Wobei ich mir noch nicht sicher bin, was ich von Gravity halte. Das ist nämlich kein Nerdfilm im eigentlichen Sinne). Oder 23 – nichts ist wie es scheint (1998) über den Hannoveraner Hacker Karl Koch, der nach der Lektüre des Buches Illuminatus! (von Robert Shea und Robert Anton Wilson) so paranoid wird, wie andere, die dieses Buch gelesen haben, auch – nur dass Karl sich nicht nur für Literatur, sondern auch für Computer interessiert und sich schon im Internet herumtreibt, als das noch aus Mailboxen besteht, die mit dem Akkustik-Koppler angesteuert werden. Nachdem er entdeckt, die Großrechner von Unternehmen und Atomkraftwerken kaum geschützt werden, nimmt die Sache einen verhängnisvollen Verlauf. Karl verschwindet am 23.5.1989, seine verkohlte Leiche wird wenig später gefunden. 23 ist also quasi ein Dokudrama, auch wenn einiges im wahren Leben vielleicht doch etwas anders gewesen ist.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon Clark (Scoot MacNairy), gescheiterter Computer-Pionier

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon Clark (Scoot MacNairy), gescheiterter Computer-Pionier

Ähnlich verhält es sich auch mit der von AMC produzierten Serie Halt and Catch Fire, die im vergangenen Sommer auf AMC zu sehen war, in Deutschland ist sie seit März auf Amazon Instant Video verfügbar. Eine zweite Staffel soll ab dem 31. Mai auf AMC laufen. Halt and Catch Fire handelt von den Anfängen des Computer-Booms durch die zunehmende Verbreitung von PCs – jene Kisten, die von den etablierten Herstellern von Großrechnern lange Zeit nicht für voll genommen wurden, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wozu die Menschen sich Personal Computer auf ihre Schreibtische und dann auch noch in ihre Wohnungen stellen sollten. Ehrlich gesagt hätte ich das auch nicht gewusst, aber die Generation Smartphone hat mit der Frage „Wie seid ihr eigentlich damals, als es noch keine Smartphones gab, ins Internet gekommen?“ zumindest eine der möglichen Antworten gefunden.

Screenshot Halt and Catch Fire - Donna Clark (Kerry Bishé), bescheidene Heldin.

Screenshot Halt and Catch Fire – Donna Clark (Kerry Bishé), bescheidene Heldin.

Ans Internet habe ich damals nun wirklich nicht gedacht, als ich mir 1988 meinen ersten Computer gekauft habe – einen AT 2-86 mit 1 MB Arbeitsspeicher, 40 MB Festplatte und 15-Zoll-Röhrenmonitor (monochrom). Das war damals für den Preis, den ich zahlen konnte, ein gutes Angebot. Denn mehr als 2000 DM wollte bzw. konnte ich nicht ausgeben. Aber nachdem ich eine erste Hausarbeit auf der mechanischen Schreibmaschine meines Vater getippt hatte und darüber fast verrückt geworden war, war die Anschaffung einfach unvermeidlich: Schreibmaschine war echt vorsintflutliche Technik und wenn man auch nur ein Wort ändern wollte, musste man die ganze Seite noch einmal tippen und dann die Berechnungen für den Platz, den die Fußnoten beanspruchen – der Wahnsinn! Nie wieder!!! Mir war klar: Ich brauche eine Schreibmaschine, auf der ich viele Seiten Text produzieren, dann in Ruhe verbessern und schließlich alles in ansprechendem Layout ausdrucken kann.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit.

Dass diese Schreibmaschine auch noch andere Dinge konnte – es gab auch eine Tabellenkalkulation, Kalender, ein Geografieprogramm mit Daten über sämtliche Länder auf der Welt, Spiele (die mich damals schon nicht sonderlich interessierten) und vieles mehr, aber das war nur ein angenehmer Nebeneffekt. Ein Nerd in dem Sinne bin ich also nie gewesen, auch wenn ich mir 1993 eine erste E-Mail-Adresse zugelegt habe und sehr begeistert über den ersten iMac war, mit dem ich 1998 dann tatsächlich ins Internetzeitalter eingestiegen bin – per 56k-Modem, was in den iMac eingebaut war.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit (mit Dioden)

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit (mit Dioden)

Doch Halt and Catch Fire spielt in der Zeit davor: Anfang der 80er Jahre. Das ehrgeizige Verkaufsgenie Joe MacMillan (Lee Pace) wechselt von IBM zu der etwas provinziellen texanischen Firma Cardiff Electric, um einen Coup zu landen: Einen Personal Computer auf den Markt zu bringen, der die gängigen IBM-Produkte schlagen kann. Bei Cardiff werkelt der nicht weniger geniale Ingenieur Gordon Clark (Scoot MacNairy) in einem ungeliebten Brotjob vor sich hin. Gordon hatte den Traum, ein wirklich revolutionäres Produkt auf den Markt zu bringen und ist mit dieser Vision schmerzhaft gescheitert – jetzt muss er die Füße still halten und Geld für den Unterhalt seiner Familie verdienen. Er hat nämlich eine tolle Frau und zwei Töchter. Und wie sich herausstellen wird, ist Gordons Frau Donna (Kerry Bishé), die für einen Hungerlohn bei Texas Instruments als bessere Sekretärin arbeitet, in Sachen Computer auch schwer auf Zack. Auch wenn ihr Licht immer ständig den Scheffel gestellt wird – sie rettet ihrem Gordon immer wieder den Arsch, während Cameron Howe (Mackenzie Davis) als junge, unkonventionelle Superprogrammiererin natürlich auch gute Arbeit leistet, aber dank ihrer erfrischenden Unverschämtheit auch entsprechend bezahlt wird.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon, Cameron  (Mackenzie Davis) und Joe.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon, Cameron (Mackenzie Davis) und Joe.

Cameron ist eine dieser typischen 80er-Jahre-Figuren – ein Punk, dem eigentlich alles egal ist, aber wenn es drauf ankommt, ist sie sehr geschäftstüchtig. Cameron hat sich bisher durchs Leben getrickst und weil sie nicht blöd ist, trifft sie auf MacMillan. Oder er auf sie, als er an der lokalen Uni nach Programmier-Talenten sucht. Eine der spannenden Sachen an Halt and Catch Fire ist, dass es keine wirklich sympathischen Hauptpersonen gibt. Ja, das ist nicht wirklich neu, denn genau so funktionieren auch die großartige Serien Mad Man oder Breaking Bad, die beide aus dem Hause AMC kommen. MacMillan erinnert doch sehr an Don Draper – und Cameron ist die deutlich abgebrühtere 80er-Jahre-Ausgabe von Peggy Olson. Die übrigens meine Lieblingsfigur aus Mad Men ist – ein braves Vorstadt-Mädchen erkämpft sich unter beträchtlichen Opfern ihren Weg nach oben. (Nein, ich identifiziere mich weder mit Peggy, noch mit Cameron – die Trennung von Arbeit und Privatleben ist mir dafür zu wichtig.)

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe haben es geschafft.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe haben es geschafft.

