Run All Night

Weil ich den Kinostart nicht erwarten konnte, musste ich mir unbedingt schon gestern Abend Run All Night ansehen. Dieser Zwitter aus Action-Reißer und Familiendrama ist nach Unknown Identity und Non-Stop der dritte Film von Jaume Collet-Serra mit Liam Neeson in der Hauptrolle. Ich kann nicht sagen, dass ich ein großer Fan von Action-Filmen mit (und auch ohne) Liam Neeson bin, obwohl ich den als Schauspieler in anderen Rollen meist ziemlich gut finde.

Unknown Identity habe ich damals in erster Linie angesehen, weil der Film in Berlin spielt. Aber wie so oft bei Berlin-Filmen gab es zwar eine Menge Berliner Sights zu sehen, aber natürlich waren die unterschiedlichsten Orte grotesk zusammengeschnitten, so dass jeder Ortskundige gleich weiß, dass es nur um die Kulisse, nicht um die Realität geht. Die Geschichte an sich war gar nicht so schlecht, Verschwörungsthriller mit ein paar überraschenden Wendungen, aber insgesamt hat mich der Film nicht vom Hocker gerissen. Deshalb habe ich mir Non-Stop dann gar nicht angesehen.

http://runallnightmovie.com/

Shawn Maguire (Ed Harris) und Jimmy Conlon (Liam Neeson) sind alte Freunde. Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night ist auch kein Meisterwerk, um das gleich vorweg zu nehmen, aber das ist in diesem Fall egal, denn den Film habe ich mir angesehen, weil Joel Kinnaman den Sohn des Protagonisten spielt. Seit ich Kinnaman als Johan Westlund in Easy Money gesehen habe, bin ich bekennender Kinnaman-Fan – Joel ist einfach ein toller Schauspieler. Und er als Michael Conlon ist natürlich auch wieder sehr gut.

Die Geschichte ist ziemlich übersichtlich: Jimmy Conlon (Liam Neeson) ist ein alter Gangster, der sein Leben vergeigt hat – sein Sohn hasst ihn für das, was er ist, seine Freunde sind tot oder haben sich von ihm abgewendet, nur sein Chef und Weggefährte Shawn Maguire (Ed Harris) hält noch zu ihm. Das ist auch kein Wunder, denn Jimmy hat für Shawn ja auch immer die Dreckarbeit gemacht. Die unter anderem darin bestand, unliebsame Leute umzubringen.

Jimmy wird deshalb auch der Totengräber genannt. Und der aufrechte Bulle Detective Harding (Vincent D’Onofrio) will Jimmy zum Ende seiner langen Karriere unbedingt noch rankriegen, eben weil er so viele Menschen auf dem Gewissen hat und dank des einflussreichen Maguire dem Knast immer wieder entkommen konnte. Mike dagegen ist ein guter Bürger, Vater und Ehemann – er hat eine schöne und schwangere Frau, zwei hübsche kleine Töchter. Mike hätte gern eine Karriere als Profi-Boxer gemacht, aber er hatte eben nicht den nötigen Killerinstinkt und schlägt sich jetzt auch als Chauffeur durch, weil ein Mann halt tun muss, was er tun muss. Auch wenn der Job öde ist und nicht viel einbringt. Lieber sauber bleiben.

Mike Conlon (Joel Kinnaman) in Box-Club. Bild: https://postmediacanadadotcom.files.wordpress.com

Mike Conlon (Joel Kinnaman) in Box-Club. Bild: https://postmediacanadadotcom.files.wordpress.com

Das predigt Mike auch den Jungs im Box-Club für benachteiligte Jugendliche, wo er sich in seiner Freizeit engagiert. Was sich am Ende auch als seine Rettung erweist, denn sein spezieller Schützling war zu Beginn dieser einen, verhängnisvollen Nacht zufällig auch vor Ort. Und er ist der einzige, der Mike entlasten kann, nachdem alles von Maguires Leuten so hingedreht wurde, dass Mike und sein Vater Jimmy als eindeutige Täter eines Verbrechens dastehen, das eigentlich von Shawn Maguires Sohn Danny (Boyd Holbrook) verübt wurde.

Mit einem schief gegangenem Geschäft von Danny nimmt das Verhängnis seinen Lauf: Mike chauffiert zwei Albaner zu Dannys Wohnung, die ihr Geld wieder haben wollen. Natürlich geht das schlimm aus, Danny und sein Kumpel knallen die Typen ab – und weil Mike zufällig Zeuge geworden ist, wollen sie ihn auch beseitigen. Aber der gut trainierte Sportler kann knapp entkommen und wird schließlich von seinem verhassten Vater gerettet, indem der Danny abknallt.

Es geht also einerseits um einen klassischen Vater-Sohn-Konflikt, bei dem der verhasste Vater seinen störrischen Sohn dazu bringen muss, ihm jetzt, wo es um Leben und Tod geht, wenigstens eine Nacht lang zu vertrauen. Andererseits geht es um eine alte Freundschaft oder eher um bisher nie infrage gestellte Loyalität: Wie wir durch einen Kurzauftritt von Nick Nolte (als Onkel Eddie) erfahren, hat Jimmy sogar einen seiner Cousins getötet, weil Shawn es verlangt hat.