Und dann gibt es natürlich noch den Senior VP für Finanzen, John Bosworth. Der ist ein Geschäftsmann der alten Schule, der mit den Ideen von MacMillan gar nicht klar kommt. Auch dieses Thema kennt man ja auch Mad Men, das ist der Part von Bert Cooper, dem Teilhaber von Sterling Cooper, der Freund japanischer Lebensart ist, bei dem man also die Schuhe ausziehen sollte, wenn man sein Büro betritt. Aber genau wie ich in den ersten zwei, drei Teilen von Mad Men unschlüssig war, ob das nun eine wirklich tolle Serie ist, die man unbedingt gesehen haben muss, oder ein überschätztes Medien-Event, war ich mir auch bei Halt and Catch Fire nicht sicher. Inzwischen bin ich es aber: Mad Men ist wirklich großartig – und Halt and Catch Fire ist es auch!

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon, Cameron und Joe bekommen Schwierigkeiten.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon, Cameron und Joe bekommen Schwierigkeiten.

Wenn auch auf eine andere Art und Weise – wer also mit dem 60er-Jahre-Chic von Mad Men nichts anfangen konnte, ist vielleicht mit dem gelungenen 80er-Ambiente von Halt and Catch Fire glücklich. Oder umgekehrt: Wer auf liebevoll ausgestattete History-Serien steht, kann mit Halt and Catch Fire durchaus glücklich werden. Denn genau wie Mad Men einen in die 60er zieht, zieht einen Halt and Catch Fire in die 80er. Und was Mad Men über das Werbebusiness verrät – und das ist durchaus interessant und aufschlussreich – offenbart Halt and Catch Fire über die Computerindustrie. Natürlich darf man das, was in der Serie gezeigt wird, nicht allzu wörtlich nehmen. Aber von dem Geist, der dahinter steht – und der sehr gut beschreibt, wie Geschäfte nun einmal laufen, verrät es doch eine Menge. Man muss nur bereit sein, das alles nicht als Fiktion abzutun.

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Einer nach dem anderen: Spitzenprodukt skurrilen Humors

Im Rahmen der Berlinale lief Anfang Februar der norwegische Film Einer nach dem anderen (Originaltitel Kraftidioten, genial auch der englische Titel In Order of Disappearance) – allerdings hatte ich weder die nötige Energie, noch die Beziehungen, um an eine der begehrten Berlinale-Karten zu kommen. Dafür hatte ich jetzt die Gelegenheit, den Film des Regisseurs Hans Petter Moland anzusehen. Und ja, es handelt sich dabei eines dieser unaufgeregten, aber sehr pointierten skandinavischen Meisterwerke, in denen nicht viel geredet wird, aber am Ende fast alle tot sind.

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen. Foto: Marie-Anne Winter

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen. Mit Stellan Skårsgard und Bruno Ganz.
Foto: Marie-Anne Winter

Man muss diese Art Film schon ausdrücklich mögen, um etwas damit anfangen zu können – „Keine Angst vor weißen Flächen!“ sagte mein Kunstlehrer früher. Und dort, wo Schnee und Eis das Leben den größten Teil des Jahres fest im Griff haben, sind riesige weiße Flächen selbstverständlich. Doch wenn das Auge sich an die weiße Leere gewöhnt hat, fängt es an, die Nuancen wahrzunehmen – denn die Schneelandschaft ist keineswegs tot und leer: Sie lebt, es gibt zackige Bergrücken und weiche Täler, schroffe Grate und sanfte Schneewehen, die Kristalle glitzern in der Sonne, werden verweht, verschwimmen in der Dämmerung, die über unendlich viele Blautöne schließlich zu schwarzer Nacht wird – nur der Schnee leuchtet, knirscht, man kann den Frost riechen, förmlich spüren, wie er in der Nase beißt. Und durch all dieses beeindruckende Schwarz-Weiß-Blau der nordnorwegischen Landschaft fräst sich die Maschine von Nils Dickman (in ewiger Höchstform: Stellan Skårsgard).

Ich fand ja schon Genosse Petersen und Ein Mann von Welt sehr gut, aber mit Einer nach dem anderen hat Hans Petter Moland neue Maßstäbe gesetzt. Der Film ist alles in allen sehr kaurismäkiesk – und ich will damit weder Hans Petter Moland, noch dem zwei Jahre jüngeren, aber international vermutlich doch bekannteren Finnen Aki Kaurismäki zu nahe treten – es ist jeweils als dickes Lob gemeint.

In den skurril-lakonischen Filmen von Aki Kaurismäki spielen gesellschaftliche Außenseiter eine Hauptrolle – und das ist in auch bei Moland so. Nur dass Molands Außenseiter keine schrägen Randfiguren, sondern meistens gute Bürger sind, die formal total in die Gesellschaft integriert sind. Ob das nun der Gymnasiallehrer Petersen ist, der eine Schwäche für den Kommunismus hat (Genosse Petersen), oder der Mörder Ulrik (Ein Mann von Welt) , der sich nach einer langen Zeit im Gefängnis wieder in die norwegische Gesellschaft integrieren will bzw. muss. Auch der Schwede Nils Dickman ist in ein Außenseiter, aber eben auch einer, dem es gelungen ist, sich vorbildlich in die norwegische Gesellschaft zu integrieren.

Am Anfang des Films wird der pflichtbewusste Schneepflugfahrer Nils als „Bürger des Jahres“ für seine Verdienste an seiner neuen nordnorwegischen Heimat ausgezeichnet. Denn er erfüllt vorbildlich die wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe, mit seinem Schneepflug eine „Schneise der Zivilisation“ durch den norwegischen Schnee zu pflügen, oder wie Nils auch sagt „Ich war immer gern Pfadfinder. Nur dass ich immer den gleichen Pfad finde.“ Aber er findet ihn, und dank seiner Zuverlässigkeit tun das seine Mitbürger auch. Ein dreifaches Hurra auf die gelungene Integration! Das zieht auch gleich konservative norwegische Politiker auf den Plan, die mit dem „vorbildlich integrierten Ausländer“ Nils punkten wollen. Aber Nils macht halt lieber sein eigenes Ding. Demokratie ist etwas für die anderen.

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen. Foto: Marie-Anne Winter

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen.
Foto: Marie-Anne Winter

Aber dann wird Nils von eine Katastrophe aus der Bahn geworfen: Sein Sohn Ingvar wird tot aufgefunden: Überdosis Heroin sagen die Ermittler. Und für die Polizei ist der Fall damit auch gleich abgehakt: Natürlich sind die Eltern immer fassungslos, wenn so etwas passiert. Alle Eltern sind überzeugt, dass ihre Kinder niemals so etwas tun würden, erklären die Polizisten. „Wir kannten unseren Sohn nicht“, heult die Mutter. Natürlich geht später auch die Ehe daran in die Brüche. Aber bevor sich Nils eine Kugel in den Kopf jagen kann, wird er vom tatsächlich drogenabhängigen Freund seines Sohnes gestört. Finn hat sich verletzt in Nils Firma gerettet. Es täte ihm total leid, dass Ingvar ermordet worden sei, beteuert Finn. Der hätte mit der ganzen Sache eigentlich nichts zu tun – und er war kein Junkie. Ingvar hätte das alles einfach nicht verdient.

Nils sieht daraufhin davon ab, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen und sich bestätigt: Sein Sohn Ingvar ist Opfer von Verbrechern geworden! Und weil die Polizei das anders sieht, nimmt Nils als alter Pfadfinder die Sache selbst in die Hand – er ist halt am Besten, wenn er sein eigenes Ding macht. Er schafft es, drei Mitglieder der Mafia ausfindig zu machen, die seinen Sohn getötet haben und vernichtet deren geschmuggeltes Kokain. Die Leichen wirft er fachgerecht mit Hühnerdraht umwickelt in den großen Wasserfall hinter dem Dorf. Das wiederum ruft den Chef der norwegischen Mafia auf den Plan, die jetzt vergeblich auf den Nachschub wartet. Der „Graf“ (herrlich: Pål Sverre Valheim Hagen) vermutet, dass die albanische – tatsächlich ist es aber die serbische Konkurrenz – für den ganzen Schlamassel verantwortlich ist. Er lässt einen von diesen Balkan-Typen umbringen und mit der geografischen Höhenangabe „1389 Meter“ an ein Hinweisschild hängen. Insider wissen, dass mit dieser Jahreszahl die Schlacht auf dem Amselfeld gemeint ist. Ob Pål das gewusst hat, spielt keine Rolle, denn ihn interessiert letztlich nur, dass er in Norwegen der Chef ist.

Die Adressanten dieser Nachricht erkennen die Botschaft wohl: Bei dem Toten handelt es sich um den einzigen Sohn des serbischen Klanchefs Papa (auch nicht schlecht: Bruno Ganz). Der erklärt nun folgerichtig der norwegischen Mafia den Krieg.

Besser konnte es für Nils kaum laufen – jetzt machen sich seine Gegner gegenseitig die Hölle heiß. Außerdem hat der Graf auch so schon genug Probleme – etwa mit seiner Ex Marit (Brigitte Hjort Sørensen, muss man als engagierte TV-Journalistin Katrine Fønsmark aus der dänischen Serie Borgen kennen) im Streit um seinen einzigen Sohn, der mit biodynamischen Obst und Gemüse (mindestens fünf Sorten pro Tag!) gefüttert werden sollte und stattdessen mit zuckrigen Frühstückscerealien und pädagogisch zweifelhaften Mafia-Tipps für den Umgang mit unliebsamen Mitschülern mit dem fetten Mafia-Dienstwagen in die Schule kutschiert wird. Der Graf findet es nicht immer so einfach, er zu sein, wie er seine Leute irgendwann anbrüllt, als sich die Dinge für ihn zunehmend ungünstig entwickeln. Dagegen wäre man lieber Nils Dickman, der mit seinem Schneepflug später die verbliebenen Fahrzeuge der Mafia-Klans platt macht.

Einer nach dem anderen ist auf jeden Fall ein Spitzenprodukt der nordischen Variante skurrilen schwarzen Humors, der es auf Anhieb in meine Kategorie Lieblingsfilme geschafft hat.

Weitere Eindrücke gibt es in meinem Tumblr:
http://mariberlyn.tumblr.com/tagged/Kraftidioten

Lost – reif für die Insel

Zu den ganz dicken Brocken in Sachen Serie gehört zweifelsohne die US-Serie Lost. Aber wie so viele Serien, die zuerst im deutschen Privatfernsehen gelaufen sind, habe ich Lost bei der Erstausstrahlung nicht gesehen. Als ernsthafte Serien-Seherin kann ich es einfach nicht ertragen, wenn mir in von unendlich langen Werbeunterbrechungen unterbrochene Mini-Häppchen irgendeiner Handlung serviert werden. Deshalb schaue ich prinzipiell nichts im Privatfernsehen – und auch das Vorabendprogramm der Öffentlich-Rechtlichen findet ohne mich statt. Abgesehen von Kulturzeit auf 3sat. Über „wichtige“ Fernsehevents wie Dschungelcamp, DSDS oder GNTM wird man ja ohnehin per Google News und so weiter „informiert“, ob es einen nun interessiert oder nicht. Notfalls kann man auch auf dwdl.de nachlesen, ob man irgendwas verpasst hat.

Nun hat aber Netflix seit einiger Zeit Lost im Programm und zwar alle sechs Staffeln. Das ist natürlich ein Anlass für mich gewesen, mal in Lost reinzusehen – und ja, ich konnte nicht mehr aufhören und habe mir inzwischen sämtliche Staffeln bis zum bittersüßen Ende reingezogen. Das ist zwar nicht immer das reine Vergnügen, als Serien-Expertin sehe ich mir das alles schließlich nicht zum Spaß an. Sondern aus rein wissenschaftlichem Interesse. Da kann man dann abends eine zeitlang halt nicht mehr weggehen: Die Pflicht ruft.

Denn wenn viele Menschen meinen, dass es sich bei Lost um eine der besten Serien überhaupt handelt, muss ja schon irgendwas dahinter stecken. Zumal es mit Lostpedia auch ein beeindruckend ein umfangreiches Nachschlagewerk rund um das Lost-Universum gibt.

Lost: Die Hauptmannschaft der ersten Staffel. Bild: Netflix

Lost: Claire mit Aaron, Ana Lucia, Sawyer, Hurley, Michael, John, Sayid, Jack, Kate, Sun, Jin, Charlie, Libby, Shannon, Mr. Eko. Bild: Netflix

Mein Fazit: Bei Lost handelt es sich tatsächlich um ein sehr ambitioniertes Serien-Projekt, das leider nicht immer einlöst, was es verspricht. Aber alles in allem ist das natürlich schon eine gute Serie, auch wenn ich persönlich nicht so auf Mystery-Serien stehe. Einzige Ausnahme: True Blood. Aber das ist ja auch viel mehr Mystery-Satire als Mystery an sich. Lost dagegen hätte es streckenweise ganz gut getan, sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen – gerade weil die Macher im Verlauf der Serie immer stärker auf den Mystery-Part gesetzt haben. Das hat mich dann doch etwas genervt.

Zum Anfang der Handlung ist dieser Anteil noch vergleichsweise gering, sonst hätte ich vermutlich aufgegeben, bevor ich mich vom Sog der Handlung habe überwältigen lassen. Aber wenn das erstmal passiert ist, gibt es kein Zurück – es werden dann sehr viele interessante Geschichten erzählt, deren Erzählstränge teils sehr geschickt, zum Teil aber auch etwas unmotiviert miteinander verknüpft sind. Für mich war es auf jeden Fall die Vielseitigkeit, die mich veranlasst hat, mir auch nach ein, zwei schwächeren Folgen dann doch noch die nächste anzusehen, die dann wieder so spannend war, dass ich danach unbedingt weiterkucken musste.

In der ersten Staffel ist Lost tatsächlich vor allem eine Robinsonade, in der die anfangs noch 48 Überlebenden eines Flugzeugabsturzes im südlichen Pazifik ihr weiteres Überleben organisieren müssen, nachdem ihnen langsam dämmert, dass niemand kommen wird, um sie zu retten. Dank der heterogenen Zusammensetzung der Menschen an Bord von Flug Oceanic 815 ist das Ganze vor allem ein gruppendynamisches Experiment der Sonderklasse: Die Leute auf der Insel müssen sich miteinander arrangieren, so unterschiedlich sie auch sind, und ihren Anteil zum Überleben aller beitragen. Das leuchtet natürlich nicht allen ein, und so ergeben sich Konflikte, an denen sich die Figuren abarbeiten müssen – das ist natürlich ein geschicktes Setting für einen Dauerbrenner.