Jimmy (Liam Neeson) will seinen Sohn Mike (Joel Kinnaman) beschützen. Bild: http://runallnightmovie.com

Jimmy (Liam Neeson) will seinen Sohn Mike (Joel Kinnaman) beschützen.
Bild: http://runallnightmovie.com

Shawn und Jimmy waren zusammen im Krieg, sie waren zusammen in der Scheiße, sie haben sich ewige Treue geschworen. Und nun ist das Undenkbare geschehen: Jimmy musste Shawns Sohn erschießen, um seinen eigenen Sohn zu retten. Griechische Tragödie Hilfausdruck. Und da hilft auch alles Betteln und Zetern nicht: Shawn will seinen Sohn alttestamentarisch rächen: Sohn gegen Sohn. Dem ist total Wurscht, dass Mike eigentlich ein Unbeteiligter ist. Also muss der alte Säufer Jimmy ein letztes Mal zu Hochform auflaufen, um seinen Sohn zu retten – der weiterhin störrisch bleibt und nicht einsieht, warum er sich retten lassen sollte: Als guter Bürger setzt er auf die Polizei.

Und ist deshalb fassungslos, als er feststellen muss, dass die Bullen sich überhaupt nicht für seine Version der Geschichte interessieren, sondern ihn gleich als Verdächtigen behandeln: Er ist der Sohn eines notorischen Verbrechers, also muss er auch ein Verbrecher sein und sie gehen entsprechend mit ihm um. Mike kapiert erstmal nicht, dass dieses System korrupt ist. Zum Glück schafft Jimmy es, ihn auch da raus zu holen, aber jetzt sieht es erst recht schlecht für die beiden aus.

Und das setzt sich über weitere Eskalationsstufen fort – genau das aber ist, was mich an dieser Sorte Actionfilmen auch so nervt: Es wird alles überdreht. Es reicht ja nicht, dass die Maguire-Mafia und die Bullen hinter den Conlons her sind, Shawn musste natürlich auch noch einen psychopathischen Superkiller auf die beiden ansetzen.

Run All Night: Detective Harding (Vincent D'Onofrio) . Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night: Detective Harding (Vincent D’Onofrio) .
Bild: http://runallnightmovie.com/

Sorry, aber diese Sorte Thrill finde ich richtig scheiße. Vermutlich finde ich deshalb doch die ökonomischen skandinavischen Krimis besser, in denen es zwar auch extrem schlimme Geschichten, aber einfach weniger teure Action gibt. Run All Night hat eine ganze Menge teuer Action, auch ein wenig subtile Action, aber mir persönlich ist das alles zu dick aufgetragen. Mir ist ein geringeres Budget bei mehr Originalität ohnehin immer lieber. Aber okay, es handelt sich hier nicht um das schwedische Easy Money, sondern um das US-amerikanische Run All Night.

Und somit geht es letztlich gut aus: Jimmy schafft es mit allerletzter Kraft und der letzten Patrone, seinen Sohn – und damit sich selbst – zu retten. Er darf vor Mike sterben. Und für Mike geht das Leben weiter: Er musste nicht zum Mörder werden, sondern darf nach dieser denkwürdigen Nacht in sein altes Leben zurück. Er begleitet seinen Box-Schützling zu einem ersten Sieg im Ring und zieht sich danach, wie schon am Anfang des Films, für seinen Job den dunklen Anzug und das weiße Hemd an. Normalität. Puh, alles noch einmal gut gegangen. Aber ganz ehrlich: Ist es das wirklich?!

Run All Night: Michael Conlon (Joel Kinnaman) Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night: Michael Conlon (Joel Kinnaman)
Bild: http://runallnightmovie.com/

Bei dem Thema hätte es durchaus noch mehr Drama und weniger Action sein können. Und die derzeitige Mode, die Orte der Handlung in Google-Earth-Manier heranzuzoomen, geht mir auch zunehmend auf die Nerven. Es ist ja toll, was in Sachen Computer-Animation heutzutage alles möglich ist, aber ein guter Schnitt von einem Schauplatz zum nächsten ist mir lieber als dieses Herumbewege im dreidimensionalen Raum. Mag sein, dass das den Computerspielern gefällt, aber ein Film sollte meiner Meinung nach ein Film bleiben und kein Computerspiel sein wollen – insbesondere, wenn es sich nicht um die Verfilmung eines Computerspiels handelt. Das wäre dann natürlich etwas ganz anders.

Wobei ich die Kamerafahrt der ersten Einstellung des Films gut fand: Jimmy liegt auf dem Waldboden und kommt langsam zu sich, und der Zuschauer bekommt gleich eine Ahnung, wie er sich fühlt: alles um ihn herum dreht sich. Und dann erinnert sich Jimmy, wie er hierher gekommen ist – und der Film geht los. Ob man ihn mag oder nicht, ist Geschmacksache. Wer kein ausgesprochener Liam-Neeson- oder Joel-Kinnaman-Fan ist, wird vermutlich nicht so richtig zufrieden sein, den für echte Actionfans ist dann am Ende doch zu wenig Krawumm zu sehen. Wer ein Mafia-Drama à la The Drop erwartet hat, wird auch enttäuscht, und Freunde des düsteren Familien-Dramas werden die psychologische Raffinesse vermissen. Fazit: Kann man sich ansehen, muss man aber nicht.

Run All Night: Jimmy (Liam Neeson) und Mike (Joel Kinnaman) sind am Ende ihrer Weisheit... Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night: Jimmy (Liam Neeson) und Mike (Joel Kinnaman) sind am Ende ihrer Weisheit…
Bild: http://runallnightmovie.com/

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s