Auf diese Weise kristallisieren sich Helden, Antihelden und Mitläufer heraus, die im Verlauf der Handlung noch die eine oder andere Metamorphose durchlaufen. Zwar ist das alles noch nicht so konsequent auf die Spitze getrieben wie in Breaking Bad, wo sich der anfangs etwas trottelige, aber zweifellos in seinem Fach brillante und ansonsten gutwillige Familienvater Walter White zum skrupellosen Drogen-Boss entwickelt, der gnadenlos auf den eigenen Vorteil optimiert und unliebsame Gegner reihenweise abräumt. Aber es gibt eine ganze Reihe ambivalenter Charaktere, die im Lauf der Handlung eine bemerkenswerte Entwicklung durchmachen. Das war für mich das Interessante an Lost.

Die Figur mit den meisten Auftritten über alle Lost-Folgen ist das freundliche Dickerchen Hugo Reyes (Jorge Garcia), genannt Hurley. Hurley gewann mit Hilfe der mysteriösen Zahlenreihe 4 8 15 16 23 42 114 Millionen US-Dollar in einer Lotterie – eigentlich eine Supersache, von der jeder heimlich träumt. Aber irgendwie ging seit diesem sagenhaften Gewinn auch eine Menge schief in seinem Leben. Hurleys Beitrag ist es, für Entspannung zu sorgen – er ist weder ein Macher, noch ein Könner. Aber er ist einfach ein netter Typ, auf den man sich bei all seinen Schwächen verlassen kann. Als alle dabei sind, vor Anspannung durchzudrehen, weil die Organisation des Überlebens auf einer einsamen Insel eben anstrengend ist, kommt er auf die absurde Idee, mit einer zufällig gefundenen Ausrüstung ein Golf-Turnier zu organisieren. Aber siehe da: Die meisten haben Spaß und entspannen sich wirklich.

Dann gibt es den begnadeten Chirurg Jack Shepard (Matthew Fox), der davon besessen ist, jeden seiner Patienten zu retten. Er wird gleich als Held und Macher eingeführt – es ist für alle Überlebenden ja auch ein großes Glück, dass er an Bord war, denn ohne seine medizinischen Kenntnisse hätten viele die erste Zeit auf der Insel kaum überlebt. Entsprechend wird Jack von den meisten gleich als ihr Anführer akzeptiert. Er ist als Mediziner ja auch ein vernünftiger Mensch, der eine gewisse Autorität ausstrahlt. Das erwarten die Menschen ja schließlich auch von einem guten Arzt: Er soll nicht nur ein hervorragender Wissenschaftler und Handwerker, sondern auch ein (spiritueller) Heiler sein. Aber die Verhältnisse auf der Insel bringen ihn an seine Grenzen: Auch Jack kann keine Wunder tun. Selbst wenn es alle von ihm erwarten.

Auch der begabte Jäger John Locke (Terry O’Quinn) wird als bald Führungsfigur anerkannt – kaum jemand hat mitbekommen, dass er vor dem Absturz im Rollstuhl saß. John Locke wird anders als Jack nicht als Mann der Wissenschaft, sondern als Mann des Glaubens charakterisiert. John hat seinen Glauben – wobei der nicht ausdrücklich spezifiziert wird: „Sagen Sie mir nicht, was ich nicht tun kann!“ ist sein Mantra. Im Verlauf der Serie stellt sich heraus, dass John tatsächlich ein Medium ist, das auf besondere Weise mit dem Schicksal der Insel verknüpft ist. Aber ist das wirklich der echte John Locke?

Außerdem ist da noch die schöne und willensstarke Kate (Evangeline Lilly), von der eine Zeit lang nicht klar ist, ob sie wirklich eine gesuchte Killerin ist. Sie ist eine Überlebenskünstlerin, was ihr auf der Insel natürlich zugute kommt – aber sie setzt ihre Fähigkeiten auch zugunsten von anderen ein. Im Verlauf der Handlung stellt sich heraus, dass Kate tatsächliche eine Mörderin ist – aber sie hat ihren fiesen Stiefvater nur umgebracht, um ihre Mutter aus einer schrecklichen Beziehung zu erlösen und der Tod eines Freundes auf der Flucht war ein blöder Unfall. Tatsächlich ist Kate sehr am Wohl ihrer Mitmensch gelegen, auch wenn ihr das nicht immer gedankt wird.

Etwa von der schwangeren Claire (Emilie de Ravin), die eigentlich auf dem Weg war, ihr Kind zur Adoption frei zu geben. Kate hilft Claire auf der Insel bei der Geburt ihres Sohnes Aaron und kümmert sich nach ihrer Rettung um ihn – ja, sie kehrt später in erster Linie wegen Claire und Aaron auf die Insel zurück, damit Mutter und Sohn in einer alternativen Zukunft zusammen sein können. Aber vielleicht hat Kate ihre Vorstellung von einer heilen Familie nur zu sehr idealisiert?

Weiterhin gibt es den heroinsüchtigen britischen Rockstar Charlie Pace (Dominic Monaghan), der eine Schwäche für Claire entwickelt, das eigenartige koreanische Pärchen Jin (Daniel Dae Kim) und Sun (Kim Yoon-Jin) Kwon, die immer für sich bleiben wollen – wobei es anfangs eher der eifersüchtige Jin ist, der für sich bleiben will, und Sun, die heimlich schon Englisch gelernt hat, weil sie Jin verlassen wollte, führt ihn quasi in die Insel-Gemeinschaft ein. Aber als Sohn eines Fischers hat er Fähigkeiten, von denen die anderen profitieren können, während ihm diese Herkunft in Korea zuvor geschadet hat, als er sich in die Tochter eines sehr (einfluss-)reichen Vaters verliebte. Im Verlauf der Serie lernen die beiden sich neu lieben und schätzen, weshalb ihre Geschichte mit dem tragischen Ende dann auch wieder sehr berührend ist.

Natürlich gibt es auch das erklärte Arschloch der Serie, James Ford (Josh Holloway), genannt Sawyer. Der besteht auch in dieser Extremsituation nach dem Absturz noch auf die Regeln des Kapitalismus: Während alle anderen das, was sie in den Trümmern und auch sonst finden, für alle zur Verfügung stellen, damit jeder bekommt, was er oder sie zum Überleben braucht, hortet Sawyer systematisch Dinge, die er als wertvoll erkannt hat, um sich damit später Vorteile zu erkaufen. Er ist auch im wahren Leben ein selbstsüchtiger Betrüger. Allerdings ist sein Hauptantrieb, an dem Mann Rache zu nehmen, der seine Eltern, als er neun Jahre alt war, in den Tod getrieben hat. Aber so rüde und arrogant Saywer auch ist, um Laufe der Zeit erweist er sich immer wieder als hilfreich, wenn es um das Überleben der Gruppe geht, eben weil er erkennt, wo der tatsächliche Vorteil einer Aktion liegt. Außerdem hat er eine Schwäche für Kate.

Deutlich sympathischer ist dagegen der Iraki Sayid Jarrah (Naveen Andrews), auch wenn er, eben weil er als Araber schließlich ein Terrorist sein muss, von der Gruppe auf der Insel erstmal für den Absturz der Maschine verantwortlich gemacht wird – mit dem er tatsächlich überhaupt nichts zu tun hatte. Er ist einer der engagiertesten Leute auf der Insel: Sayid kommt als erster auf die Idee, ein Signalteuer zu entzünden und er versucht mit seinen Kenntnissen als ehemaliger Nachrichtenoffizier, aus den vorgefundenen elektronischen Geräten einen Funkapparat zu basteln. Doch auch Sayid hat eine dunkle Seite: Als Offizier der Republikanischen Garde war er Spezialist für Verhöre – ein begabter Folterknecht also. Allerdings einer, der weiß, dass er dadurch seine Menschlichkeit verloren hat und er leidet darunter. Auf der Insel handelt er immer wieder einfühlsam und selbstlos, auch wenn er aufgrund seiner Kenntnisse und Erfahrungen zu schrecklichen Dingen gezwungen wird.

Die Geschichte von Sayid hat mir über sämtliche Staffeln hinweg am besten gefallen – meiner Ansicht nach ist er die tragischste Figur von allen: Er ist der einzige, der auch in den alternativen Handlungssträngen der späteren Staffeln immer einen reingewürgt bekommt: Er trifft seine geliebte Nadia wieder, die er im Irak um den Preis des eigenen Lebens hat entkommen lassen, heiratet sie – und sie wird ermordet. Er trifft Nadia wieder – als Frau seines Bruders – und muss auf sie verzichten und eine Reihe andere Menschen umbringen. Er wird Profikiller und muss seine Geliebte erschießen. Er wird erschossen, wieder ins Leben geholt und kann nichts mehr fühlen, aber genau das qualifiziert ihn für das, was er tun muss: Ganz am Schluss ist er es, der die anderen rettet, in dem er sich in die Luft sprengt – Sayid ist definitiv ein Held. Aber einer, der keine Chance hatte.

Natürlich führt es zu weit, eine Serie wie Lost in einem einzigen Artikel abzuhandeln, weil sie dazu einfach zu vielschichtig ist. Wer ein Freund von klassischen, opulenten Romanen ist und Freude daran hat, weit verästelten Handlungen zu folgen, wird mit Lost gewiss nicht enttäuscht. Hier gibt es viele, durchaus liebevoll ausgearbeitete Figuren, die alle eine interessante Entwicklung erleben. Eine andere meiner Lieblingsfiguren ist Desmond Hume, der erst in der dritten Staffel auftaucht, dann aber einen entscheidenden Teil der Handlung an sich reißt. Auch Desmond ist letztlich immer am Wohl der andern orientiert, auch wenn er sein eigenes Leben nie so richtig in den Griff kriegt.

Andere Nebenfiguren, die plötzlich total wichtig werden, sind Benjamin Linus (Michael Emerson), Ana Lucia Cortez (Michelle Rodridues), Mr. Eko (Adewale Akinnuoye-Agbaje), Dr Daniel Farraday (Jeremy Davis) oder Dr. Juliet Burke (Elisabeth Mitchell) – und es gib so viele andere! Doch, man kann Lost durchaus Schwächen vorwerfen, aber alles in allem ist das eine starke Serie. Und wer ohnehin ein Netflix-Abo hat, sollte sich Lost ansehen. Lost ist ein Klassiker in Sachen Serie. Und da können sich die aktuellen Netflix-Produktionen die eine oder andere Scheibe abscheiden.

Tief in Bayern: Winterkartoffelknödel

Die Provinzialisierung der deutschen Krimi-Landschaft schreitet rasant voran – der Tatort vom letzten Sonntag war ja der erste Franken-Fall. Und ich muss sagen, dass ich den gar nicht so schlecht fand. Zumindest teilweise. Also die Figur der sozial engagierten Hauptkommissarin Paula Ringelhahn aus Ossi-Land – gespielt von Dagmar Manzel, die ich sehr mag, hat mir von der Idee her gut gefallen. Und Fabian Hinrichs als Fischkopp Felix Voss als rationaler Gegenpart genauso. Aber über diesen Tatort ist schon so viel gutes und schlechtes geschrieben worden – ich werde mir den nächsten Fall der beiden auf jeden Fall ansehen, das heißt schon was, denn der Durchschnittstatort von heute ist leider inzwischen so schlecht, dass mir die Zeit zu schade ist.

Srceenshot: Winterkartoffelknödel - Niederkaltenkrichen in seiner ganzen Pracht.

Srceenshot: Winterkartoffelknödel – Niederkaltenkrichen in seiner ganzen Pracht.

Da kann man auch andere Provinzkrimis kucken. Zum Beispiel den Bayern-Krimi Winterkartoffelknödel. Nachdem die erste Verfilmung eines Romans von Rita Falk, nämlich Dampfnudelblues, überraschend erfolgreich war, wurde eine weitere Geschichte aus dem Leben des strafversetzten Polizeihauptmeisters Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel) von Regisseur Ed Herzog in Szene gesetzt. Ed Herzog hat auch schon einige Tatorte und Polizeirufe auf dem Gewissen, unter anderem Die Gurkenkönigin, einen meiner absoluten Lieblingspolizeirufe. Der lohnt sich auch, wenn man nicht auf Spreewaldgurken steht – so ist darin die großartige Susanne Lothar als Gurkenkönigin Luise König in einer ihrer letzten Rollen zu sehen, außerdem gibt die von mir nicht weniger geschätze Sophie Rois als Kriminalhauptkommissarin Tamara Rusch eins ihrer viel zu seltenen Gastspiele in der deutschen Abendunterhaltung.

Srceenshot: Winterkartoffelknödel - Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel)

Srceenshot: Winterkartoffelknödel – Franz Eberhofer (Sebastian Bezzel)

Aber zurück nach Bayern. Im verschnarchten Niederkaltenkirchen ist die Hölle los! Nicht, dass dieser Ort, der in beeindruckenden Bildern in seiner ganzen niederschmetternden, typisch deutsch-provinziellen Hässlichkeit gezeigt würde (wofür mindestens ein Courage-Bambi fällig ist!) nicht auch ohne Morde schon die absolute Hölle wäre: Alles ist akkurat und sauber bis zur Depression – man wünscht sich fast, dass wenigstens ein umgekippter Mülleimer oder ein Graffitti diese fantasielose und deshalb erstickende Wohlanständigkeit des Ortes auflockern würden. Aber nein, nur im heimatlichen Stall, in dem Polizeihauptmeister Eberhofer hausen muss, herrscht ein wenig Anarchie – hier wurde länger nicht aufgeräumt, viel getrunken und die Heizung funktioniert auch nicht.

Und der Eberhofer hat einen verzwickten Fall am Hacken, von dem ihm erstmal niemand abnimmt, dass des überhaupt ein Mordfall ist: Nachdem der junge Neuhofer vor seinem eigenen Haus von einem Container schlagen wird, hat Franz das Gefühl, dass das kein Zufall war. Denn kurze Zeit zuvor ist der alte Neuhofer erst an einem elektrischen Schlag gestorben, als er einen neuen Küchenherd installiert hat. Und der alte Neuhofer war Elektromeister, also ein Vollprofi in Sachen Elektrik. Wenig später wird auch noch die Leiche der Mutter gefunden – sie hängt gut sichtbar an einem alten Baum auf einem Hügel.

Srceenshot: Winterkartoffelknödel - Mercedes Duchamp-Sonleitner (Jeanette Hain)

Srceenshot: Winterkartoffelknödel – Mercedes Duchamp-Sonleitner (Jeanette Hain)

Na klar wird man depressiv, wenn der Mann und der Sohn in kurzer Zeit sterben, sagen die einen. Aber der Franzl ist misstrauisch: „Also bei uns hängen sich die depressiven Leit doch zuhaus auf!“ Und als Hans, der überlebende Sohn, das Haus verkauft und kurze Zeit darauf mit einem Ford Mustang durch die Gegend brettert, sieht er seinen Verdacht so gut wie bestätigt. Blöd nur, dass auch der Hans kurze Zeit später durch Fremdeinwirkung zu Tode kommt.

Aber natürlich ist inzwischen noch viel mehr passiert – die attraktive und offenbar sehr reiche Dame Mercedes Duchamp-Sonleitner (Jeanette Hain) hat Niederkaltenkirchen zu ihrem neues Domizil auserkoren – sie hat angeblich ein respektables Anwesen vor Ort geerbt und macht den männlichen Teil der Bevölkerung kirre. Und ausgerechnet den unerschrockenen Dorfgendarm Franz Eberhofer erwählt sie zu ihrem Liebhaber – keine Frage, das zieht weitere Komplikationen nach sich. Die Susi findet das gar nicht lustig, denn eigentlich ist der Franz doch ihr Freund, irgendwie. Nein, ein Spaß wird das nicht, zumal die Dame eigentlich Alexandra Kleindienst heißt und für eine windige Immobilienfirma arbeitet. Wie auch der angebliche Architekt, der mysteriöserweise auch für die Tankstellenfirma OTM arbeitet, die das Häuschen der Neubergers gekauft hat und gleichzeitig Fahrer bei Snowfrost ist (Bofrost lässt grüßen).

Screenshot Winterkartoffelknödel: Ignatz Flötzinger, Heizungspfuscher (Daniel Christensen)

Screenshot Winterkartoffelknödel: Ignatz Flötzinger, verliebter Heizungspfuscher (Daniel Christensen)

Zum Glück wird Franz von seinem alten Spezi Rudi Birkenberger (Simon Schwarz) unterstützt, der inzwischen Privatdetektiv ist und sich auf nun ja, Familien-Business im weiteren Sinne spezialisiert hat. Simon Schwarz kennt man übrigens als Berti aus dem Brenner-Film Komm süßer Tod. Aber hier muss ich auch gleich wieder relativieren: Die Brenner-Filme sind auf ihre Weise ebenso genial wie die Brenner-Romane – ich liebe den Wolf-Haas-Stil und seinen sehr subtilen Humor. Ich kenne die Roman-Vorlagen zu den Ed-Herzog-Filmen nicht, aber es handelt sich definitiv nicht um subtilen Humor.

Screenshot Winterkartoffelknödel: Der Container

Screenshot Winterkartoffelknödel: Der Container

Dampfnudelblues und Winterknödelkartoffeln sind Filme, die vermutlich auch nur für mit der bayrischen Mundart und Lebensweise vertraute Menschen richtig lustig sind – ich bin als geborene Hessin und lebende Berlinerin auch nur über mein lebhaftes Interesse für andere Sprachen und Kulturen da heran gekommen. Aber mittlerweile kann ich behaupten, dass ich diese Sprache passiv ganz gut beherrsche. Und somit kann ich auch unterscheiden, wenn es um eher dumpfen, aber erfrischend schwarzen Krachhumor geht, wie das bei Winterknödelkartoffeln der Fall ist, oder um etwas Subtileres – wie bei den Brenner-Filmen.

Aber Krachhumor hin oder her – a Mordsgaudi ist es schooo. Darauf noch a Hoabe!
Wenn deutschen Krimi, dann aber richtig!

Run All Night

Weil ich den Kinostart nicht erwarten konnte, musste ich mir unbedingt schon gestern Abend Run All Night ansehen. Dieser Zwitter aus Action-Reißer und Familiendrama ist nach Unknown Identity und Non-Stop der dritte Film von Jaume Collet-Serra mit Liam Neeson in der Hauptrolle. Ich kann nicht sagen, dass ich ein großer Fan von Action-Filmen mit (und auch ohne) Liam Neeson bin, obwohl ich den als Schauspieler in anderen Rollen meist ziemlich gut finde.

Unknown Identity habe ich damals in erster Linie angesehen, weil der Film in Berlin spielt. Aber wie so oft bei Berlin-Filmen gab es zwar eine Menge Berliner Sights zu sehen, aber natürlich waren die unterschiedlichsten Orte grotesk zusammengeschnitten, so dass jeder Ortskundige gleich weiß, dass es nur um die Kulisse, nicht um die Realität geht. Die Geschichte an sich war gar nicht so schlecht, Verschwörungsthriller mit ein paar überraschenden Wendungen, aber insgesamt hat mich der Film nicht vom Hocker gerissen. Deshalb habe ich mir Non-Stop dann gar nicht angesehen.

http://runallnightmovie.com/

Shawn Maguire (Ed Harris) und Jimmy Conlon (Liam Neeson) sind alte Freunde. Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night ist auch kein Meisterwerk, um das gleich vorweg zu nehmen, aber das ist in diesem Fall egal, denn den Film habe ich mir angesehen, weil Joel Kinnaman den Sohn des Protagonisten spielt. Seit ich Kinnaman als Johan Westlund in Easy Money gesehen habe, bin ich bekennender Kinnaman-Fan – Joel ist einfach ein toller Schauspieler. Und er als Michael Conlon ist natürlich auch wieder sehr gut.

Die Geschichte ist ziemlich übersichtlich: Jimmy Conlon (Liam Neeson) ist ein alter Gangster, der sein Leben vergeigt hat – sein Sohn hasst ihn für das, was er ist, seine Freunde sind tot oder haben sich von ihm abgewendet, nur sein Chef und Weggefährte Shawn Maguire (Ed Harris) hält noch zu ihm. Das ist auch kein Wunder, denn Jimmy hat für Shawn ja auch immer die Dreckarbeit gemacht. Die unter anderem darin bestand, unliebsame Leute umzubringen.

Jimmy wird deshalb auch der Totengräber genannt. Und der aufrechte Bulle Detective Harding (Vincent D’Onofrio) will Jimmy zum Ende seiner langen Karriere unbedingt noch rankriegen, eben weil er so viele Menschen auf dem Gewissen hat und dank des einflussreichen Maguire dem Knast immer wieder entkommen konnte. Mike dagegen ist ein guter Bürger, Vater und Ehemann – er hat eine schöne und schwangere Frau, zwei hübsche kleine Töchter. Mike hätte gern eine Karriere als Profi-Boxer gemacht, aber er hatte eben nicht den nötigen Killerinstinkt und schlägt sich jetzt auch als Chauffeur durch, weil ein Mann halt tun muss, was er tun muss. Auch wenn der Job öde ist und nicht viel einbringt. Lieber sauber bleiben.

Mike Conlon (Joel Kinnaman) in Box-Club. Bild: https://postmediacanadadotcom.files.wordpress.com

Mike Conlon (Joel Kinnaman) in Box-Club. Bild: https://postmediacanadadotcom.files.wordpress.com

Das predigt Mike auch den Jungs im Box-Club für benachteiligte Jugendliche, wo er sich in seiner Freizeit engagiert. Was sich am Ende auch als seine Rettung erweist, denn sein spezieller Schützling war zu Beginn dieser einen, verhängnisvollen Nacht zufällig auch vor Ort. Und er ist der einzige, der Mike entlasten kann, nachdem alles von Maguires Leuten so hingedreht wurde, dass Mike und sein Vater Jimmy als eindeutige Täter eines Verbrechens dastehen, das eigentlich von Shawn Maguires Sohn Danny (Boyd Holbrook) verübt wurde.

Mit einem schief gegangenem Geschäft von Danny nimmt das Verhängnis seinen Lauf: Mike chauffiert zwei Albaner zu Dannys Wohnung, die ihr Geld wieder haben wollen. Natürlich geht das schlimm aus, Danny und sein Kumpel knallen die Typen ab – und weil Mike zufällig Zeuge geworden ist, wollen sie ihn auch beseitigen. Aber der gut trainierte Sportler kann knapp entkommen und wird schließlich von seinem verhassten Vater gerettet, indem der Danny abknallt.

Es geht also einerseits um einen klassischen Vater-Sohn-Konflikt, bei dem der verhasste Vater seinen störrischen Sohn dazu bringen muss, ihm jetzt, wo es um Leben und Tod geht, wenigstens eine Nacht lang zu vertrauen. Andererseits geht es um eine alte Freundschaft oder eher um bisher nie infrage gestellte Loyalität: Wie wir durch einen Kurzauftritt von Nick Nolte (als Onkel Eddie) erfahren, hat Jimmy sogar einen seiner Cousins getötet, weil Shawn es verlangt hat.

Jimmy (Liam Neeson) will seinen Sohn Mike (Joel Kinnaman) beschützen. Bild: http://runallnightmovie.com

Jimmy (Liam Neeson) will seinen Sohn Mike (Joel Kinnaman) beschützen.
Bild: http://runallnightmovie.com

Shawn und Jimmy waren zusammen im Krieg, sie waren zusammen in der Scheiße, sie haben sich ewige Treue geschworen. Und nun ist das Undenkbare geschehen: Jimmy musste Shawns Sohn erschießen, um seinen eigenen Sohn zu retten. Griechische Tragödie Hilfausdruck. Und da hilft auch alles Betteln und Zetern nicht: Shawn will seinen Sohn alttestamentarisch rächen: Sohn gegen Sohn. Dem ist total Wurscht, dass Mike eigentlich ein Unbeteiligter ist. Also muss der alte Säufer Jimmy ein letztes Mal zu Hochform auflaufen, um seinen Sohn zu retten – der weiterhin störrisch bleibt und nicht einsieht, warum er sich retten lassen sollte: Als guter Bürger setzt er auf die Polizei.

Und ist deshalb fassungslos, als er feststellen muss, dass die Bullen sich überhaupt nicht für seine Version der Geschichte interessieren, sondern ihn gleich als Verdächtigen behandeln: Er ist der Sohn eines notorischen Verbrechers, also muss er auch ein Verbrecher sein und sie gehen entsprechend mit ihm um. Mike kapiert erstmal nicht, dass dieses System korrupt ist. Zum Glück schafft Jimmy es, ihn auch da raus zu holen, aber jetzt sieht es erst recht schlecht für die beiden aus.

Und das setzt sich über weitere Eskalationsstufen fort – genau das aber ist, was mich an dieser Sorte Actionfilmen auch so nervt: Es wird alles überdreht. Es reicht ja nicht, dass die Maguire-Mafia und die Bullen hinter den Conlons her sind, Shawn musste natürlich auch noch einen psychopathischen Superkiller auf die beiden ansetzen.

Run All Night: Detective Harding (Vincent D'Onofrio) . Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night: Detective Harding (Vincent D’Onofrio) .
Bild: http://runallnightmovie.com/

Sorry, aber diese Sorte Thrill finde ich richtig scheiße. Vermutlich finde ich deshalb doch die ökonomischen skandinavischen Krimis besser, in denen es zwar auch extrem schlimme Geschichten, aber einfach weniger teure Action gibt. Run All Night hat eine ganze Menge teuer Action, auch ein wenig subtile Action, aber mir persönlich ist das alles zu dick aufgetragen. Mir ist ein geringeres Budget bei mehr Originalität ohnehin immer lieber. Aber okay, es handelt sich hier nicht um das schwedische Easy Money, sondern um das US-amerikanische Run All Night.

Und somit geht es letztlich gut aus: Jimmy schafft es mit allerletzter Kraft und der letzten Patrone, seinen Sohn – und damit sich selbst – zu retten. Er darf vor Mike sterben. Und für Mike geht das Leben weiter: Er musste nicht zum Mörder werden, sondern darf nach dieser denkwürdigen Nacht in sein altes Leben zurück. Er begleitet seinen Box-Schützling zu einem ersten Sieg im Ring und zieht sich danach, wie schon am Anfang des Films, für seinen Job den dunklen Anzug und das weiße Hemd an. Normalität. Puh, alles noch einmal gut gegangen. Aber ganz ehrlich: Ist es das wirklich?!

Run All Night: Michael Conlon (Joel Kinnaman) Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night: Michael Conlon (Joel Kinnaman)
Bild: http://runallnightmovie.com/

Bei dem Thema hätte es durchaus noch mehr Drama und weniger Action sein können. Und die derzeitige Mode, die Orte der Handlung in Google-Earth-Manier heranzuzoomen, geht mir auch zunehmend auf die Nerven. Es ist ja toll, was in Sachen Computer-Animation heutzutage alles möglich ist, aber ein guter Schnitt von einem Schauplatz zum nächsten ist mir lieber als dieses Herumbewege im dreidimensionalen Raum. Mag sein, dass das den Computerspielern gefällt, aber ein Film sollte meiner Meinung nach ein Film bleiben und kein Computerspiel sein wollen – insbesondere, wenn es sich nicht um die Verfilmung eines Computerspiels handelt. Das wäre dann natürlich etwas ganz anders.

Wobei ich die Kamerafahrt der ersten Einstellung des Films gut fand: Jimmy liegt auf dem Waldboden und kommt langsam zu sich, und der Zuschauer bekommt gleich eine Ahnung, wie er sich fühlt: alles um ihn herum dreht sich. Und dann erinnert sich Jimmy, wie er hierher gekommen ist – und der Film geht los. Ob man ihn mag oder nicht, ist Geschmacksache. Wer kein ausgesprochener Liam-Neeson- oder Joel-Kinnaman-Fan ist, wird vermutlich nicht so richtig zufrieden sein, den für echte Actionfans ist dann am Ende doch zu wenig Krawumm zu sehen. Wer ein Mafia-Drama à la The Drop erwartet hat, wird auch enttäuscht, und Freunde des düsteren Familien-Dramas werden die psychologische Raffinesse vermissen. Fazit: Kann man sich ansehen, muss man aber nicht.

Run All Night: Jimmy (Liam Neeson) und Mike (Joel Kinnaman) sind am Ende ihrer Weisheit... Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night: Jimmy (Liam Neeson) und Mike (Joel Kinnaman) sind am Ende ihrer Weisheit…
Bild: http://runallnightmovie.com/

Hatufim – In der Hand des Feindes

Aus aktuellem Anlass ein Programmtipp:

Auf arte wird ab heute die israelische Serie Hatufim – in der Hand des Feindes gezeigt. Es handelt sich dabei um die Vorlage zur US-Serie Homeland. In einer älteren Kritik habe ich bereits erklärt, warum ich das Original deutlich besser als das Remake finde.

Einschalten lohnt sich auf jeden Fall!

Maries TV-Kritik

Eine der Serien, die in einschlägigen Kreisen nach Mad Men und Breaking Bad richtig Furore machen, ist die seit 2011 von Showtime produzierte Serie Homeland. Homeland erzählt die Geschichte des mehrfach gebrochenen Irak-Kriegsheimkehrers und Doppelagenten Nicolas Brody (Damian Lewis) und der manisch-depressiven CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) . Das an sich ist schon ein ziemlich gewagtes Setting – Carrie ist genial, aber eben auch krank und deshalb nicht immer wirklich zurechnungsfähig, aber sie ist die einzige, die kapiert, dass der als Nationalheld gefeierte Brody mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Terrorist ist und bleibt ihm entsprechend hartnäckig auf den Fersen. Später, als sich die Dinge plötzlich wenden, ist sie konsequenterweise die einzige, die zu Brody hält, obwohl sie sich selbst dabei nicht wirklich über den Weg traut. Alles in allem ist Homeland schon sehr dick aufgetragen, was ich aber gar nicht so schlimm finde – im Gegenteil, man muss sich halt…

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Schlaflos in Graz: Das ewige Leben

Jetzt ist schon wieder was passiert. Endich gibt es mit Das ewige Leben einen neuen Brenner-Film im Kino!

Simon Brenner (ganz grandios: Josef Hader) war einmal bei der Kripo – er ist weder der schnellste, noch der hellste, aber sehr hartnäckig und ein wenig ding, weshalb er seine Fälle letztlich immer lösen kann – auch wenn es manchmal länger dauert. Aber weil er sich mit seinem neuen Chef nicht versteht und überhaupt sein Leben ändern will, wird Brenner im Laufe der mittlerweile acht Brenner-Romane erst Privatdetektiv, dann Rettungsfahrer und Chauffeur bis er schließlich jahrelang gar nichts mehr verdient – aber immer wieder gerät er in die absurdesten Kriminalfälle, die Österreich zu bieten hat.

Screenshot Das ewige Leben - Aschenbrenner (Tobias Moretti) und Brenner (Josef Hader)

Screenshot Das ewige Leben – Aschenbrenner (Tobias Moretti) und Brenner (Josef Hader)

Nach den grandiosen Verfilmungen der Wolf-Haas-Romane Komm, süßer Tod, Silentium! und Der Knochenmann haben der Regisseur Wolfgang Murnberger, Brenner-Darsteller und Kabarettist Josef Hader und der Autor Wolf Haas selbst wieder zugeschlagen und ein genial-düsteres Drehbuch für Das ewige Leben geschrieben: Das Besondere an den Brenner-Filmen ist nämlich, dass es sich nicht um Eins-zu-eins-Verfilmungen der Romane handelt, sondern um eigenständige Geschichten, die Motive und Figuren der Roman-Vorlagen verwenden, aber filmisch neu erzählt werden. Das ist auch nötig, denn die Romane sind im Grunde nicht verfilmbar, weil der Spaß beim Lesen in erster Linie durch die eigenwillige Sprache entsteht, mit der Wolf Haas den Leser in die Gedankenwelt des Simon Brenner entführt – Kunstsprache Hilfsausdruck. Aber interessant.

Screenshot Das ewige Leben - verdammte Kopfschmerzen!

Screenshot Das ewige Leben – verdammte Kopfschmerzen!

Und wenn man sich erst einmal im Kopf vom Brenner umgesehen hat, verwundert es nicht, dass ihn ständig ein Kopfweh plagt, für das er die ganz starken Tabletten braucht – und zwar familienpackungsweise. Auch wenn er gar keine Familie hat.

Im Ewigen Leben ist Brenner schon am Anfang ganz unten – aus Geldnot muss er zurück nach Graz und in das marode Haus seiner verstorbenen Eltern einziehen. Es regnet durchs Dach, der Strom ist abgestellt und die Dose Katzenfutter teilt er sich mit einer Streunerin, die genauso zerrupft aussieht wie der Brenner selbst. Und dann wird er mit einem Kopfschuss in die Klinik eingeliefert – Selbstmordversuch sagen die Ärzte und die Polizei.

Screenshot Das ewige Leben - woran leckt die Mizzie denn?

Screenshot Das ewige Leben – woran leckt die Mizzie denn?

Das kann und will der Brenner nicht glauben – so verzweifelt seine Lage auch ist: Er hat sich bestimmt nicht selbst eine Kugel in den Kopf gejagt! Und der Brenner tut, was er immer tut: Er beginnt zu ermitteln. Auch wenn er dieses Mal nachvollziehbarerweise noch viel schlimmeres Kopfweh dabei hat. Und diese Bilder aus der Vergangenheit, die ihm immer wieder im Kopf herumspuken, machen die Sache auch nicht besser.

Was hat sein einstiger Jugendfreund, der Aschenbrenner (Tobias Moretti), der mittlerweile Polizeichef in Graz ist, die ganze Zeit über denn so getrieben? Was hat der Antiquitätenhändler Köck (Roland Düringer) mit dem Aschenbrenner zu tun? Welche Rolle spielt eigentlich Brenners schöne, aber zwielichtige Psychiaterin Dr. Irrsiegler (Nora von Waldstätten) bei dieser ganzen Sache? Und was hat der „fliegende Finne“ Jarno Saarinen, der Motorrad-Weltmeister von 1972, damit zu tun?

Screenshot Das ewige Leben - Dr. Irrsiegler (Nora von Waldstätten)

Screenshot Das ewige Leben – Dr. Irrsiegler (Nora von Waldstätten)

Natürlich steckt eine schlimme alte Geschichte dahinter, wie sie passieren muss, wenn vier übermütige Polizeischüler aus Spaß Waffen kaufen und eine Bank überfallen. Am Ende ist von denen nur noch der Aschenbrenner übrig. Außer dem karrieregeilen Polizeichef selbst weiß jetzt nur noch der Brenner Bescheid. Fatal.

Und so kommt es zu einer absurden Verfolgungsjagd mit dem Brenner auf seinem altersschwachen Mofa, der vor dem herzkranken Aschenbrenner in seinem schwarzen Sportwagen flieht – in quälendem Zeitlupentempo kämpfen sie sich einen Berg über der Stadt hinauf, und am Ende stirbt nicht der Brenner, der den ganzen Film über ja sowieso schon halbtot ist.

Screenshot Das ewige Leben - der Brenner und sein Mofa

Screenshot Das ewige Leben – der Brenner und sein Mofa

Anders als Komm, süßer Tod oder Silentium!, die von skurril-schwarzem Humor getriebene Krimis sind, ist Das ewige Leben eher eine Charakterstudie, bei der der Brenner sich den Dämonen der eigenen Vergangenheit stellen muss. Hier geht es weniger um die Aufklärung schrecklicher Verbrechen als um die Annäherung an Simon Brenner selbst, der, wie die Sachbearbeiterin auf dem Sozialamt feststellt, längst kein Sozialfall mehr ist, sondern ein U-Boot.

Aber immerhin hat er was ganz Wichtiges erreicht in seinem Leben – er ist nicht so geworden wie der Aschenbrenner. Auch wenn man bereits gewusst hat, dass die Welt schlecht, ganz Österreich korrupt und der Brenner jetzt wirklich am Ende ist, lohnt es sich Das ewige Leben anzusehen. Und für Josef-Hader- und Wolf-Haas-Fans ist der Film ohnehin Pflicht.

Screenshot Das ewige Leben - der Aschenbrenner macht ernst.

Screenshot Das ewige Leben – der Aschenbrenner macht ernst.